September 2008
Genzel hat den ganzen September über nichts gebloggt! Naja, das kennen wir ja schon. Um aber den Monat nicht ganz leer zu lassen, soll doch noch kurz vor Mitternacht das eTagebuch gefüttert werden.

Samstag ist nämlich mein God-Lives-Underwater-Fanpackage aus den Staaten bei mir eingetrudelt. Für schlappe $65 (beim jetzigen Umrechnungskurs also ungefähr 43 Schilling) habe ich mir das Buch DREAMS ARE UNFINISHED THOUGHTS von Brian Paone gekauft - ein Freund des viel zu früh verstorbenen GLU-Sängers David Reilly, der hier seine Erinnerungen an Reilly als Memoiren niedergeschrieben hat. Man merkt, wieviel Paone diese Freundschaft bedeutet haben muß, denn in jeder Erzählung wird klar, wie sehr er Reilly bewundert hat und wie wichtig ihm er und seine Musik war. Herausgekommen ist also keine schnöde Biographie, sondern eine persönliche Erzählung eines Fans der ersten Stunde, der schnell in den engeren Kreis der Band kam und nach und nach eine tiefere Freundschaft mit David Reilly schloß. Essential reading für jeden Fan von God Lives Underwater.

Ebenso dabei im Fan Package: Diverse CDs, darunter das letzte Livekonzert der Band (aus dem Jahr 2000, in eher mumpfiger Klangqualität) und ein Akustik-Solo-Set von Reilly (aufgenommen 2001). Letzteres kündigt Reilly mit den Worten "This is going to be really mellow, so it's okay if you wanna sit down" an - und es ist überraschend, wie gut viele der Elektro-Industrial-Rocker der Band auf der Akustikklampfe funktionieren. Reilly redet viel mit dem Publikum, erzählt während des Saitenstimmens von einem Tom & Jerry-Cartoon, aber der stärkste Moment ist, wenn er "Whatever You Got" singen will. Der Song fängt mit den Worten "I feel the train changing tracks" an, und Reilly versichert vor dem Song, daß es nicht um seine Freundin geht, die kurz zuvor bei einem Zugunglück ums Leben kam. Dann setzt er zweimal mit dem Song an und muß beide Male abbrechen, weil ihn die Zeile jetzt nun doch daran erinnert. Nach dem zweiten Versuch entschuldigt er sich, sagt: "It has been a rough year", und dann: "I'm gonna skip it and play a lighthearted song ... do I have lighthearted songs?"

Weil's so schön ist, hier das Video zu "From Your Mouth", einer Single vom zweiten GLU-Album LIFE IN THE SO-CALLED SPACE AGE. Regie: Roman Coppola!



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Offen zugegebene Stagnation auf dem jüngsten Staind-Album: Hier bewegt sich gar nichts.

Wenigstens sind sie ehrlich: Das Album heißt THE ILLUSION OF PROGRESS, womit der fehlende Fortschritt quasi verbrieft ist. Dazu passend sitzt ein einsamer Junge auf einer leeren Strasse und blickt in die Ferne. Nun haben sich Staind ja schon auf den vorigen Alben kaum angestrengt, ihre Musik irgendwohin zu bringen: Aaron Lewis' Weltschmerz, seine mitunter völlig resignierte Verzweiflung an seinem Umfeld und vor allem an sich selbst war ja schon seit jeher ein eher in sich gekehrter Rückzug. Der Unterschied ist, daß es früher eine zwingende, düstere, oft intime Nabelschau war. Mittlerweile ist es eine milde Verstimmung.

Dabei hatten sich Staind ja nach dem zugekleisterten, gelangweilten Album 14 SHADES OF GREY mit ihrem Nachfolger CHAPTER V durchaus wieder mit den kantigeren Klängen ihrer Frühtage ausgesöhnt und eine Reihe von frischen Songs produziert, bei denen das Bedürfnis, ihre Geschichte zu erzählen, wieder fühlbar darüber hinaus ging, nur ein weiteres Staind-Hit-Album abzuliefern. Nicht so beim jüngsten Album: "Here we are / With nowhere else to go", beginnt die CD, und auch wenn Aaron Lewis vielleicht wieder über eine Beziehung singt, hat man das Gefühl, daß die Band gemeint ist. "This is it, and it fits / And it feels like this is good enough for me", heißt es dann im Refrain, und genauso klingt das Album dann auch. Zufriedenheit nimmt der schönsten Rockband den Biß, aber Aaron strengt sich ja nicht einmal mehr an.

Fast alle Songs auf THE ILLUSION OF PROGRESS sind nach Staind-typischem Muster gestrickt: Balladentempo, große Akkorde, ein epischer Refrain, alles klingt betrübt und melancholisch. Weil Aarons Melodieführung wenig Variationen kennt, klingen die Songs allesamt so ähnlich, daß das Album zur reinen Unzufriedenheitstextur wird. Immer wieder wird alles wuchtig groß und dann wieder reduziert, als könnte man die Uhr danach stellen. Und natürlich ist das einfach nur gefüllt, denn Energie produzieren die lauten Gitarrenwände kein bißchen.

Da ist man dann schon für die ganz kleinen Dinge im Leben dankbar: "Tangled Up in You" ist eine Solonummer von Aaron, die ohne Band, aber mit ein paar Sessionleuten gespielt wird. Eigentlich ist es eine recht einfach gestrickte Liebeserklärung, aber in der Mitte steht dann der Satz "You're the only thing I like about me", und man ahnt einmal kurz, warum Aarons Resignation früher einmal so spannend sein konnte. Der vorletzte Song, "The Corner", ist genauso konzipiert wie alle anderen, aber im Hintergrund singt ein Gospelchor, und auch hier blitzt für einen kurzen Moment wieder die Intensität durch, die die Band früher ausgezeichnet hat. Natürlich werden manche Songs wieder öfter gehört werden als andere, z.B. "The Way I Am" oder "All I Want", weil da die Melodien mehr ins Ohr gehen. Aber spannend ist hier nichts: Diese Band klingt, als hätte ihnen der Arzt jede Aufregung strengstens verboten.

Der letzte Song heißt dann "Nothing Left to Say". Ganz so ehrlich braucht man dann eigentlich doch nicht zu sein, Aaron.





Dieser Text erschien zuerst am 26.9.2008 bei meinSalzburg/Salzburger Nachrichten.

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