Mai 2008

Von wegen Energie - Mariahs jüngstes Album ist eine freudlose, fade Angelegenheit.

Gleich zu Beginn von Track 3 spricht Damian Marley ein paar Worte, und da sagt er dann "Nazi". Einfach so. Zack. Na gut, eigentlich sagt er überhaupt nicht "Nazi", es klingt nur so, und somit reiht sich der Moment reibungslos in eine schöne Gruppe von falschverstandenen Songmomenten ein - erinnert sich noch jemand an Musical Youth und ihren "Führerschein"?

Der kritische Leser mag schon observiert haben, daß es der einleitenden Bemerkung an Relevanz fehlt und diese fürhin wenig mit dem vorliegenden Album zu tun hat. Das bemerkt besagter Leser aber auch nur dann, wenn er das Album nicht gehört hat, da er ansonsten wüßte, daß die oben erwähnte Beobachtung bei weitem das Interessanteste ist, was Mariahs jüngstes Werk anzubieten hat.

E=MC² heißt das Album, und das hat wenig mit der Äquivalenz von Masse und Energie zu tun, sondern steht für "Emancipation = Mariah Carey²" (wie mir einschlägige Seiten im Internetz verklickern). Zu hören sind ein großer Schwung von diesen zumeist im Midtempo gehaltenen Pseudoballaden, die schon seit einiger Zeit unter "R&B", also "Rhythm & Blues" firmieren, aber freilich weder vom einen noch vom anderen auch nur die Spur einer Ahnung haben. Will heißen: Ein mechanischer Beat stottert mit dickem Bass, ein paar Synths pluckern obendrüber, und Mariah trällert dazu ein wenig die Tonleiter auf und ab. Bemerkenswerte Melodien sind leider keine zu finden, aber das hält Mariah denn auch wenigstens davon ab, ständig beweisen zu wollen, wieviele Oktaven sie denn nun schafft (so wie es Christina Aguilera sehr gerne mit Inbrunst tut).

Weil nun das Album melodisch beliebig, rhythmisch anspruchslos und von den Klangtexturen her völlig banal ausfällt, wird E=MC² schon bei Track 3 sehr müde - leider gibt es insgesamt 14 Tracks. Davon stechen am ehesten noch "I'm That Chick" und "I'll Be Lovin' U Long Time" heraus, was einerseits daran liegen könnte, daß das Tempo endlich mal ein, zwei BPM nach oben geht, aber anderseits auch an der Tatsache, daß ersterer Track Michael Jacksons "Off the Wall" und letzterer "Stay With Me" von Debarge sampelt - denn selbst die gesampelten Brocken aus diesen Songs klingen wärmer und lebendiger als der ganze Rest der versammelten, freudlosen Tracks.

Das Album fährt die übliche Produzentenriege auf - darunter Jermaine Dupri, Scott Storch und Tricky Stewart - aber das Resultat klingt nicht nur durch die Bank gleich, sondern auch komplett wie auf Autopilot geschalten. Mariah singt gleich im ersten Song von ihren Traumjungs beim Fortgehen ("Face, body and Lamborghini outside / Obviously boy you qualify / Otherwise migrate, bye") und weiter hinten dann viel von Liebe. In "Side Effects" geht es um ihre Ehe mit Tommy Mottola (die schon 1997 geschieden wurde) - also ganz brisant aktuell und ehrlich und so - und in "Bye Bye" singt sie von ihrem verstorbenen Vater, aber weil sie das Lied so offen halten will, daß sich jeder darin wiederfinden soll, der schon mal irgendwen verloren hat, hält sich der Inhalt jenseits von taschentuchschwingenden Zeilen wie "Never knew I could hurt like this" auch schwer in Grenzen.

Man könnte dazu einschlafen, wenn der Bass nicht so laut wummern würde.





Dieser Text erschien zuerst am 25.5.2008 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Haha! Guckt mal! Schwule! Wie lustig! Die hören den ganzen Tag Village People und ziehen sich bunt an, dann sprechen sie total lustig übertrieben und tanzen wollen sie auch alle. Und dann stellt euch mal vor, ihr steht mit denen unter der Dusche und dann fällt euch die Seife runter. Zum Totlachen!

So oder ähnlich muß Adam Sandler den Film I NOW PRONOUNCE YOU CHUCK & LARRY gepitcht haben. Nun ist es ja leider so, dass das Schwulsein intrinsisch gesehen gar nicht lustig ist, oder andersherum betrachtet exakt so komisch wie das Heterosein. Und Klischees (und somit auch Klischees über das Schwulsein) sind auch nur dann komisch, wenn man sie als Klischees vorführt. Und Adam Sandler selbst kann sich noch so sehr für einen total netten Kerl halten – in Wahrheit lauert in jeder seiner Figuren immer eine beinahe soziopathische Aggressivität, die sich hinter der Maske eines einfachen Simpels verbirgt. Kein Film ist komisch, weil Adam Sandler drin ist, und nur eine Handvoll sind es trotz ihm. (Einige wenige Filmemacher haben Sandler auch exakt so verstanden und seine unterschwellige Aggression perfekt in ernsthaften Dramen eingesetzt, darunter Paul Thomas Anderson in PUNCH-DRUNK LOVE.)


In CHUCK & LARRY spielen Adam Sandler und Kevin James zwei Feuerwehrmänner, die der Allgemeinheit eine homosexuelle Ehe vorspielen, weil Kevin James dann vom Staat finanziell unterstützt wird und das Geld dringend braucht. Und weil wir ja alle etwas lernen sollen und menschlich wachsen müssen, versucht der Film, seine von Homophobie geprägte erste Hälfte (in der die Lacher nicht auf Kosten der Schwulenklischees oder der Intoleranz gehen, sondern auf Kosten der Schwulen) mit einer ernsthaften zweiten Hälfte zu verquicken, in der Adam Sandler dann plötzlich für die Rechte der Schwulen eintritt und lernt, dass man nicht "faggot" sagt.

Wie sehr der Film seinen eigenen Stereotypen auf den Leim geht, sieht man wunderbar in einer Sequenz, in der Sandler und James auf eine Party für Schwule und Lesben gehen. Sandler erspäht einen hübschen Körper im Playboy-Kostüm und bewegt sich mit flottem Spruch voran, aber dann entpuppt sich das Playboy-Häschen als Kerl (ein wie gehabt völlig debiler David Spade), und Sandler ergreift die Flucht. Freilich ist der Transvestit so überdreht und albern dargestellt, dass der Spaß auf Kosten des Playboy-Kerls geht und nicht auf die der homophoben Sandler-Figur. Es wäre weitaus witziger, wenn sich der Transvestit als völlig normale, freundliche Person entpuppen würde, und stattdessen der sich aufgrund seines beschränkten Horizonts ekelnde Sandler vorgeführt wird.


So bleibt natürlich auch die "Message" völlig unglaubwürdig. Zumal zum Schluß die komplette Mannschaft der New Yorker Feuerwehr ihre Homophobie ablegt und Sandler und James unterstützt, ein weinender Ving Rhames seine Homosexualität gesteht (wie lustig: der große schwarze Mann als Tunte!), und die gesammelte Community Sandler und James ihre aufgeflogene Lüge nicht etwa krumm nimmt, sondern die beiden plötzlich als Helden der Schwulenszene feiert! (Erstaunlich und befremdlich, dass am Drehbuch Alexander Payne mitgeschrieben hat, der selber zwei großartige und leise Außerseiter-Komödien geschrieben und inszeniert hat: ABOUT SCHMIDT und SIDEWAYS.)


Na gut, dann lassen wir doch mal die Empfindlichkeit und die Glaubwürdigkeit der Vorgänge beiseite: Ist CHUCK UND LARRY wenigstens als Sinnlos-Komödie irgendwie lustig oder unterhaltsam? Die Antwort, abgesehen von ein paar vereinzelten Lachern, die auf der Strecke von knapp zwei Stunden Filmlänge erbärmlich verdursten, bleibt leider: Nein. Wie in jedem Sandler-Film gibt es eine Frau, die jede blöde Meldung von ihm extrem charmant und lustig findet (hier: Jessica Biel, die sich natürlich auch bis auf die Unterwäsche ausziehen darf), und wie in fast jeder Sandler-Komödie sind besagte blöden Meldungen weder lustig noch charmant, weil er nie wie ein echter Mensch wirkt, sondern immer nur wie jemand, der nie irgendetwas ernst meint, sich dabei immer überlegen wähnt, und von einem unsichtbaren Publikum dafür grenzenlos geliebt werden will.

Ohne uns.





Chuck und Larry - Wie Feuer und Flamme (USA 2007)
Originaltitel: I Now Pronounce You Chuck & Larry
Regie: Dennis Dugan
Drehbuch: Barry Fanaro, Alexander Payne, Jim Taylor
Kamera: Dean Semler
Musik: Rupert Gregson-Williams
Produktion: Happy Madison
Darsteller: Adam Sandler, Kevin James, Jessica Biel, Dan Aykroyd, Ving Rhames, Steve Buscemi, Nick Swardson, Rob Schneider, David Spade
FSK: 12


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Na, wer erkennt den bärtigen Mann auf diesem Bild? Wer weiß es? Wer weiß es?

Es ist Fred Durst.

Was uns zu einem Update führt hinsichtlich der Aktivitäten rund um Dursts Truppe, die mit den Alben RESULTS MAY VARY (2003) und THE UNQUESTIONABLE TRUTH, PART 1 (2005) richtig, richtig fürchterliche Musik unters Volk gebracht hat.

Eine Comeback-Tour steht ins Haus, angefangen mit einigen Auftritten in Europa. Offenbar haben bei uns Limp Bizkit noch etwas mehr good will als in den Staaten - immerhin ist ja auch vor kurzem der Auftritt der Band bei Rock im Park 2001 auf DVD erschienen. Wes Borland, ehemaliger Gitarrist der Band, hat bestätigt, daß bei ihm angefragt wurde, ob er mit dabei sein will, aber er hat abgelehnt: Er ist grad mit seiner neuen Band Black Light Burns zu beschäftigt. Und vermutlich nicht wirklich dran interessiert, dem Zombieverein beizutreten.

Fred Durst, der vor kurzem einen Gastauftritt als Barkeeper in DR. HOUSE hingelegt hat, arbeitet derweil immer noch an PART 2 der unabdingbaren Wahrheit, aber vielleicht kommt ja vorher Axls CHINESE DEMOCRACY raus.

Ach, wo wir grad dabei sind: Cold gibt es ja schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber Scooter Ward hat ein neues Projekt gegründet, daß erst The Witch, dann When November Falls, und jetzt The Killer and The Star heißt. Produzieren wird der Godfather of NuMetal Ross Robinson, und Limp-Bizkit-Drummer John Otto ist auch dabei. Robinson wird übrigens auch das nächste Album von Korn produzieren.

Nachdem sich auch Crazy Town dieses Jahr wieder zusammengetan haben und ein drittes Album herausbringen wollen, können wir sicher sein: Zombies gibt's nicht nur im Kino. Und ich kauf mir trotzdem alles und hab' meine Freude dran. Ätsch.

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Gestern geträumt: William Shatner war bei uns zu Besuch, und ich hab' mir mit ihm und meinem Dad zusammen einen Film angesehen. Es war ein ganz billiger Science-Fiction-Streifen, der immer schlechter wurde, und Shatner selbst hat mitgespielt. Ich hab' Shatner gefragt, warum er ihn gemacht hat, und er meinte, das das Drehbuch am Anfang noch ganz okay war. Er war dann aber auch sehr enttäuscht über das Ergebnis, und schüttelte besorgt den Kopf: "It's going to ruin my reputation". Zum Glück hatte mein Dad passende Worte parat, um Shatner zu beruhigen: "It's only a movie."

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For their fifth album, YALELOL, Boi Akih stripped their music down to its two most basic elements: Monica Akihary's vocals and Niels Brouwer's acoustic guitar. Unfortunately, YALELOL is an album you'll end up wanting to like much more than you actually do. Reading the liner notes -- which explain how the group chose the "most intimate form to present their music," and which detail how the sound engineer miked up the duo's living room with analog equipment -- you can't help but wish that the group had recorded the intimate living-room session that the booklet describes. But with the perfectly clean sound and the tastefully balanced mix, the two might as well have recorded in the high-tech digital studio environment they were trying to avoid. The record's bigger problem is its languidness, however: it had to be expected that the songs would be sketchy and have an improvised feel, but much of the album sounds simply unfinished and aimless. The whole affair is so low-key that the music often simply doesn't seem to move, and it doesn't seem to go anywhere -- which wouldn't be so bad if the given moment was inspired enough. Some of the songs work better than others -- on "Moku Wa'a Ielea" there's a sweet harmonic flow between the two performers, while "Pameue Yalelol" (which the booklet helpfully translates to "sharpen the not physical being") has more drama and is more evocative than the other tracks. But on the whole, the album doesn't quite manage to convey any kind of spark. In theory, the group's mixture of Akihary's Haruku lyrics with jazz, blues, and all kinds of different world music idioms is fresh and interesting -- but here, its qualities are more vaguely suggested than actually heard.




This review was written for the All-Music Guide on May 19, 2008.

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Einer der kreativsten Berufe, die die deutsche Filmbranche zu bieten hat, ist ja der des Filmtitelübersetzers. Was wurden da nicht schon für farblose Originaltitel mit kernigen Germanisierungen bedacht! Wer sich über bunt anmutende deutsche Videotitel aufregt, bringt keinerlei Verständnis für die harte Arbeit auf, die sich so ein Mensch machen muß, um aus dem Regal herausstechende Namen zum Klingen zu bringen. Was soll man auch tun, wenn man fünfhundert Trilliarden Filme hat, in denen sich halt einfach ein paar Leute kloppen, bis der Arzt kommt? Weil bestimmte Schlagworte sich als verkaufsfördernd herausgestellt haben, gab es dann eben beispielsweise ganz viele Django-Filme, die gar keine waren, und noch viel mehr Filme, die das komplette Inventar der Shaolin benannten. "Das Buttermesser der Shaolin", "Der Fußabtreter der Shaolin", "Die Nachttischlampe der Shaolin", und hier nun eben DIE TODESKARAWANE DER SHAOLIN. Nur misanthrop veranlagte Mitmenschen würden sich hier darüber beschweren, daß im dazugehörigen Film weder Shaolin noch eine Todeskarawane auftauchen.

Vielleicht zeigte sich der Mensch, der den Titel getextet hat, auch nur von der Handlung des Films hochgradig verwirrt. Das wäre durchaus verständlich, denn obwohl es im Film eigentlich nur darum geht, daß Meister Wang Yu Rache an bösen Buben üben muß, die einst seinen Freund Master Lo umgebracht haben, schafft es der Streifen, diesen Plot so konfus und unübersichtlich wie nur menschenmöglich zu erzählen. Also, ganz am Anfang wird Master Lo mitsamt einer 25 Mann starken Truppe umgebracht, und dann zieht Wang zehn Jahre später durch die Gegend und wird vom Oberschurken Schuh (oder wie man den schreibt) gewarnt, nicht durch ein bestimmtes Gebiet zu ziehen. Wang geht stattdessen in ein nahegelegenes Dorf, wo die Familie Wan haust, und dann will Schuh die Familie Wan umbringen, und dann gibt es da einen oder mehrere Verräter, und man fragt sich die ganze Zeit, was die Leute, die da auf dem Bildschirm rumwuseln, eigentlich alle wollen. Wie diffizil das Entschlüsseln der Vorgänge sein kann, sei anhand des Klappentextes gezeigt, den ein völlig überforderter Geselle für den VHS-Release des Films in die Tasten kloppte: "Ein wahrer Heldenepos um eine kleine Schar unbeugsamer Kämpfer. Erzogen durch Askese und jahrtausende alte Bräuche, leben nun in ihnen Mannesmut und Tugend, Kriegsgeist und die geheime Kampfschulung des Obersten Shaolin fort. Wer erfüllt die Prophezeiung des alten Klosters?"


Nicht minder verwirrend das Setting des Films, in dem die Menschen in Hütten hausen wie im chinesischen Mittelalter zu Zeiten der Ding-Dong-Dynastie, aber neben ihren Kung-Fu-Künsten, Schwertern und Messern auch gerne Pistolen mit klotzigem Magazin verwenden, die ich ahnungsloser Mensch eher in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts plazieren würde – irgendein Weltkrieg halt. Ganz sicher über die Zeit waren sich die Macher des Films vielleicht selber nicht, weil zwar noch mit Kerzen und Laternen beleuchtet wird, aber eine der Figuren eine coole schwarze Sonnenbrille trägt.

Nun prügelt sich Wang Yu recht unasketisch durch das Aufgebot an sinistren Schurken, und irgendwann deckt er eine Verschwörung auf, die einer der Wan-Brüder angezettelt hat, um den Rest seines Clans zu dezimieren. Vielleicht ist er einfach der großen Weihnachts- und Geburtstagsfeiern mit der ganzen Blase überdrüssig? Aber nein: Sein Endziel packt er in einen Satz, für den alleine es sich schon lohnt, den Film anzusehen: "Ich will hier endlich der Chef werden!!"


Gekämpft wird nun sehr viel, und gestorben auch ein bißchen, und obwohl das alles mitunter so zusammengeschnitten ist, daß man sich nicht sicher sein kann, wer auf wen schießt, ist die Mixtur aus grobem Schwertkampf und pulvriger Westernballerei ganz kurzweilig. Was vielleicht auch daran liegt, daß die Schauspieler bei ihren Sterbeszenen höchstwahrscheinlich Wetten abgeschlossen haben, wer am auffälligsten das Zeitliche segnen kann: So lautstark röchelnd und mit ausufernder Gestik wird sonst nirgendwo gestorben. Am schönsten macht das einer der Wan-Brüder, der mehrere Minuten lang durchlöchert im Bett liegt und sich aufbäumt und windet und schreit und fuchtelt und dabei dauernd bittet, daß man ihn doch bitteschön sterben lassen soll. Aber gut, in der hier gezeigten Zeit war die chinesische Medizin vielleicht noch nicht fortschrittlich genug, um zu erahnen, daß ein Mensch, der so energiegeladen vor sich hinstirbt, vielleicht noch gar nicht dem Tode geweiht ist.


Wang Yu jedenfalls hat Mitleid und erschießt den Mann gründlich, woraufhin er als Verräter und Mörder gefangengenommen wird und ihm – schlitz! – die Augen ausgestochen werden. Bestimmt hat er aber diverse Asien-Filme gesehen, in denen blinde Kämpfer ganze Armeen zu Schaschlik verarbeiten, und deswegen besiegt er auch ohne Augenlicht den bösen Ober-Wan in einem fiesen Endkampf. Daß der blinde Wang immer mal wieder blinzelt und kurz die zugekniffenen Augen aufmacht, um nirgendwo drüberzustolpern, erklärt vielleicht, warum es für seine Darbietung keine Preise gab.

Wohin der blinde Krieger dann in der letzten Einstellung des Films mit seinen dreiundfünfzig Messerstichen im Körper alleine auf einem Pferd reiten will, war bis Redaktionsschluß leider nicht geklärt.





Die Todeskarawane der Shaolin (Taiwan 1972)
Originaltitel: Iron Fist Adventures
Regie: Li Su
Darsteller: Wang Yu
Länge: 87 Minuten
FSK: 18


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Even though his 1984 album SCHWEISSPERLEN had more hit singles than the 1985 follow-up HEISSE SPUREN (which had only one, "Faust auf Faust"), Klaus Lage was at the height of his popularity in 1985 and 1986. The constant touring meant, of course, that for the first time since 1982, Lage didn't have an album's worth of new songs, so to tide the audience over until his next album and to capitalize on his success, he released his first live album, MIT MEINEN AUGEN: LAGE LIVE. Not surprisingly, the album's track list featured most of Lage's hits: "Faust auf Faust," "Monopoli," the earlier hits "Mit meinen Augen" and "Komm, halt mich fest," plus, of course, his signature tune, "1000 und 1 Nacht (Zoom!)" (the LP version has nine songs, the CD version adds another four songs so that the track list also contains some of the less obvious songs -- curiously, "Wieder zuhaus" isn't on the set list). The sound quality is good, and Lage's band performs the songs professionally and is faithful to the original versions -- Rolf Klein even re-creates his guitar solo on "1000 und 1 Nacht" -- which means that while the playing is energetic, it's also largely bereft of surprises. Of course, the album gives an accurate impression of Lage's popularity when his fans manage to sing the chorus of "1000 und 1 Nacht" several times while the band just stops playing. So what's new? Göran Walger adds an inspired keyboard solo to "Komm, halt mich fest." "Taxi," from HEISSE SPUREN, is almost twice as long and morphs into a blues show tune. And "Mercedes Benz," a German-language version of the Janis Joplin tune which first appeared on Lage's debut album, is sung a cappella and has an added verse. None of this is enough to make this album essential to the casual Lage fan -- even though it could almost pass as a greatest-hits package -- but even for Lage followers, this album will merely be a pleasant addition to their collection.




This review was written for the All-Music Guide on May 8, 2008.

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Die Zukunft, liebe Freunde, wird düster. Sie wird brutal. Und sie wird vor allem eins: sehr billig. Wie man ja an Abertrilliarden von Videothekenfüllern sehen kann, wo für sehr studentisches Budget gern große Zukunftswelten ersponnen werden, die nicht selten Ähnlichkeiten mit bekannten Filmen aufweisen, die ebenso häufig auch um ein Hauseck oder zwei besser waren. Im konkreten Fall sehen wir die preiswerte Zukunft von CYBERTRACKER, in dem der mehrfache Kickbox-Weltmeister Don "The Dragon" Wilson gegen einen Mann mit schwarzem Gürtel in Karate und eine Handvoll glatzköpfiger, höchstwahrscheinlich aus dem Bodybuilding-Studio gecasteter Androiden antreten muß, weil er selbst und die Menschenrechte bedroht werden. Solche Tage hat man ja selbst auch immer wieder.

Nun ist es ja gemeinhin so, daß Kickbox-Weltmeister und sonstige Kampfsport-Experten schauspielerisch umgekehrt proportional zu ihren körperlichen Fähigkeiten agieren. Das liegt vermutlich am mangelnden Bedarf: Wer seinen Mitschülern Eisenstangen um den Hals knoten kann, braucht fürhin selten eine große mimische Bandbreite, um ihnen Wurstsemmeln abzuschwatzen. Im Falle von Wilson und dem CYBERTRACKER trifft es sich natürlich sehr gut, daß der Film von PM Entertainment produziert wurde, die seit der Mitte der Achtziger hochfrequent die Videotheken mit einer Unmenge an Filmen bestückten, in denen streng statistisch gesehen alle 3,21 Minuten kleinere und größere Fahrzeuge in die Luft fliegen. Konsequenterweise zieht The Dragon denn auch bei dem ganzen Lärm beständig ein Gesicht, als wäre ihm gerade ein Bescheid ins Haus geflattert, daß er sechsstellige Beträge an Steuernachzahlungen leisten muß.

Worum geht's? Also: Die Zukunft ist düster und ... ach nein, das hatten wir schon. In besagter Zukunft sind Legislative und Exekutive computerisiert, und sogenannte CoreTrackers werden eingesetzt, um die vom Rechner ausgeknobelten Urteilssprüche auszuführen. So ein CoreTracker sieht übrigens aus wie ein muskulöser Glatzkopf, der mit starrer Miene durch die Gegend stapft, gesetzesuntreue Rabauken durchlöchert und mit mechanisch verzerrter Stimme exakt ein Sprüchlein aufsagen kann. Ich glaube, ich habe so einen Killer-Androiden schon einmal in einem anderen Film gesehen, aber mir fällt gerade nicht ein, welcher das war.


Don "The Dragon" Wilson arbeitet nun als Sicherheitsmann für einen Senator, der die computergesteuerte Legislative befürwortet. Schon zu Beginn des Films findet ein Attentat statt, aber Wilson stellt die maschinengewehrschwingenden Unholde kalt und läßt sich vom Senator feiern. Der will dann Wilsons Loyalität testen, ermordet vor seinen Augen eine Rebellen-Anführerin und wundert sich dann, warum Wilson nicht einverstanden ist. Also hockt er sich mit dem Geschäftsführer der Firma zusammen, die die Androiden herstellt, und mit der Polizeichefin, die dann höchstselbst Daten zum guten Wilson in ihren Rechner eingibt und einen Glatzocop, äh, CoreTracker auf ihn ansetzt.

Also gut, da schnaufen wir mal ganz kurz durch – Wilson ist jetzt eh erstmal mit Weglaufen beschäftigt. Was sagt es über die Qualität einer Sicherheitsmannschaft aus, wenn zu einer kleinen Pressekonferenz ein ganzer Haufen bewaffneter Rebellen in einem Lieferwagen auftauchen, die dann aus allen Richtungen auf den Senator schießen können? Wie clever stufen wir als wache Beobachter des Senators Plan ein, Wilsons Loyalität mit einem Mord zu testen, dem auch noch diverse andere Sicherheitsmänner beiwohnen? Wäre es nicht vielleicht noch viel intelligenter, den Mord geheim durchzuführen, anstatt einen potentiell unfreundlich gesonnenen Zeugen zu schaffen? Und wenn die Legislative inklusive der Urteilssprüche computergesteuert ist, warum muß dann die Polizeichefin einer Großstadt persönlich einen Liquidierungsbefehl wegen Mordes in ihren Computer tippen?

Na gut, letzteres ließe sich gegebenenfalls damit erklären, daß in der Zukunft die Mittel für die Polizei drastisch gestrichen sind: Die hat halt keine Mitarbeiter mehr. Der Termin— äh, der CoreTracker selber scheint ja auch eher unter budgetären Einschränkungn entstanden zu sein. Während der Heimcomputer von Don "The Dragon" Wilson (wenn ich das noch ein paar Mal tippen muß, dann lege ich mir aus lauter Trotz auch einen lustigen Nickname zu: Christian "The Evil Filmkritiker" Genzel) mit angenehmer menschlicher Stimme spricht, muß der CoreTracker mit einer Art tiefergestimmtem Cher-Vocoder auskommen. Die Zieleinrichtung ist suboptimal programmiert (der Schrottbot erschießt versehentlich zwei Polizisten, obwohl er auf Wilson zielt), und mit der künstlichen Intelligenz ist es auch nicht so extrem weit her: Als sich Donny Drache hinter einem Hotdog-Stand versteckt, zerballert der CoreTracker erstmal alle Gegenstände, die darauf herumliegen.

Derweil treffen sich die finsteren Gesellen in ihrer Firma, darunter der Senator, und der Firmenchef ist so begeistert von seiner Arbeit, daß er eine große Rede über Macht hält, während er beiläufig seine Assistentin erwürgt. Bevor wir ihm noch eine Therapiesitzung empfehlen und die Krieg-der-Sterne-Videos wegnehmen wollen, entpuppt sich die Assistentin als Android. Sinn der Demonstration bleibt unklar, ebenso wie die Frage, warum ein Android daraufhin programmiert wird, daß er sich erwürgen lassen kann. Der Firmenchef sieht übrigens aus wie ein ganz billiger Lance Henriksen, was natürlich überhaupt keinen Sinn macht, weil Henriksen selbst ja schon für ein warmes Gulasch an jedes Set kommt.

Don "The Wilson" Dragon schließt sich dann irgendwann ein paar übriggebliebenen Rebellen an, die dann von einem weiteren CoreTracker empfindlich dezimiert werden. Besagte Rebellen zeichnen sich übrigens durch große Hartnäckigkeit aus, da sie selbst dann, als sie merken, daß Kugeln dem Androiden gar nichts anhaben können, beharrlich weiterhin auf ihn schießen, und zwar den kompletten Film lang. Dragon "The Don" Wilson fängt beinahe was mit der Anfühererin der Rebellen an, aber dann ruft die Arbeit, und sie finden die Pläne für Operation Echo, in die wir als Zuseher nie Einblick erhalten, aber von denen uns versichert wird, daß sie sehr böse seien. Dragon "The Dragon" Dragon macht dann noch drei Sicherheitsmänner und ein paar weitere CoreTrackers fertig (von denen natürlich immer nur einer gleichzeitig aktiv ist, weil ja sonst ein zweiter Schauspieler gerufen hätte werden müssen), und dann ist irgendwann alles gut. Ach, jetzt hab' ich vergessen, "Spoiler" hinzuschreiben.

Weil sich dauernd was bewegt und gekämpft, explodiert und geschossen wird, ist die Chose denn auch leidlich unterhaltsam, wie es so PM-Videostubenfutter halt meistens ist. Damit wir wissen, daß es sich um die Zukunft handelt, sind alle Bilder in Neonblau und tiefes Rot getaucht, aber auch im Jahr 2014 gibt es noch billig dahingenudelte Synthi-Soundtracks. Der Drache kämpft ordentlich, und es gibt wohl schlechtere Wege, 87 Minuten seiner Lebenszeit zu füllen. Obwohl mir da auf Anhieb erstmal keine einfallen.

Ah ja, ich glaube, jetzt weiß ich, woher ich die Idee mit diesem Killerroboter kenne: hierher.





CyberTracker (USA 1994)
Regie: Richard Pepin
Drehbuch: Jacobsen Hart
Kamera: Ken Blakey
Musik: Lisa Popeil, Bill Monti
Produktion: PM Entertainment
Darsteller: Don "The Dragon" Wilson, Richard Norton, Stacie Foster, Steve Burton, Abby Dalton, Jim Maniaci, John Aprea, Joseph Ruskin
Länge: 87 Minuten
FSK: 18


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What a disappointing follow-up to Klaus Lage's SCHWEISSPERLEN, which featured a number of successful singles and showcased a talented and confident musician and songwriter. HEISSE SPUREN, recorded a year later with the same band and with the same producer, tries hard to replicate this success, but it's a much more uneven collection of songs. First of all, the album doesn't sound very appealing: if SCHWEISSPERLEN was a product of the '80s, then HEISSE SPUREN is that decade's victim. With booming drums, cleanly distorted guitars, sterile keyboard sounds, and an overall sense of overproduction, many of the songs have little room to breathe, and the plastic '80s rock sound reminds you why grunge and alternative rock had to happen. Of course, the Klaus Lage band has always been an earthy one anchored very much in the mainstream, but on HEISSE SPUREN, the production often threatens to suck the life "out" of the songs.

What amplifies the problem is that the songs aren't very exciting: Lage, who co-wrote most of the lyrics with a certain N. Heirell (which may or may not be a pseudonym for Dieter Dehm), has again penned a number of relationship tales, but many of the lyrics are bland and uninteresting, as in "Zuviel Allein" (Too Often Alone), or the one-night-stand-turns-into-something-else song "Stille Wasser" (Silent Waters). On SCHWEISSPERLEN, Lage's songs always told a story, and the relationships they discussed were often complicated -- here, the singer's tales of jealousy and falling in love are often one-dimensional and generic. "Istanbul," a story of xenophobia, means well, but its effectiveness is diminished by lines such as "Tränen auf dem Mantel / sehen im Morgen aus wie Frühtau" ("Tears on the coat / look like dew in the morning"), which are downright kitsch.

Some of the songs are still worthwhile, though: "Faust auf Faust," a single written for the movie SCHIMANSKI: ZAHN UM ZAHN (the first theatrical spin-off of the successful German TV crime series TATORT), was a massive hit, and while its story of a tough guy with a soft spot for a woman is a bit clichéd, the song is catchy and energetic. "Out" is an ironic funk song where everything from rap to cocaine, from breakdancing to political parties, is declared "out" (after the piano solo, Lage says that the Lage Band and piano solos are "out," too). "Weihnachtszeit" (Christmas Time) has a more interesting story than the other songs, but the music with its chiming bells is tough to swallow. "Vermisst" (Missed), co-written by former (and future) band keyboardist Danny Deutschmark, is more subtle musically, and there's a slight bitterness in the lyrics that makes the song more complex. Truth be told, if SCHWEISSPERLEN hadn't been so good, then HEISSE SPUREN wouldn't be so disappointing. The album isn't a disaster, and it's not a complete failure -- but it's the first album where Lage's confidence was much stronger than his songs.




This review was written for the All-Music Guide on May 8, 2008.

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The album's artwork, with its photos of vintage oscillographs and other old electricity-related gadgets, is an important key in understanding the direction the Jazz Bigband Graz are heading toward: a combination of new and old, using electric sounds but creating something that never tries to be trendy. Similarly, the group has dropped its full name and substituted it with the acronym JBBG to underscore the fact that, while there is a large ensemble with a full horn section at work, the results have little to do with what is usually associated with big-band music. ELECTRIC POETRY & LO-FI COOKIES uses both acoustic instruments and electronic devices, and the album boldly goes into a musical territory where mellow big-band orchestration meets an electronica sound that brings to mind, say, Pete Namlook's ambient click-hop recordings. The band employs a theremin, an electric trumpet, spoken word parts, sung vocals, a harmonica, and all kinds of distortion and sound alteration tricks. And while all of this sounds like an eclectic anything-goes recording on paper, there is an impressive coherence to the music: actually, there is such a controlled feeling to the proceedings that, at times, you wish the band would just let loose and ignore its corset more often. The band is directed by two people: Heinrich von Kalnein and Horst-Michael Schaffer, and it's difficult to say who's responsible for what, even though Schaffer seems to be the driving force behind the group's modern musical direction, writing all five compositions on the album; contributing vocals, trumpet, and programming; and being lauded in the album's liner notes for his musical skills. The resulting album is one of the most forward-thinking enterprises in recent jazz, even though it is more likely to be enjoyed by electronica and ambient fans than by aficionados of traditional big-band music.




This review was written for the All-Music Guide on May 3, 2008.

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