März 2008
Lange haben wir hier nicht mehr von kleinen Highlights berichtet, die Salzburgs philosophischste Boygroup jede Woche so erlebt. Da muß natürlich Abhilfe geschaffen werden! Es darf kein Äußerstes geben, zu dem wir nicht entschlossen wären!

So traf sich der philosophische Stammtisch, der seit einiger Zeit eher vereinzelt und desorganisiert in der Mozartstadt gesichtet wird (zum Zwecke der besseren Abstimmung unserer Termine wurde schon überlegt, mit der Zeit zu gehen und künftige Treffen per eMail-Verteiler abzuklären), gestern abend in der Linzer Gasse ein, um das neue Meisterwerk von Wes Anderson zu bestaunen, der ja weitläufig als einer von Genzels absoluten Lieblingsregisseuren gehandelt wird (angeblich ist er auch einer von Scorseses absoluten Lieblingsregisseuren, aber Scorsese hat noch nie an einem Treffen des philosophischen Stammtisches teilgenommen und ist somit disqualifiziert): THE DARJEELING LIMITED. Schon auf der Fahrt zum Das Kino sorgt der seit einigen Wochen in Genzel Manor liegende Soundtrack für die richtige Stimmung: "Where Did You Go To (My Lovely)" von Peter Sarstedt, das in den späten Sechzigern vermutlich allein deshalb geschrieben und aufgenommen wurde, damit Wes Anderson es einmal in einem seiner Filme würde verwenden können. Nicht nur bei den Ü50-Mitgliedern des Stammtischs ruft der Song spontane "ui"-Reaktionen hervor. Und außerdem natürlich: "Les Champs-Elysées" von Joe Dassin. "Wir werden Spaß haben im Kino", prophezeit Schwarz nach Konsultierung der privaten Kristallkugel.

Vor dem Kinobesuch stand ein Kurzbesuch im Café Central an, das mir persönlich völlig unbekannt war, von Schwarz allerdings vor 14 Tagen entdeckt wurde und mit gelassener Ruhe angepriesen wurde, als stünde es schon seit Anbeginn der Zeit für uns offen. Zu jazzigen Klängen haben wir da also stilgerecht Darjeeling-Tee konsumiert, Schwarz hat Genzel das Gebäck weggegessen, und Obi-Wahn - seit kurzem unter dem hochoffiziellen Titel "Dr. Oppolzer" an jeder Supermarktkasse ganz vorn - hat endlich SHOPPEN gesehen und äußert Zustimmung. Unser Philosopher-in-Residence Otto trudelte mitsamt Frau Otto verspätet ein, bestellt zwei Bier und hört sich Schwarzens neue liebste Urs-Baumann-Geschichte an, die stets mit den Worten endet: "Ein zutiefst unsicherer Mensch".

Und dann also DARJEELING LIMITED. Was für ein wunderbarer, schrulliger, eigensinniger, mit sicherer Hand und ganz eigenem Stil gezeichneter Film. Zu Beginn verpaßt Bill Murray in einem rein als Laune eingesponnenen Gastauftritt den Zug, und dann reisen wir mit den drei Brüdern Adrien Brody, Owen Wilson und Jason Schwartzman durch Indien und amüsieren uns prächtig über all ihre kleinen und großen Verrücktheiten. "Can we agree to that?", checkt Kontrollfreak Wilson jede seiner Planungen mit den anderen beiden ab, obwohl die überhaupt keine Chance hätten, zu widersprechen. Sein Assistent reist mit Laptop, Drucker und Laminiergerät mit, um jeden Tag einen auf den neuesten Stand gebrachten Reise- und Erlebnisplan zu präsentieren, auf dem nur ein Punkt als "to be determined" verzeichnet ist: Das Treffen mit der Mutter der drei, die sich nach der Beerdigung des Vaters in ein Kloster im Himalaya zurückgezogen hat und ihren Söhnen vorschlägt, sie sollten doch lieber im Frühling vorbeikommen, weil jetzt gerade ein Tiger die Klosterbewohner bedroht.

Anderson hat seinen ganz persönlichen Stil mittlerweile wunderbar verfeinert: Alles ist gleichzeitig stilisiert wie auch auf merkwürdige Weise ganz unvermittelt und echt. In einem bonbonfarbenen Zug sitzen die drei Brüder und pflegen ihre Neurosen, aber in Andersons Welt ist es ganz normal, merkwürdig zu sein. Und ohne große Gesten wird der Trip dann ganz unsentimental doch zum Heilungsprozeß. Ich könnte ganze Kapitel darüber schreiben, was Andersons Filme auszeichnet und warum sie mir so viel bedeuten - aber hier sei einfach nur festgehalten, daß ich mir einen Film wie DARJEELING LIMITED ansehe und genau weiß, warum ich selber Filme machen will.

Herr und Frau Otto haben sich nach dem Film schnell und unzeremoniell (aber mit den Worten "gut gemacht") verabschiedet, und wir übrigen drei stammtisch members haben allesamt die Absicht geäußert, uns den Film noch einmal anzusehen. (Da der weise Obi-Wahn Freikarten für den Film gewonnen hat, würde er ihn sich vielleicht auch ohne diesen Vorsatz noch einmal ansehen, aber dieses kleinliche Detail soll uns nicht von der Tatsache abbringen, daß wir sehr begeistert waren.)

Heute mal kein weises Schlußwort. Can we agree to that?

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Charmantes Singer/Songwriter-Album - nach mehrfachem Hinhören.

Mist. Eigentlich saßen die Finger schon auf der Tastatur, bereit in den Startlöchern, das Debütalbum von A Fine Frenzy zurechtzustutzen. Wie es grad schwer im Trend liegt, zeigt uns das Booklet ein niedliches, verträumtes Mädchen, bei dem sich Mann auch mal trauen würde, nach der Telefonnummer zu fragen; das in bunten Kleidern durch Wald und Wiese läuft, und dabei so aussieht, als würde es jeden Moment in fröhlicher Verzückung Flora und Fauna umarmen. Auf der CD ganz viel Singer/Songwriter-Wohlklang mit der netten Frau am Piano, viel Naturpoesie in den Texten, aber wenig Aufregung in Sachen Energie, ein bißchen viel Produktion über ein bißchen wenig an Substanz. Die Nächste, bitte.

Aber halt: Bei der nächsten Begegnung gerät der Vorsatz ins Schwanken. Und dann wird einem das Album auf einmal sympathisch, blüht ein wenig auf, zeigt seine Stärken in einer Handvoll feiner Songs im Mittelteil. Alison Sudol, das 22jährige Mädchen, das sich hinter der Shakespeare-Phrase "A Fine Frenzy" versteckt, hat viel Dynamik in ihrer erfreulich unaffektierten Stimme und klingt beim Singen meist so, als würde sie einem jetzt etwas sehr Persönliches erzählen. Wo die Melodien der Songs anfangs nirgendwo hinzugehen scheinen, macht sich bei mehrmaligem Anhören eine fast wellenartige Auf- und Abbewegung bemerkbar, die von einer attraktiven Ruhe zeugt. Es stimmt schon: Nicht jeder Song hat genug Substanz, aber viele haken sich erst nach mehrmaligem Abspielen ganz sachte fest. Hier schiebt nichts an, hier kann man nur selber mitgehen, wenn man mag.

Die Produktion badet alles in schönem Klang und versteht den Fluß von Sudols Songs - und läßt dabei eigentlich doch meist genug Luft, obwohl man beim ersten Mal alles ein bißchen viel findet. Ein paar ungewöhnlichere Klänge - wie die Sitar auf "Last of Days" - sind so sanft und subtil in den Mix eingearbeitet, daß man sie kaum wahrnimmt. Das ist einerseits schön - weil so die Songs nicht von Gimmicks beherrscht werden - aber andererseits auch schade, da sich die 14 Tracks so ähnlich klingen, daß ein paar andere Klangtexturen mitunter nicht schaden würden. Am auffälligsten ist da noch das Akkordeon auf "Liar, Liar".Der beste Part der CD ist ein Trio von drei Songs in der Mitte: das abgespeckte "Almost Lover", gleichzeitig die Single, und danach "Think of You" und "Ashes and Wine". Auch davor und danach funktionieren manche Songs besser als andere: "You Picked Me" erinnert ganz entfernt an "Kiss Me" von Sixpence None the Richer; hinten sticht das charmante "Lifesize" heraus.

Um die Feinheiten herauszuhören und die Songs einordnen zu können, muß man sich aber ein wenig in die CD hineinhören. Nichts an der Musik ist schwierig oder sperrig, aber ebenso ist nichts daran besonders auffällig. Ob man sich die Zeit nehmen mag, hängt von einem selbst ab - zu finden ist dann nach einiger Zeit zwar nicht mehr Substanz, aber dafür ein charmantes Singer/Songwriter-Album. Sie ist ja auch erst 22.





Dieser Text erschien zuerst am 11.3.08 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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A companion EP to KMFDM's 2005 album HAU RUCK, RUCK ZUCK collects a number of remixes mostly created by the bandmembers themselves. Not all of the tracks sound radically different from the versions found on the original album: some more prominent electronica elements here, a little bit more crunch there ("Free Your Hate" sounds grittier than the album version). The feel is largely the same, even though the mixes sound a bit tidied up this time around, and, as is often the case with such remix enterprises, the added electronic parts sometimes reduce the initial punch of the songs -- but that doesn't mean the new versions aren't worth listening to. The two most noteworthy remixes move away from the sound of the original, however: "Mini Mini Mini," the band's cover of the Jacques Dutronc song, is spiced up with a number of swing music samples, and "Real Thing," as reconfigured by Nude, becomes a drum'n'bass exploration. The 40-minute EP also contains a new track: "Der Mussolini," a cover of D.A.F.'s controversial song, interpreted here as an industrial dance track with heavy guitars and an added flair of menace. The most curious track is the last: "Ansage" (meaning "declaration" or "announcement"), on which Sascha Konietzko, the group's leader, talks about his disdain for the current political situation in the United States. Of course, the group has handled the subject quite explicitly on their previous releases (2003's WWIII featured juxtaposed samples of speeches by George W. Bush and Adolf Hitler and wasn't too cryptic in its lyrics either: "Tell the people that they're under attack/By man-eating foes from Mars or Iraq/Mobilize outrage/Muzzle dissent/Send in the troops/Strike to pre-empt"), but Sascha's spoken word track draws even more attention to his message (provided you understand German). Now, KMFDM can be called a lot of things, but subtle isn't one of them -- and even though Konietzko's sentiments can be shared, his position is ultimately just as radical as that of the political leader he's attacking. Listeners easily offended by anti-Bush messages should steer clear -- but then, they've probably been avoiding this band for a long time. In any case, RUCK ZUCK is a solid, enjoyable effort -- it's not an essential purchase by any means, but it's a good companion piece for fans of the original album.





This review was written for the All-Music Guide on March 11, 2008.

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Ja puh. "Strengstes Jugendverbot" leuchtet einem da rot entgegen, wenn man die DVD einlegt, und der verwendete Superlativ läßt einen natürlich gleichzeitig zurückschrecken wie auch neugierig werden. Echt, allerstrengstens? Also, strenger als bei diesem einen Film mit dem Mann und den vielen Gedärmen? Darf ich mich nicht mal an die Katharinenstraße 11 wenden, um mehr Infos zu kriegen?

Na schön, dann machen wir halt die Verdunklung zu, damit die Nachbarn nichts mitkriegen. Auf der DVD-Box werden ja zu DAS BILDNIS DER DORIANA GRAY, der ursprünglich mal DIE MARQUISE DE SADE hieß, "besessene Orgien" versprochen, und ein "männerfressender nymphomanischer Vampir", alles in nur 69 Minuten und "erstmals legal auf DVD". Die wissen, wie man Filme verkauft.


Aber, das kennen wir ja schon, der Texter der DVD-Hülle ist nicht zwangsläufig gleichzusetzen mit einer Person, die tatsächlich auch den dazugehörigen Film gesehen hat, und auch wenn er die Eckdaten begriffen hat (das ist nicht immer der Fall: Man lese mal die Box von SEX AND DEATH 101), dann wirkt er trotzdem immer so, als hätte er schon ein paar Tütchen durchgezogen und würde auch den Schimmel im Kühlschrank total bemerkenswert finden. Apropos Schimmel: Den könnte man sich auch 69 Minuten lang ansehen und sich dann trotzdem lautstark zum Film äußern.

Aber werden wir mal nicht voreilig. Wie der Titel ja schon andeutet, versteht sich DAS BILDNIS DER DORIANA GRAY in voller Linie von Oscar Wilde inspiriert, und wie der Name des Regisseurs ahnen läßt, wird der geschmäcklerische Frohsinn, zu dem Wildes Geschichte hier mutiert, leicht psychedelisch angehaucht mit vielen nackten Menschen, aber wenig Sinnhaftigkeit als wirrer Sexreigen inszeniert. Für die, räusper, Adaption ist nämlich Jess Franco verantwortlich, der trotz seiner Liebe zu Jazz, Kunst und Frauen (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) nicht immer preisverdächtiges (aber immer preiswertes!) Kino geschaffen hat.


In der Geschichte geht es also um die einsame Millionärin Doriana Gray, die auf ihrem Schloß haust und dort in sehr durchsichtigen Kleidern durch die Gegend trabt, und um ihre Zwillingsschwester, die in einer Irrenanstalt festgehalten wird. Dort liegt sie den ganzen Tag nackt auf dem Bett - naja, beinahe nackt: sie trägt Nylonstrümpfe - und räkelt sich, bis der Arzt kommt. Eigentlich kommt gleich zu Beginn eine Krankenschwester, die das Gesicht nicht bewegen kann, und die lustige Verrückte frohlockt: "Ich habe Brüste, auf denen man ein Ei aufklopfen kann." Nun gehöre ich ja zu den Menschen, die sich immer alles bildlich vorstellen, und deshalb nehme ich mir für die Zukunft vor, eben dieses einmal mit meiner Freundin auszuprobieren, sobald wir uns einigen können, wer hinterher die Sauerei wieder aufwischt.

Wo waren wir? Ah ja. Eine Reporterin besucht die gelangweilte Millionärin, um einen Artikel über sie zu schreiben. Warum? "Weil unsere Leserinnen wissen, daß Sie sich der lesbischen Liebe verschrieben haben und sich der Beeinflussung der Männer entzogen haben." Wenn die Leserinnen das schon wissen, worum wird es dann in dem Artikel gehen? Vielleicht um die darstellerischen Qualitäten von Lina Romay, die Doriana Gray und natürlich ebenso ihre Zwillingsschwester spielt und dabei zwei Gesichtsausdrücke an den Tag legt: mit Kleidung und ohne. Doriana erzählt also frohen Mutes von einer Begegnung mit einer dahergelaufenen Künstlerin, die ihr erklärt, sie sei eine "ehrgeizige Biene", und darüber reflektiert, daß die Männer sie nur "bürsten" wollen. Es sind mittlerweile so um die 20 Minuten Film vergangen, und ich denke darüber nach, was ich stattdessen mit meiner Zeit anstellen könnte. Eier kaufen zum Beispiel.


In den drauffolgenden 49 Minuten lernen wir dann, daß Doriana per Oralsex die Lebenskraft aus Menschen heraussaugen kann - aus Männern wie aus Frauen. Da versagt dann meine bildliche Vorstellungskraft. Sie macht das bei einer ganzen Reihe von Menschen, und jedesmal flippt ihre arme Zwillingsschwester dabei völlig aus. Zum Glück filmt Franco alles so, wie er es immer macht: Er spielt an der Schärfe, zoomt fröhlich auf Möbelstücke, schwenkt die Kamera irgendwohin und läßt dazu die Sitar erklingen. Nachdem dann Doriana der Reporterin das Licht ausgeknipst hat, zoomt Franco auf einen Hocker im Flur.

Und trotzdem ist der Film noch nicht aus. Erst muss Doriana ihre Zwillingsschwester besuchen, die übrigens - wir haben vergessen, das zu erwähnen - bei einem Dr. Orloff in Behandlung ist. Mal ehrlich: Zu einem "Dr. Orloff" würde ich gar niemanden in Behandlung geben. Das ist so, wie wenn man im Flugzeug neben George Kennedy sitzt und trotzdem nicht aussteigt.

Das polternde Geräusch, das jetzt gerade zu hören ist, ist übrigens Oscar, der im Grabe rotiert.





Das Bildnis der Doriana Gray (Schweiz 1976)
Originaltitel: Die Marquise von Sade
Regie: Jess Franco
Drehbuch: Jess Franco
Kamera: "David Khune" (= Jess Franco)
Darsteller: Lina Romay, Monica Swinn, Ramón Ardid, Peggy Markoff
Länge: 69 Minuten
FSK: keine Jugendfreigabe


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