Was ist eigentlich die Essenz eines Titels wie A NYMPHOID BARBARIAN IN DINOSAUR HELL, dem ich mich hier und heute auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen widmen möchte? Anders formuliert: Warum reizt uns ein solcher Film? Na gut, überlegen wir doch einmal: Würden wir lieber A NYMPHOID BARBARIAN IN BADEN-BADEN sehen oder A NORMAL PERSON IN DINOSAUR HELL? Aha! Das gibt uns ja vielleicht Aufschluß. Wie wäre es mit A STRONG BARBARIAN IN DINOSAUR HELL? Auch nicht? Okay, dann muß es wohl tatsächlich die Vorstellung sein, daß ausgerechnet eine nymphoide Barbarin durch die Dinosaurierhölle hetzt, und nicht etwa eine ganz alltägliche, wie sie uns ja auch tagtäglich an jeder Würstchenbude begegnet.

Nun haben wir ja schon des öfteren feststellen müssen, daß ein aufregender Titel gemeinhin über einen weitaus weniger aufregenden Film hinwegtäuschen soll (z.B. hier). A NYMPHOID BARBARIAN IN DINOSAUR HELL hieß ursprünglich einmal DARK FORTRESS, aber wer guckt sich denn sowas an? Zum Glück weiß man in der New Yorker Schmalfilmschmiede Troma, wie man auch noch den letzten Mist an den Mann bringt – man tut einfach so, als wäre es Kult.

In einer post-apokalyptischen Welt hetzt eine leichtbekleidete Frau durch die Gegend, lernt einen hübschen Mann kennen (der sie vor angreifenden, geifernden Vergewaltigerhorden rettet), und nachdem sich die beiden ein wenig unterm Baum geliebt haben, kommt ein fieser Endgegner-Knilch und entführt sie. Also muß der Herr ran und sie befreien. Entschuldigung, ich muß kurz pausieren, weil mich solch rührselige Geschichten immer sehr nah ans Wasser bringen.

Da sind wir nun auch schon beim ersten gröberen Problem des Streifens. Mehr passiert nämlich nicht, aber das dafür auf eineinhalb Stunden ausgewalzt. Da wird also viel gelaufen, gelegentlich gekämpft, dann wieder gelaufen, und mitunter auch ein bisschen gestorben. Geredet wird fast nichts, auch die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren baut eher auf einem telepathischen Einverständnis als auf einer verbalen Annäherung auf. Man könnte glatt davon ausgehen, dass die Tonspur verloren gegangen ist, wenn Herr und Frau Barbar minutenlang im Unterholz hocken und einfach nur in die Gegend schauen. Wenigstens hält sich der fiese Oberwirsing dann auch nicht mit langen Reden auf, sondern knüppelt einfach gleich los. Ebenso wie seine Schergen, die irgendwelche Mutantenmasken tragen und auch nicht gerade mitteilsam sind.

Da könnte man nun also davon ausgehen, daß es den ganzen Film über nichts zu hören gibt. Von wegen! Unter dem Decknamen "The Astral Warriors" gibt sich ein Mensch am Casio-Alleinunterhalter-Keyboard die Kante, bis die Ohren bluten. Weil das Budget des Films irgendwo im Bereich einer Tüte Eis mit drei Kugeln gelegen haben muß, hat sich der Musiker dementsprechend wohl auch gedacht, daß alles beim ersten Take sitzen muß, und so spielt er einfach die ganze Zeit auf gar grausamen Synth-Streichen auf und ab. Manchmal gefällt ihm ein Motiv, weswegen er dann diese Noten einige Minuten lang endlos wiederholt. In der Mitte des Films hat er dann vermutlich seine gewerkschaftlich abgesicherte Pause, und ungefähr zwanzig Minuten lang ist er dann halt einfach weg. Zum Glück ist er rechtzeitig zum spannenden Finale wieder da und holt mit fliegendem Finger, fiii-tiii-riii-fiii-tiii-riii-ta-tam-ta-tam-ta-tam-quietsch, das Versäumnis nach. Wenn es den Soundtrack auf CD gäbe, wäre es der perfekte Rausschmeisser, wenn mal wieder gar niemand nach Hause gehen will.

Dem kritischen Leser dürfte bereits aufgefallen sein, daß bislang trotz des vielversprechenden Titels noch nicht über Sex geredet wurde. Das hat einen einfachen Grund, meine teuren Leser, an dem ich euch auch gerne teilhaben lasse: Es gibt nämlich keinen. Die nymphoide Barbarin hat keinen Sex, ihr Besteiger hat ebenso keinen, und der böse Schurke ist ohnehin eher damit beschäftigt, seine Mutantengang unter Kontrolle zu halten. Selbst Lustige Taschenbücher haben mehr Sex.

Es kann davon ausgegangen werden, daß die Jungs von Troma diesen billig herabgekurbelten Streifen aufgekauft haben und mit neuem Titel versehen haben. Daher gibt es auch einen kurzen Vorspann, in dem die Barbarin im Voice-Over erklärt, wie die Erde der nuklearen Apokalypse anheim gefallen ist und sie sich zur nymphoiden Barbarin verwandelt hat (unterlegt wird dies mit Bildern aus TROMA'S WAR und CLASS OF NUKE'EM HIGH, beides unterhaltsamere Exponate derselben Firma). Tja, also, ätsch. Reingefallen. Das würde natürlich auch erklären, warum die postapokalyptische Welt den ganzen Film über sehr grün und idyllisch aussieht und eher Fantasy-inspiriert ist (mit Burgruinen, oder eventuell nur einer Burgruine, die halt aus mehreren Richtungen gefilmt wurde).

Na schön, aber gibt es denn wenigstens Dinosaurier in dieser Filmhölle? Ja, die gibt es. Ein paar nette Monster walzen mit niedlichen Stop-Motion-Animationen durch das Bild, und diese Sequenzen haben auch durchaus Charme. Also, Charme für fünf Minuten. Jenseits davon zehrt die müde Suppe aus Schweigsamkeit, unmotivierter Klopperei, Waldbegehung und hypermotivierter Synthbegleitung schwer an der Geduld. Zeit für ein Remake.





A Nymphoid Barbarian in Dinosaur Hell (USA 1991)
Regie: Brett Piper
Drehbuch: Brett Piper
Musik: The Astral Warriors
Produktion: Chapter V Enterprises / R.A.P. / Troma
Darsteller: Paul Guzzi, Linda Corwin


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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