Von wegen Energie - Mariahs jüngstes Album ist eine freudlose, fade Angelegenheit.

Gleich zu Beginn von Track 3 spricht Damian Marley ein paar Worte, und da sagt er dann "Nazi". Einfach so. Zack. Na gut, eigentlich sagt er überhaupt nicht "Nazi", es klingt nur so, und somit reiht sich der Moment reibungslos in eine schöne Gruppe von falschverstandenen Songmomenten ein - erinnert sich noch jemand an Musical Youth und ihren "Führerschein"?

Der kritische Leser mag schon observiert haben, daß es der einleitenden Bemerkung an Relevanz fehlt und diese fürhin wenig mit dem vorliegenden Album zu tun hat. Das bemerkt besagter Leser aber auch nur dann, wenn er das Album nicht gehört hat, da er ansonsten wüßte, daß die oben erwähnte Beobachtung bei weitem das Interessanteste ist, was Mariahs jüngstes Werk anzubieten hat.

E=MC² heißt das Album, und das hat wenig mit der Äquivalenz von Masse und Energie zu tun, sondern steht für "Emancipation = Mariah Carey²" (wie mir einschlägige Seiten im Internetz verklickern). Zu hören sind ein großer Schwung von diesen zumeist im Midtempo gehaltenen Pseudoballaden, die schon seit einiger Zeit unter "R&B", also "Rhythm & Blues" firmieren, aber freilich weder vom einen noch vom anderen auch nur die Spur einer Ahnung haben. Will heißen: Ein mechanischer Beat stottert mit dickem Bass, ein paar Synths pluckern obendrüber, und Mariah trällert dazu ein wenig die Tonleiter auf und ab. Bemerkenswerte Melodien sind leider keine zu finden, aber das hält Mariah denn auch wenigstens davon ab, ständig beweisen zu wollen, wieviele Oktaven sie denn nun schafft (so wie es Christina Aguilera sehr gerne mit Inbrunst tut).

Weil nun das Album melodisch beliebig, rhythmisch anspruchslos und von den Klangtexturen her völlig banal ausfällt, wird E=MC² schon bei Track 3 sehr müde - leider gibt es insgesamt 14 Tracks. Davon stechen am ehesten noch "I'm That Chick" und "I'll Be Lovin' U Long Time" heraus, was einerseits daran liegen könnte, daß das Tempo endlich mal ein, zwei BPM nach oben geht, aber anderseits auch an der Tatsache, daß ersterer Track Michael Jacksons "Off the Wall" und letzterer "Stay With Me" von Debarge sampelt - denn selbst die gesampelten Brocken aus diesen Songs klingen wärmer und lebendiger als der ganze Rest der versammelten, freudlosen Tracks.

Das Album fährt die übliche Produzentenriege auf - darunter Jermaine Dupri, Scott Storch und Tricky Stewart - aber das Resultat klingt nicht nur durch die Bank gleich, sondern auch komplett wie auf Autopilot geschalten. Mariah singt gleich im ersten Song von ihren Traumjungs beim Fortgehen ("Face, body and Lamborghini outside / Obviously boy you qualify / Otherwise migrate, bye") und weiter hinten dann viel von Liebe. In "Side Effects" geht es um ihre Ehe mit Tommy Mottola (die schon 1997 geschieden wurde) - also ganz brisant aktuell und ehrlich und so - und in "Bye Bye" singt sie von ihrem verstorbenen Vater, aber weil sie das Lied so offen halten will, daß sich jeder darin wiederfinden soll, der schon mal irgendwen verloren hat, hält sich der Inhalt jenseits von taschentuchschwingenden Zeilen wie "Never knew I could hurt like this" auch schwer in Grenzen.

Man könnte dazu einschlafen, wenn der Bass nicht so laut wummern würde.





Dieser Text erschien zuerst am 25.5.2008 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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