November 2007

Mudvayne stöbern im Archiv und bringen verzichtbares Demomaterial zu Tage.

Musiker müssen einen permanenten Kampf gegen das Vergessen austragen. Genauer gesagt: Gegen das Vergessenwerden. Das war schon immer so, daß in regelmäßigen, nicht zu langen Abständen neue Musik erscheinen muß - Produktivität nach der Uhr quasi - und es kann einem heutzutage, wo Musik in Sekundenschnelle verfügbar ist, viel schnellebiger erscheinen: Rein nüchtern gesehen mag es erst ein Jahr seit dem letzten Album her sein, aber die gefühlte Zeit dehnt sich dann doch immer wieder auf ein verwundertes Von-denen-haben-wir-ja-ewig-nichts-mehr-gehört aus. Ehe man es sich versieht, ist man nicht mehr präsent in den Köpfen der Zuhörer.

Da Kreativität nun aber selten perfekt in einen Zeitplan gequetscht werden kann, überbrücken Musiker längere Wartezeiten gerne mit Krokel und Ramsch - Hauptsache, da steht eine neue CD im Regal. Ob nun Remix-CDs, Livealben, B-Seiten-Kollektionen oder Akustiksessions - irgendwie rettet man sich schon über die Zeit. Und wenn gar nichts anderes hilft, dann kann es auch eine Best-of-Compilation sein. Obwohl es ja meistens ein kleiner Zettel mit einem herzlichen "Wir sind nicht verschwunden, aber wir brauchen noch ein wenig" es ja auch getan hätte.

So kommen wir also zu BY THE PEOPLE, FOR THE PEOPLE von Mudvayne, die 2005 ihr letztes Album LOST AND FOUND veröffentlichten und erst im kommenden Jahr wieder ins Studio gehen, um an einem Nachfolger zu arbeiten (zwischenzeitlich war die Hälfte der Band ja auch mit dem schnörkellosen Seitenprojekt Hellyeah beschäftigt). Die Idee hinter der Zusammenstellung von herumliegendem, anderweitig nicht verwertbarem Material: Die Fans durften per Website ihre Lieblingssongs wählen, die Band hat zu den meistgewählten Songs eine Compilation aus Live-Aufnahmen und Demoversionen zusammengesammelt.

Da sind natürlich zunächst mal so ziemlich alle Songs dabei, mit denen man irgendwie gerechnet hätte: Nämlich die ganzen Singles. "Dig", "-1" und "World So Cold" werden in Liveversionen dargeboten, die auch schon einmal auf einem quasi offiziell abgesegneten Bootleg erschienen sind; dazu gibt es diverse Demoversionen - eine vom Erstling, vier vom zweiten Album und drei vom dritten, plus den üblichen Kladderadatsch: Eine Akustikversion von "Forget to Remember", zwei B-Seiten, die nur bei der limitierten Auflage des Zweitwerks enthalten waren, und noch zwei neue Songs - das solide "Dull Boy" und ein eher unaufregendes Cover von "King of Pain" (The Police). Als nette Geste, die allerdings den Hörfluss eher trübt, spricht Frontmann Chad Gray vor jedem Song ein paar Worte - und das selten informativ.

Als Fan-CD wird diese Zusammenstellung nun also angepriesen, und in der Tat gäbe es für sonst niemanden einen triftigen Grund, sich marginal von den Originalversionen abweichende Songs in schlechterer Klangqualität und ohnehin nicht zur Veröffentlichung gedachter Demoproduktion anzuhören. Natürlich sind die Songs selber immer fesselnd: Mudvaynes komplexer Balanceakt zwischen explosiver Härte und in die Ferne strebenden Melodien, ihre instrumentale Brillanz um die Derwisch-Akrobatik des Sängers herum, die vielschichtigen Arrangements mitsamt intelligenter Überraschungen bleiben durch die Bank eine lohnenswerte Angelegenheit - die natürlich auf den drei regulären Alben viel schärfer gezeichnet und besser ausgeführt anzuhören ist als auf diesem Schubladen-Gestöbere.

Dem überaus freudigen Fan mag diese Zusammenstellung gefallen - wer einen Musiker liebt, will ohnehin jeden Schnipsel aus dem Archiv haben und hören. Aber stellen wir doch mal folgende Frage in den Raum: Wenn die Zusammenstellung wirklich als Fan-Geschenk gedacht war, warum ist sie dann nicht als Gratisdownload, Fanclub-Special oder Bonus-Beigabe zu einer regulären Veröffentlichung erschienen, anstatt zum vollen Preis im Laden zu stehen?





Dieser Text erschien zuerst am 29.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Die Stadt schläft zu Emopop-Klängen: Gar nicht übel.

Herr Doktor, was steht heute auf dem Plan? Emopop sezieren? Wie originell! Dann heizen Sie doch bitte mal den Emogenerator an, rekrutieren Sie fünf vorzeigbare Burschen aus der Mall, und machen Sie ein paar Photos für's Booklet - Sie wissen schon, so ein bißchen sexy und düster. Den Rest des Tages können Sie ja den Golfplatz entlangflanieren.

Wir sind ja schon wieder ungnädig, obwohl wir das gar nicht sein wollen. Muß an den kurzen Tagen oder dem mangelhaften Frühstück liegen. Oder vielleicht an der Tatsache, daß es dreizig Trilliarden Emopop-Bands gibt - ihr wißt schon, Teen-Pop-Punk mit Schminke und Mitsingrefrains - und von denen mindestens die Hälfte bei Trustkill veröffentlicht werden und dann bei mir im Postkasten landen. Wer weiß das schon so genau.

Na schön, der erste Anlauf, die Rezension positiver zu gestalten, ist fehlgeschlagen, aber wer wird denn so schnell aufgeben. City Sleeps, die hier mit einem Debütalbum namens NOT AN ANGEL bei uns anklopfen, sind nämlich durchaus spannender als viele ihrer Kollegen, die da dasselbe Feld beackern. Natürlich sind zunächst mal alle Eckpfeiler des Genres fest am Platz: hymnische Melodien, schnelles Tempo, fette Gitarren, ein Sänger mit hell schmetternder Stimme, und Texte um die Liebe und deren Ende.

Das Prozedere geht hier allerdings abwechslungsreicher vonstatten, als man meinen könnte: Viele Songs haben ganz eigene Texturen, nicht immer hechtet die Band nach dem sich gerade am günstigsten anbietenden Part, und die Produktion - von Goldfinger-Frontmann und The-Used-Produzent John Feldmann - ist sorgsam ausgearbeitet und durchdacht und bietet unter dem radiofreundlichen Geglitzer eine Menge klanglicher Feinheiten. Auch wenn typischerweise der zündendste Song nach vorne gestellt wurde ("Prototype"), geht dem vierzigminütigen Album hinten nicht die Luft aus: Es gibt eine feine Ballade ("Walker's Ridge"), schnurgerade Ohrwurm-Rocker ("Andrea") und sogar ein wenig Geschrei ("Bones").

Na, da haben wir ja doch noch mal die Kurve gekriegt. Herr Doktor, machen Sie mal ruhig weiter mit den Emos. Uns gefällt's ja dann doch irgendwie.





Dieser Text wurde zuerst am 22.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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Nadine Beiler's KOMM DOCH MAL RÜBER ("Come over Here") is exactly what you would expect from the debut album of a 16-year-old schoolgirl who won the third season of STARMANIA, the Austrian version of AMERICAN IDOL: to nobody's surprise, it's teen-oriented pop music, encompassing several sounds that are currently popular with the target group. There are R&B dance numbers ("Ich will dich" -- "I want you"), epic ballads ("Was wir sind" -- "What We Are"), funky pop songs ("Zählt nicht" -- "Doesn't Count"), Shakira-inspired dancefloor tracks ("Um die Welt" -- "Around the World"), and everything in between. What is surprising is that the album isn't half bad: the production is entirely professional, as expected, and the songs are catchy. While they revolve around teen pop's typical issues -- heartbreak, first love, friendship -- most possess an innocent charm that counters the entirely calculated craftsmanship. Beiler's voice is really distinctive and belies her age: she sounds like a singer in her twenties, and while she tends to put a lot of emotion even into lyrics that don't warrant them (as in the "let's party" lyrics on "Um die Welt"), she sounds comfortable and inspired. The ballads work less well than the uptempo dance numbers: "Was wir Sind" is a by-the-numbers ballad with an overwrought arrangement, while the Latin-flavored "Meer sehen" ("See the Sea") has a light, easy flow. Nothing on KOMM DOCH MAL RÜBER is essential, but most of it is pleasant and better than it could have been.




This review was written for the All-Music Guide on November 22, 2007.

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Vom Nachtleben in der kranken Stadt: Bekannte Emo-Pop-Klänge.

Irgendwo auf dieser Welt, schätzungsweise auf dem nordamerikanischen Kontinent, befindet sich ein Labor, in dem junge Burschen herangezüchtet werden, die dann in Fünferpacks zu Emo-Pop-/Teen-Punk-Bands gebündelt und sogleich höchst erfolgreich unters Volk gebracht werden. Während diese Zeilen entstehen, entstehen schon statistisch völlig unbelegte 45,3 neue Emo-Alben, und ein wackerer Linguist im Dienste des Poplabors blättert den Duden auf der Suche nach ebensovielen neuen Bandnamen durch.

Das klingt jetzt natürlich total mißbillingend, und das wollen wir eigentlich gar nicht. Sick City, um die es hier eigentlich gehen soll, sind nämlich weder wesentlich besser noch wesentlich schlechter als die anderen Bands ihres Genres, und damit wären wir eigentlich schon am Ende dieser Kritik angelangt, wenn da nicht von oberster Stelle stets mehrere Absätze gefordert würden.

Um das Nachtleben geht es in diesem Debütalbum, um das Feiern und Trinken und Anbandeln mit sehr vielen Frauen. Wie so viele andere Gruppen der Sparte haben Sick City einen glitzernden, vollgepropften Sound, unter dessen Oberfläche und in dessen unnachgiebig hedonistischen Texten eine dunkle Seite zu finden ist - wie schon beim Coverphoto, wo ein Mädchen einen Kerl küßt und derweil ihre Hand auf den Schoß der neben ihr sitzenden Frau wandern läßt.

"Could you be my Antoinette? French girl to love and then behead", witzelt der Erzähler gleich im ersten Song, der wie der gesamte Rest mit dicker Produktion und hymnischem, schnell ins Ohr gehenden Refrain aufwartet. Natürlich sind alle Beziehungen und Freuden, die hier besungen werden, innen drin leer: "Let's drink to tonight and sing we don't care", heißt es an anderer Stelle, und es ist klar, daß die Musik ebensowenig über den Moment hinaus Bestand hat wie die besungenen Affären. Hinten wartet eine Ballade ("City Lights"), ansonsten funktioniert alles nach dem gleichen Hitsingle-Prinzip: Alles zum Mitsingen und Spaßhaben, in vierzig Minuten ist der ganze Spuk schon wieder vorbei.

So mancher Online-Kritiker tut sich schwer mit dem Album: Mit "ernsthaftem Rock" habe die CD nichts zu tun, konstatiert ein unnachgiebiger Kollege und hört lieber Slayer. Irgendwo anders scheut man das Wort "Emo", weil ja nicht gejammert, sondern "gerockt" wird. Wir zeigen solcherlei Befangenheiten natürlich nicht und können ganz freimütig sagen, daß Sick City überhaupt nicht ernsthaft sein wollen und ein weiteres gelungenes, erwartungsgemäß überraschungsfreies Produkt aus dem Emolabor darstellen. Muß ja nicht jede Platte für die Ewigkeit gemacht sein.





Dieser Text erschien zuerst am 21.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Dann doch lieber den Zivildienst.

Gott sei Dank gibt's die Promo-Info. Ansonsten hätten wir diesen "brutalen und ehrlichen" Hardcore-Zusammenschluß von Mitgliedern der Bands This Is Hell, Last Conviction, The Backup Plan und Subterfuge für das Proberaum-Demo einer auf ewig ins ganz frühe Vorprogramm verdammten Schüler-Punkband gehalten. So wissen wir wenigstens, daß sich die Soldaten aus diversen Grüppchen der Long-Island-Szene rekrutieren, und wir schreiben die Namen einfach mal hin, falls hier irgendwer "Ach, die sind das!" rufen möchte.


A PRAIRIE HOME COMPANION ist der letzte Film des im November 2006 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Robert Altman, und natürlich gibt diese Tatsache dem Werk eine besondere Bedeutung und eine eigene Lesart, die seine Geschichte über Abschied und Tod wesentlich wehmütiger und endgültiger wirken läßt. Der Film dreht sich um den letzten Auftritt der titelgebenden Radioshow, eine Abschiedssendung, und ganz unbeabsichtigt wurde er gleichsam zu Robert Altmans eigenem Abschied. Es ist nicht verwunderlich, daß der deutsche Verleih den Film mit den Worten ROBERT ALTMAN'S LAST RADIO SHOW betitelte.

A PRAIRIE HOME COMPANION heißt auch die wirklich existierende Radiosendung, die 1974 in St. Paul, Minnesota, startete und sich mit ihrer bunten Mischung aus Countrymusik, Sketchen und Witzen immer noch größter Beliebtheit erfreut (und in Realitas weit davon entfernt ist, die Pforten dichtzumachen). Der Moderator der Show, Garrison Keillor, schrieb den Film, in dem er freilich selber auch auftritt, als heiteres Ensemblestück, in dem die verschiedenen Mitarbeiter der Sendung vor und hinter den Kulissen ihrem - in der Form nicht zurückkehrenden - Alltag nachgehen. Gerade die Mischung aus Melancholie und alltäglichen Vorgängen, Leichtigkeit und Schwermut läßt A PRAIRIE HOME COMPANION zu einem leisen, aber unabwendbaren Abschied werden, nach dem die Welt sich einfach weiterdreht.

Plot und Drama werden dabei von Keillor und Altman fast durchweg ignoriert: Die Truppe sendet ihre Radioshow in einem alten Theater, vor Publikum, und der Film sieht ihnen dabei zu. Die beiden Cowboys Dusty und Lefty ärgern den Produzenten mit fröhlich-obszönen Liedern und schlechten Witzen, die beiden Johnson-Schwestern erinnern sich an ihre Mutter und versuchen, Tochter bzw. Nichte Lola zu ihrem ersten Auftritt zu überreden. Erinnerungen an den Beginn der Show werden ausgetauscht. Empörung herrscht über die Tatsache, daß Moderator Keillor keine Abschiedsrede halten will: "Willst du nicht, daß sich die Leute an dich erinnern?", wird er gefragt, worauf er nur mit einem lakonischen "Das will ich, aber ich will nicht, daß ihnen gesagt wird, daß sie sich an mich erinnern sollen". Auf der Bühne wird gesungen und gewitzelt, und zwischendurch spricht Keillor höchstselbst die Werbungen der Sponsoren.


In all diesem Trubel fällt es zunächst gar nicht auf, daß der alte Chuck Akers in seiner Garderobe friedlich gestorben ist. Dann macht die traurige Nachricht die Runde, aber die Show geht weiter. Der Sicherheitschef stolpert unbeholfen durch die Kulissen und ist auf der Suche nach einer mysteriösen blonden Frau, die sich immer wieder blicken läßt - und von der sich zeigen wird, daß sie als Engel geschickt wurde, um nicht nur Chuck Akers, sondern die ganze Sendung bei ihrem Ableben zu begleiten.

Die Vermischung von Wirklichkeit und Phantasie hat ihren ganz eigenen Charme. Es wird wenig Aufhebens darum gemacht, daß ein Engel hinter der Bühne herumgeistert. "Was machst du?", fragt Keillor sie in einem ruhigen Moment und fügt nach kurzem Moment an: "Entschuldige, was für eine blöde Frage". Der Sicherheitsbeauftragte ist eigentlich eine Figur aus dem tatsächlichen PRAIRIE HOME COMPANION - ein tolpatschiger Privatdetektiv namens Guy Noir, dessen Monologe wie aus Kriminalromanen weit vergangener Zeiten herbeigeholt scheinen. Einige Mitarbeiter der Show spielen sich selbst - darunter Geräuschemacher Tom Keith, der in einer verzweifelten Sequenz mit den aberwitzigsten Tönen die improvisierten Worte des Moderators untermalt.


Altmans Regie führt seine Darsteller ein letztes Mal mit der ihm eigenen leichtfüßigen Virtuosität durch die Geschichte: Überall läßt er den Schauspielern Raum und Platz, ihre Figuren von sich erzählen zu lassen - oft reden sie durcheinander, gleichzeitig, und die fragmentarischen Sequenzen ergeben ein impressionistisches Abbild der Abläufe. Hier und da zitiert sich Altman selbst: Guy Noir erinnert an Altmans Marlowe-Interpretation DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR, während der Tod wie in BREWSTER MCCLOUD als blonde Frau im weißen Trenchcoat Einzug findet. Unter den Schauspielern sind Meryl Streep und Lily Tomlin, Woody Harrelson und John C. Reilly, Kevin Kline, Virgina Madsen, Lindsay Lohan und sogar Tommy Lee Jones - und alle fügen sich in das Ensemble ein, in exzellenten Darstellungen, die gerade deshalb so gut sind, weil sie überhaupt nicht herausstechen.

Natürlich besteht ein Großteil des Films aus Musik: Der Countrymusik, die Herz und Seele der Radioshow ausmachen. Die einzelnen Songs dürften jenen Hörern, deren Countryverständnis schon beim Rick-Rubin-produzierten Johnny Cash auf ihre Grenze stößt, Schwierigkeiten bereiten - aber wer diese Berührungsängste nicht pflegt, wird mit den beherzt sentimentalen, uramerikanischen Liedern bestens unterhalten.


Als Robert Altman 2006 den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, erklärte er, daß das der schönste Preis sei, den er sich vorstellen könne: Ein Preis für alles, was er gemacht hat, und nicht nur für ein paar wenige Filme. Mit A PRAIRIE HOME COMPANION - tatsächlich seiner LAST RADIO SHOW - zeigt er uns ein letztes Mal, warum er zu den Großen zählt. Sein Abschied war ganz leise, und niemandem muß gesagt werden, daß man sich an ihn erinnern soll.





Last Radio Show (USA 2006)
Originaltitel: A Prairie Home Companion
Regie: Robert Altman
Buch: Garrison Keillor
Produktion: GreeneStreet Films
Darsteller: Garrison Keillor, Meryl Streep, Lily Tomlin, Lindsay Lohan, Woody Harrelson, John C. Reilly, Kevin Kline, Virginia Madsen, L.Q. Jones, Tommy Lee Jones
Länge: 105 Minuten


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29-year-old singer and pianist Ida Sand didn't feel rushed to start a solo career: Born into a musical family -- her father was an opera singer, her mother a church musician -- she studied music in Stockholm and then worked with a large number of Swedish musicians, honing her skills. One of these musicians was Nils Landgren, who gave Sand ample opportunity to show her talent on the latest release of his Funk Unit, LICENCE TO FUNK, and now that she has finally recorded an album under her own name, Landgren is on board as a producer and also guests on a number of songs. MEET ME AROUND MIDNIGHT is a vocal jazz album deeply influenced by blues and soul, and Sand's experience as a musician shows: she has an earthy, expressive voice, but she never feels the need to push it into the spotlight -- where other young singers make every song a showcase for their undeniably impressive technique, Sand is refreshingly relaxed and focuses on the songs, not on herself. Most of the tracks are covers, and they have been selected from a wide range of sources: Sand performs two Stevie Wonder songs ("Feeding Off the Love of the Land" and "Higher Ground"), the Eurythmics composition "Here Comes the Rain Again," Nancy Sinatra's "Bang Bang," a Lightnin' Hopkins song ("Baby Don't You Tear My Clothes") and the old Arlen-Mercer song "One for My Baby" (made famous in versions by Frank Sinatra and Etta James). She finds a fresh arrangement for most of these, some more acoustic-based, with piano, bass, drums, and vocals as the main ingredients, and others more electric, giving them a bluesy touch with guitar and electric piano. Sand's own composition "Brutal Truth" is one of the album's highlights, a funky R&B song with a soulful groove, and her beautiful piano ballad "Home" quietly ends the album. Not every song on MEET ME AROUND MIDNIGHT is a standout, but even the less exciting arrangements ("At Last") are performed skillfully enough to make the album work as a whole. Sand is a promising new talent on the music scene, and with her subtle feel for dynamics, MEET ME AROUND MIDNIGHT shows more sophistication than you'd expect from a debut album. It's simply a good listen all the way through.




This review was written for the All-Music Guide on November 8, 2007.

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Und passend dazu: Von mir, über uns, für euch ein Review.

Das ist doch mal eine originelle Bandgeschichte: Die beiden Zwillinge Matthew und Nathan Leone, beide vormals in der Gruppe The Blank Theory tätig, bewarben sich bei der US-Realityshow Fear Factor, um Geld für ihr neues Demo zusammenzukriegen. In dieser Ekelversion von Survivor mußten sie unter anderem unter einem fliegenden Helikopter baumeln und rohe Kuhinnereien verspeisen, bis sie den Hauptgewinn von $50.000 ihr Eigen nennen konnten. Das wäre theoretisch richtig cooler Rock'n'Roll, wenn es nicht so dumm und inszeniert wäre - aber die aufregende Backstory für die Promoinfo ist für die Band Madina Lake damit gesichert.

Genaugenommen ist die aufregende Backstory beim ersten Anhören aufregender und origineller als die Musik selbst: Das Debutalbum der Burschen reiht zwölf Pop-Punk-Songs aneinander, die nicht unbedingt einfach von den dreihundertneunundzwanzig Bands aus der gleichen Sparte zu unterscheiden sind. Anstrengend melodiöse, stets zweistimmig-hymnisch produzierte Refrains, glitzernde Gitarren, radioformatierte Songstrukturen. Und das alles noch so dick produziert und mit so wenig Dynamik abgemischt, daß es noch vor der Hälfte ermüdet.

Aber wie so oft ändert sich der Eindruck nach mehrfachem Hören: Zunächst sticht der energiegeladene, souveräne Ohrwurm "House of Cards" mit seinem exaltierten Gesang heraus - nicht umsonst die erste Single - und danach das verhalten brodelnde "River People". Ganz hinten explodiert alles bei "True Love", der Sänger schreit hysterisch, und alles kulminiert in einem kakophonischen Gitarrensolo. Und natürlich setzen sich irgendwann auch die ganzen Melodien im Ohr fest.

Wenn man sich dann ein wenig mit der Band und ihrem Album beschäftigt, merkt man, daß sich Madina Lake sogar ein Konzept für ihr Werk ausgeknobelt haben: Der Bandname benennt eine fiktive amerikanische Kleinstadt aus den Fünfziger Jahren, die quasi eine verzerrte, konzentrierte Version Amerikas zeichnet. Die Songs erzählen von gestorbenen Träumen ("Here I Stand"), von Angstattacken ("Adalia") und von gehüteten Geheimnissen ("House of Cards", in dem der Erzähler zugibt: "I know that you love someone, but that someone isn't me"). In "Me Vs. the World" erzählen die Brüder von der Verzweiflung über den Tod der Mutter, die von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde, als die beiden zwölf waren.

Wie in der titelgebenden Kleinstadt liegen die interessanten Dinge bei Madina Lake auch unter der schönen, glatten Oberfläche. From Them, Through Us, To You mag kein außergewöhnliches Album sein - aber es bietet genug Material, das sich beim näheren Hinhören erschließt und wächst. Nicht alle Songs funktionieren so gut wie die drei obengenannten, aber das Potential für einen weiteren spannenden Ausflug nach Madina Lake ist da. Auch ohne originellen Reality-TV-Ausflug.




Dieser Text erschien zuerst am 5.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Mark Knopflers fünftes Soloalbum: Eine gewohnt leise und dennoch spannende Sammlung von musikalischen Kurzgeschichten.

"I'd kill to get crimson on this palette knife". Ein Maler, der sich nach Farben sehnt. Das Künstlerdasein ist nichts, was man sich aussucht, sondern etwas, das man tun muß: "It isn't a question of having the choice". Und dann schreiben müde Kritiker über das Werk, das sie eigentlich gar nicht interessiert: "A hack writer judges / my swipes and my smudges / he doesn't like pictures with blotches and blots". Mark Knopfler erzählt auf dem Song "Let It All Go" nicht von sich selber, sondern skizziert einen fiktiven Maler aus den Dreißiger Jahren, aber zu den Gedanken dieses Künstlers dürfte er - wie jeder Kreative - einen besonderen Bezug haben.

KILL TO GET CRIMSON ist denn auch der Titel des neuen Soloalbums von Knopfler, der schon seit einigen Jahren in produktiver Regelmäßigkeit neue Songs aufnimmt. Nicht, daß das ehemalige Dire-Straits-Oberhaupt früher faul gewesen wäre: Schon zu Zeiten, zu denen er mit "Money for Nothing" fast unfreiwillig zum MTV-Rockstar wurde und große Stadien füllte, komponierte er nebenher Soundtracks, schrieb Songs für andere Musiker, und ging seiner Vorliebe für Roots-Musik in Country- und Folk-lastigen Nebenprojekten nach. Durch sein Werk zieht sich dabei immer die Konzentration auf das Einfache und Wesentliche - Knopfler schreibt ohne Schnörkel und spielt selbst schnelle Songs mit bodenständiger Ruhe - mitsamt dem sofort vertrauten Spiel seines Stratocasters, das gleichzeitig Wehmut nach der Ferne und ein Gefühl des Heimischen vermittelt.

Knopflers Songs sind dabei zumeist wie kleine Kurzgeschichten, in denen einfache Menschen - oftmals aus ihrer Perspektive geschrieben - gezeichnet werden, quer durch die Geschichte und die Länder. Gerne erzählt Knopfler vom Aufbruch, von den Träumen und den Schwierigkeiten - und dann ebenso oft vom Scheitern. Auch KILL TO GET CRIMSON erweckt wieder eine Reihe gebrochener Figuren zum Leben - sei es nun der einfache Untergebene, der in der lakonischen Räuberpistole "Punish the Monkey" zum alleinigen Sündenbock wird, oder der junge Mann, der aus Hollywood zurückkommt, weil er es nicht geschafft hat ("The Fizzy and the Still"). In "Madame Geneva's" berichtet Knopfler von mittelalterlichen Troubadouren, bei denen man sich mitten in London vor der Hinrichtung für wenig Geld ein Lied kaufen konnte. Viele Geschichten sind nur angerissen - wir erfahren nie, warum dem hoffnungsfrohen Schauspieler der Ruhm versagt blieb - aber jede wirkt wie ein Fenster in ein weiteres Leben.

Musikalisch zeigt sich Knopfler behutsam und unaufgeregt wie eh und je: Das Tempo ist verhalten, zu der Grundinstrumentierung Gitarre-Schlagzeug-Bass gesellen sich nur gelegentlich andere Klangfarben dazu - wie zum Beispiel in der Folkballade "Heart Full of Holes" (dessen mitunter kryptischer Text die Geschichte einer Prostituierten zu erzählen scheint), wo urplötzlich ein Akkordion auftaucht und wie ein Traumbild wieder verschwindet. Das mag Hörern, denen Knopflers Ruhe nicht geläufig ist, oftmals frustrierend langsam und ereignislos vorkommen - gerade die letzten drei Songs bewegen sich nur im Schrittempo nach vorne - aber genaues Hinhören und Eintauchen in die besungenen Welten offenbaren immer wieder feinsinnige Details, spannende Erzählungen - und nicht zuletzt meisterliches Musikantentum: Die altvertraute Band bettet die Songs samtweich ein, während Knopfler selbst so mühelos Gitarrenlinien spinnt, daß es selten auffällt, wieviel Können dahintersteckt.

So ist KILL TO GET CRIMSON, wie schon Knopflers Alben zuvor, wieder ein feines, leises Album, das viel verbirgt. Und in dem eingangs bereits zitierten "Let It All Go" schlägt er dann auch wieder die Brücke zu den Anfängen: "All passion and lust / is going to end in the dust / but you'll hang on some government gallery wall", zeichnet er da das Schicksal des leidenschaftlichen Künstlers. Das hat ihn schon auf dem 1978 erschienenen ersten Album der Dire Straits interessiert: "I've got to say he passed away in obscurity / And now all the vultures are coming down from the tree / So he's going to be in the gallery", sang er in "In the Gallery". Zum Glück bekommt Knopfler die Beachtung schon zu Lebzeiten.







Dieses Review wurde zuerst am 4. November 2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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