September 2007

LICENCE TO FUNK is the eighth album by the Nils Landgren Funk Unit, and again, the Swedish trombonist reconfigures the band's personnel to keep things fresh. He keeps the rhythm section of German drummer Wolfgang Haffner and bassist Magnum Coltrane Price and adds reedman Magnus Lindgren, keyboardist and vocalist Ida Sand, and -- the biggest surprise here -- Detroit guitarist Ray Parker, Jr., author of the hit single "Ghostbusters," who had retired from music in the early '90s and then reappeared on Landgren's collaboration with pianist Joe Sample, CREOLE LOVE CALL, in 2005. After the previous record's experimentation with ABBA tunes (FUNKY ABBA), LICENCE TO FUNK is basically an homage to various types of old-school '70s funk: the dry, hard-edged funk of James Brown's famous rhythm section is celebrated in an energetic cover of Fred Wesley's "House Party," another cover brings back the bouncy disco-funk of the Ashford & Simpson/Quincy Jones classic "Stuff Like That," and there are several nods toward the smooth soul-funk of the Crusaders -- for example, Landgren's own composition "24Hours," with its soft electric piano, relaxed background vocals, and sweet flute melody, or his near-instrumental "Capetown Shuffle" (not to mention a cover of Crusaders bassist Wilton Felder's "Brazos River Breakdown"). Despite the three cover tunes and the large number of comparisons the music brings to mind, LICENCE TO FUNK is neither a full retro album nor a slavish imitation of all those acts -- the Funk Unit is in top form, with tightly locked grooves and inspired soloing, and the record is an excellent showcase for a band that knows how to use a funk rhythm as a springboard to exciting interplay. While all of the musicians are great (and all, except for Lindgren, contribute original songs), Ray Parker, Jr.'s presence is what gives the group that something extra: listening to his opening guitar licks on "Freak U" and the bluesy "Secret" alone makes you glad he's back. The two songs he's written are among the album's highlights: the gritty, driving rhythm of "SampleRayT" inspires some soulful soloing by saxman Magnus Lindgren, and Parker even sings in his instantly recognizable voice on "For Those Who Like to Party." If the Nils Landgren Funk Unit continue to record albums this good, their title-giving licence will never be revoked.




This review was written for the All-Music Guide on September 28, 2007.

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Bevor wir uns mit Elan dem sechsten Teil unserer achtteiligen Ingrid-Steeger-Retrospektive widmen – die, ich möchte es nochmal ganz wortstark betonen, auf ausdrücklichen Wunsch der Chefredaktion hin geschrieben wird und nicht etwa aus einem dringenden Verlangen des Autors heraus, sämtliche Steeger-Paraden zu beaugapfeln – bedanken wir uns mit einem kühlen Glas Hochprozentigem beim nimmermüden Kollegen Schwarz, der mit seiner Analyse der Spektakels ICH, EIN GROUPIE den Beifall nicht nur innerhalb der eigenen Reihen mehr als verdient hat.

Kommen wir also heute zu einem weiteren Begegnungsstreifen, der nun gleich recht schmutzig über meinen Fernsehschirm flimmern wird. Ganz richtig gelesen: Genzel hat mal wieder die Nase vorn und erlaubt es euch heute, einer Weltpremiere beizuwohnen – dem ersten Live-Review auf Mann beisst Film. Ich sitze hier mit dem Notebook bewaffnet auf der Couch und werde über den Film berichten, während er läuft! Alles natürlich im eifrigen Bemühen, der hohen Kunst des Steeger-Rezensierens neue Impulse zu geben, und wie gehabt alles im Dienste der Wahrheitsfindung. Auf geht's: The following takes place between 8.15pm and 10pm.


Der Film beginnt mit dem Ausriß der kecken Steeger aus dem Mädchenpensionat. Sie klettert über den Zaun und redet dabei im Voice-Over über etwas Anatomisches, und schon sammelt ein Autofahrer sie auf und horcht sie über erotische Geschichten aus. Auf der DVD heißt der Film übrigens DIE BLONDE MIT DEM SÜSSEN PO, aber eigentlich handelt es sich bei dem vorliegenden Film um BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN 3, also den dritten Teil dieser Reihe von Report-ähnlichen Omnibusfilmen rund um junge Dinger und ältere, auf den willkürlichen Aufriß wartende Herren.

"Ich bin Kapitän Blaubart", säuselt der nette Autofahrer, und Steeger erklärt ihm gleich, daß sie eine Frau ist, kein Mädchen, und dann reden sie von der Horizontalen. Eines zeigt sich sofort: Wenn man neben dem Filmschauen Texte schreibt, reduziert sich die Aufmerksamkeit ganz auf das Wesentliche. Wie praktisch eigentlich, daß die Dialoge nun auch nichts beinhalten, was man unbedingt hören müßte! Aber prompt machen die da auf dem Schirm Streß: Wir sehen eine Geschichte über Traubenpflücker, und eine blonde Bauerstochter zeigt einem stotternden Jungen ihr eigenes Obst. Natürlich hätten wir jetzt damit gerechnet, daß da zwischen den Trauben auch irgendwelcher Saft produziert wird, aber stattdessen liegt das Knäbelein nun träumenderweise im Bett und phantasiert von der plötzlich kleidungslos gewordenen Pflückerin – doof eigentlich, daß der starke Weichzeichner und der verzerrende Bildeffekt irgendwie völlig die Sicht ruinieren.


Während die jungen Menschen da am Schirm sich ihren Gelüsten nachgeben – was jetzt wohl wieder meine Nachbarn denken? – wandern die Gedanken zu relevanteren Fragen. Zum Beispiel: Wie lange wird so ein Text eigentlich, wenn man anderthalb Stunden am Stück schreibt? Gegebenenfalls müssen wir gewisse Informationen beim Ansehen unterschlagen, weil sie möglicherweise in Wiederholungen ausarten. Wie jetzt gerade: Die sind ja immer noch zugange! Blondchen zeigt im Traubenfeld, wie sie ohne Rock und sonstige Unterkörperbekleidung aussieht, und dann flirten sie ein wenig im Wald, und irgendwie zögern die's ja nun jetzt ganz schön heraus. Stattdessen wäscht sich die nackte Frau jetzt.

Soll sie doch! Vielleicht hilft das was gegen die schmutzigen Gedanken. Die Episoden dieser aufregenden Reihe sind übrigens so entstanden, daß Produzent, Regisseur und Autor Erwin C. Dietrich sich Mädchen gesucht hat, die sich gerne mal vor der Kamera ausziehen würden, und dann mit seiner Crew durch die Lande gefahren ist und irgendwelche Geschichtchen improvisiert hat. Mädchen verführt Junge in der Straßenbahn, Mädchen verführt Lehrer in der Schule, Mädchen verführt Bauersjunge im Heu, Mädchen verführt Filmkritiker im Internet ... ach nein, das gab es damals ja noch gar nicht. Das Strickmuster weist nach einer gewissen Zeit natürlich – hm, wie sagen wir das jetzt? – einen großen Wiedererkennungseffekt auf. Und wenn dann mal genug solcher Vignetten beisammen waren, wurde flugs ein Film daraus geschnitten. Oder auch mal zwei.


Auf dem Schirm werden übrigens gerade diverse Nippel aufgefahren, und entspannte Gitarrenmusik mit jazzigem Getrommel gibt uns zu verstehen, daß es romantisch wird. Und natürlich wird gerade in dem Moment, wo ich einen neuen Absatz anfange, auch prompt die Geschichte abgebrochen, und das Steegerlein erzählt die nächste Episode. Irgendwas mit Klavier und einem Mädchen namens Brunhilde. Da sitzt also ein leicht schmierig aussehender Herr in einem Sessel und lauscht einem älteren Mann, der Chopin zum Besten gibt, und als dann das lüstern lächelnde Töchterlein ins Zimmer kommt, dauert es keine Minute, bis die beiden verschwinden. Spätestens jetzt müßte eigentlich der kritische Leser bemängeln, daß es der bloßen Wiedergabe des nüchternen Geschehens komplett an Spannung mangelt – aber hey, wenn ich da durch muß, müsst ihr das auch. Während sich die beiden Nackten da im Bette tummeln, gönne ich mir ein kleines Päuschen und hole mir mal was zu Trinken.

8.40pm. Die Leute aus der Klavierepisode haben mittlerweile über das Heiraten geredet – da sag noch einer, Softsexfilme seien nicht romantisch! In Episode Nummer 3 befinden wir uns nun auf einem Bauernhof, und eine Praktikantin betastet sich gerade selber, während sie vom feschen Jockl träumt, der gerade im Wald Holz hackt. Es drängt sich eine soziologische Frage auf: Gibt es auf dem Lande mehr Sex, weil es weniger Freizeitbeschäftigungen gibt? Inwieweit tragen also Vergnügungsinstitutionen zur Verschlechterung der Geburtenrate bei? Wenn man sich die Leute auf dem Schirm so ansieht – die Rothaarige ist schon fast nackt, der Jockl ißt mäßig beeindruckt seine Brotzeit – dann dürfte es eigentlich um den Nachwuchs dort sehr gut bestellt sein. Aber jetzt nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung: "Man muß seine Suppe dort löffeln, wo man sie kriegt, und bei mir kriegst du sie nicht", wettert Jockl und jagt die nackte Frau dann konsequenterweise durch's Blumenfeld, nachdem sie ihm gesagt hat, er hätte wohl länger nicht "gebimst". Bimsen? Ich bimse, du bimst, wir bimsen? Gibt es da einen Konjunktiv?


8.50pm. "Den Pullover habe ich nur ausgezogen, damit Sie sicher sind, daß ich eine Frau bin", sagt die junge Schwarzhaarige – wer merkt sich denn die Namen! – dem Herren mit der Autopanne. Man kommt sich wirklich so vor, als wäre hier ein Wettbewerb am Laufen: Wer sich am schnellsten und öftesten auszieht, gewinnt eine Rolle im nächsten Dietrich-Film. Nun habe ich ja, wie jeder eifrige Filmschauer, keinerlei Ahnung, wie es in der richtigen Welt da draußen aussieht – aber vermutlich findet das willige Entkleiden der Damenwelt hier doch eher im als Zeitraffer zu verstehenden Tempo statt. Die andere Frau in der momentanen Episode hat sich gar nicht erst ausgezogen, sondern telefoniert gleich von vornherein nackt. Irgendwie werden die Brüste hier geradezu inflationär aufgefahren.

Und wir haben erst die Hälfte des Films hinter uns.

9.25pm. Obwohl der Film an Aufregung Seinesgleichen sucht, mußte das Live-Review für eine kurze Pause unterbrochen werden: Ein kurzer Besuch des gerade aus England zurückgekehrten Maniac nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch (Geld und ein Warenaustausch waren im Spiel). Eigentlich hätte ich den Film einfach derweil weiterlaufen lassen können, dann wären wir jetzt wenigstens schon bald durch, aber dann hätten wir natürlich auch versäumt, wie der ältere Herr mit dem bleichen Hintern die sechzehnjährige Rothaarige mit den Worten "Du Luder" auf dem Wohnzimmertisch begrüßt.


Die nächste Episode dreht sich um Nadja – jawollja, endlich einmal merke ich mir den Namen, was vielleicht auch daran liegt, daß ich diesen Namen besonders gerne mag; obwohl sich etwaige Nadjas in meinem Bekanntenkreis vielleicht gar nicht freuen würden, im Rahmen dieses LiveReviews grüßenderweise erwähnt zu werden – und findet bei einem Motocross-Rennen statt. Jetzt strengen wir mal unsere Phantasie an: Was macht Nadja beim Motocross? Wird sie vielleicht zum Motocross-Star und zeigt den ganzen Jungs, was ein wenig weibliches Einfühlungsvermögen diesem doch eher maskulin orientierten Sport geben könnte? Der kreative Kollege Haslecker würde jetzt vielleicht gewagte Kameraperspektiven ausknobeln, wo die Kamera auf dem Lenkrad montiert ist, während sich Nadja mit irgendeinem Kerl bei voller Fahrt vergnügt. Aber irgendwas stimmt nicht ... wir haben Nadja bislang noch nicht mal gesehen! Stattdessen sehen wir uns matschiges Motocrossrennen an.

Zeit, sich einmal über die Titelgebung Gedanken zu machen, bis die dann hier mal endlich zu Potte kommen. Wer ist eigentlich "Die Blonde mit dem süßen Po"? Ingrid Steeger? Ist der Po so süß, weil er den ganzen Film über in einem Beifahrersitz verbringt? Jedenfalls ist der Titel viel spannender als BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN 3, der nach ranzigem Aufgewärmtem klingt – obwohl ja diesmal wenigstens auch dem Dialog nach Minderjährige im Spiel sind. Was – sprechen wir es ruhig aus – die Angelegenheit keinesfalls erotischer gestaltet.


Fairerweise dürfen wir nun einem nackten Mann unter der Dusche bei der äußeren Säuberung zusehen. Dankenswerterweise kommt Nadja ins Zimmer, zieht sich schnell aus und legt sich wartenderweise zu ihm ins Bett. Wir verlosen keine Preise unter all denen, die erahnen, was gleich passiert.

9.40pm. Schön langsam wird die Angelegenheit fad. Ha, das war natürlich gelogen! Die Angelegenheit war schon nach zehn Minuten fad, und die Langeweile wird einem erst so richtig klar, wenn man sich vornimmt, zum Film permanent Heiterkeit zu texten. Babsi - jaja, die Steeger - steht grad Nacktmodell, und irgendwelche versifften Maler phantasieren von anderweitigen Pinseleien in einem geschmacklosen Hotel. Der Spaß dauert noch weitere 21 Minuten, und ganz in der Tradition der vorangegangenen Streifen dürfte auch hier ein ganz aufregender Twist zum Abschluß die Phantasie auf ganz andere Art und Weise anregen. Überhaupt wäre ein wenig Anregung durchaus wünschenswert, obwohl sich die zwei auf der Mattscheibe da gerade mit Dutzenden von exotischen Stellungen reichlich abmühen.

Jetzt poltert schon der dritte Maler ins Hotel, und schon wieder steht Ingrid Steeger mit einer anderen Perücke nackt im Zimmer herum. Waren eigentlich Kinogänger seinerzeit so richtig begeistert von diesem Streifen? Sind die 82 Minuten lang da drin gesessen und haben jede Minute so richtig genossen? War nackte Haut wirklich so aufregend, daß man bereitwillig sein hart Erspartes für so eine Ansammlung von bewegten Herrenmagazinen ausgegeben hat? Oder haben die alle gezahlt, dann flott Hand angelegt, und die restlichen 72 Minuten lief der Film dann ohne Zuseher? Fragen über Fragen. Aber wer sich zu dieser müden Busenparade selber anfäßt, tut das höchstens aus Langeweile.


9.50pm. Die Anhalterin ist mittlerweile mit dem netten Autofahrer in einem rustikalen Gasthaus abgestiegen, weil der mit Reißwolfgrinser ganz unvermittelt gesagt hat: "Ich kenne da ein hübsches Plätzchen, wo wir zwei übernachten können". Lustig wäre es ja jetzt, wenn sie in ein Kino gehen würden, wo dieser Film läuft. Aber den Gefallen tut uns der Film natürlich nicht. Während sich das Aktmodell gerade von einem Schönling im Auto zu einer "Temporunde" hinreißen läßt, müssen wir der Wahrheit ins blanke Auge blicken: Vielleicht ist das Experiment mit dem Live-Review gescheitert, vielleicht hätten wir das Gewippe auch lieber in drei Absätzen mit der Gewißheit absegnen können, es hinter uns gelassen zu haben. So sind wir vielleicht ein wenig unfair zu diesem Exponat Dietrichscher Filmkunst, das prinzipiell total harmlos und natürlich ganz züchtig ist. Stellen wir uns doch mal vor, die letzten 11 Minuten wären jetzt so gut, daß ich das ganze Review umschreiben müßte!

Na gut, das war eine zugegebenermaßen eher hypothetische Überlegung. Ingrid steht nämlich gerade nackt bei einem Mann in einer Waldhütte, der seinen Karnickeln bei der Fortplanzung zusieht. Wie aufregend wird es nach diesen 82 Minuten sein, sich wieder bekleidete Frauen anzusehen! Und nun vergnügt sich Ingrid – man merkt doch, daß ihre Beteiligung hier viel facettenreicher ausgefallen ist als noch in den vorangegangenen Filmen – mit dem übergewichtigen Kerl, dessen blanker Hintern sich keck in Richtung Kamera richtet. Selten waren die letzten Minuten eines Filmes nervenaufreibender.

10.00pm. Und nochmal ausziehen, diesmal für den Autofahrer, und dann ist's genug. Ah, der Twist: Der liebe Mann weiß nicht einmal, wie das Mädchen heißt! Zu lustigem Hammond-Georgel wird ausgeblendet, und wir können getrost ausschalten. Klappe zu, Affe tot, Zirkus pleite.

Für den siebten Teil unserer Retrospektive konnte übrigens die mutige Kollegin Mikolajek gewonnen werden, die mit beinahiger Todesverachtung den Steeger-Film DIE SEX-ABENTEUER DER DREI MUSKETIERE rezen- und sezieren wird und uns dabei gewissermaßen den weiblichen Blick auf die, räusper, erotischen Spektakel aus dem Hause Dietrich gewähren wird. Freut euch drauf!






Die Blonde mit dem süssen Po (Schweiz 1972)
Originaltitel: Blutjunge Verführerinnen - 3. Teil
Alternativtitel: Die Blonde mit süssen Busen
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: "Manfred Gregor" (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Produktion: VIP/Axis
Darsteller: Ingrid Steeger, Karin Hoffmann, Margit Sigel, Nadine de Rangot
Länge: 82 Minuten
FSK: 16



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Wir sind Helden's downward slope continues with their third album: given the brilliancy of their debut, DIE REKLAMATION, their 2005 follow-up, VON HIER AN BLIND, disappointed, with only a handful of songs reaching the intelligence of their predecessor. SOUNDSO, their third album, followed in 2007, and most of it is simply redundant: it's pleasant, and it means well, but it's never compelling. "Endlich ein Grund zur Panik!" -- "Finally, there's reason to panic!" -- the first single's chorus exclaims, but, quite frankly, little on the album would even be reason to mild excitement. SOUNDSO features Helden's keyboard-driven funk rock on a few songs, while the majority of the record continues in the guitar-based pop vein of the second album, all of it written to highlight Judith Holofernes' sometimes tender, sometimes girlish voice. The problem is that most of the songs sound bland and generic, and the production doesn't help: most of the songs ("Soundso," "Labyrinth") don't have any space to breathe, most of them are too polished to generate any friction, and while melodies exist, they're not particularly gripping. And where Wir sind Helden's songwriting used to combine clever wordplay with intelligent observations, SOUNDSO's songs are simply banal. Holofernes strives to write clearer, less ambiguous lyrics than before, but it robs the songs of everything that made them interesting in the first place. Which is even more disappointing considering the fact that all members of Wir sind Helden are intelligent people whose interviews are much more thought-provoking than their music is: the four of them manage to speak about work and what it means to people with enough insight that it would put most politicians to shame, but when they write a song about it, they can't even fill three minutes with their reflections ("[Ode] An die Arbeit" -- [Ode] To Work). "Endlich ein Grund zur Panik" is about public fear, but it doesn't manage to say anything about its theme, while "Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst" (The War Comes Back Faster Than You Think) doesn't even express anything that goes deeper than its title. Yes, the band wants to be received on a less political and more personal, serious level -- but SOUNDSO is simply lazy, especially when you know they managed to be both funny and serious, both political and personal the first time around. The album is listenable and nothing on it is exactly bad -- but if a newcomer band had delivered it, it would simply be ignored.




This review was written for the All-Music Guide on September 19, 2007.

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If one single record was responsible for the renewed popularity of German-language pop and the subsequent emergence of numerous new acts, it was Wir sind Helden's 2003 debut, DIE REKLAMATION, which quickly became one of Germany's best-selling albums, shifting over 800,000 units. Listening to the album, it is easy to hear why: the 12 songs on the CD aren't only appealing musically -- mixing keyboard-driven New German Wave pop with rock and funk to infectious results -- but also lyrically, with clever wordplay, funny one-liners, intelligent observations about society, and introspective accounts of more personal subject matter. The two best-known songs are the first single, "Guten Tag" -- a catchy synth-based funk song and a biting satire of consumerism ("Tausche blödes altes Leben gegen neue Version" -- "Will exchange stupid old life for new version") -- and the more anthemic power ballad "Denkmal" (Memorial), which draws an original metaphor of a relationship set in stone. The other songs offer enough inspired writing, too: the catchy pop of "Müssen nur wollen" ("Have to want") -- whose stab at a performance-oriented society was largely misunderstood as a motivational song! -- or the sly groove of "Rüssel an Schwanz" ("Trunk to Tail") with its synth squeaks. There are a number of slower, more quiet numbers, and they work well within the context of the album. Wir sind Helden's sound often drew comparison to early Nena (also thanks to the fact that both are fronted by a woman) and other New German Wave acts, often employed by critics to suggest the group was a mere rip-off, but Helden incorporate the style into their music with a healthy bit of irony, and they even manage to keep the difficult balance between tongue-in-cheek fun and serious earnestness. DIE REKLAMATION is easily one of the best German pop albums -- good enough that Wir sind Helden themselves, despite continuing popularity, didn't manage to reach its quality again on subsequent releases.




This review was written for the All-Music Guide on September 13, 2007.

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Noch eine Black-Sabbath-Reunion: Diesmal mit Ronnie James Dio. 

Als Ozzy Osbourne Ende der 70er Jahre aus Black Sabbath, der Mutter aller Heavy-Metal-Bands, gegangen wurde, kam Sänger Ronnie James Dio als Ersatz herein. Die Neufassung der Band - nach kurzer Zeit auch mit neuem Schlagzeuger - nahm zwei Alben auf, die nicht sehr erfolgreich waren: Zu viele Spuren hatte Ozzy in der Gruppe hinterlassen, zu sehr drängte sich der Vergleich mit ihm auf. Sabbath-Gitarrist Tony Iommi behielt den Bandnamen bei, wechselte die Besetzung immer wieder auf's Neue - lange noch, nachdem der Name Black Sabbath schon seine Relevanz verloren hatte. Anfang der Neunziger kam Dio für ein weiteres Album wieder dazu, aber wieder blieb die Gruppe so nicht bestehen.

Die vergangene Zeit erlaubt nun einen Rückblick auf diese Variante von Black Sabbath, zumal mit den erfolgreichen Ozzy-Reunions das Interesse an der Band wieder erwacht ist. Für eine Retrospektiv-Compilation der Dio-Jahre lud Iommi die damalige Besetzung - Dio, Bassist Geezer Butler und Schlagzeuger Vinny Appice - ein, drei neue Songs für den bevorstehenden CD-Release einzuspielen. Aus der kurzen erneuten Zusammenarbeit entwuchs dann schnell eine umfassende Reunion, die mit großer Tournee die Dio-Sabbath wieder auferstehen läßt - diesmal unter dem Bandnamen "Heaven & Hell", ausgewählt nach dem ersten Sabbath-Album mit Dio, und eventuell hätte ein neuer Name schon damals erlaubt, diese Gruppe nicht als "Sabbath ohne Ozzy" wahrzunehmen, sondern als veritable, klassische Metal-Band. Passend zur Tournee erscheint ein Konzertmitschnitt aus der New Yorker Radio City Music Hall wahlweise auf Doppel-CD oder auf DVD. Beide Formate fangen einen wuchtig donnernden Rockabend ein, der innerhalb von wenigen Minuten schon ausverkauft war.

Bei nur drei Alben bietet die Songauswahl natürlich eher wenige Überraschungen: Sechs der acht HEAVEN & HELL-Songs werden gespielt, fünf vom THE MOB RULES-Album sind dabei, plus drei des Neunziger-Nachklapps DEHUMANIZER sowie zwei Neukompositionen, die sich nahtlos in das Geschehen einfügen. Aber auch wenn die anwesenden Fans mit den meisten der dargebotenen Songs gerechnet haben, heißt das nicht, daß die Gruppe die Stücke lieblos herunterspielt. Im Gegenteil: Jeder der Songs strahlt in dem monolithischen, tonnenschweren Fundament, das die Band in den typischen stoischen Rhythmen baut. Dio sieht zwar nicht mehr ganz frisch aus, singt aber mit viel Energie und kümmert sich - ganz Metal-Held - nebenher noch rührend ums Publikum, dem er regelmäßig dankt und die Hände schüttelt. Iommi und Butler stehen fast regungslos im Hintergrund - sehr ernst und konzentriert - aber ihr müheloses Zusammenspiel gibt jedem Song den nötigen Fluss und die packende Präsenz. Hinter ihnen ackert Appice wie ein Stier, aber trotz allem Aufwand an seinem dreihundertfünfzigtausendteiligem Schlagzeug bleibt der Groove klar und präzise.

Und jetzt kommt die Überraschung des Sets: Nicht nur, daß die Reunion überhaupt nichts von dem miefigen Geruch an sich hat, den solche Unterfangen oftmals mit sich ziehen - die Band wirkt frisch und energiegeladen, und durch die Konzentration auf die Songs der Dio-Zeit erlaubt das Konzert auch, diese Besetzung als eigenständige und spannende Gruppe wahrzunehmen. Vielmehr ist es sogar noch so, daß die Aufnahme nicht nur für nostalgische Menschen interessant ist, die sich an die Zeit mit Dio erinnern - im Gegenteil. Anders als bei den meisten angestaubten Neuauflagen kann hier selbst ein ganz neuer Hörer noch Interesse finden.

Die Doppel-CD bietet musikalisch genau dasselbe wie die DVD - und das Konzert funktioniert auch, wenn man die Musiker nicht sieht. Was nicht heißen soll, das Bild auf der DVD wäre überflüssig: Der Mitschnitt findet den richtigen Schnittrhythmus und ist mit meist ruhiger Kamera meistens ganz nah bei den Musikern und fängt die Stimmung des Abends gut ein - inklusive der gigantisch großen Halle und dem großen Bühnenaufbau. Zusätzlich auf der DVD ist ein wenig Bonusmaterial - z.B. eine Art Roadmovie mit der Band - und für ganz Eifrige gibt es noch ein Doppelpack, wo sowohl CD als auch DVD enthalten sind sowie Poster, Tourpass und Photocards.




Dieser Text erschien zuerst am 12. September 2007 bei Fritz/Salzburger Nachrichten.

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Für Teil 5 der Steeger-Retrospektive übergebe ich das Wort an Christoph Schwarz, der den folgenden Gastbeitrag schrieb.

"It's closer to your sensibilities." Mit diesen Worten, mit denen schon Stanley Kubrick A.I. an Steven Spielberg übergab, vertraut mir Kollege Genzel den 5. Teil der Ingrid-Steeger-Retrospektive an, ICH - EIN GROUPIE. Wohl meint er, dass ich als Musiker mehr über Groupies und das Leben im Zeichen des Rock'n'Roll sagen kann. Doch selbst jemand wie ich, der die Mötley-Crüe-Autobiographie THE DIRT zu seinen Top-5-Büchern zählt, kann von dem Film noch etwas lernen.

Am Anfang herrscht noch business as usual. Die blutjunge und unschuldige Vicky (Ingrid Steeger) lustwandelt im Swingin' London der 60er durch den Hyde Park, stößt dort inmitten von Bäumen und Wiesen auf eine vollelektrisch performende Rockband und kann sich nicht mehr losreißen. Als Rocker weiß man natürlich, dass man sich nur eine Gitarre umzuschnallen und in ein Mikrophon zu plärren braucht und schon fallen einem die Mädchen um den Hals. Und weil der Leadsänger ganz offenbar ein echter Rocker ist, nimmt er Vicky auch postwendend mit in die Kommune, wo er sie mit ihrem ersten Joint gefügig macht. High werden ist nämlich was Gutes und Alkohol macht ohnehin dumm, erklärt er ihr.


Die Drogen wirken schnell und die beiden stürzen sich in den gerade beginnenden, monogamen Gruppensex. Jeder vögelt im selben Bett, aber jeder bleibt bei seinem Partner. Tauschvorschläge werden entrüstet abgewehrt. Das wäre ja auch unanständig. Am nächsten Tag natürlich die Frage, die jeder Rockstar kennt: "Liebst du mich?" Der Leadsänger windet sich raus, haut nach Berlin ab und lässt Vicky sitzen, der Schuft. Die lässt sich jedoch nicht so einfach abwimmeln und bricht zusammen mit ihrer Groupielehrerin Vivian auf, um ihren Sänger zu suchen. Leider reicht das Geld nur bis Amsterdam. Doch die nächste Band ist schnell aufgegabelt, der billige Stoff schnell gekauft und ab geht es ins bürgerliche Zürich. "Dort kann man die besten Geschäfte machen", weiß Mentorin Vivian. Den Shit ins Höschen gesteckt und am trotteligen Schweizer Zoll vorbeigeschmuggelt und fürwahr, der Deal in Zürich ist schnell gemacht und eine Jugendclubband, die den beiden für eine Nacht eine Bleibe verschafft, ist auch hier prompt gefunden (alle Bands spielen übrigens den selben psychodelischen Bluesrock, und ich glaube, es ist sogar derselbe Song. Eine versteckte Kritik an der Konservativität des Rock'n'Roll?). Hier kommen Vicky ihre in Amsterdam erlernten Skills zugute, hatte doch der dortige Sexualpartner von ihr verlangt "ihn in den Mund zu nehmen". Und Vicky lernt schnell. Dem Züricher Drummer wird gleich während des Auftritts auf der Bühne der Marsch geblasen (uff, is' der bemüht). Die Aftershowparty findet dann in Form einer FKK-Grillerei im Wald statt, wo Vicky dann auch ein ganz freies und spirituelles Naturverbundenheitserlebnis hat - sie badet nackt im See. So stellen sich Spießer wohl das Rock'n'Roll-Leben vor.

Doch wie es der Teufel so will, fahren in dem Moment ausgerechnet die Hell's Angels auf ihren Motorrädern vor, und die sind ja nicht erst seit Altamont als eher rüde Burschen bekannt. Warum sie alle Hakenkreuzschleifen am Oberarm tragen, wird zwar nicht näher erläutert, aber ich vermute, es soll einfach ihr Bösentum unterstreichen. Jedenfalls wird Vicky brutal aus dem See geschleift, da hat Sich-wehren keinen Sinn. Hier wartet eine Lektion auf uns – wenn man nur genug körperlichen Druck ausübt und lange genug mit seinem Motorrad durch die Gegend fährt, werden alle Groupies zahm.


War der Film bis jetzt kurzweiliger und aufgrund seiner dilettantischen Machart unterhaltsamer Blödsinn, der mit nackter Haut Zuseher ziehen will, wird er ab hier zum Ärgernis, weil er beginnt, sich ernst zu nehmen. Die dunklen Seiten des Groupielebens wollen beleuchtet werden und die Moralkeule schwingt gar heftig. Die Drogen werden härter, die Trips schlimmer, der Sex bleibt nicht nur wahllos, sondern wird auch immer mehr Mittel zum Zweck, und Heroin macht trotzdem immer noch in erster Linie geil und nicht etwa high oder gar tot.

Am Ende will Vicky endlich aus dem Teufelskreis ausbrechen und läuft im Drogenrausch nackt auf die Straße, um viele, viele Ecken, und dann prompt vor ein Auto. Wenn sie dann unbekleidet und im eigenen Blut tot auf der Straße liegt, ist die Botschaft klar - Rock'n'Roll führt zu Drogen, Promiskuität, Kriminalität, Abhängigkeit und konsequenterweise in den Tod. Groupies sind Schmarotzer, die für Geld, Drogen oder ein Dach über dem Kopf mit allen Männern schlafen.


Ansonsten ist halt das Übliche zu bemängeln: Die Schauspieler bewegen sich holprig und sagen ihre Texte auf, das Drehbuch ist voll von Hörspieldialogen, die dir alles erklären, was ohnehin im Bild zu sehen ist, die Figuren sind immer und überall willig, und Inszenierung und Ausstattung bemühen auch jedes letzte Klischée über den Rock'n'Roll und die 60er, das man nur haben kann, wenn man nie dabei war.

Als Film ist ICH - EIN GROUPIE also eine Vorgabe, im Kontext der Zeit gesehen, in der er entstanden ist, wird er schon interessanter. Zum einen sollen nämlich mit dem Tabubruch (nackte Haut und dargestellter Sex) die Menschen provoziert und ins Kino gezogen werden, zum anderen distanziert sich der Film nicht nur von den Taten seiner Protagonisten, nein, er bestraft sie auch noch dafür. Der tatsächlich gezeigte Tabubruch beschränkt sich meist auf nackte Menschen, und wenn schon Sex, dann ist nur die Missionarsstellung erlaubt. Im Kern ist ICH - EIN GROUPIE also gutbürgerlich, spießig und unschuldig, ganz im Sinne seiner Zeit.

Die wichtigste Lektion zum Schluss: Das Beste an solchen Filmen sind Genzels Rezensionen. Deshalb sei für Teil 6 der Ingrid-Steeger-Retrospektive das Wort wieder an ihn übergeben ...





Ich - Ein Groupie (Deutschland/Schweiz 1970)
Alternativtitel: Das Mädchen mit dem Einwegticket / Sesso a domicilio
Regie: Erwin C. Dietrich
Drehbuch: Erwin C. Dietrich
Darsteller: Ingrid Steeger, Vivian Weiß, Rolf Eden

Länge: 89 Minuten
FSK: 16



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Wenn man an Owen Wilson denkt, denkt man prinzipiell mal an jede Menge brillanten und/oder fürchterlichen Klamauk mit Ben Stiller (ZOOLANDER) und noch mehr Klamauk ohne selbigen (DIE HOCHZEITS-CRASHER). Aber dann gibt es noch einen Owen Wilson - einen ernsteren, der zum Beispiel zusammen mit Wes Anderson als Autor tieftraurige, absurd komische Schrulligkeiten ausgeknobelt hat. Und dieser andere Wilson spielt die Hauptrolle in THE MINUS MAN, der Verfilmung eines Romans von Lew McCreary über einen ganz normalen Serienkiller.

THE MINUS MAN ist ein Film über die Banalität des Bösen, über einen Menschen, der keinerlei Eigenschaften besitzt - außer jener, daß er gelegentlich im Inneren den Drang verspürt, einen willkürlich ausgesuchten Menschen zu töten. Er ist dabei nicht brutal - nur "gerade so viel wie nötig", wie er uns wissen läßt. Die Geschichte kreist um ihn als Hauptfigur, und ganz nüchtern läßt uns der Film ein klein wenig in seine Gedankenwelt hinein - in der weder tobender Wahnsinn herrscht noch abgründiger Sadismus, sondern eine völlig alltägliche Beiläufigkeit.


"Wir suchen uns die Dinge nicht immer aus, die wir tun", erklärt uns Vann, der Killer, schon recht früh: "Manchmal suchen sie uns aus". Vann kommt gerade in einem kleinen Städtchen an, wo er sich ein Zimmer bei einer Familie mietet, die ihn schon bald als Sohn betrachten, weil ihre eigene Tochter seit Jahren verschwunden ist. Der Hausherr verschafft Vann einen Job bei der Post, und Vann wirft sich mit Freude an die Arbeit. Er versucht, ein Leben zu leben, wie es andere Menschen auch tun. Nur gelegentlich fällt Vann in Tagträume, in dem zwei FBI-Agenten ihn quasi als Gewissen verhören - aber die Sequenzen zeigen keinen aufsteigenden Irrsinn, sondern eher ein inneres System der Ordnung, das Vann als Ventil für seine dunklen Gedanken dient.

Dabei ist Vann wie ein Platzhalter - ein Mensch, der sich durch nichts auszeichnet und der keine Eigenheiten mitbringt. Er hat keine Vergangenheit, er ist zurückhaltend freundlich, aber im Prinzip ganz leer. Sicherlich ein Grund, warum Menschen um ihn herum das auf ihn projezieren, was sie brauchen: Die Gastfamilie, die ihn als Kindersatz aufnimmt. Eine Mitarbeiterin bei der Post, die naiv mit diesem jungen Mann anbändelt und seine Leere vielleicht als spannend und rätselhaft empfindet.

"Ich suche nach der Bedeutung der Dinge", sagt Vann an einer Stelle, aber alles in seinem Leben ist bedeutungslos, und alle seine Taten sind bedeutungslos. Entsprechend unspektakulär erzählt der Film seine Geschichte: Vanns Arbeit bei der Post nimmt ebensoviel, wenn nicht mehr, narrativen Platz ein wie seine mit Gift ausgeführten Morde. Im Interview bezeichnet Fancher Vanns Leben als "Simulation": Er bemüht sich, normale Dinge zu tun, aber er ist in allem wie ein seelenloser Android, der sich allein um Sinnhaftigkeit bemüht. Der Bogen von THE MINUS MAN zu BLADE RUNNER, zu dem Fancher das Drehbuch schrieb, ist also gar nicht allzu weit gespannt.


Wilsons Darstellung von Vann ist erstaunlich gut, weil er quasi Normalität spielt - also einen Menschen, der normal tut - und weil er unaufgesetzte Freundlichkeit vermittelt und keine Abgründe, und Fancher nutzt Wilsons hellblondes Unschuldsgesicht als Projektionsfläche, setzt seine gleichförmige Stimme als fast einlullende Präsenz ein. Auch das Ensemble um Wilson ist durchweg glaubwürdig: Erst die Reaktion der verschiedenen Figuren auf Vann zeichnet ihn ja für uns als Figur. Am Anfang des Films spielt Popsängerin Sheryl Crow einen heruntergekommenen Junkie, und ihre Darstellung ist so überzeugend, daß man sich wünscht, sie würde mehr spielen.

THE MINUS MAN ist kein spannender Film. Nicht im herkömmlichen Sinne. Es gibt keinen Plot, in dem Polizisten dem Täter auf die Spur kommen, keinen emotionsgeladenen Höhepunkt. Alles wird im gleichen, gemächlichen Tempo erzählt, und das Verstörende liegt - wie bei Vann selber - unter der alltäglichen Oberfläche. Aber gerade der Verzicht auf herkömmliche Serienkiller-Muster macht den Film zu einer einzigartigen, hochintelligenten Auseinandersetzung mit der Frage, warum es Menschen gibt, die zu solchen Schreckenstaten fähig sind. Vann, der eigenschaftslose Mann, will vielleicht einfach nur Spuren seiner eigenen Existenz hinterlassen.





The Minus Man (USA 1999)
Regie: Hampton Fancher
Drehbuch: Hampton Fancher
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Owen Wilson, Brian Cox, Janeane Garofalo, Mercedes Ruehl, Dennis Haysbert, Dwight Yoakam, Sheryl Crow, Larry Miller
Länge: 107 Minuten
FSK: 12


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Steeger und kein Ende! Im vierten Teil unserer Retrospektive wollen wir uns nun dem ersten Teil jener Reihe widmen, von der wir uns den zweiten Teil schon mit kritischem Auge zu Gemüte geführt haben - und weil die Filme eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, macht das eigentlich auch gar keinen Unterschied. Previously on Ingrid-Steeger-Revue: Genzel guckt total viel nackten Blödsinn aus dem acht DVDs umspannenden Boxset, kalauert ein wenig herum und kommt weitestgehend zu dem Ergebnis, daß die Filme allesamt völliger Schmumpf sind.

Auch BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN wurde von Erwin C. Dietrich produziert, der sich wahrscheinlich Gedanken gemacht hat, was junge Mädchen und ältere Männer miteinander tun könnten, wenn die Kegelbahn geschlossen und der Hund die ganzen Mühle-Spielsteine gefressen hat. Das Ergebnis ist ein heiterer Omnibusfilm, der seine - ich mag es heute mal nicht Episoden nennen, sagen wir lieber: - Histörchen mit einer Rahmenhandlung verknüpft, in der eine Gruppe von Zeitschriftenredakteuren Geschichten zum Besten geben, die der Chefredakteur in einer neuen Artikelreihe "Blutjunge Verführerinnen" veröffentlichen mag. Übrigens, hat es jemand gemerkt? Der obige Einschub - "ich mag es nicht Episode nennen" - ist ganz im Sinne Reich-Ranickis geschrieben, der das Wort "Roman" bei Mißfallen des Werkes auch immer nur noch mit ganz spitzen Fingern angefaßt hat. Wenn ich irgendwann einmal ein 16:9-Bild füllen kann und in einer cineastischen Debatte im Fernsehen hocke, werde ich mit Wonne seinem Vorbild folgen: "Sie fischen im Trüben, Kollege Schwarz."


Aber ich schweife wohl ab. Jedenfalls spult der Streifen eine ganze Latte (was für ein, in unserem heutigen Kontext, ambivalentes Wort! Da fällt uns sicherlich ein paar Sätze später noch ein gelungener Wortwitz ein) quasi erotischer Geschichten ab, in der junge Mädchen sich so sehr nach der Zuneigung beliebiger Herrschaften sehnen, daß sie dafür ihr allerletztes Hemd geben. Wie jugendgefährdend diese aneinandergereihte Serie von Rüsselwestern tatsächlich ist, zeigt sich hervorragend an der Tatsache, daß der Film bei Erscheinen 1970 von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde, heute allerdings mit einer FSK-16-Freigabe davonkommt. Will heißen: Ein blanker Busen, ein nackter Po, ein bißchen Wackeln und ganz viel Schweineorgel, aber im Prinzip alles sehr unschuldig und fast züchtig.

Obwohl man ja etwas anderes vermuten könnte, hat sich der Film in Punkto Kreativität die Latte nicht sehr hoch gelegt (Tusch!), weshalb die Episoden meist eher nach altbekanntem Prinzip ablaufen. Merke: Es gibt keine Röcke, die über die darunter getragene Unterwäsche hinausreichen, es gibt keine unwilligen jungen Frauen, die eventuell an wildfremden Männer in der Straßenbahn gar nicht interessiert sind, und die Welt unterteilt sich strikt in Frauen mit Aussehen und Männer mit Charakter. Schwer befremdlich eine Episode, wo ein Tankwart jedem Volltanker noch in der Werkstatt seine willige Frau zur Verfügung stellt, richtig alltäglich dagegen der Part in der Straßenbahn, wo das rothaarige Mädchen lasziv ihren Lollipop lutscht, kurz darauf mit einem aufgerissenen Kerl über den Waldboden rollt und dieser ihr die Brüste knetet, als wolle er eine Lehmbüste von Stalin modellieren.


Ingrid Steeger taucht auch hier nur in einer einzigen Episode auf, in der sie ihre Klavierlehrerin erforscht. Allerdings ist der Klavierlehrerberuf ja ein bislang von der Report-Reihe schwer vernachlässigter Berufszweig, der in Punkto Aufklärungsbereitschaft ja den Stewardessen und Oberförstern in nichts nachstehen dürfte. Lustige Wortspiele für die Dialoge bieten sich im orchestralen Bereich ja überhaupt an ("Frau Müller, ich überlasse Ihnen heute mal die Bläser"). Jaja, ich weiß schon: Das Niveau, das Niveau. Genzel, in die Ecke stellen und schämen. Was kann man tun, man paßt sich an.


Aber wir schweifen ja schon wieder ab. Obwohl es eigentlich gar nicht mehr wirklich viel zu sagen gibt - außer vielleicht, daß sich zum Schluß noch die Sekretärin des Chefredakteurs ganz wollüstig entblößt, nachdem wir in einem SIXTH-SENSE-ähnlichen Twist darauf gekommen sind, daß alle Redakteure die Geschichten, die sie erzählt haben, am eigenen Leibe erlebt haben! Jetzt mockieren wir uns aber gar nicht mal, schließlich sind die VERFÜHRERINNEN weitaus harmloser und mit zugekniffenem Hühnerauge unterhaltsamer als der schon beäugte LÜSTERNE TÜRKE. Da brauchen wir uns gar nicht so sehr auf das fehlende Niveau zu versteifen (doppelter Tusch!).

Teil fünf unserer immer alberner werdenden Steeger-Retrospektive wird übrigens der aufrechte Kollege Schwarz übernehmen, der sich mit nüchternem Blick den Streifen ICH, EIN GROUPIE vorknöpft. Das macht er, weil er selber Rockstar ist. Wir dürfen gespannt sein!





Blutjunge Verführerinnen (Deutschland/Schweiz 1971)
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: Manfred Gregor (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Produktion: Avco / Afiba
Darsteller: Ingrid Steeger, Evelyne Traeger, Renate Pelster, Rena Bergen, Margit Sigel
Länge: 80 Minuten
FSK: 16



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Juli are like a placebo. It's that simple. The Germany-based pop/rock band appeared on the scene shortly after Wir sind Helden's 2003 debut paved the way for German-language pop groups (especially those fronted by a woman), and they managed to sell half a million copies of their debut album on the strength of two hit singles, but that doesn't mean their music is in any way compelling. Juli's music is so thoroughly middle-of-the-road, so perfectly bland, and so determined not to offend the listener in any way that the result leaves no taste behind whatsoever. The album has 12 songs, all completely formulaic -- indie pop verses, anthemic rock chorus, pseudo-introspective lyrics -- and the two singles ("Die perfekte Welle" and "Geile Zeit") are indicative of the rest of the album. There's even the obligatory piano-based ballad at the end of the album, and singer Eva Briegel's voice could be easily mistaken for Wir sind Helden's Judith Holofernes in the more introspective moments. Now, none of this would be fatal -- pop music doesn't have to be innovative, and is often formulaic enough and middle-of-the-road -- if the group had any identity of its own, but anybody could sing these songs: the fact that the band performs a German version of Ashlee Simpson's "Autobiography" (called "Tränenschwer," i.e. "Heavy with Tears") without any kind of twist or freshness is a case in point. Yes, the band is professional, able to deliver solid backing, but they also sound completely interchangeable. Which brings us back to the placebo comparison: Juli sound like rock, but they lack the style's wildness and unpredictability (instead, they're just loud, with compressed guitars on the chorus); they sound like songwriters, but their lyrics are uninspired and generic in their evocation of melancholy end-of-relationship feelings; and they sound like pop, but they lack the uniqueness of a truly compelling pop act. Which ultimately means that Juli aren't terrible to listen to, and they're professionally crafted, but they're also completely uninspiring.




This review was written for the All-Music Guide on September 11, 2007.

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Herzlich willkommen zum dritten Teil der achtteiligen Ingrid-Steeger-Retrospektive, in dem wir uns dem zweiten Teil der dreiteiligen Reihe BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN widmen - und das perfiderweise, bevor wir über den ersten gesprochen haben! Jawollja, erneut gelingt es Genzel, subversiv das brüchige Gerüst der Normalität zu unterwandern und sich erhobenen Hauptes gegen das Establishment zu stellen. Auf der DVD bzw. in der Steeger-Box heißt der Film übrigens nicht BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN - 2. TEIL, wie noch im Kino, sondern spaßeshalber einfach SEX UND NOCH NICHT 16, obwohl jede Protagonistin volljährig ist und das Alter selbiger auch mit einer einzigen Ausnahme überhaupt nicht zur Sprache gebracht wird. Eventuell spielt ja der neue Titel auf die Zielgruppe der Zuseher an, aber wenn die mit 15 und darunter schon Sex haben, warum sollten sie sich dann Ingrid-Steeger-Filme ansehen? Rätsel über Rätsel.

Der Softsex-Streifen wartet mit einer Inhaltsangabe auf, die ich meinen treuen Lesern auch nicht vorenthalten möchte: "Ein Report über junge Mädchen von heute, die ohne Scham die Hüllen fallen lassen, um einen Mann der gefällt zu verführen. Sie machen es nach Lust und Laune im Liegewagen eines D-Zuges, im LKW, im Kollektiv eines Bowlingclubs, in Scheunen. Blutjunge Verführerinnen sind zwar Ausnahmen, trotzdem sollte man die Geschichten zur Kenntnis nehmen."


Potzblitz! Endlich erfahren wir, was junge Mädchen wirklich machen, und die kurzzeitige Überlegung keimt auf, SEX UND NOCH NICHT 16 gegebenfalls gleich unter der Sparte "Dokumentation" abzulegen. Aber, ach, es regt sich der Skeptiker in mir. Wieso unterscheidet sich das, was die blutjungen Verführerinnen in ihrer Freizeit machen, kaum von dem, was Schulmädchen, Krankenschwestern, Hausfrauen, Ostfriesen, Bademeister, Skihaserl, Hostessen und Briefträger anstellen, denen ja in den heiteren Siebziger Jahren allesamt auch schon eigene Reportagen gewidmet wurden? Der Verdacht drängt sich durchaus auf, daß Schulmädchen, Krankenschwestern, Briefträger etc. mehr gemeinsam haben, als man annehmen könnte - oder, daß die ihre Verhaltensmuster studierenden Filme bei genauer Betrachtung in Punkto Wissenschaftlichkeit Defizite aufweisen.

Der Film reiht eine lose Folge von Episoden aneinander, in denen blutjunge Verführerinnen in etwa das machen, was man sich angesichts des Titels so vorstellt. Zusammengehalten wird der bunte Reigen vom Gespräch eines Drehbuchautoren mit seiner Sekretärin, die sich gemeinsam eben jene "Kurzgeschichten" ausknobeln. Da fällt nun also ein blondes Dummchen dem Skilehrer permanent vor die Füße und säuselt ihn dann an: "In der Horizontalen fühl' ich mich eben am wohlsten". Leider wird das mit dem Skilehrer nichts (er weigert sich, ein Präservativ zu verwenden, was er als "Aufwand" bezeichnet - das dürfen wir gerne als Anregung zur aufklärerischen Diskussion verstehen), aber dafür nimmt sich die junge Dame dann im Liegewagen eines Zuges zwei Kerle zur Brust - nacheinander, versteht sich, denn alles andere wäre ja unromantisch.


Weitere Episoden: Eine Anhalterin wird im Führerhäuschen eines Fernfahrers so - Entschuldigung, aber benennen wir die Dinge ruhig beim Namen - notgeil, daß sie ihm wahrscheinlich innerhalb von fünf Minuten den Sitz vollgetropft hat. Glücklicherweise hat der Fernfahrer einen Kollegen dabei, und so können sie sich abwechseln, wer sich um welche Art von Verkehr kümmert. Apropos Verkehr: Die Episode macht überaus kreativen Gebrauch von plötzlich auftauchenden Verkehrsschildern wie "Bodenwelle", "Tunnel" und "Wildwechsel". Stark gefühlsbetont auch eine Sequenz, in der ein junges Fräulein ihrer halben Kegelmannschaft in der Umkleidekabine nicht nur die Hand schüttelt (auch hier reihen sich die Liebhaber hintereinander - es mutet fast altmodisch an).


Ingrid Steeger selber taucht übrigens nur in der allerletzten Episode auf, in der sie als Au-Pair-Mädchen der Reihe nach Ehemann, Ehefrau und Sohnemann ihrer Gastfamilie zur Entkleidung inspiriert. Zufrieden schließen Autor und Sekretärin somit ihr Werk ab, und dann zieht sich die Sekretärin noch aus und legt sich auf das Bett des netten Schreiberlings - wir sehen also, nicht nur Shyamalan beendet seine Filme gerne mit sensationellen Twists.

Das zu solchen Gelegenheiten stets nüchterne Lexikon des Internationalen Films verwendet zu SEX UND NOCH NICHT 16 übrigens das Wort "primitiv" und schreibt weiterhin, der Film sei "von anödender Degoutanz". Da wollen wir auch gar nicht herumdiskutieren. Aber immerhin ist der Film weniger qualvoll als DIE BLONDE SEXSKLAVIN (siehe Teil 2 der Retrospektive), und tut als völlig harmloses Nacktfilmchen dann auch irgendwie gar nicht so richtig weh. Entweder das, oder mein Gehirn ist schon abgestorben.






Sex und noch nicht 16 (Schweiz 1972)
Originaltitel: Blutjunge Verführerinnen - 2. Teil
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: "Manfred Gregor" (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Produktion: Avis
Darsteller: Ingrid Steeger, Evelyne Traeger, Christa Free, Rena Bergen, Margrit Siegel
Länge: 78 Minuten
FSK: 16



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When Kettcar released their debut album DU UND WIEVIEL VON DEINEN FREUNDEN on their own label Grand Hotel in 2002, the album wasn't an immediate success -- but it steadily became one, and as a result, the band received so much attention that the release of their follow-up album in 2005 was announced on TV's Tagesthemen (a serious news program!) as an "important release." So, expectations were high for VON SPATZEN UND TAUBEN, DÄCHERN UND HÄNDEN (the title is a play on a German proverb), and Kettcar faced them by following the sound of their first album with few alterations. This time around, there are a few more acoustic-based songs, a few more slow songs, but altogether, the album continues in the same vein as before. Which means that, if you liked Kettcar the first time around, you won't be disappointed, and if you didn't get their appeal before, the sophomore effort is unlikely to convert you. To be sure, Kettcar's music is mainstream indie rock/pop, melodic in its core, with strummed guitars and introspective lyrics. After a while, the sameness of the band's sound becomes tedious, since there are few surprises, and everything feels precisely controlled -- still, the band manages to instill its sound with warmth and an overall feeling of sweet melancholy. The album's best songs can be found in its first half -- the first single, "48 Stunden" ("48 hours"), a quiet little song about a relationship which ends because she accepts a job offer in a different city, is as strong as "Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern" ("The Exit to Your Parent's House"), which captures a feeling of uncertainty and indecision. Most of the songs are little short stories, and the lyrics are the band's strong suit, even though on some occasions, the pathos overwhelms the good intentions a bit. VON SPATZEN UND TAUBEN, DÄCHERN UND HÄNDEN may not be as important a release as some might lead you to believe, but it certainly stands as an intelligent, immediately listenable effort by a band that just needs to loosen their sound a little bit to become truly remarkable.




This review was written for the All-Music Guide on September 9, 2007.

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Nachdem wir kürzlich die - ausdrücklich, das soll an dieser Stelle festgehalten sein, seitens der Chefredaktion gewünschte! - achtteilige Ingrid-Steeger-Retrospektive mit einer Betrachtung des harmlosen Entkleidungsfilmchens DIE STEWARDESSEN gestartet haben, tauchen wir nun tiefer in das Schaffen der guten Frau ein, das sich da in dem bereits erwähnten Boxset angesammelt hat. Heute auf dem Programm: Ein lustiger Reigen aus dem Jahre 1971, der auf DVD den eher unsubtilen Namen DIE BLONDE SEXSKLAVIN trägt.

Es sei an dieser Stelle nicht verschwiegen, daß dieser Streifen im Kino noch DER LÜSTERNE TÜRKE hieß, aber womöglich haben die Marketingspezialisten des zuständigen DVD-Verleihs den Titel als unkommerziell eingestuft. Genaugenommen hieß der Film in vollständiger Länge DER LÜSTERNE TÜRKE: SEINE NÄCHTE MIT ELIZA, SULEIKA UND RANAH ... UND WIE ES IHM ERGING, und im Prinzip kann man sich durchaus fragen, warum man ihn denn nicht gleich DIE KUNTERBUNTEN ABENTEUER DES LÜSTERNEN TÜRKENS UND SEINEN VIELEN FRAUEN IM HAREM MITSAMT GEFANGENNAHME EINER BLONDEN FRAU UND DEREN NACHFOLGENDER FOLTER, ENTJUNGFERUNG SOWIE FLUCHT AUS DEM PALAST ARM IN ARM MIT EINEM EBENSO GEFANGENEN BLONDEN ENGLÄNDER genannt hat. Ach, das ist blöd, jetzt habe ich die Handlung wohl schon verraten.

Laut der DVD-Info lehnt sich der Streifen übrigens nicht nur an Mozarts ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL an, sondern auch an den 1860 erschienenen Roman DER LÜSTERNE TÜRKE, der, wir wollen es nicht verschweigen, schon ein paar Jahre zuvor als THE LUSTFUL TURK vom amerikanischen Schundproduzenten David F. Friedman verfilmt wurde. Man darf also vorsichtigen Fußes von einer Literaturverfilmung sprechen, auch wenn man angesichts des S/M-Swinger-Gedöns auf dem Bildschirm schwerlich den Schluß ziehen wird, daß irgendwer in der Crew hat lesen und schreiben können. Inszeniert wurde der vorliegende Film übrigens von einem Menschen, der sich "Dr. Renato Frustratus" nennt, wobei der Name gewisse Assoziationen auf den Unterhaltungswert des Streifens ermöglicht. Ach, und wo wir gerade dabei sind: Das Nacktspektakel trug auch schon die Titel DIE HAREMSDAME DES SCHEICHS (zu fad) und GEFANGEN UND ZUR LIEBE GEZWUNGEN (zu viel SAT1-Flair). Alle bislang gesammelten Information sind übrigens völlig irrelevant, aber wie sonst soll man hier mehrere Absätze füllen.


Der Film beginnt mit einem Sultan (Arnold Marquis, der sicherlich eine Wette verloren hat), der sich von seinen Haremsfrauen etwas vortanzen läßt, aber dennoch nicht ganz glücklich zu sein scheint: "Der Pfahl des Glücks ist geknickt", seufzt er einer schwarzhaarigen Lieblingsfrau vor, die ihm zum Trost eine Geschichte erzählt. Die Geschichte haben wir ja oben schon gewissermaßen preisgegeben, und sie unterteilt sich streng in zwei gleichlange Hälften: In der ersten wird die arme Ingrid dauernd vom Bey von Algier gefoltert, in der zweiten Hälfte wird dann dauernd Liebe gemacht. Das ist so dröge, wie es klingt, aber sicherlich gibt es ein enthusiastisches Publikum für solch schönes Auspeitschen von nackten Frauenkörpern.

Nachdem das Prozedere eher unspektakulös vonstatten geht, muß der Soundtrack für Heiterkeit sorgen: Zwischen allerlei orientalisch angehauchtem Gezwitscher kuscheln sich da liebkosende Körper zu den zünftigen Klängen einer Tuba aneinander - ein Instrument, dessen erotisierende Kräfte außerhalb bayrischer Blasmusikkapellen ja bislang eher verkannt wurden. Zu hymnischem Piano, säuselnden Gesängen und psychedelisch verzerrter E-Gitarre wird die arme Ingrid dann defloriert, und wenig später hocken der Bey und sein Kumpel Omar im türkischen Bad und lassen sich beim geschäftlichen Gespräch von zwei Sklavinnen umsorgen: "Allahs Flöten können nicht besser geblasen werden", schwärmt Omar, und es drängt sich der verzweifelte Wunsch auf, daß sich der Film wenigstens in die Albernheit hätte retten können. Ganz zum Schluß wird in einer Orgie viel getanzt und gegessen, und weil die Uhr so gar nicht vorrücken will, möchte man beinahe wieder an ein, zwei herzhaften Folterungen teilhaben.

Ich hab' da mal wieder irgendetwas nicht verstanden, fürchte ich.





Die blonde Sexsklavin (Deutschland 1971)
Originaltitel: Der lüsterne Türke
Alternativtitel: Die blonde Haremsdame
Regie: "Dr. Renato Frustratus" (= Michael Miller)
Drehbuch: "Dr. Renato Frustratus" (= Michael Miller)
Musik: Rolf Bauer, Horst A. Hass
Produktion: Avco
Darsteller: Ingrid Steeger, Claus Tinney, Arnold Marquis, Angelica Wehbeck
Länge: 78 Minuten
FSK: 16

Das Photo des Original-A1-Plakats wurde mit freundlicher Genehmigung von Thomas-Werner Steigler und seinem eBay-Shop cardsandmore0618 zur Verfügung gestellt.



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Man stelle sich das mal vor: Dutzende von leicht bis wenig bekleideten Frauen räkeln sich in meiner Wohnung herum und harren meiner Aufmerksamkeit, und ich Lustbremse widme mich ihnen überhaupt nicht. Die Rede ist dabei natürlich nicht von etwaigen Besucherinnen, die sich spaßeshalber malerisch auf meinem Sofa drapieren, sondern von der "Ingrid Steeger Gold Collection", einer DVD-Box, die acht Steeger-Filme versammelt, die man - falls einen die geballte Wollust des Boxsets erschreckt - auch alle einzeln kaufen kann (so man dazu geneigt ist). Um den Filmen die gebührliche Aufmerksamkeit zu schenken, entsteht in der kommenden Zeit also hier eine Ingrid-Steeger-Retrospektive von bislang ungesehenen Ausmaßen, und wer sich bis zum Ende durchwühlt und immer noch kein Kleenex braucht, darf in der nächsten Videothek die Pornos nach Filmlänge sortieren. Viel Vergnügen.

Eventuell sollten wir ein paar Worte darüber verlieren, wer Ingrid Steeger ist, da sich unter den Lesern ja durchaus Menschen mit Geschmack befinden, denen die Namen konservierter Siebziger-Jahre-Nackedeisternchen womöglich gar nichts sagen. Der Grund, warum Steeger als Name zieht und die vielen anderen Mädchen, die sich durch die deutsche Sexfilmwelle durchgefroren haben, völlig in Vergessenheit geraten sind, liegt wahrscheinlich daran, daß Ingrid irgendwann die schlüpfrigen Begegnungsfilme hinter sich ließ, eine Hitserie namens KLIMBIM drehte und danach zur (quasi) ernsthaften Schauspielerin avancierte. Freilich konzentriert sich die Steeger-Kollektion auf die frühen Filme der guten Frau, die allesamt vom Schweizer Sexkaufmann Erwin C. Dietrich gedreht wurden.

Ganz wahllos greifen wir in die Box und ziehen den ersten Film heraus: Eine schwungvolle Sause mit dem harmlosen Titel DIE STEWARDESSEN. Wie uns der Vorspann informiert, hiess der Film auch mal ALLE STEWARDESSEN KOMMEN IN DEN HIMMEL, aber wenn man das heutzutage auf eine DVD-Hülle draufdruckt, glauben vermutlich die Hälfte der Videothekenkunden, daß Patrick Swayze jetzt als Saftschubse anheuert. Ebenfalls verrät uns der Vorspann - während dem eine rothaarige Stewardess keck auf dem Piloten einer Verkehrsmaschine hockt (Notiz an mich selbst: cleveren Wortwitz mit dem Begriff "Verkehrsmaschine" ausknobeln) - daß der Film keinesfalls als Report gedacht sein soll, und daß die Produzenten auch nicht der Ansicht seien, daß Stewardessen sich tatsächlich so verhalten, wie in dem Film dargestellt. Ja, wie jetzt? Soll ich jetzt gleich ausmachen, oder was?


Na gut, bleiben wir bei der Stange. Apropos Stange: Nachdem man sich mal so zwanzig, dreißig Aufnahmen mit steil zum Himmel emporsteigenden Flugzeugen angesehen hat, merkt man eigentlich erst, wie phallisch die komplette Luftfahrt doch ausgerichtet ist. Jedenfalls lernen wir die rothaarige Stewardess jetzt etwas näher kennen: Sie heißt Jenny und läßt sich prompt von einem älteren Passagier aufreißen, der sie nach der Landung mit ins Hotel nimmt. Weil ihre Mama aus Argentinien kommt, mag sie auch gar nicht lange mit ihm reden, aber trotzdem muß sich der gute Mann erstmal alleine ins Bett verkriechen, während sie ausgiebig duscht. Er macht sich ein paar warme Gedanken und schläft darüber ein. Ganz ehrlich: Wenn ich mal 60 bin, will ich auch mal in so einem grauen Anzug und einem Ungetüm von Kassengestell auf der Nase als Lustgreis durch so einen nackten Blödsinn geifern. Vorher allerdings nicht.

Jenny ist ein wenig enttäuscht und brät unverflugs den dahergelaufenen Zimmerdienst an, der ihr aber erklärt: "Ich nix Vorstellung von Frau. Ich Gastarbeiter". Bevor ich aber noch stutzig werden kann - haben andere Länder nicht eine viel höhere Geburtenrate als unsereins? - lacht sich Jenny, die sich - wenn überhaupt - vorzugsweise in Signalfarben kleidet, einen Jüngling am Pool an und besichtigt mit ihm die Stadt. Nach ausgiebigster Postkarteneinstellungsbeschau landen sie dann doch noch zusammen im Bett. Gott sei Dank.

Nachdem Jenny also zum Zug gekommen ist - wenn der Film etwas alberner wäre, würde ich glatt einen gekonnten Kalauer zum Thema "Zug" und "Stewardessen" abliefern - lernen wir ihre Kolleginnen kennen: Frances guckt sich Rom zusammen mit einem Piloten an, der sich nach endloser touristischer Beschaulichkeit als wahre Verkehrsmaschine entpuppt. Hey, was erwartet ihr? Nicht jeder Wortwitz kann richtig zünden. So oder so stellen wir fest: Das einzige, was fader ist als ein Sexfilm, in dem dauernd unmotiviert gepoppt wird, ist einer, in dem überhaupt nicht andauernd unmotiviert gepoppt wird. Das Schönste an der Rom-Episode? Zum Schluß wird geheiratet.


Weiter geht's mit Evelyne, die nach Kopenhagen reist und dort in einer WG landet, wo zwei echte Steher namens Olaf und Sven zusammen mit Ingrid leben - ganz genau, Ingrid Steeger, die nach nur 42 Minuten in diesem Film auftaucht und sich auch schon in ihrer ersten Szene die Brüste einseifen läßt. Olaf zeigt Evelyne diverse Sexshops in der Stadt und führt ihr dann einen Pornofilm vor, den die gute Frau als "langweilig und dumm" empfindet - da komm' noch mal jemand und behaupte, der Film wäre unrealistisch!

Machen wir's kurz: In der letzten Episode reist eine Blondine, deren Namen mir aus irgendeinem Grunde entfallen ist, nach München, sieht sich das Oktoberfest an und geht dann mit einem extrem studentisch aussehenden Linken schwofen, der beständig von der Revolution und der Arbeiterklasse redet. Der nette Revoluzzer lebt denn auch in einer Kommune, wo ein nackter Mann Sitar spielt, während sich aufgeklärte Körper befreit aneinanderreiben.

Ja, und das war's dann auch schon. Ingrid selber tritt nur am Rande in Erscheinung, aber daß der Film so prickelnd ist wie Zahnpastawerbung, liegt weniger an ihrer mangelnden Präsenz. Unschlagbar ist der Streifen freilich als Zeitdokument: Er führt uns eine Zeit vor, in der ein nackter Körper Menschen dazu verführte, Geld für Kinokarten auszugeben, obwohl jenseits der blanken Busen und Hintern überhaupt nichts zu sehen ist. Er zeigt uns eine Zeit, in der das Reisen noch als so aufregend empfunden wurde, daß man einen ganzen Film mit beliebigen Aufnahmen diverser europäischer Städte zukleistern konnte und damit tatsächlich Schauwerte bot. Er zeigt uns eine Epoche, in der sich Deutschland (nicht nur - immerhin ist der Film eine Schweizer Produktion) so zwanghaft vom prüden Mief der Vorgeneration befreien wollte, daß die Menschen in unsäglich erfolgreichen Filmen nichts besseres zu tun hatten, als permanent nackt und notgeil zu sein.





Die Stewardessen (Schweiz 1971)
Alternativtitel: Alle Stewardessen kommen in den Himmel / The Swingin' Stewardesses
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: "Manfred Gregor" (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Produktion: Elite
Darsteller: Evelyne Traeger, Ingrid Steeger, Margrit Siegel, Kathrin Eberle, Raffael Britten
Länge: 81 Minuten
FSK: 16



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Released the same year as their smash hit 85555, Spliff's third album HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! doesn't feature anything approximating their immensely catchy ironic pop single "Carbonara," but it continues their fusion of rock and electronics and manages to stay interesting throughout its running time. The main forces within the band are still drummer Herwig Mitteregger's rock-based songwriting, the booming sound of his Simmons drums, and his punk-influenced singing voice on one end of the spectrum, and Reinhold Heil's keyboard textures, his laconic, almost rap-like vocals, and his electronic-oriented songs on the other. The group managed to score another hit with the single "Das Blech" (as in "Da fliegt dir ja das Blech weg," a colloquialism which could be roughly translated as "This blows your mind") -- a coolly arranged synth funk number for the dancefloor, with an electronic percussion solo in the middle. Elsewhere on the album, there's Mitteregger's energetic title track with an almost atonal bridge, a dreamy funk song written and sung by bassist Manfred Praeker ("Tag für Tag" -- "Day by Day"), and the Kraftwerk-ian "Herr Kennedy," with vocals by all four group members. Even though Heil's contributions are more diverse and interesting, the album's best tracks are written by Mitteregger: the frantic "Wohin? Wohin?" ("Where To? Where To?"), a fast-paced rock number about smuggling in Algeria, and the epic album closer "Glaspalast" ("Glass Palace"), which keeps building its intensity from its slow, moody beginning. While nothing on HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! is absolutely essential, the album is an interesting clash of styles that rewards repeated listening.




This review was written for the All-Music Guide on September 7, 2007.

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Neulich im MediaMarkt: Die haben da ja den Sommer über haufenweise Krempel sozusagen hergeschenkt, weil sie ihre CD- und DVD-Abteilung drastisch verkleinert haben. Da gab's brandneue CDs auf einmal für drei Euro, jede Menge DVDs für drei oder fünf, und alle paar Tage wurde die Ramschkiste neu aufgefüllt. Versteh', wer will, aber immerhin konnte ich so meinen Geldbeutel entschlanken und dafür meine diversen Regale davor bewahren, daß allzuwenig darin steht.

Jedenfalls fanden sich unlängst drei Schallplatten in besagter Ramschkiste. Keine CDs, kein DVD-Audio, kein hypermoderner Klangschnickschnack, sondern richtiges Vinyl. Alte Schallplatten. Weiß der Geier, wo die Dinger herkommen - der MediaMarkt verkauft meines Wissens kein Vinyl und hat auch noch nie Vinyl verkauft. Also, Mitte der Achtziger haben sie das sicher mal gemacht, aber in den letzten 10 Jahren hat sicherlich nicht eine Schallplattenrille diesen Laden von innen gesehen. Jedenfalls war eine dieser drei Schallplatten doch tatsächlich ein Album von Yma Sumac, von der ich schon lange einmal etwas für die persönliche Obskuritätensammlung haben wollte!

Yma Sumac hat in den Fünfziger Jahren den Exotica-Markt bedient. Sie stammt angeblich von peruanischen Königen ab und hat einen Stimmumfang von vier Oktaven, aber Gerüchte besagen, daß sie eigentlich eine New Yorker Hausfrau namens Amy Camus (rückwärts!) war. Sie nahm exotisch angehauchte Musik auf, vermischt mit Mambo und Samba und südamerikanischen Rhythmen, und wurde einige Jahrzehnte später von Sammlern ausgelesener Merkwürdigkeiten wiederentdeckt. Natürlich ist ihre Musik Ethno-Kitsch und ganz charmant angestaubt, aber Spaß macht das trotzdem. Das kann man gleich neben Walter Wanderley stellen. Immerhin verwendeten auch die Coen-Brüder einen Sumac-Song für ihre schräge Außenseiterode THE BIG LEBOWSKI.

Jedenfalls habe ich diese schöne Schallplatte aus der Ramschkiste gerettet und an die Kasse getragen, wo man mir drei Euro dafür abgeknöpft hat. Der Mann hinter mir in der Schlange hat mich recht merkwürdig angesehen, und auch die Kassiererin hatte so einen Blick drauf, als würde sie angestrengt überlegen, was zur Hölle das ist und ob sie sowas überhaupt verkaufen. Schallplatten? Hier?? Heiter beschwingt bin ich mit dem Tonträger unterm Arm - keine Tüte, of course! - aus dem Laden spaziert und hatte ein richtig kleines, etwas nostalgisch angehauchtes High.

Wieso gibt's in Salzburg keine Plattenläden mehr?

Ich muß mal wieder nach Rosenheim zu Bebop. Da kann man auch schönes Vinyl erwerben. Was für ein geiles, haptisches, anachronistisches Gefühl in Zeiten von steril-langweiligen Dateidownloads.

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