August 2007

Musik wie ein Eisschrank: Kalter, fader Elektro-Pop.

Robyn gibt es schon eine Zeitlang, auch wenn wir das nicht zwangsläufig wahrgenommen haben: Als schwedische Popprinzessin hat sie bereits drei internationale Alben aufgenommen und dabei schon mit Britney-Hitschmied Max Martin gearbeitet, was Menschen mit ausgebildeten Geschmacksnerven durchaus skeptisch stimmen wird. Aber, so informiert uns die Presseinfo, so richtig glücklich war die junge Frau gar nicht mit ihren vorigen Alben, weil die Plattenfirma so viel interveniert hat. Gemein, wie die alten Männer immer an der Musik ganz junger Mädchen herumkritteln.

Und so hat Robyn ihr eigenes Label gegründet und eine CD aufgenommen, von dem uns der Promo-Zettel in enthusiastischer Inkontinenz erklärt, es sei "die einfache Geschichte einer zierlichen, aber mutigen blonden Frau, die sich ihren Weg durch den Major-Bullshit gesprengt hat, um ihre aufregende, tiefgründige und vor allem ehrliche Art von Popmusik zu präsentieren. Es ist Musik, die ganz ihr selbst gehört, Musik mit einer einfachen Botschaft: Sei dein eigener Star!" Da versucht mal wieder jemand unsere Arbeit zu erledigen, aber glücklicherweise zeigt sich der unbarmherzige Rezensent von solch großspuriger Kurzprosa eher unbeeindruckt.

Das Wort "ehrlich" taucht gehäuft in der Aussendung auf, aber vielleicht bedeutet das einfach nur, daß Robyn irgendwas selber aufgenommen hat. Das vorliegende selbstbetitelte Album mag ehrlich sein wie Jimmy Stewart in einem Capra-Film, aber aufregend ist es deswegen noch lange nicht: Das Elektro-Dance-Pop-Spektakel klingt wie eine Sammlung unfertiger Demotracks für ein geplantes Album, mit einem kleinen Post-It obendrauf: "Bitte im Studio Seele einfügen". Da tuckert der Synth, die Elektronik fiept, die Tieffrequenzen oszillieren, alles schön aufgeräumt und überschaubar gehalten, und wenn sich einmal eine Gitarre in die Produktion verirrt, ist sichergestellt, daß sie genauso keimfrei wie der schnöde zusammengebauklotzte Rest klingt.

"Cobrastyle" hat dabei wenigstens noch Dynamik und Kante – wir wollen das mal nicht mißverstehen, spannende Elektronik klingt anders – aber auf "With Every Heartbeat" glaubt Robyn, sie müsse Tracks zu Madonnas "Confessions on a Dancefloor" beisteuern und mäandert sich durch eine fürchterliche Synthsoße. Auf "Konichiwa Bitches" wird zweieinhalb Minuten lang angegeben, daß sich der CD-Player biegt, weiter hinten klimpert ein eiskaltes Piano ein paar Noten, die balladeske Stimmung schaffen sollen. Überhaupt ist alles kalt und antiseptisch: ROBYN ist ein einziger Eisschrank von einem Album.

Schon klar: Wenn man das nur lange genug hört, bleibt auch was im Ohr hängen. So komplex sind die Songs ja nicht. Aber das verwechselt auch nur der bezahlte Autor der Promoinfo mit den Adjektiven "echt" und "überzeugend", "modern" und "kreativ". Aufregend ist an "Robyn" gar nichts – vielleicht doch mal wieder bei Max Martin anrufen?





Dieser Text erschien zuerst am 31.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.
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When Germany's 4lyn released their debut album in 2000, numetal was just experiencing its breakthrough with releases by Limp Bizkit, Korn, Papa Roach, and several other groups. The fact that 4lyn almost slavishly followed the American blueprint made most critics sneer, but it helped the group to ride along on the genre's wave of popularity. When the band released their sophomore effort, NEON, in 2002, numetal had become a world-wide phenomenon, with dozens of best-selling releases (plus seemingly hundreds of lesser-selling records) by second- and third-generation bands. Every country, it seemed, now had at least one numetal band, and the Hamburg-based 4lyn studied their idols well enough to become a part of the game: Limp Bizkit's rap-rock formula and Korn's detuned guitar riffs are obvious touchstones, but the group also encompasses (hed) p.e.'s punk outbursts and Crazy Town's vocal style -- not to mention the angsty lyrics and the weirdo image that were quickly becoming a stereotype. The reviewers weren't impressed by the album, and while numetal never was a style that found much recognition with critics, the genre's major players at least earned some grudging respect among them after a while.

Listening to the album in retrospect, NEON is almost a parade of clichés, and it hasn't aged particularly well. The group has all the ingredients, and they know how to work a groove -- "Shelltoes & Fatlaces" and "Me vs. Me" are cases in point -- but their writing is uninspired, rarely amounting to much more than just sound and fury. Only a few of the songs are memorable ("Deadnekk" and "Pearls & Beauty"), the rest blurs into an amalgam of bland anger and generic riffs -- a fact that is somewhat glossed over by the high production values. Braz, the group's singer (yes, they even adopted funny nicknames!), has a whiny, nasal voice, and it quickly becomes grating. He incorporates all the familiar elements -- from (mediocre) raps to (tuneless) singing to (powerless) yelling -- but when the album's sole instrumental track ("Neon") is a relief to the ears, you know you're in trouble. Even worse are the simplistic lyrics: there is uninspired boasting, an ode to pot, an aimless celebration of individualism ("I'm so happy that I'm not like you/Fuck the standard, fuck the rest/I'm an original"), and even a maudlin declaration of love. Truth be told, a lot of numetal bands were lacking in the lyrical department, but (hed) p.e.'s Jahred at least knows that he's spouting absurd chauvinistic non-sequiturs and seems to be having fun with his over-the-top rants. 4lyn are all serious: in their uninspired appropriation of the genre -- complete with American accents and pseudo-hip spelling -- they feel like a kid dressing up as a cowboy for a party and then claiming they're the real thing. NEON isn't terrible -- it is just unnecessary.







This review was written for the All-Music Guide on August 26, 2007.

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Musik, zu der sich Roboter kloppen könnten.

Momentan geht im Kino ja wieder einiges zu Bruch, und viele Menschen beschweren sich hinterher darüber, daß der Film dumm war, weil sie irgendwie erwartet haben, daß ein Michael-Bay-Streifen über Roboter, die sich in Autos verwandeln können und die Welt bedrohen, intellektuell stimulierend ausfallen würde. Passend zum Spektakel der TRANSFORMERS wird freilich eine Soundtrack-Compilation auf den Markt geworfen, die das klangliche Äquivalent zum Blechschaden bietet: Music to watch robots destroy each other by.

So bietet das TRANSFORMERS-Album musikalisch exakt das, was man erwartet: Scheppernde Gitarren, lauter Indie-Rock, ein wenig Elektronik, viel Brachiales und wenig Langsames. Vorne sind die ganzen großen Namen, weiter hinten dann unbekanntere Acts: Eingestiegen wird mit Linkin Park und ihrer neuen Single "What I've Done" (prinzipiell kein übermäßig aufregender Song, aber dafür ein rechter Ohrwurm), danach die Smashing Pumpkins mit "Doomsday Clock" von ihrem Wir-nennen-es-spaßeshalber-Reunion-Album ZEITGEIST. Nichts Exklusives also, aber dafür solider Breitwandrock, dessen Subtilität sich dem der filmischen Vorlage angleicht.

Eigentlich gibt es auf dem Album nur zwei verzichtbare Tracks: Die Baukasten-Powerballade "Before It's Too Late" von den Goo Goo Dolls (gleichzeitig die ausgekoppelte Single aus der vorliegenden CD) und der dräuerliche Schauergoth von HIM ("Passion's Killing Floor"). Umgekehrt heißt das aber, daß von 12 Tracks zehn Laune machen - kein schlechter Schnitt für eine willkürlich zusammengewürfelte Compilation. The Used drücken auf's Screamo-Gaspedal ("Pretty Handsome Awkward"), Disturbed schmieden kraftvolles Metall ("This Moment"), die Ross-Robinson-produzierte Indie-Band Idiot Pilot sägt mit Energie durch "Retina and the Sky". Schwer unterhaltsam auch "Second to None" von Styles of Beyond mit Gastauftritt von Mike Shinoda - sicherlich ist ihm bei seinem Hauptgig Linkin Park momentan dank Wegrationalisierung der Raps langweilig - sowie der Elektro-Cyborg-Rock'n'Bass von Orgy-Seitenprojekt Julien-K: Beide Tracks katapultieren einen zurück ins Jahr 2000, wo exakt diese Klänge gerade richtig modern waren.

Natürlich hat die Zusammenstellung der CD wenig mit dem tatsächlichen Leinwandspektakel zu tun. Diverse Stücke tauchen erst gar nicht im Film auf, die meisten anderen erklingen kurz im Radio oder sind über den Abspann gepflastert. Nüchtern betrachtet wäre jeder andere Querschnitt durch Aggro-Rock, Elektronik und NuMetal ebenso tauglich, als TRANSFORMERS-Album durchgehen zu können. Tauscht im Plattenladen mal die CDs von TRANSFORMERS und DAREDEVIL aus - es wird niemand merken.

Aber da wollen wir mal nicht quengeln: Die "Inspired-by"-Zusammenstellungen gehören mittlerweile zum Spiel, und was zählt, ist einfach nur, ob die Compilations gute Musik bieten und als Album funktionieren. Und da kommt selbst bei den TRANSFORMERS kein Schrott heraus.





Dieser Text erschien zuerst am 23.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Der Film beginnt mit einem Raubüberfall: Ein Viererteam stürmt ein Juweliersgeschäft. Dann kommt der Zufall ins Spiel: Zur gleichen Zeit startet ein zweites Viererteam einen Überfall auf denselben Laden. Innen drin herrscht große Verwirrung. Und dann sehen wir erst einmal, wie es zu dieser Situation überhaupt kommt - die Geschichte beginnt nämlich vier Tage davor.

Für sein Regiedebüt THE HARD EASY hat Ari Ryan eine ganze Riege an bekannten und interessanten Gesichtern gewinnen können: Henry Thomas, Peter Weller, David Boreanaz, Gary Busey, Bruce Dern, Vera Farmiga und sogar Nick Lachey sind in die Geschichte um den doppelten Raubüberfall verstrickt. Das ist eine witzige Story mit Potential, die sich die beiden Autoren hier ausgedacht haben - aber wie das immer so ist, wenn jemand von "Potential" redet: Es geht nicht komplett auf. Die Schauspieler sind der Hauptanreiz, sich den soliden, aber prinzipiell belanglosen Gangsterstreifen anzusehen.

Dabei ist THE HARD EASY theoretisch gar nicht uninteressant. In der Vorgeschichte erfahren wir von den zwei Gruppen, die an dem Überfall beteiligt sind - auf der einen Seite steht der Verlierer Paul (Henry Thomas), der in kürzester Zeit enorme Spielschulden zu begleichen hat, auf der anderen Roger (Boreanaz), dessen Investmenttätigkeiten nicht vollständig legal abgelaufen sind und der jetzt ebenso prompt Geld braucht. Die Geschichte springt stetig zwischen beiden her, zeichnet gewisse Parallelen - beide wurden von ihren Frauen verlassen, beide geraten an einen Typen, der mit einem todsicheren Plan aufwarten kann. Der Fokus liegt dabei mehr auf Paul, der eine Affäre mit einer Ärztin beginnt, die, wie sich natürlich herausstellt, eine ganz eigene Rolle in dem Überfall spielen wird. Roger wird zeitgleich mit seinen beiden Partnern vom Ex-Soldat Ed (Peter Weller) mit verdächtig großem Enthusiasmus zu dem Überfall überredet und zu Waffentraining im Wald eingeladen.


Es ist fein, daß sich Drehbuch und Regie Zeit für diese Geschichte nehmen, in denen die Machtverhältnisse zwischen den Figuren interessant gezeichnet werden - aber viele Figuren selber leider eher blass bleiben. Die Schauspielerregie verleiht dem Skript hier und da ein wenig mehr Klasse und Dreidimensionalität als eigentlich vorhanden, aber so oder so bleibt Ryan mit den Figuren auf Augenhöhe und inszeniert die Geschichte mit einer gewissen Ruhe.

Dann kommen wir wieder zum Überfall, und mit einigen Malen Vor- und Zurückspringen zeichnet sich das ganze Chaos ab, in dem die Vorgeschichte endet. Die blutigen Schießereien, die sich hier abspielen, sind mit so viel Zacken inszeniert, daß man das Gefühl kriegt, der Regisseur wäre jetzt gerade aufgewacht. Natürlich wird noch ein bißchen betrogen, ein wenig gestorben, und ein Quentchen Überraschung aus dem Hut gezaubert, bevor die Geschichte dann endet. Letzten Endes wirkt es aber so, als diene der Überfall mitsamt seinen Nachwirkungen einfach nur, dem Ganzen endlich ein Ende zu bereiten.


Denn komplex ist der Film nicht, auch wenn er uns das mit der Erzählstruktur und dem parallelen Erzählen zweier Geschichten gerne weismachen will: Das Zusammentreffen der beiden Parteien bleibt Zufall (nur eine Nebenfigur verbindet unwissentlich die beiden Gruppen), die Parallelen zwischen den beiden Hauptfiguren Paul und Roger bleiben oberflächlich. Und hinterher war sowieso eigentlich alles egal.

Aber wir wollen mal nicht jammern, denn THE HARD EASY will gar nichts anderes sein als ein dreckiger, kleiner Gangsterfilm. Und das ist er. Es sind keine faden 101 Minuten, die man sich hier ansieht, und die Zeit ist auch nicht inkompetent gefüllt. Und weil der Film unterhält und gar nicht die Ambition hat, irgendeine Form von Gewicht zu bieten, beschweren wir uns auch gar nicht.





The Hard Easy (USA 2005)
Regie: Ari Ryan
Buch: Jon Lindstrom, Tom Schanley
Musik: Keith Power
Produktion: Blue Star Pictures / Platform Entertainment / Twin Pines Entertainment
Darsteller: Henry Thomas, Vera Farmiga, David Boreanaz, Bruce Dern, Peter Weller, Gary Busey
Länge: 101 Minuten
FSK: 16


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Das zweite Album der Metalcore-Band: Ein schneidiges, solides Unterfangen.

Eigentlich ist das zweite Album der Buffalo-Metalcore-Band It Dies Today, SIRENS, schon 2006 erschienen, aber hierzulande erscheint es erst jetzt - dafür im Tandem mit einer Neuauflage des ersten Albums inklusive Bonustracks (die wir hier unter die Lupe nehmen). It Dies Today? Also, dafür zappeln die Jungs aber noch ganz schön lebendig.

Primär ist SIRENS im engen Metalcore-Korsett zu verorten: schnell gallopierende Rhythmen, harsche Riffs, gutturales Brüllen und dazu ein wenig harmonischer Gesang - die typisch gewordene Synthese aus Death Metal und Hardcore eben. Viel Raum für stilistische Beweglichkeit bietet das Genre schon seit Jahren nicht - aber innerhalb dieses fest abgesteckten Territoriums spielen sich It Dies Today mit dem zweiten Album in eine gehobene Klasse. Die Präzision, mit der durch die elf Tracks geschnitten wird, ist unglaublich scharf, zumal immer wieder der Intensitätsgrad nach oben geschraubt wird. Auf der anderen Seite ist SIRENS melodiöser (und eingängiger) als sein Vorgänger, und gerade seine teilweise fast wehmütigen Refrains lassen die einzelnen Songs herausragen.

Natürlich gewinnt auch SIRENS im Genre klanglich gesehen keinen Originalitätspreis - viele Riffs erinnern an Killswitch Engage (und somit an jede beliebige Metalcore-Gruppe), andere Parts rücken die goth-getränkteren Atreyu ins Gedächtnis oder sogar Mudvayne in ihren geradlinigst-harten Momenten (der Refrain von "On the Road (To Damnation)" beispielsweise). Aber: It comes with the territory. Die Songs sind gut genug geschrieben, die Breaks und kleinen Überraschungen gut genug plaziert, um It Dies Today von ähnlichen Gruppen abzugrenzen. Das Experimentellere des ersten Albums ist hier gebündelter, aber dafür funktionieren die einzelnen Tracks auch besser.

Mittlerweile ist übrigens Sänger Nicholas Brooks schon aus der Band ausgestiegen - seinen Platz nimmt seit Anfang diesen Jahres Jason Wood ein. Insofern geben uns die beiden Veröffentlichungen der Gruppe einen abgeschlossenen Abschnitt wieder, dessen musikalische Qualität durchaus für zukünftige Alben garantiert. Es stirbt wohl heute doch noch nicht.
 




Dieser Text erschien zuerst am 12.8.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.
 
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Das erste Album der Truppe in der Neuauflage.

Passend zum hiesigen Release des zweiten Albums der Metalcore-Truppe It Dies Today wird auch ihr erstes Album neu aufgelegt - neu abgemischt und gemastered, mit diversen Bonustracks und einer DVD obendrauf (letztere kann mangels Promoexemplar an dieser Stelle nicht begutachtet werden). THE CAITIFF CHOIR, wie das Werk heißt, ist ursprünglich 2004 erschienen und lose von Dantes INFERNO inspiriert - will heißen, um es mal ganz banal auszudrücken: Infernalischer Lärm, höllische Texte.

THE CAITIFF CHOIR ist weniger gefällig als der hier rezensierte Zweitling (der nun trotz stärkerer Melodien auch nicht unbedingt als "gefällig" verkauft werden kann) - es geht düsterer zu, härter, und die Extreme werden noch mehr ausgelotet. Von pfeilschnellen Gitarrenattacken zum schleichenden Death-Dröhnen, von tief geraunzten Vocals zum cleanen Gesang: Das Spektrum, das die einzelnen Songs hier teilweise abstecken, ist größer als beim Nachfolger - bleibt aber gleichzeitig auch noch öfter im Altvertrauten verwurzelt.

Insbesondere die Melodien sind noch nicht so ausgereift wie beim Nachfolger SIRENS - abgesehen von "Severed Ties Yield Severed Heads" bleibt da wenig im Ohr. Dafür sind der Opener "My Promise" und das spätere "The Caitiff Choir: Revelations" härter, finsterer und intensiver als alles, was auf dem Zweitling folgt; auch anderswo klingen Tracks noch sperriger als die späteren Aufnahmen.

Richtig brutal sind die 6 Bonustracks, die folgen - eine Neuaufnahme der ursprünglich 2002 veröffentlichten Debut-EP FOREVER SCORNED. Von Melodien kaum eine Spur, dafür extremste Death-Metal-Songungetümer und gemeingefährlich schnelle Riffs. Ganz hinten und im Prinzip völlig unpassend findet sich dann noch ein feines Cover von Depeche Modes "Enjoy the Silence", das die Gruppe für den Soundtrack der US-TV-Anthologie MASTERS OF HORROR aufgenommen hat.

Ob mit oder ohne Bonustracks: THE CAITIFF CHOIR weiß zu gefallen. Das Songwriting der Band ist noch nicht ganz ausgereift, aber das Album ist spannend genug, um sich damit auch länger auseinanderzusetzen. Die zusätzlichen Tracks sind - gerade in Verbindung mit dem zweiten Album - auch insofern interessant, als daß sie die Entwicklung von It Dies Today von der brutal harten Death-Metal-Band zur melodiösen Metalcore-Gruppe verdeutlichen.





Dieser Text erschien zuerst am 12.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Wie der Schein doch manchmal trügen kann: Da flattert eine DVD mit dem Titel THESE GIRLS ins Haus, in poppigen Farben und mit einem halbnackten David Boreanaz - genau, der aus BUFFY, ANGEL und BONES - auf dem Cover. Hinten auf der Box steht dann "The Babysitters are taking over", und der Klappentext verrät die Prämisse des Films: Drei Teenager teilen sich eine Affäre mit einem älteren, verheirateten Mann. "Freche Teenie-Komödie", steht da noch irgendwo, und von "wochenlangem Dauersex" ist die Rede, und alles in allem rechnet man natürlich mit dem Schlimmsten.

Geschickter wäre es wohl, den Film in einer ganz blanken Box zu verkaufen und nichts über den Inhalt zu erzählen. Natürlich stimmt die auf der DVD-Box umrissene Geschichte auf dem Papier mit dem überein, was die Prämisse des Films ist. Aber was dieser kanadische Indie-Film zu bieten hat, ist keine klischéehafte Teenie-Posse, kein Sexklamauk und auch keine Videoclipinszenierung der schönen, leeren Leute: THESE GIRLS ist ein komisches Drama, eine mit leichtfüßigen Boshaftigkeiten gespickte Geschichte über Egoismus, eine interessant gezeichnete Story über diese Phase im Teenageralter, wo man neugierig ist und einem doch alles egal scheint. Die Darstellerinnen selbst bezeichnen den Film im Interview enthusiastisch als "strange story".

Die drei Freundinnen, um die es im Film geht, haben gerade die Highschool abgeschlossen und verbringen ihren letzten Sommer in einem nichtssagenden kleinen Städtchen. Es gibt dort nicht viel zu tun außer die Zeit totzuschlagen, und so fängt eine der Freundinnen, Glory, eine Affäre mit dem verheirateten Keith an, bei dem sie babysittet. Ihre Freundinnen finden das heraus und entwickeln ihre eigenen Phantasien, die sie auch schnell in die Tat umsetzen: Lisa, deren Interessen sich auf Baseball und Jesus beschränken, möchte einmal gerne Sex haben, bevor sie auf ein christliches College geht und sich dann dort für den Mann aufhebt, den sie heiratet - sie ist eben neugierig. Auch Keira reizt der Gedanke, mit dem 35jährigen Mann etwas anzufangen, wenn auch vielleicht nur aus dem Interesse heraus, ob sie es tatsächlich machen könnte.


So landen alle drei recht schnell bei Keith, dessen Frau als Krankenschwester ständige Nachtschichten schiebt, im Bett. Wo Glory sich die große Liebe einredet, ist es für Keira eher ein Spiel - und für Lisa ganz natürliche Neugierde. Dann finden die drei Freundinnen heraus, daß sie alle mit Keith schlafen, und nach kurzer Streitphase raufen sie sich zusammen und hecken einen Plan aus, wie sie sich den Burschen teilen können: Jede kriegt ihn ganz einfach an einem Abend in der Woche. Auch wenn Keith nur für eine geschätzte halbe Sekunde gezögert hat, mit den Mädchen zu schlafen, ist er von dem Arrangement nicht begeistert - aber Keira erpreßt ihn ganz unverblümt damit, der Polizei von seinem Marijuana-Anbau hinter dem Haus zu erzählen.

Schon klar: Die Geschichte klingt ein wenig abstrus, und würde in falschen Händen zur peinlichen Farce werden. Mit John Hazletts Drehbuch und Inszenierung (Vorlage war ein Theaterstück von Viviene Laxdal) wird die Story interessant: Das Perfide und Selbstsüchtige, das hier unter der schönen Oberfläche liegt, ist mit stetem Augenzwinkern eingebunden, aber gleichzeitig nimmt Hazlett die drei Frauen ernst genug, um ihren tatsächliche Persönlichkeiten zu geben und sie nie zum Abziehbild verkommen zu lassen.


THESE GIRLS gibt uns nie vor, wie wir über das Geschehen zu denken haben: Natürlich erpressen die Mädchen Keith und nützen ihn aus, aber andererseits ist er ein verheirateter, erwachsener Mann, der schon zu Beginn der Geschichte seine Frau betrügt. Besagte Frau taucht übrigens auch in der Geschichte auf und ist nicht etwa die zickige Ehefrau, die seine Untreue erklären würde, sondern eine normale, liebende Frau. Den ganzen Film über scheut Hazlett das Offensichtliche und läßt mit Vergnügen der Geschichte ihren Lauf, ohne über seine Figuren zu urteilen.

Die drei Mädchen sind interessant und glaubwürdig in ihren Rollen - allen voran Holly Lewis, deren Lisa einen sehr originellen, eigenen Charme besitzt. Von David Boreanaz würde wohl niemand große schauspielerische Leistungen erwarten, aber er hat hier genug Gespür für Komik, daß er es schafft, den gutaussehenden Keith als großes, unbeholfenes Kind darzustellen.

Ein Film wie THESE GIRLS mag viele Zuseher frustrieren, die klare, vorgegebene Strukturen haben wollen, und darin einfach einzuordnende Figuren. Dabei erzählt der Film einfach nur eine Geschichte: lustig, absurd, gemein, dramatisch. THESE GIRLS ist ein kleines Juwel.





These Girls - Beste Freundinnen teilen alles (Kanada 2005)
Originaltitel: These Girls
Regie: John Hazlett
Drehbuch: John Hazlett
Musik: Ned Bouhalassa, Peter Hay, Polo
Produktion: Productions Jeux D'Ombres / Grana Productions / Red Devil Films
Darsteller: Caroline Dhavernas, Amanda Walsh, Holly Lewis, David Boreanaz
Länge: 92 Minuten
FSK: 16


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Nach vier Jahren ein neues Album von Nora: SAVE YOURSELF ist ein ungezähmtes Biest.

Dem Cover nach sind sie eine von diesen Fantasy-Power-Metal-Bands, wo hochfrequenter Gesang auf Elfen und Dämonen trifft. Dem Namen nach vermutet man eine minderjährige Drittplazierte bei Starmania, neben der einem ganz plötzlich Elfen und Dämonen sehr sympathisch erscheinen. Beides ist natürlich falsch: Nora sind eine Hardcore-Band aus New Jersey, die mit SAVE YOURSELF ihr mittlerweile drittes Album vorlegt. Und was die Burschen um Carl Severson, nebenberuflich Chef des Volle-Kante-Labels Ferret, hier zu Gehör bringen, ist ein blutendes, wildgewordenes Biest.

Klangliche Ähnlichkeit zu diversen anderen Bands auf Noras Label Trustkill ist natürlich vorhanden: Die Jungs poltern durch alles, was so ein Hardcore-Album braucht. Die Band sägt mit enormem Tempo durch die Songs, türmt harte Gitarrenriffs aufeinander, schreit sich hysterisch den Frust von der Seele. Irgendwo sind immer mal wieder kurze Atempausen versteckt, bis dann alles aufs Neue explodiert und uns um die Ohren fliegt. Melodien gibt es keine, nur harte Riffs, vertrackte Rhythmen und der ständige Versuch, das Chaos irgendwie zu bändigen.

SAVE YOURSELF ist unglaublich intensiv und sehr kantig, aber natürlich erschlägt es einen komplett. Es ist nicht leicht, zwischen den einzelnen Stücken zu unterscheiden - alles ist immer auf Anschlag, immer am Limit. Die relativ kurze Spielzeit von 36 Minuten kommt einem da durchaus entgegen: Das Album funktioniert als halbstündiger Sturm, nach dem man die Stille durchaus angenehm empfindet. Höhepunkte sind das langsamere, aber nicht minder lautstarke "The Moment, the Sound, the Fury", das darauf folgende geradlinig-rasante "Chances Aren't", und das desillusionierte "Famous Last Words" - bei dem Bassist Mike Olender (der nebenher Sänger in der Band Burnt by the Sun ist) mitkreischt.

Der Hardcore-Sound mag schon seit Jahren Ermüdungserscheinungen zeigen und oft genug zum Klischée verkommen: Nora pflügen dieses Feld so stürmisch um, dass wenig Zeit zum Nachdenken bleibt. Was für ein Biest von einem Album.





Dieser Text erschien zuerst am 5.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.


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When German new wave band Trio broke up in 1985, the movement had long since lost the impact and vitality it had in the early '80s. The group's leader, Stephan Remmler, began work on a solo effort shortly afterwards, and despite the fact that German-language pop music was disappearing from the charts again, he managed to score two massive hits with his self-titled 1986 album: its first single, "Keine Sterne in Athen" ("No Stars in Athens") is a catchy and witty little tune that sounds like a perfect transition from Trio's minimalistic mew wave punk to Remmler's new musical direction, a somewhat ironic fusion of the German Schlager -- the kitschy, simplistic pop music of earlier generations -- and modern pop. The album's other hit single, "Alles hat ein Ende (Nur die Wurst hat zwei)" ("Everything Has an End [Only a Sausage Has Two]"), even became a staple of the German carnival, getting played over and over again in the alcohol-induced cheeriness of the beer tents.

Musically, Remmler's writing has always been seeking simplicity -- short, repetitive riffs and basic rhythms, concise lyrics and catchy melodies -- so his departure from the new wave punk of his former group isn't as radical as it might seem at first listen. Remmler is still writing songs with the same characteristics, but he explores other genres this time around -- genres which embrace simplicity, and which have always been sneered at by critics and "serious" music listeners alike: Schlager, children's songs, marching band music, Volksmusik (a special form of the schlager which emphasizes tradition and employs German folk music elements). What largely keeps the album from getting caught in the trappings of these genres is the tad bit of irony Remmler lets shine through on most of the songs. His dry, laconic delivery (imagine Leonard Cohen telling silly jokes) and his slightly tongue-in-cheek lyrics about relationships -- typically about the end of them -- create enough of a distance to make the excursion interesting. It doesn't always work, however: "Vogel der Nacht" ("Bird of the Night") doesn't toy with the Schlager, it simply is one, with its faux-exotic percussion and its trite lyrical kitsch. "Ja hast denn du mein Brief net kriegt" ("Didn't You Get My Letter?") is just plain silly, with Remmler's fake Bavarian dialect.

Throughout the record, Remmler's flirtations with the abovementioned genres create variety. "Unter einer kleinen Decke in der Nacht" ("Under a Small Blanket in the Night") is a children's song with an actual children's choir singing the chorus, "Lass mich einmal noch wieder bei dir sein" ("Let Me Be with You One More Time") employs a marching band with a men's choir. "Stell dir vor es geht das Licht aus" is a charming little waltz (with backing vocals by Inga Humpe). "Alles hat ein Ende (Nur die Wurst hat zwei)" even uses the Vienna police orchestra and choir in its chorus!

Your enjoyment of Remmler's first solo album will largely depend on your tolerance of simple Schlager songs. If the idea of a hefty men's choir singing the chorus to a marching band song makes you cringe, it is advisable to entirely stay away from this album. Still, "Keine Sterne in Athen" (co-produced by Trio's producer Klaus Voormann) is witty enough to draw the listener in, and the other songs are curious enough to make the album an interesting, if not entirely satisfying experience.





This review was written for the All-Music Guide on August 5, 2007.

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After several years of touring Germany with his group Berliner Rock Ensemble, Klaus Lage released his first solo album in 1980. The self-titled effort (which is sometimes referred to under the title MUSIKMASCHINE) is musically uneven and ofttimes slightly too silly to be of any real substance, but that doesn't mean it's a bad album. Throughout the record, Lage fuses basic pop/rock with his singer/songwriter approach, and many of the songs are an interesting precursor to Lage's later recordings. The album starts off with "Musikmaschine" ("Music Machine"), a catchy, synth-driven stab at manufactured pop (the Frank Farian-produced Boney M. and Ralph Siegel's Dschinghis Khan project are mentioned). The song works as both a funny satire of faceless pop productions and as an enjoyable synth rocker. However, not all of the songs are equally successful: "Ich bleib diesen Sommer zu Haus" ("I'll Stay Home This Summer") is a throwaway rock & roll song, and "In den Schluchten deines Ichs" ("In the Abyss of Your Ego") is too silly in its mock-psychology balladry to work as a real song. Four of the songs on the album are German translations of international songs, and they mostly work fine: Janis Joplin's "Mercedes Benz" is funny, and faithful to the original at the same time, just as Lage's version of "Gertcha" (called "Urffie") is. The best of these songs is a literal translation of the Beatles' "I Am the Walrus," which succeeds in turning the absurd lyrics of the original even more absurd -- it's both a mockery and an homage to the song.

Garbage machen Werkschau: Eine solide Zusammenstellung, die keiner wirklich braucht - oder für Uneingeweihte so gut ist wie jedes andere Garbage-Album.

Eigentlich wühlt man ja nicht gerne im Müll. Man fördert ja doch nur Verbrauchtes zutage. Fade Müll-Witze scheinen natürlich eher unangebracht, wenn Garbage sich durch ihr bisheriges Schaffen durchackern, aber der Titel der CD fordert den Vergleich natürlich heraus: Freilich ist das kein totaler Abfall, der hier versammelt ist, aber eine Werkschau nach nur 4 Alben, von denen sich zwei eher schleppend verkauft haben, scheint doch eher auf eine vertragliche Bindung hinzuweisen als auf ein tatsächliches Bedürfnis nach Überblick.

Garbage waren in den Neunzigern die perfekte Synthese aus allen damaligen populären Strömungen: Die Industrial-Neigungen von Nine Inch Nails, die Grunge-Schwermut samt dreckiger Gitarren, die Elektronikloops und -texturen vom TripHop, ein wenig Sonic-Youth-Indieverzerrung, und vorne steht auch noch eine Frau, der man auch bei allen einschlägigen Riot-Grrl-Parties Eintritt gewähren würde. Hinter der Frontfrau drei routinierte Profi-Musiker und -Produzenten, darunter Schlagzeuger Butch Vig, dem dank seiner Produktionen für Nirvana und die Smashing Pumpkins teilweise mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde als der Sängerin.

Die Musik kokettierte stets mit dem Düsteren, mit etwas Abgründigem: Es geht in den Songs immer um Obsessionen, um Depressionen, um unterwürfige Beziehungen und dunkle Phantasien. Eigentlich war alles Pop, mit Mitsingmelodien und tanzbaren Rhythmen, aber die Produktion überzog alles mit einem leicht fiebrigen, dunklen Sound - und da liegt auch das Kernproblem der Gruppe: Es werden stets Abgründe angedeutet, wo gar keine vorhanden sind. Die Produktion ist so perfekt, daß jedes Geräusch exakt sitzt; jeder Verzerrer ist so paßgenau abgemischt, daß aus den Songs nie etwas Gefährliches aufzubrechen droht. Alles ist derart kontrolliert, daß sich darunter gar keine Tiefen auftun können.

Die Band besetzte ihren Platz im Musikgeschehen primär mit ihren ersten beiden Alben - die hier auch mit jeweils fünf Singles gewürdigt werden. Zwischen dem glatten ersten Album und dem hi-tech-polierten zweiten gibt es dabei wenig Unterschied. Die späteren Songs brechen ein wenig mehr aus dem Korsett aus, aber obwohl da durchaus interessante Versuche zu hören sind - die Bubblegum-Pop-Exkursion "Cherry Lips", oder das fragilere "Bleed Like Me" - neigt alles dazu, die Aufmerksamkeit nicht mehr allzu lang zu halten. Es gab nicht mehr Substanz auf den späteren Alben, aber dafür weniger eingängige Songs - weshalb die Aufnahmen sich dann auch viel schlechter verkauften und Garbage seine Relevanz verlor. Wer immer die Zusammenstellung kreiert hat, scheint das zu wissen: Es werden wesentlich weniger Singles aus dem dritten und vierten Album präsentiert - nur zwei aus BEAUTIFULGARBAGE - und obwohl der einsame neue Track, das schwelgerische "Tell Me Where It Hurts", durchaus schmacksam klingt, verliert die Compilation im letzten Drittel viel Dringlichkeit.

Im Prinzip braucht niemand eine Best-of-Werkschau von Garbage: Es reicht, wenn man sich das erste Album kauft. Im Prinzip kann man sich aber auch dieses Album zulegen und hat dann ebenso exakt so viel Garbage wie nötig. Die Band macht intelligente, interessante Musik, hat Stil und Ideen - und bleibt letzten Endes mit ihrer unterkühlt perfekten Oberflächlichkeitsbetonung immer einen Schritt davon entfernt, sich wirklich festzubeißen.

Die Compilation ist übrigens mit einem fein geschriebenen Essay versehen, der der Musik etwas mehr mythische Qualität zugesteht, als sie tatsächlich hat. Fans dürfen sich eine Doppel-CD-Variante zulegen, auf der diverse Remixe enthalten sind - deren Meriten hier mangels Rezensionsmuster nicht untersucht werden können.





Dieser Text erschien zuerst am 3.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Das zweite Album von Bedlight for Blue Eyes, mit fast komplett neuer Besetzung: Eine CD, die wächst.

LIFE ON LIFE'S TERMS heißt das zweite Album der Gruppe Bedlight for Blue Eyes: Das Leben so nehmen, wie es kommt. Das ist ja nicht immer einfach – zum Beispiel, wenn nach einem Debütalbum drei von fünf Bandmitgliedern, darunter der Sänger, das Handtuch werfen. Irgendwie haben sich die übrigen zwei dann aber doch mit neuen Musikern reformiert und machen weiter: Mit einem geradlinigen Teen-Punk-Pop-Album, dessen Qualitäten sich erst mit mehrfachem Anhören offenbaren – in der melodiösen, aber glatt produzierten CD stecken elf kleine, aber feine Kurzgeschichten über Liebe, Leben und Alltag.

Schon das Artwork erzählt eine kleine Geschichte: Unter orangefarbenem Himmel steht ein kleiner Junge auf der Straße und blickt herauf zu ein paar Schuhen, die auf Stromleitungen geworfen wurden. Ganz klar: Es ist die Idee aus Tim Burtons BIG FISH, wo die Schuhe auf die Leine gehängt werden, weil man nicht mehr weggehen muß. Im Booklet zeigen sich dann die zwei Seiten der Geschichte: Der Blick nach oben, in den offenen Himmel – alle Möglichkeiten stehen offen. Und dann der Blick nach unten, auf den Jungen, mit den thronenden Schuhen im Vordergrund – das Bleiben im Vertrauten.

Zwischen diesen beiden Möglichkeiten pendelt auch die Musik von Bedlight for Blue Eyes. Musikalisch ist alles altbekannt: Ihr energetischer Teen-Punk offenbart hymnische Melodien, der Sänger schwingt sich mitunter in schwindelerregende Höhen auf. Alles ist radiotauglich und zudem so fett produziert, dass selbst die ruhigen Passagen mit Dezibeldruck auf den Ohren liegen. Die Dynamik und die klangliche Identität gehen dabei leider verloren. Aber dann sind da noch die Songs selber, die nach mehrfachem Anhören immer mehr ins Ohr wandern, immer mehr Facetten zeigen. LIFE ON LIFE'S TERMS wächst mit der Zeit.

Am interessantesten ist das Album textlich gesehen – die Gruppe erzählt eine Reihe von kleinen Geschichten und fängt dabei sehr spannend verschiedene Stimmungen ein. In "Too Late For Us" ist die Ex-Freundin schon wieder in einer neuen Beziehung, der Erzähler aber nicht: "I'd love to say I'm happy for you / but I'm sorry, I'm just not there". Augenzwinkernd wird dann aber noch angemerkt: "I guess I shouldn't blame you / in fact I ought to thank you for helping me write this song / If this album tops the Billboard / I think I'll save a quarter to call you and let you know". "Michael" erzählt von dem großen Bruder, der gestorben ist, "Broken Door" vom unbekannten Vater. Thematisch mag das abgegriffen und klischéehaft wirken, aber Bedlight for Blue Eyes finden immer wieder Worte, die vertrauten Themen frisch zu erzählen: "Summer days lying in the grass / the world seemed bigger then / I could never find a word for that feeling / until she told me her name", heißt es an einer Stelle.

Klar, die Gruppe reißt keine Bäume aus und erfindet kein Rad neu. Aber sie bewegen sich mit Können und feinen Songs durch ein vertrautes Feld – und die CD wächst und schafft ihre eigene Stimmung. Das reicht völlig für eine Empfehlung. Und das Leben muß man sowieso so nehmen, wie es kommt – und damit auch die Musik.





Dieser Text erschien zuerst am 2.8.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Ein kurzer Nachtrag zum 24-Post: Auf der jüngsten ComicCon-Messe hat einer der 24-Produzenten im Interview erklärt, daß Tony Almeida in der siebten Staffel zurückkehren soll. Urpsrünglich sollte er schon im Finale der sechsten Staffel plötzlich auftauchen, aber das wurde wieder verworfen. Ja, echt jetzt, oder wie? Ist der nicht gestorben worden? Jetzt dürfen all die Erbsenzähler im Netz aufatmen: Sie hatten recht, und es war dann doch keine Giftspritze, sondern nur irgendein Vitaminpräparat, das Tony aus dem Rennen geworfen hat. Ehrlich: So sehr ich Tony als Figur mag und stets gejubelt habe, wenn er Jack unterstützt hat, so sehr riecht diese Ankündigung nach einem verzweifelten Versuch, die Fans wieder zurückzuholen, die sich so lautstark über Tonys Ausscheiden beschwert haben. Aber okay, schauen wir mal ...

Großen Spaß verspricht eine neue Reality-TV-Serie namens THE TWO COREYS, in der Corey Haim bei seinem alten Freund Corey Feldman und seiner Frau Susie einzieht und dort den Hausfrieden empfindlich stört. Ich bin natürlich nicht alleine darin, früher alle Filme mit den beiden Coreys - alleine oder zusammen - gesehen und ihren Absturz über die Jahre hinweg mitverfolgt zu haben. Nach wie vor möchte ich auch einen der beiden in einen meiner Filme packen - vorzugsweise Feldman, den ich schon immer ein wenig lässiger fand als Haim. Egal: Jedenfalls habe ich gerade die erste Folge der Show gesehen. Was für ein Spaß! Reality ist da natürlich gar nichts, aber wenn man diesen Anspruch beiseite schiebt - wie real kann absichtlich gefilmter "Alltag" denn schon sein? - und das Ganze als unterhaltsame Geschichte über das Zusammentreffen zweier alter Freunde, von denen sich nur einer verändert hat, ansieht, dann ist die Sache durchaus vergnüglich. Zum Beispiel, wenn Corey und Susie eine wichtige Frau von PETA einladen und vegan kochen, was Haim überhaupt nicht schmeckt: Er läßt sich heimlich eine Pizza vor die Haustür liefern und behauptet den anderen gegenüber, daß da Hare Krishnas geklingelt haben.

Unterhaltsam natürlich auch die Reaktionen auf die Show im Internet: Die Kritiken sind völlig mies, manche haben sehr viel Mitleid mit dem abgehalfterten Haim, und alle hängen sich an dem vermeintlichen Reality-Konzept auf. Nicole von PETA sei in Wirklichkeit eine arbeitslose dumme Nuß, ist im IMDB-Message-Board zu lesen, wo dann auch über die Echtheit von Susies Oberweite diskutiert wird. In der IMDB sehe ich übrigens auch, daß Susies falsche Oberweite und sie selber demnächst eine Rolle in einem billigen Horrorfilm spielen, an dem Corey Feldman angeblich auch beteiligt sein wird. Vielleicht haben die da ja noch einen Posten für eine fesche arbeitslose dumme Nuß von PETA übrig. Worüber man sich nicht alles Gedanken machen kann.

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