April 2007
Die Salzburger Theatergruppe "play:station" begibt sich mit ihrem zweiten Stück NUR IM KÜHLSCHRANK BRENNT NOCH LICHT auf eine Reise durch die Nacht.

Die Nacht hat viele Gesichter - vor allem im Theaterstück NUR IM KÜHLSCHRANK BRENNT NOCH LICHT - EIN ABEND LANG NACHT, der zweiten Inszenierung der 2004 gegründeten Salzburger Amateurtheatergruppe "play:station". Da durchleben Menschen schlaflose Nächte, weil sie ihre Mitte verloren haben, während andere im Schlaf ihren rätselhaften Träumen freien Lauf lassen. Ein im Bett liegendes Pärchen scheitert an der Kommunikation nach dem Liebesspiel, während zwei Menschen in einem Zugabteil ihre gegenseitige Privatsphäre gestört sehen. Die Nacht bringt in ihnen allen dunkle Seiten zum Vorschein.

NUR IM KÜHLSCHRANK BRENNT NOCH LICHT ist eine episodenhafte Reise durch die Nacht, eine fragmentarische Beobachtung von Begegnungen und Träumen, eine amüsante Collage aus Suche und Schlaflosigkeit. Die einzelnen Szenen haben inhaltlich nur das Thema "Nacht" gemein und fügen sich, ähnlich wie beispielsweise bei David Mamets THE BLUE HOUR, zu einer lose verknüpften Serie von Momentaufnahmen zusammen, in denen wir diese durch die Nacht irrenden Menschen kurz kennenlernen.

Die Inszenierung der Gruppe - die Regie wird dem "Geist der Basisdemokratie" zugeschrieben, will heißen: alles wird gemeinsam ausgearbeitet - ist durchweg spannend und ideenreich: Die nächtliche Zugfahrt wird mit einer Videoprojektion in Bewegung gesetzt, ebenso wie bei einer Liebesaffäre die zu Hause wartende Ehefrau per Video in die Szene geholt wird. Manches ist sehr spärlich ausgestattet - eine Sequenz besteht nur aus einem gelben Sofa und einer Stimme - während andere Szenen den gesamten Raum ausnutzen: In der letzten Szene schleichen Traumfiguren murmelnd durch die gesamte Szenerie, wie Bruchstücke des Unterbewusstseins der Frau, die wir auf der Bühne schlafen sehen. Gelegentlich wird die Barriere zum Publikum charmant durchbrochen, das mitunter passiver Bestandteil einer Sequenz wird.

Die spielerische Vielfalt der Inszenierung wird vom Ensemble mit Leichtigkeit getragen. Obwohl die Mitglieder der "play:station" unterschiedlich viel Erfahrung mit sich bringen, sieht man eine Gruppe, deren Zusammenspiel mühelos funktioniert. Natürlich blitzen hier und da die Fallstricke eines Laientheaters durch - manche Stimme könnte in der Projektion stärker sein, manche Geste präziser eingesetzt - aber nichts davon reißt einen aus dem Stück heraus oder mindert das Vergnügen an der Inszenierung: Das Niveau ist durchweg hoch.

Das Stück wird noch drei Mal aufgeführt: Am Samstag, dem 20. April, Montag, dem 22., und Donnerstag, dem 26., jeweils um 20h in der KHG (Wiener-Philharmoniker-Gasse 2). Der Eintritt ist frei, um freiwillige Spenden wird bei Gefallen gebeten. Reservierungen können unter der Nummer 0662 - 84 13 27 vorgenommen werden. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, und wir sind neugierig, was von dieser enthusiastischen Gruppe noch kommen wird. In dieser Nacht jedenfalls strahlt die "play:station" hell und deutlich.

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Fünf Menschen wachen in einer verbarrikadierten Fabrikhalle auf. Offenbar ist eine Chemikalie freigetreten - keiner von ihnen hat irgendwelche Erinnerungen an das, was passiert ist. Etwas muß aber geschehen sein - einer von ihnen ist an einen Stuhl gefesselt, ein anderer mit Handschellen an ein Geländer gekettet. Einer hat eine gebrochene Nase. Die Halle sieht aus, als sei gekämpft worden. Eine Zeitungsnotiz führt die fünf auf die Spur: Offenbar handelt es sich um eine Entführung. Aber wer sind die Entführer und wer die Opfer? Wer ist auf wessen Seite?

Während die Männer vergeblich versuchen, aus der Halle auszubrechen und sich ihrer Situation klar zu werden, verfolgen wir in der "Außenwelt" einen Polizeieinsatz mit, bei dem es sich offenbar um eine schiefgelaufene Lösegeldübergabe handelt. Natürlich hängt das Geld mit der Entführung zusammen, aber wie? Und welche Rolle spielen die Gangster, die sich in Richtung Fabrikhalle aufmachen?

Stimmen werden laut. Wildfremde Menschen organisieren Sitzstreiks auf dem Rasen vor meiner Wohnung, und zu den geschmeidigen Klängen italienischer Schundfilmsoundtracks werden große Banner hochgehalten: Die Menge fordert eine Rezension zu PORNO HOLOCAUST, einem der berüchtigsten Machwerke aus der Schmiede des Trash-Auteurs Aristide Massaccesi, der auch die unlängst hier sezierte Melange aus weichgezeichnetem Urwaldgebalze und richtig ekligem Innereienspektakel mit dem verlockenden Titel NACKT UNTER KANNIBALEN zu – jawollja: – verantworten hat. Weil die Sex-und-Gewalt-Verquickung so manchen Lire einspielte (trotz für uns nicht nachvollziehbarer Abwesenheit bei der damaligen Oscarverleihung), dachte sich Massaccesi weitere Schnittmengen zwischen – man verzeihe mir das Vokabular – Fürchten und Ficken aus, was uns direkt zu dem hier begutachteten Werk PORNO HOLOCAUST führt – einem der irritierendsten Titel der Filmgeschichte, der in seiner Unglaublichkeit eigentlich nurmehr von Sergio Garrones LAGER SS-ADIS KASTRAT KOMMANDANTUR übertroffen wird, dessen Übersetzung sich jeder selber zusammenreimen mag (Rezensionsexemplare bitte in unauffälligen braunen Umschlägen an die Redaktion schicken).

Betrachten wir uns diesen Titel, der da ängstliche Ahnungen von einem Film in unsere Köpfe setzt, der die Grenzen der Vorstellungskraft (und ebenso die des guten und schlechten Geschmacks) sprengt. Der Titel besteht aus zwei Schlüsselwörtern: Da wäre zunächst einmal "Porno", und das gibt uns ja schon einmal einen zarten Hinweis darauf, was die Figuren machen werden und wieviel wir davon sehen. Da ist aber auch noch das Wort "Holocaust", das uns Bilder eines Massenexodus', der totalen und systematischen Vernichtung, suggeriert, und – sofern wir mit dem öfter auftauchenden Wort "Holocaust" in italienischen Schundfilmen vertraut sind – grenzwertige Ekeleffekte in liebreizenden Nahaufnahmen verspricht. Wie die beiden assoziationsreichen Worte miteinander zu verbinden sind, scheint unvorstellbar: Ist "Porno" hier eventuell als Modifikator zu verstehen? Mit anderen Worten: Unterscheidet sich ein "Porno Holocaust" grundlegend von einem "Jungle Holocaust", so wie das bei "Hochschule" und "Baumschule" der Fall ist? Oder verrät uns der "Holocaust" etwas über den "Porno" – werden wir eventuell Zeugen von totalem und systematischem Vernichtungssex? Dreht sich die Handlung vielleicht um eine geheime Kopulationswaffe, wo der Zeugungsakt ins Gegenteil verkehrt wird?

Als Wim Wenders Ende der siebziger Jahre für Produzent Francis Ford Coppola einen Film über den Krimiautoren Dashiell Hammett und seine Geschichten inszenieren sollte, glaubte er, daß die Produktion schnell über die Bühne gehen würde. Aber dann zogen sich die Dreharbeiten zu HAMMETT über Jahre hin; Wenders geriet mit Coppola aneinander und mußte 80% seines abgelieferten Filmes neu drehen. Anfang der Achtziger, völlig entkräftet und desillusioniert, schob Wenders während weiterer Produktionsverzögerungen eine frustrierte, düstere Meditation über das Filmemachen ein, die ihm letztlich wieder die Freude daran zurückgab: DER STAND DER DINGE.

Zu dem Film kam es, als Wenders auf der Reise von Berlin nach New York einen Zwischenstopp in Portugal einlegte, um Freunde bei den Dreharbeiten zu Raúl Ruíz' THE TERRITORY zu besuchen. Denen war das Geld ausgegangen, und das Filmmaterial ebenso. Wenders brachte ihnen eigenes Zelluloid mit, was es der Crew erlaubte, einige Tage weiterzudrehen, und verliebte sich in den unkomplizierten, freundschaftlichen Ablauf am dortigen Set so sehr, daß er den Schauspielern und der Crew anbot, nach Beendigung des Films an der selben Location einen weiteren Film zu drehen – DER STAND DER DINGE, ihre eigene Geschichte.

"Hallo, ich bin Eoj vom Planeten Krolvenien, der im Sternensystem Zuna liegt. Ich bin gekommen, um mit den Frauen eurer Spezies Sex zu haben. Ich würde gerne mit dir anfangen und dann mit deiner Freundin weitermachen", stellt sich der nette untersetzte Herr mit Vollbart an der Haustür vor. Besagte Freundin, die die Details nicht ganz mitgekriegt hat, tritt an die Haustür und fragt ihre Mitbewohnerin: "Wer ist das?" "Das ist Eoj vom Planeten Krolvenien, der im Sternensystem Zuna liegt", erklärt diese. "Und was will er?" "Er sagt, er ist gekommen, um mit den Frauen unserer Spezies Sex zu haben. Er will mit mir anfangen und dann mit dir weitermachen", erläutert die Erstangesprochene hilfreich. "Gut, komm rein", lächelt die Freundin nett.

Aber mal ganz langsam. Einen Film wie GALACTIC GIGOLO – trotz anderslautender Vorahnungen, die durch die obige Szene hervorgerufen werden, kein Porno! – muss man sehr langsam und genüsslich delektieren. Eine derartige Unglaublichkeit läuft einem schließlich nicht alle Tage über den Weg, geschweige denn über den TV-Bildschirm. Und das auch noch öffentlich-rechtlich, also quasi mit dem Gütestempel des Kulturprogramms, mit der Finanzkraft unserer Fernsehgebühren!

Eoj, der titelgebende Gigolo, ist in Wirklichkeit ein Broccoli aus dem All, der in einer Quizshow auf seinem Heimatplaneten eine zweiwöchige Reise nach Prospect, Connecticut, gewinnt, um dort mit den einheimischen Frauen Sex zu haben ("Die Erde hat einen gewissen Ruf im All", heißt es). Er wählt die menschliche Form des "liebenswerten Sleazoiden" und landet im silbernen Elvis-Glitteranzug im Wald vor Prospect.


Bei seiner Landung werden vier Hinterwäldler auf ihn aufmerksam. "Scheiße", schreit einer von ihnen, "Den kriegen wir" ein anderer, und dann jagen sie ihn durch den Wald, weil Eoj aussieht wie Elvis und höchstwahrscheinlich Kommunist ist. Eoj versteckt sich – in ungefähr zwei Meter Höhe! – auf einem Baum und kann entkommen. Dann klingelt er beim ersten Haus in Prospect und stellt sich wie oben beschrieben vor. Wir lernen schnell, daß Erdenfrauen beim Anblick eines liebenswerten Sleazoiden sofort dahinschmelzen und alles dafür geben, die vegetarische Erektion studieren zu können. Vielleicht liegt es aber auch an dem gelungenen Einleitungsspruch, den ich vielleicht beim nächsten Studentenfest anstelle von "Kenne ich dich von irgendwoher?" austesten sollte.

Um möglichst viele Frauen erreichen zu können, gibt Eoj eine Pressekonferenz, auf der er vorführt, wie er mit einem Fingerschnippen die Frauen willig machen kann, und wie er sich im Zweifelsfalle in jede beliebige Form verwandeln kann. Eine Reporterin namens Hildy und ihr Hausfotograf Waldo überreden Eoj, daß sie ihn begleiten, um seine Abenteuer in einem Buch veröffentlichen zu können. Das bedeutet in diesem Fall, daß Hildy und Waldo bei jeder von Eojs Eroberungen neben dem Bett/Sofa/Whirlpool/Küchentisch (nein, das war ein anderer Film) sitzen – Waldo fotografiert orgiastisch, während Hildy die Frauen streng wissenschaftlich befragt. "Wie viele Orgasmen hattest du?", will sie wissen. "Ich glaube, 46", gibt eine Befragte zu Protokoll. Knallharter Enthüllungsjournalismus eben.


Weil aber die Hinterwäldler das Fernsehinterview ebenfalls gesehen haben, wollen sie Eoj zur Strecke bringen. Also machen sich die etwas zurückgebliebenen Brüder Billy Joe Bob, Sammy Harry Bill, Tommy Jerry Joe und Big Peter Dick daran, die Gegend zu durchkämmen. Einer der vier, dessen Name aus naheliegenden Gründen nicht haften geblieben ist, bleibt zuhause, bewacht das Funkgerät und besteigt nebenbei Peggy Sue Peggy, die Frau seines Bruders Billy Joe Bob. Mitten während der letzteren Tätigkeit meldet sich einer der Brüder über das Funkgerät. "Ich muß da ran", jammert der Funker Peggy Sue Peggy an. "Nur noch ein bisschen hin- und herwackeln", fordert die und feilt sich ihre Nägel. Es hilft nichts: Er steigt unverrichteter Dinge von ihr herab, was der Film mit einem lautstarken "Plopp"-Geräusch sehr bildlich untermalt. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, daß auf dem Sessel daneben der Familienvater Rabbi Goldberg sitzt, der hin und wieder "Schmock" sagt.

Ebenfalls auf der Jagd nach Eoj ist eine Gruppe italienischer Kleingangster, die seine gestaltwandlerischen Fähigkeiten dazu nutzen wollen, um Banken auszurauben. Diese Gang, deren Hauptquartier ein kleines Dachbodenzimmer mit italienischer Flagge an der Wand ist – es wird wohl Zeit, bei Mama auszuziehen – besteht aus Sonny, der sich dauernd aufregt und im Minutentakt verkündet, daß er jetzt nachdenken muß, seinen zwei Henchmen, deren IQ knapp unter Zimmertemperatur liegt, und seiner Gespielin Kay, die aus ganz anderen Gründen Eoj in die Finger bekommen will. Wie sich später zeigen wird, ist es allein ihr Pech, daß sie nicht aus Prospect stammt. Die Gangster werfen sich also ins Auto und fahren Richtung Prospect. Irgendwo in New York kommen sie dann darauf, daß sie sich wohl verfahren haben.


Wie einleitend erläutert, ist GALACTIC GIGOLO kein Porno, und er ist nicht einmal ein Sexfilm. Es gibt einige blanke Brüste zu sehen, aber selbst die generieren wenig erotisches Kribbeln, wenn bei jedem Close-Up auf einen nackten Busen als Soundeffekt entweder eine Hupe oder das Muhen einer Kuh zu hören ist. Vielmehr ist der Film ein völlig infantiler Klamauk, der in seinem Humor derart debil ist – und so statisch abgefilmt und strunzdoof blödelnd gespielt wird – daß das Zusehen beinahe physische Schmerzen verursacht. Man sorgt sich wirklich um die eigene geistige Gesundheit. Ich erinnere mich an einen Filmabend vor vielen Jahren, bei dem Probant Matthias U. der Film so schwer zugesetzt hat, daß er in hysterisches Lachen verfiel, ein völlig unkontrollierbares Gekichere, das keinerlei Zusammenhang mehr mit dem Gezeigten aufwies und erst viele Minuten später unter Kontrolle gebracht werden konnte. Dieser Film ist gefährlich.

Das ist natürlich gelogen. GALACTIC GIGOLO ist völlig harmlos. Es hat überhaupt keinen Zweck, sich über den haarsträubenden Sexismus aufzuregen, über den grenzdebilen Nonsens zu ärgern, oder sich über die schlechte Machart zu mockieren – der Film ist eine Stammtisch-Idee, die von ein paar Enthusiasten mit offenkundiger Begeisterung umgesetzt und tatsächlich verkauft wurde. Keine Sekunde lang nimmt sich der Film selber ernst, also warum sollten wir das tun, anstatt uns einfach nur über die bunte Welt zu wundern, in der solche abstrusen Skurrilitäten überhaupt entstehen können? Ein Stern für den Film, sechs Sterne für das augenöffnende Erlebnis. Ein Film wie kein zweiter.





Galactic Gigolo - Gemüse aus dem All (USA 1988)
Originaltitel: Galactic Gigolo
Regie: Gorman Bechard
Drehbuch: Gorman Bechard, Carmine Capobianco
Filmmusik: Lettuce Prey
Produktion: Titan Productions
Darsteller: Carmine Capobianco, Debi Thibeault, Frank Stewart, Ruth Collins

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"Hast du einen schönen Film für uns?" In mittlerweile alteingesessener Tradition fragt mich das Papa Genzel bei jedem meiner Besuche, und natürlich handelt es sich dabei um keine Frage zum Zwecke der Informationsgewinnung – natürlich habe ich schöne Filme! – sondern um die Einleitung zum gemeinsamen Filmabend. Nachdem wir zuletzt eine Reihe von wichtigen Filmen aus der unmittelbaren deutschen Nachkriegszeit gesehen haben, musste gestern freilich ein wenig leichtere Kost auf den Schirm, und da lag selbstverständlich nichts näher, als sich WER ZULETZT LACHT, LACHT AM BESTEN anzusehen, einer dieser Wörthersee-Streifen der Lisa-Film, in denen Uschi Glas und Roy Black anbandeln und dann doch nie im See ersaufen. WER ZULETZT LACHT, LACHT AM BESTEN, aber wer zuerst lacht, hat verloren.

Da galt es ja nun zunächst einmal die Frage zu klären, um welchen See es sich handelt – aber Papa Genzel erkennt, dank mehrfacher Recherche vor Ort, den Wörthersee schon in der ersten Einstellung. In der zweiten Einstellung sehen wir auch schon das Schlosshotel, und schon sind wir mitten in Handlung im Hotel Seefels ("Das Hotel gibt es nicht", werde ich informiert), das von Theo Lingen geleitet wird und am Rande des Ruins steht. Eine Horde ungezogener Kinder randaliert durch das Etablissement, verschreckt die Gäste und beschmiert Stühle mit Leim. Später werden wir erfahren, daß die Kinder so schrecklich sind, daß sie sogar singen. Das kommt von der antiautoritären Erziehung.


Schon werden wir Zeuge der ersten großen Slapstick-Sequenz: Theo und seine Tochter/Nichte/Großenkelin/Friseuse/sonstwas (wer achtet schon so detailliert auf die Details, wenn das Schicksal eines ganzen Hotels auf dem Spiel steht!) Uschi Glas diskutieren über einen möglichen Verkauf des Hotels, und Theo setzt sich auf ein mit Kleber (der Hartnäckigkeit nach zu urteilen offenbar Plastikklebstoff oder eine im experimentellen Stadium befindliche NASA-Substanz) beschmiertes Sitzkissen. Beim Versuch, selbiges wieder loszuwerden, klebt dann irgendwann auch Uschi Glas dran, und dann macht es ratsch-ratsch, und die liebe Uschi steht in ihrer Unterwäsche da. Ein echter Schenkelklopfer, der eventuell noch erfreulicher sein könnte, wenn nicht jeder Kühlschrank mehr Sex ausstrahlen würde als die Uschi. "Na, das war jetzt ein wenig albern", sagt Papa Genzel und macht dazu ein Gesicht, als hätte ich ihm gerade erklärt, wie gerne ich Transistorradios esse.

Rettung naht! Im Hotel Seefels wird nämlich ein Herr Mertens von den Mertens Hotelbetrieben erwartet, der das marode Objekt kaufen soll. Gleichsam wird ein neuer Portier erwartet, weil der alte zu doof war und sich jetzt in einem der dreihunderttausendfünfundzwanzig anderen Wörthersee-Hotels einen Job suchen darf. Herr Mertens ist aber schwer beschäftigt mit seinen mindestens drei Liebschaften, die allesamt sehr anstrengende und eifersüchtige Frauen sind, und weil er lieber nach Paris fahren will, schickt er stattdessen seinen Sohn Roy Black an den Wörthersee, der gerade schelmisch über einen Lift an der Außenfassade durch das Fenster eingestiegen ist und kurz im Verdacht stand, zu singen. Der pure Nervenkitzel.


Weil nicht erst seit DREI MÄNNER IM SCHNEE gerne Menschen in deutschen Komödien verwechselt werden, hält man jetzt den eben einreisenden Studienrat Eddi Arent für Direktor Mertens und versucht, ihm ein gutfunktionierendes Hotel vorzuspielen, während Roy Black als neuer Portier anfängt und von der ersten Sekunde an anfängt, Uschi Glas anzubraten. Wer schon einmal mit mir zusammen einen einschlägigen Film gesehen hat, weiß, daß ich zu solchen Situationen gerne "Puh, Schleimer" zu dem Mann auf dem Bildschirm sage. "Paß auf, jetzt singt er gleich", droht Papa Genzel, mit dem ich noch vor Filmbeginn wetten wollte, ob Roy singt oder nicht ("In EIN SCHLOSS AM WÖRTHERSEE hat er nie gesungen", verteidigt mein Vater seine Skepsis). In gelungener Teamarbeit wurden beide Verwechslungen übrigens schon von uns vorhergesagt. Manche Handlungsabläufe sind vielleicht eher für Menschen gedacht, die sonst keine Filme schauen.

Die übrige Handlung ergeht sich im üblichen Trallerwatsch. Ilja Richter spielt einen Hotelpagen und kullert dabei mit den Augen und bewegt den Kopf beim Sprechen immer nach vorne wie ein Huhn. Mit Eddi Arent und seinen Albernheiten erwartet man im nächsten Moment, daß ein Mord geschieht und Blacky Fuchsberger auftaucht – zumal auch Siegfried Schürenberg mitspielt, der sich sicherlich seine Rente sichern musste. Irgendwann taucht die Frau des echten neuen Portiers auf und bringt dessen Baby vorbei, das die überforderte Belegschaft dann einfach irgendwo in ein Zimmer legt, weil sie nichts damit anzufangen wissen. "Sing ihm doch ein Schlaflied", schlägt der wahnsinnige Ilja Richter vor, und ich rufe lautstark in Richtung Bildschirm "Tu's nicht!", aber es ist zu spät. Roy singt. Er schmettert. Dabei hat er so glasige Augen, daß man meinen könnte, er rührt sich selbst zu Tränen. Vielleicht hat er aber auch nur an all die vielen Dinge gedacht, die er eigentlich machen wollte, anstatt in sinnfreiem Wörthersee-Klamauk klebrige Schlager zu singen. "Das ist kein bekanntes Lied", konstatiert Papa Genzel.


Und dann kommen, ach je, die Missverständnisse, und Uschi ist sehr beleidigt und bandelt sofort mit dem herumstreunernden Adelsplayboy Peter Weck an, der sie auch gleich auf sein Schloß bringt. Roy Black heckt einen grandiosen Plan aus, bei dem Ilja Richter das Hotel in Rauch einnebeln soll, und er selber mit dem Sportflieger über das Schloß fliegt, um einen Stein mit einer Nachricht herunterzuwerfen, daß das Hotel brennt. Mal ehrlich: Ein einfacher Telefonanruf hätte es wohl auch getan. Nachdem der Rauch verzogen ist, ist das Hotel dank türmender Gäste verwüstet, aber Roy Black offenbart seine wahre Identität und erklärt, daß er das Hotel gar nicht kaufen will, sondern viel lieber nur dessen Schulden begleichen möchte und dafür sorgen will, daß immer genug Gäste da sind. Bevor ich noch zu einem seufzenden "Puh, Schleimer" ansetzen kann, ist der Film auch schon aus.

"Also, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, war das Klamauk", kommentiert Papa Genzel. Das können wir widerspruchslos als Schlußwort stehen lassen.
 



Wer zuletzt lacht, lacht am besten (Deutschland 1970)
Regie: Harald Reinl
Drehbuch: Klaus E.R. von Schwarze, Johannes Weiß
Musik: Werner Twardy
Produktion: Lisa Film
Darsteller Roy Black, Uschi Glas, Theo Lingen, Ilja Richter, Eddi Arent, Siegfried Schürenberg, Peter Weck
Länge: 82 Minuten
FSK: 6

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Mit den Nazis ist das so ein Problem: Sie sind überall. Auf der ganzen Welt, und das mit Vorliebe auch noch im Kino. Da gibt es lachende Nazis, mordende Nazis, sadistische Nazis, menschelnde Nazis, hochrangige Nazis, Nazis zum Abschießen, Nazis zum Abwinken. Und wie uns der hier begutachtete Film aus dem Jahre 1986 lehrt, gibt es auch surfende Nazis. Vielleicht hat aber auch nur ein blauäugiger – ja, wieder einmal gelingt es Genzel, ambivalentes Vokabular geradezu subversiv in den Text zu schmuggeln! – Drehbuchautor den Titel des Buches "Die Welle" mißverstanden, und so entstand SURF NAZIS MUST DIE.

In einer nicht allzu fernen Zukunft wurde Kalifornien von mehreren Erdbeben heimgesucht, die große Teile der Küstenregion zerstört hinterließen. Diesen Part der Prämisse, wie ich nicht ohne Stolz hervorheben möchte, habe ich im Internet recherchiert und dann zu einem fundierten einleitenden Satz geformt – aus dem Film selber läßt sich diese Information nämlich nicht ableiten. Am Strand herrschen nun tyrannische Surfergangs, die sich über die Nutzungsrechte des Gebietes sowie über soziale Grundfragen eher uneinig sind, weswegen steter Kampf herrscht. Besonders verachtenswert sind dabei die Surfnazis, unter Anführung von Oberbrettbesteiger Adolf und seiner devoten Freundin Eva. Wir lernen Adolf noch vor dem Vorspann kennen, wie er kleine Surferkinder mit schmetternden Reden indoktriniert.


Die Surfnazis sind durch und durch verdorbene Gesellen: Sie malen auf alles, einschließlich sich selber, Hakenkreuze und mopsen alten Damen am Strand die Handtaschen. Zur Gang gehört der schon etwas ältere Surfer Mengele (an dieser Stelle darf ich beteuern, daß ich mir die Details nicht etwa ausdenke), der im Blutrausch auch schon mal gerne einem Hippie-Surfer namens Jesus die Kehle durchbeißt. Welch Symbolik! Der Faschismus tötet den Frieden und bohrt sich in den Lebenssaft der Religion! Wo waren wir? Ach ja: Ebenfalls in der Truppe ist der handlose Hook, der aussieht, als wäre er auf dem Weg zum Casting einer Musicalversion von CLOCKWORK ORANGE, und der blonde Teenager Smeg, der bestimmt aus einem "Person least likely to win a Kiefer Sutherland lookalike contest"-Wettbewerb heraus engagiert wurde.

Gleichzeitig lernen wir Mama Washington kennen, die ein Seniorenheim in der Nähe bezieht. Daß die stämmige Schwarze gleich beim Einrichten des Zimmers eine US-Flagge liebevoll an den Spiegel montiert, läßt uns ahnen, daß sie als demokratische Gegenkraft zum Strandfaschismus ins Spiel kommen wird. Mama Washington ist unangepaßt: Während die Heimschwester sich bei einer Kollegin beschwert, daß die quicklebende neue Bewohnerin nicht ihre Sedative einnehmen will wie alle anderen Alten, fällt Mama Washington schon mit einer Motorsäge einen Baum im Garten, weil dieser ihr die Sicht versperrt. Freunde der amerikanischen Geschichte sind herzlich dazu eingeladen, aus den Elementen "Washington" und "Baumfällen" für diesen Film relevante clevere Konstrukte zum Thema Opression per Kommentarfunktion zu hinterlegen.


Als nun die Surfnazis – nach ausgiebigem Wellenreiten, das noch vor dem Terrorisieren der Nachbarschaft Priorität hat – Mama Washingtons Sohn Leroy am Strand den Schädel einschlagen und die betrübte Mutter ihren Sprößling daraufhin im Leichenschauhaus identifizieren darf, findet der Spaß ein Ende. Rache ist Blaukraut! Die rüstige Alte kauft sich eine Walther-Antinaziknarre und macht sich eigenhändig an die Faschismusbekämpfung. Weil sich in den letzten 25 Minuten auch diverse andere Surfgangs gegen den Anschluß sträuben, wird recht ausgiebig gestorben, und so manche Kehle trifft auf den dafür vorgesehenen schlitzenden Nazi. Unter den rivalisierenden Gangs findet sich, die Randnotiz sei mir erlaubt, übrigens nicht nur eine Art Fashion-Interessenszusammenschluß (in der die Surfer schöne Namen wie "Blow", "Dry" und "Curl" tragen), sondern auch ein waschechter Samurai-Clan, dessen drei Mitglieder "Wang", "Yin" und "Yang" heißen, einen buddhistischen Tempel am Strand besitzen, und trotz lautstarkem Herumgehüpfe doch nicht in der Lage sind, dem sandbasierten Nationalsozialismus Einhalt zu gebieten.

Ein Glück, daß Mama Washington eine Kämpfernatur ist. Mit einer Granate begrüßt sie Mengele, der mittlerweile schon Blut von langen Messern leckt, dann jagt sie das Führergespann Adolf und Eva durch ein Fabrikgelände, um schließlich im Meer das arme Fräulein Braun mit dem Motorboot zu überfahren und Adolf ein paar Mal zu erschießen. Lachend schwingt die Alte sich wieder auf ihr Motorrad, und wir wissen: Überall auf der Welt, wo jemand unterdrückt wird, schwingt sich die Demokratie auf, der Tyrannei ein Ende zu bereiten.


"Dilettantisch inszenierter, abstrus-gewalttätiger Actionfilm, der schamlos seine spekulativen Attribute ausschlachtet", schreibt das Lexikon des Internationalen Films – gerade so, als wäre das etwas Schlechtes! Das Troma-Logo vor dem – nüchtern betrachtet doch etwas zahmen – Film läßt den Connoisseur freilich schon im Vorfeld wissen, welch Untiefen ihn erwarten, liefert die New Yorker Billigschmiede doch in freudigster Regelmäßigkeit dilettantisch inszenierte, abstrus-gewalttätige Actionfilme ab, die schamlos ihre spekulativen Attribute ausschlachten. Aber auch, wenn man streng phänomenologisch vorgeht, kann allein schon aus dem Titel der konkrete Inhalt des Films deduziert werden: Es wird gesurft, es gibt Nazis, und die müssen sterben. Mag sein, daß der eine oder andere Zuseher anhand dieser Elemente eher einen tiefschürfend-dramatischen Diskurs erwartet, oder gar eine soziologische Studie über sterbende, surfende Nazis. Wenn ich mir das recht überlege: Vielleicht wäre eine soziologische Studie über sterbende, surfende Nazis dann doch interessanter gewesen als dieser Film.





Surf Nazis Must Die (USA 1986)
Regie: Peter George
Drehbuch: Jon Ayre, Peter George
Produktion: Troma / The Institute
Darsteller: Barry Brenner, Dawn Wildsmith, Gail Neely, Michael Sonye, Bobbie Bresee
Länge: 78 Minuten


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Heute ist Wunschkonzert! Ein Kollege, der für die Seite mannbeisstfilm.de tätig ist (und aus Gründen des Datenschutzes hier nur "Florian F." genannt werden soll), trat gestern mit dem Wunsch an mich heran, ein paar weise Worte über den unglaublichen Film NACKT UNTER KANNIBALEN zu verlieren – im Original EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI, was soviel bedeutet wie EMANUELLE UND DIE LETZTEN KANNIBALEN. Trotz großer Sorge um meine rechte Hirnhälfte habe ich mich zum Zwecke eines Reviews-on-Demand am gestrigen Abend also erneut mit dieser boshaften Mutation auseinandergesetzt, die ich mir vor vielen Jahren im Zuge einer "Den-Schlonz-will-ich-endlich-einmal-gesehen-haben"-Umnachtung als Holland-Import erworben habe. Genzel und die Kannibalen: Abgründe tun sich auf.

Unglaublich abgründig ist auch die Karriere des hier zur Debatte stehenden Regisseurs Joe D'Amato, der mit bürgerlichem Namen Aristide Massaccesi heißt und in seiner Laufbahn Dutzende von Billigststreifen abgesondert hat, die vom Western über den Thriller über Softsexfilme bis hin zu Horror, Fantasy, und Hardcore-Pornographie rangieren. Massaccesi verstand sich nie als Künstler, sondern immer nur als Geschäftsmann, weswegen er auch gerne die niedersten Instinkte des Kinogängers bediente, weil da ja bekanntlich das Geld sehr schnell aus der Brieftasche fallen kann. So entstand dann auch EMANUELLE UND DIE LETZTEN KANNIBALEN, ein merkwürdiges Zusammentreffen der BLACK-EMANUELLE-Softsexreihe mit den aufkeimenden Ekel-Exzessen der Kannibalenfilme, in denen durch den Dschungel stapfende Abenteurer in liebevollen Großaufnahmen von Menschenfressern gequält und dann verspeist werden. Die Kombination von heißem Sex und grausigen Gedärmemahlzeiten mag unsereins nicht absolut naheliegend vorkommen, aber für D'Amato war das eine klare Rechnung: Viele Menschen zahlen für nackte Haut, viele Menschen zahlen für Mondo-artige Schockstreifen, also müsste beides in einem Film doch die doppelte Menge an Zusehern anlocken.


Der Film beginnt im Großstadtdschungel von New York – die Gegenüberstellung der Straßenschluchten und des von der Zivilisation unberührten südamerikanischen Dschungels darf in keinem Kannibalenfilm fehlen – wo die Reporterin Emanuelle in einer psychiatrischen Klinik sozusagen undercover als Patient auf der Suche nach aufregenden Stories ist. Als eine eingelieferte Wilde einer Schwester eine Brust abknabbert, wird Emanuelle stutzig. Des Nachts schleicht sie sich in das Zimmer der Patientin, wo sie – im Zuge eines in unseren Breitengraden weniger verbreiteten Begrüßungsrituals – der Frau zärtlich die Schamlippen streichelt und sie dabei fragt, wie sie heiße. Dabei fällt ihr eine Tätowierung überhalb des Schambereichs auf, die sie flugs fotografiert und am nächsten Tag ihrem Chefredakteur unter die Nase hält: Das Tattoo deutet auf einen bislang ausgestorben geglaubten Kanibalenstamm im Amazonas hin! Emanuelle schnappt sich den schlauen Anthropologen Mark Lester und plant mit ihm eine Expedition zu den letzten Kannibalen. Entschuldigung, beinahe vergessen: Vorher schlafen sie noch miteinander. Ach ja, noch etwas hätte ich fast vergessen: Emanuelle schläft zum Abschied auch noch mit ihrem Lebensgefährten in malerischer Kulisse mitten am Hudson River – eine Sequenz, die mit folgendem schönen Dialog eingeleitet wird:

FREUND: Emanuelle, you must be crazy.
EMANUELLE: Maybe I am crazy. But right now, I want to make love.

Lester zeigt der wißbegierigen Emanuelle spannendes Dokumentarfilmmaterial, wo in grobkörnigen Bildern (und schmerzhaften Nahaufnahmen) gezeigt wird, wie ein Kannibalenstamm mit zwei Ehebrechern verfährt: Der Mann wird kastriert, während der Frau die Augen aus dem Schädel gepflückt und wie rohe Eier verspeist werden. Ich darf als Einschub kurz anmerken, daß ich EMANUELLE UND DIE LETZTEN KANNIBALEN nicht dringend als Film für das erste Date empfehlen würde.

Die nächste Dreiviertelstunde schlagen sich Emanuelle und Mark nun zusammen mit diversen anderen durch den Film streunenden Figuren durch den Dschungel, darunter eine junge Nonne, ein Abenteurer-Ehepaar, und eine blonde Frau, deren Aufgabe jenseits der Entkleidung sich nicht vollständig offenbaren will. Die Handlung, wenn wir das im Anfall von Großzügigkeit einmal so nennen wollen, wird dabei alle paar Minuten für ausgiebigste Softsex-Begegnungen unterbrochen: Mark und Emanuelle wälzen sich durch das Zelt, die blonde Frau schaut zu und befriedigt sich dazu selber. Später baden Emanuelle und Isabelle (den Namen der blonden Frau erwähne ich deshalb, weil ich dezidiert darauf hinweisen möchte, daß ich an der Charakterentwicklung Anteil genommen habe) im Fluß und waschen sich gegenseitig ihre primären und sekundären Geschlechtsteile. Die Ehefrau des Abenteurers läßt sich von einem schwarzen Träger beglücken, ihr impotenter Ehemann befingert die schlafende Isabelle zwischen den Beinen. Es ist wahrhaftig eine Expedition, bei der durch die Bank mannigfaltiger Forschungsdrang herrscht.



Dann wird eine ausgeweidete Leiche am Flußufer gefunden. "This place is dangerous", kombiniert Professor Lester: Es zahlt sich immer aus, wissenschaftlich geschultes Fachpersonal an Bord zu haben. Zurück können sie aber nicht, weil ihnen das Boot gemopst wurde, also stapfen sie unverdrossen durch den Urwald und fallen schön langsam den Kannibalen in die Hände. Die Nonne wird von den Wilden an einen Baum gebunden, wo sie ihr dann eine Brustwarze abschneiden und sie in der Mitte aufschneiden. Ab sofort sollte es unterlassen werden, während der Filmvorführung Nahrung zu sich zu nehmen.

Das Abenteurer-Ehepaar sondert sich von der Gruppe ab und findet ein abgestürztes Flugzeug. Darin versteckt ist ein Stoß Diamanten, nach dem die beiden schon seit geraumer Zeit suchen. Aus Freude ob des aufregenden Fundes entdeckt der Mann seine Potenz wieder, und trotz bereits wahrgenommener Kannibalenbelagerung vergnügen sich die beiden ein wenig auf dem Boden, bis die Wilden dann beide gefangennehmen. Wer hätte das gedacht! Der Mann wird mit einem Seil in der Mitte auseinandergeschnitten (tatsächlich haben die Filmemacher ein Photo der oberen Körperhälfte des Darstellers zwischen zwei Pfähle gehängt), die Frau wird oberhalb ihrer Vagina aufgeschnitten und ausgeweidet. Warum sehe ich mir das doch gleich wieder an? Richtig: Damit ihr das nicht tun müßt.

Vergessen wir mal das übrige Kuddelmuddel und die völlig nackte Emanuelle, die zum Schluß mit einem Gewehr in den Kannibalenhaufen ballert: Die Kombination von Erotik und Ekel ist verstörend. NACKT UNTER KANNIBALEN ist ein Hybrid, der nicht funktioniert und nicht funktionieren kann: Es ist beinahe so, als würde einen der Film dafür bestrafen wollen, daß man sich gerade eben noch von der nackten Haut hat anheizen lassen. Die Gründe, warum sich ein Zuseher einem der beiden Genres widmet, sind so unvereinbar, daß sie in der Kombination in jedem Fall nur unangenehme Beklemmung hervorrufen. D'Amatos Film ist in der Hinsicht ein kompletter Tabubruch, weil er den Zuschauer in jedem Fall als Voyeur teilhaben läßt, die Darstellung von Sexualität aber auf die selbe Ebene zieht wie die Grenzerfahrung, seine Nerven an grausamen Mordsequenzen testen zu wollen. Mit anderen Worten: Der Film tut so, als würde beides das gleiche Bedürfnis ansprechen.



Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang auch die – allen BLACK-EMANUELLE-Filmen und den meisten D'Amato-Erotikgeschichten gemeinsame – Chiffrierung der Sexualität als etwas Dunkles, Verbotenes. Das fängt mit der Figur der Emanuelle selber an, die als dunkelhäutiges Exotikum die Expedition und den Zuseher auf eine merkwürdige Reise in die verschiedenen Formen der Sexualität führt. Beinahe keine der Sexszenen kommt ohne den Tabubruch aus: Voyeurismus spielt eine große Rolle (Isabelle beobachtet Mark und Emanuelle, der gehörnte Ehemann beobachtet seine Frau und den schwarzen Träger), ebenso wie das Spiel mit dem Verbotenen (natürlich sehen wir auch die junge Nonne irgendwann ohne Kleider) oder das Element der Aggression (die Ehefrau des Abenteurers wird sexuell stimuliert, als sie den schwarzen Träger beim Reinigen seiner Waffe beobachtet!). Daß die drastischen Angriffe der Kannibalen primär auf die Genitalien abzielen, rückt die Sexualität um ein Vielfaches ins Eck des Abartigen. Ohne die Gewalt hätte der Film als Darstellung sexueller Phantasien (und somit als Ventil für selbige) funktionieren können, mit den Blutexzessen verbunden allerdings wird die Gesamtdarstellung der Sexualität zur reinen Perversion.

Für D'Amato schien die Rechnung jedenfalls aufgegangen zu sein: Er ließ eine Handvoll weiterer Erotik-Horror-Mutationen folgen, darunter den komplett schizophrenen PORNO HOLOCAUST, der Hardcore-Sex mit Zombie-Horror vermischt (und das, man glaube es uns unbesehen, muß man nicht sehen). Egal: NACKT UNTER KANNIBALEN bleibt ein unglaubliches Stück Trivialschund, das so nur in den Abgründen der Exploitation-Grenzgänge der Siebziger Jahre entstehen konnte. Vielleicht können wir D'Amato für das Experiment dankbar sein: Nochmal probiert das wohl keiner. Deckel drauf, zusperren und wegschließen.



Nackt unter Kannibalen (Italien 1977)
Originaltitel: Emanuelle e gli ultimi cannibali
Alternativtitel: Emanuelle und die letzten Kannibalen / Emanuelle and the Last Cannibals / Trap Them and Kill Them / Emanuelle y Los Ultimos Canibales
Regie: "Joe D'Amato" (= Aristide Massaccesi)
Darsteller: Laura Gemser, Gabriele Tinti, Susan Scott, Donald O'Brien
Länge: 85 Minuten


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Ich darf Sie recht herzlich zur heutigen Lehrveranstaltung begrüßen und freue mich, daß Sie nach wie vor so zahlreich erschienen sind, jeder einzelne von Ihnen. Wir haben ja zuletzt schon ein sehr kritisches Auge auf die oftmals übersehenen Werke des europäischen Kinos geworfen, und – das habe ich ja schon auf dem Curriculum angekündigt, den, wie ich mitbekommen habe, der eine oder die andere bislang gar nicht beachtet hat – so widmen wir die heutige Vorlesung nun dem Film DIE TOLLEN TANTEN SCHLAGEN ZU aus dem Jahre 1971, den Sie sich hoffentlich im Zuge Ihrer gründlichen Vorbereitung bereits mit analytischem Blick angesehen haben.

Bitte schlagen Sie doch kurz Ihre Unterlagen auf und lassen Sie Ihr Auge über die Namen der Mitwirkenden schweifen. Regisseur Franz Josef Gottlieb sind wir ja schon begegnet, als wir AUF DER ALM DA GIBT'S KOA SÜND studierten. Die entsprechenden Querverweise entnehmen Sie doch bitte den dortigen Handouts, die ich übrigens auch im Handapparat auflegen lasse. Dabei fällt mir übrigens ein: Einigen von Ihnen scheinen die im Handapparat aufliegenden Handouts bislang entgangen zu sein. Wenn Sie in die Bibliothek kommen, sehen Sie gleich rechts auf dem Regal einen Ordner mit dem Namen der Lehrveranstaltung darauf. Sie wissen aber schon, wo sich die Bibliothek befindet, oder? Genau, das ist der Raum mit den vielen Büchern.


Kommen wir zurück zum Film. In DIE TOLLEN TANTEN SCHLAGEN ZU sind, wie auch schon in WENN DIE TOLLEN TANTEN KOMMEN und in TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE zuvor, Rudi Carrell und Ilja Richter zu sehen. Carrell spielt hier einen Holländer namens Rudi, während Richter einen schlaksigen Jungen mimt, der nicht schauspielern kann. In der, wie sagt man doch so schön neudeutsch, Cast werden die beiden von bekannten Gesichtern flankiert: Darunter Theo Lingen, Hans Terofal – die Aufmerksamen unter Ihnen wissen bereits, wie sehr sich Terofal um den Erfolg der deutschen Komödie verdient gemacht hat - weiters Trude Herr, Hansi Kraus, und Dr. Gunther Philipp, der uns schon so oft gezeigt hat, wie gerne und gelungen sich Psychologiestudium und Slapstick vereinen lassen. Geschrieben wurde das Werk von Erich Tomek, der dann später die Serie EIN SCHLOSS AM WÖRTHERSEE schuf – ein Stück Fernsehgeschichte, dem ich nächstes Semester eine ganze Vorlesungsreihe widmen möchte. Bei Interesse tragen Sie sich bitte jetzt schon auf der Liste ein, die vor dem Geschäftszimmer aushängt – ich werde Ihren guten Willen auch gerne bei der Notengebung berücksichtigen.

Der vorliegende Film zeigt uns einmal mehr, wie vielseitig die – bitte verzeihen Sie mir die Anglizismen – Location Wörthersee in zahllose Geschichten eingebaut werden kann. Besonders unter Berücksichtigung der im deutschen Humorverständnis so beliebten Verwechslungsstrategien, in welcher Figuren für ganz andere Figuren gehalten werden, und sich die Mißverständnisse dann bis zum klimaktischen, aber letztlich doch glücklichen Ende türmen. So reisen hier die Freunde Rudi und Andy an den Wörthersee und werden dort prompt verwechselt: Rudi wird für einen Meisterkoch gehalten und darf fortan die Küche eines Hotels unsicher machen – und, das müssen wir zum Ziele der Differenzierung genau festhalten, es handelt sich hierbei nicht um das Schloßhotel. Andy dagegen wird in einem Mädcheninternat für ein, jawollja, Mädchen gehalten und bekommt unter der strengen Führung von Vizedirektor Theo Lingen Stubenarrest, ohne das Mißverständnis aufklären zu können.


Bitteschön, meine Damen! Was soll das Gekichere? Wir sehen uns das hier ja nicht zum Spaß an. Also: Um Andy wieder aus dem Mädcheninternat herauszuholen, verkleidet sich Rudi als Andys Mutter, während eine andere besuchende Mutter für einen Mann gehalten wird. An dieser Stelle sollten wir kurz innehalten und den diesem oberflächlich betrachtet harmlosen Klamauk innewohnenden Gender-Diskurs ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Das fängt schon damit an, daß Ilja Richter selbst ohne Verkleidung für ein Mädchen gehalten wird – Andy steht gewissermaßen für die sexuelle Ambivalenz, die uns allen zu einem gewissen Grad zu eigen ist. Daß er die Komödie eine Zeitlang mitspielt, ohne sich als Mann erkennen zu geben, zeichnet ihn als einen Menschen, der sich seiner Sexualität nicht sicher ist. Nicht zu übersehen auch die – und das dürfen wir ruhig auch so aussprechen – dialektischen Elemente: Wenn sich Andy an einem Seil, das er aus vielen Büstenhaltern geknotet hat, aus dem Internat abzuseilen versucht, ist er einerseits ein Individuum auf der Flucht vor seiner eigenen sexuellen Identität, auf der anderen Seite aber bedient er sich beim Fluchtversuch eben jener geschlechtsspezifischen Elemente, denen er zu entkommen versucht.

Viel gereifter in seiner geschlechtlichen Identität – aber dafür natürlich auch als ältere Figur, quasi als Mentor in die Handlung integriert – ist Rudi, der als vereinendes Element zwischen Chromosomenträgern jeglicher Art vermittelt. Ohne Widerspruch wirft sich Rudi in Frauenkleider, um Andys Mutter zu mimen, und wird – trotz eindeutiger männlicher Physiognomie sowie definitiv maskulinen Sprech- und Bewegungsmustern – vom gesamten Umfeld sofort als Frau akzeptiert. Als Theo Lingen die Information erhält, daß sich ein Betrüger in Frauenkleidern im Internat herumtreibt, verdächtigt er nicht etwa den für uns so offensichtlich transgressiven Sexual-Wechselbalg Rudi, sondern die tatsächliche Mutter, die im Internat auftaucht – eine Figur, deren repressive Züge (sie rät ihren beiden Töchtern, ja keine Männerbekanntschaften zu schließen) sie gewissermaßen ihrer sexuellen Identität berauben.

Jetzt lachen Sie doch nicht dauernd! Schreiben Sie lieber mit – das wird alles Teil des Prüfungsstoffes. Dabei fällt mir übrigens ein, daß zuletzt Exemplare einer meiner vorigen Prüfungen in schlecht lesbaren Kopien in der Mensa gesichtet wurden – ich bitte Sie, Sie sind doch nun auch schon erwachsen. Als Vorbereitung empfehle ich Ihnen sogar eine Auseinandersetzung mit meinen vorigen Prüfungsstoffen – vor allem die Kapitel "Depressionen im Deutschen Revuefilm" und "Monogamie im französischen Film" – aber ich darf Ihnen versichern, daß Sie hier ganz auf die diesjährige Vorlesungsreihe zugeschnittene Fragen erwarten werden. Ich darf Sie da aber beruhigen. Man hört trotzdem immer wieder von Studenten, die meine Prüfung bestanden haben.


Wo waren wir? Ah ja. Denken wir doch einmal kurz über das - und ich verwende nun bewußt ein provokant gewähltes Wort – politische Element des Films. Der hochgeschätzte Kollege unserer Academia, Dr. Gunther Philipp, spielt hier einen texanischen Ölbaron, der auf dem Gelände des Hotels gerne nach Öl bohren möchte, und dann – weil der Eigentümer ihm das Grundstück nicht überlassen möchte – eine Intrige anzettelt, um das Hotel in den Ruin zu treiben. Wer hinter diesem Handlungsstrang aber eine plumpe Abrechnung mit dem amerikanischen Imperialismus vermutet, irrt sich gewaltig: Zunächst mal versucht der Ölbaron lange Zeit, das Grundstück ehrlich zu erwerben. Erst, als sich der Eigentümer dem Geld gegenüber unbeeindruckt zeigt, greift er zu anderen Methoden. Wir sehen hier also nicht etwa eine Kritik am Kapitalismus, sondern einen gewieften Diskurs über die Grenzen desselbigen! Weiters gilt es zu beachten, daß der Ölbaron einen Pakt mit der Schwester des Eigentümers schließt – wir sehen also Österreich und die Vereinigten Staaten Hand in Hand eine Verschwörung planen! Es kann bedenkenlos davon ausgegangen werden, daß Regisseur Gottlieb hier einen Kommentar zu dem Mythos abgibt, daß die Nazis seinerzeit in Österreich einmarschiert sind, wo die doch in der Tat mit Freudentränen und offenen Armen zur Kollaboration bereit waren.

Ich sehe auf die Uhr und muß feststellen, daß die Zeit schon wieder viel zu schnell vergangen ist. Als Frage möchte ich Ihnen aber noch einen Gedanken mit auf den Weg geben: Ach, bitte, jetzt packen Sie nicht schon ungeduldig zusammen, die eine Minute können Sie doch noch warten. Also: Wie würden Sie die Verwendung von Schlagern im Film bewerten? Sind die Schlagersänger als griechischer Chor zu verstehen, der die Handlung kommentiert? Oder erfüllt die Musik hier vielmehr das Ventil für die Sehnsucht nach ursprünglichen Werten, mit denen vermittelt werden soll, daß die Suche nach einer modernen sexuellen Identität durchaus Hand in Hand mit traditionell gefeierten Geschlechterrollen kombinierbar ist? Bitte denken Sie darüber nach. Und noch ein allerletzter Gedanke: Inwiefern spielen Gewalt und Aggression in dem politischen Diskurs eine Rolle, nachdem ja die Verschwörung in einer großen Schlägerei gewissermaßen bereinigt wird?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Nächste Woche sprechen wir über BANANA JOE, und in diesem Zuge betrachten wir die Idee des Kolonialismus im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk von Terence Hill und Bud Spencer. Danke und auf Wiedersehen.





Die tollen Tanten schlagen zu (Deutschland 1971)
Regie: F.J. Gottlieb
Drehbuch: Erich Tomek
Kamera: Heinz Hölscher
Produktion: Lisa Film
Darsteller: Gunther Philipp, Rudi Carrell, Ilja Richter, Theo Lingen, Hansi Kraus, Trude Herr, Hans Terofal
Länge: 90 Minuten
FSK: 6

Dieser Text erschien zuerst bei mannbeisstfilm.de.



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