Januar 2007
Weil ich gerade 1½ Seiten an meiner Dissertation geschrieben habe - über (hed) p.e. - und dies deswegen geradezu historisch ist, weil ich seit einem halben Jahr nichts daran gearbeitet habe, muß gefeiert werden. Daher lassen wir den jahrhundertealten Kampf zwischen Affe und Roboter noch einmal aufflammen (für diejenigen, die es immer noch nicht kennen):



Was für ein Song. Ich glaube ja, daß der Roboter gewinnen wird, aber vielleicht ist der Affe der Underdog in der Geschichte. Wetten werden gerne entgegengenommen.

Genzel gegen seinen inneren Schweinehund, der Mensch gegen die Maschine, der Affe gegen den Roboter, Balboa gegen Drago. Kämpfe für die Ewigkeit.

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Die Doppel-DVD FREDDIE MERCURY: LOVER OF LIFE, SINGER OF SONGS bietet einen detaillierten Einblick in die Person des Queen-Sängers und in sein Solowerk.

Am 24. November 1991 starb Queen-Sänger Freddie Mercury an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung - nur einen Tag, nachdem er die Öffentlichkeit über seinen Gesundheitszustand informiert hatte. Der Schock saß damals tief; Mercurys Tod war eines der Ereignisse, die AIDS ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rückten. Fünfzehn Jahre danach bleibt es ein großer Verlust für die Musikwelt: Eine derart schillernde Persönlichkeit wie Freddie Mercury war einzigartig. Mercury war ein Paradiesvogel, ein stolzer Pfau, der in den unmöglichsten Kostümen über die Bühne marschierte. Er besaß eine unverkennbare, kraftvolle Stimme, komponierte scheinbar mühelos mehrere Welthits, war als Musiker ein spannender Eklektiker, und umarmte seine Welt mit einer Lebensfreude, der keine Grenzen gesetzt schienen. Vielleicht war Mercurys Tod deswegen auch so ein Schock: So energiegeladen und lebenshungrig er immer auftrat, schien es, als würde er ewig leben. Eine derartige Naturgewalt muß einfach weiter existieren.

2006 wäre Freddie 60 Jahre alt geworden. Neben einer Einfach- und Doppel-CD mit Querschnitten durch sein Solowerk sowie diversen Remixen und Neuauflagen - letztere, wie die meisten der posthumen Queen-Aktivitäten, mehr oder weniger musikalische Nekrophilie - erschien eine Doppel-DVD, die mit einer Doku sowie diversen Musikvideos und anderem Bonusmaterial aufwartet. Manches davon ist schon hier und dort erschienen, aber die genaue Aufdröselung der Veröffentlichungshistorie überlassen wir gerne anderen.

Das Herzstück der DVD ist die Dokumentation FREDDIE MERCURY: THE UNTOLD STORY, die die beiden Österreicher Rudi Dolezal und Hannes Rossacher - hauptsächlich als Musikvideo-Regisseure tätig - schon vor ein paar Jahren gedreht haben. Der Film beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Menschen Freddie Mercury, weniger mit dem Verlauf seiner Karriere, weshalb jeder, der eine Nachzeichnung der Queen-Geschichte sucht, sein Augenmerk definitiv in eine andere Richtung steuern sollte. THE UNTOLD STORY erzählt von Freddies Kindheit, seiner Schulzeit, seinen jungen Jahren in England, dem Zustandkommen von Queen, seiner Homosexualität und seinen Ausschweifungen, den Duettaufnahmen mit Montserrat Caballé, und seinem Tod.

Manches davon wurde für die Doku nachgestellt: Freddies Kindheit wird teils durch Archivphotos, teils durch Schauspieler an Originalschauplätzen gezeigt. Die Herangehensweise irritiert zunächst ein wenig - man überlegt gelegentlich, welcher Part denn nun echt ist und welcher nicht - aber sie fängt die Zeit wohl lebendiger ein, als es statische Bilder tun könnten. Mercurys Mutter und seine Schwester reden im Interview darüber, wie er aufgewachsen ist.

Spannend ist die Auseinandersetzung mit Mercurys Homosexualität: Seine damalige Lebensgefährtin Mary Austin erzählt, wie er nach Jahren des Zusammenlebens die Beziehung zu ihr beendete, und überraschenderweise aber in ihr dann eine starke Unterstützerin und Freundin fand, die ihn ermutigte, so zu leben, wie er wolle. Ebenfalls interessant sind die Interviews mit Tim Staffell - dem ehemaligen Sänger von Queen, der in den frühen Tagen der Band Freddie Platz machte, weil der extrovertierte, theatralische Mercury die richtige Besetzung für die musikalischen Interessen der Band war. Erstaunlich sind die Aufnahmen von Freddies Feier zu seinem 39. Geburtstag, die wie eine große Orgie in einem bizarren Theater anmutet: Transvestiten, Transsexuelle, grelle Kostüme, unglaubliche Ausschweifungen, und Mercury wie ein Wirbelwind in der Mitte. Ebenfalls im Interview zu sehen ist Montserrat Caballé, die mit großer Bewunderung und Zuneigung über Freddie und ihre Zusammenarbeit spricht. Tief traurig - wie zu erwarten - der letzte Part der Doku, in der es um Freddies Krankheit und seinen Tod geht.

Die Doku ist interessant und gut gemacht, dürfte aber nur Fans von Freddie Mercury tatsächlich fesseln. Mancherorts wird Freddie zur beinahe mythologischen Figur hochstilisiert, in anderen Parts sind die erzählten Informationen einfach zu banal, um den Außenstehenden wirklich zu interessieren - zumal der Film thematisch ja von der Karriere von Queen losgelöst ist, die man kennen muß, um die Relevanz einzelner Interviewpartner und Ereignisse einordnen zu können. Am spannendsten sind ein paar alte Clips aus Interviews mit Mercury selbst: Er wirkt - im positiven Sinne - wie ein Kind, das mit Neugier und einer gewissen Naivität die Welt erkundet. Man würde Freddie sicherlich nicht dabei erwischen, wie er tiefgründige Reflexionen über sein Werk abliefert.

Auf der zweiten DVD befinden sich sämtliche Musikvideos aus den Soloprojekten Freddies - die Hits "The Great Pretender" und "Living on My Own", Videos vom Cabbalé-Duett "Barcelona", weiters "Made in Heaven" und "I Was Born to Love You", und mehr. Die Videos zeigen einmal mehr Freddies exaltierte Exzentrik, seine Freude am Kostümieren, am Bombast. Vieles kippt in die Richtung grandiosen Kitsches - vor allem die "Barcelona"-Oper-meets-Pop-Songs - aber in seiner ganzen Karriere hat Freddie immer alles mit voller Hingabe gemacht, ob nun Music-Hall-Songs, Funk, Rock, oder Fifties-Schmalz. Halbherzig sieht anders aus.

Ebenfalls auf der DVD zu finden sind Audiokommentare zur Doku und zu allen Musikvideos, sowie einige kleinere Featurettes - ein Making-of zur Doku, ein Interview mit Freddies Produzenten, sowie das letzte Interviewsegment, das er selber aufgenommen hat. Für Fans also genug Substanz, um sich weiter mit der Person Mercury und seinem Solowerk auseinandersetzen zu können. Für alle anderen sei ein voriger Flirt mit dem Werk von Queen empfohlen, das auch in Freddie Mercurys Leben die größte Rolle gespielt hat.

Wir vermissen ihn noch immer.





Dieser Text erschien zuerst am 29.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Anfang März erscheint das MTV UNPLUGGED-Album von Korn - einen ersten Track gibt's hier zu hören (trotz YouTube-Link nur Audio!). Amy Lee von Evanescence singt auf diesem Track mit.

Interessanter Track, wenn auch nicht unbedingt völlig atemberaubend. Amy Lee gibt allem, was sie tut, so eine unbedingt ernsthafte Dramatik - die dem spielerischen Experiment dieses Unplugged-Abends vielleicht entgegenwirkt. Ich bin nichtsdestowenigerzumtrotz gespannt auf die CD.

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Der Horrorschocker des Jahres 2004 war zweifellos SAW: Eine fiese kleine Nummer, an der alles so dreckig war - das Innenleben der Figuren eingeschlossen - daß man sich hinterher ausgiebig waschen wollte. Der Film zog dem Zuseher den Boden unter den Füßen weg, ließ ihn im freien Fall und schaffte seine beklemmende Kraft nicht durch die - üppigst bebilderten - Grausamkeiten, sondern dadurch, daß er einem das Sicherheitsgefühl wegnahm. Man wußte nicht, wo man stand, was passieren würde, und wieviel einem der Film noch zumuten würde. SAW spielte geradezu obszön viel Geld ein, und so schoben die Macher eine flotte Fortsetzung hinterher, die als gut geölte Splattermaschine den Vorgänger zu toppen suchte, aber dank bekanntem Prinzip den Zuseher wieder in die Sicherheitszone zurückbrachte: Wir wußten, was uns der Film antun würde.

Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch - immerhin war auch die Fortsetzung ein solider Schocker - weshalb uns nun SAW III den Schlaf rauben will. Wie schon bei Part 2 ist das Gespann, das das Original schuf - James Wan und Leigh Whannell - noch schreibender- und produzierenderweise involviert, aber die Regie haben sie wieder an Darren Lynn Bousman abgegeben, gegen dessen Inszenierung eine typische MTV-Sendung wie ein Wim-Wenders-Film aussieht. SAW III ist nichts anderes als filmgewordenes Crack.


Wie in den vorangegangenen Filmen treibt der psychothische Killer Jigsaw auch hier sein Unwesen: Er setzt Menschen, denen er eine Lektion erteilen möchte - typischerweise darüber, daß sie ihr Leben nicht genug schätzen - in elaborierte Fallen, aus denen sie nur durch Selbstverstümmelung entkommen können. In Part 3 ist Jigsaw nun schon gesundheitlich schwer angeschlagen - ein Gehirntumor hat ihn ans Bett gefesselt - aber seine Elevin Amanda fungiert als rechte Hand und führt seinen Willen aus. Der Großteil des Films dreht sich um zwei Figuren, die in Jigsaws Spiel gefangen sind: Eine Ärztin, die ihn am Leben erhalten soll (im Falle seines Herzstillstandes explodiert eine Vorrichtung an ihrem Hals), und ein rachezerfressener Vater, dessen Sohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, und der sich nun in Jigsaws Labyrinth mit den Menschen konfrontiert sieht, die an dem Unfall beteiligt waren.

Die Länge der obigen Plot-Erläuterung überschreitet übrigens bei weitem die tatsächliche Zeit, die der Film der Konstruktion seiner Geschichte widmet. Im Prinzip fungiert die Handlung nur als Aufhänger für mehr und mehr Fallen, beziehungsweise als Träger für eine unzählbare Menge an blutigen Splatterszenen, die an Grausamkeit nicht überbietbar scheinen. Wo sich der Terror des ersten Parts (trotz garstigster Metzgerarbeit) im Psychologischen abspielte, läßt SAW III dem Gehirn nichts mehr zu tun. Der Film ist ein einziger Angriff auf die Sinne, ein zielloses Demoband eines Special-Effekt-Mannen, das von Bousman wie ein perverses Musikvideo durchgestylt wurde.


Natürlich ist das effektiv. Wenn die Ärztin Jigsaws Schädeldecke aufbohrt, um an seinem Gehirn zu operieren, windet man sich in seinem Sessel, und wie in einem frenetischen Kampf schlägt der Film nach jeder Grausamkeit noch tiefer - Nahaufnahmen gefällig? Donnie Wahlberg schlägt sich schon in den ersten Filmminuten seinen Fuß zu Brei, dann fährt die Kamera blitzartig über zerfetzte Leichenteile und Innereien - SAW III ist wie ein Junkie auf der Suche nach einem noch größeren Kick. Wenn der Magen mitspielt, produziert der Film immenses Adrenalin.

Und weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich bei dieser bösartigen Schlachtplatte zu ekeln, merkt man auch kaum, daß das Prozedere überhaupt keinen Sinn macht - nicht einmal im ohnehin schon recht glaubwürdigkeitsfreien Universum der SAW-Filme. Jigsaw ist so omnipotent und -präsent, wie es nur ein Drehbuchautor auf der Jagd nach dem nächsten Twist sein kann, während Amanda im Alleingang Maschinen und Fallen baut, die ganze Konstruktionsteams mehrere Monate bei Laune halten dürften. Der Spaß läuft knappe zwei Stunden - ungefähr eine halbe Stunde zu lang, die mit wahllos wirkenden Flashbacks Verbindungen zu den ersten beiden Filmen aufbauen will, aber die Redundanz nur stets erweitert. Wir sehen, wie Jigsaw und Amanda das Setting des ersten Films vorbereiten, aber die Sequenzen fügen der Geschichte nichts hinzu. Zum Schluß zerfällt alles in einem gigantischen, vermeintlich cleveren Shyamalan-an-einem-miesen-Tag-Twist ins Chaos, aber Jigsaw will alles so geplant haben und sorgt selbst beim Massen-Exodus der Charaktere noch dafür, daß uns nächstes Jahr SAW IV erwartet. Er denkt eben an alles.

Aber nachdenken sollte man hier ohnehin nicht. SAW III funktioniert nur über die Sinne, oder eben nicht. 6 Sterne für alle Bluthunde, 2 Sterne für den Rest der Zuseherschaft. Morgen gibt's Vegetarisch.






Saw III (USA 2006)
Regie: Darren Lynn Bousman
Drehbuch: Leigh Whannell
Produktion Twisted Pictures / Lions Gate Films
Darsteller: Tobin Bell, Shawnee Smith, Donnie Wahlberg, Dina Meyer
Länge: 104 Minuten
FSK: 18

Die bei Amazon angebotene Fassung ohne Jugendfreigabe basiert auf der R-Rated-Version und ist um ca. 5 Minuten geschnitten. Es existiert auch eine um 20 Minuten geschnittene FSK-16-Fassung. Die im OFDB-Shop angebotene österreichische Unrated-Fassung ist ungeschnitten.

Dieses Review erschien zuerst am 21. Januar 2007 bei mannbeisstfilm.de. Die angesprochenen 2 Sterne beziehen sich auf die dort vergebene Wertung.


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Das folgende Interview mitsamt Konzertbericht wurde vom Kollegen Erhard Furtner ursprünglich für FRITZ/Salzburger Nachrichten geführt bzw. niedergeschrieben. Vielen Dank an Erhard für den Text.

Sitzpinkler in der ARGE

21. Jänner 2007, ARGEkultur, Salzburg: Veritables Finale der 4-tägigen Drahdiwaberl- & Sextiger-Minitour. Erst gibt Stefan Weber ein exklusives FRITZ-Interview, kurz danach werden fröhlich
Kunstblut und andere klebrige Flüssigkeiten in die Menge gespritzt. Auch musikalisch hat Drahdiwaberl Anspruchsvolles zu bieten...

Ein denkwürdiger Tag für Salzburgs Kulturlandschaft. Nach den alljährlichen, jedes mal aufs Neue belanglosen Festspielen, die einem bestenfalls zum Gähnen oder Rücken-Kratzen verleiten, wird Salzburg zur Abwechslung einmal von international renommierten Künstlern wirklich großen Kalibers beehrt. Und zwar von Drahdiwaberl und Sextiger.

Da Drahdiwaberl wohl jedem aufgeschlossenem Fan von Kunst & Kultur bekannt sein dürften, werde ich hier die zahlreichen Verdienste und Details zur Band nicht extra herunterschreiben. Aber wer will, kann natürlich die interessante Bandhistorie nachlesen, auf der Drahdiwaberl-Homepage gibt's dazu auch reichlich Material.

FRITZ hat die Gunst der Stunde genutzt und konnte den allseits bekannten Prof. Stefan Weber, Träger des österreichischen Amadeus-Awards und des silbernen Ehrenzeichens der Stadt Wien, für ein Interview gewinnen:


Erhard Furtner: Was gibt's Neues zu Drahdiwaberl?

Prof. Stefan Weber: Zur Tour? Heute haben wir das letzte Konzert unserer 4-tätigen Mini-Tournee ... Ich wollte ja eigentlich gar nicht, aber die anderen haben gesagt, es gehört mal wieder eine gemacht. In diesem Fall muss ich dann natürlich schon mit dabei sein.

EF: Hört sich nicht so an, als ob du heute wahnsinnig motiviert bist?

SW: Insgesamt ist es natürlich nicht so ohne, und auch anstrengend. Erstens muss ich planen, was da beim Konzert auf der Bühne passieren soll, und zweitens dauert es meistens nicht lange, bis es auf der Bühne rutschig wird...

EF: Ach, da gibt es doch eine Choreografie bei einem Drahdiwaberl-Konzert?

SW: Nicht im Detail. Es wird halt vorher besprochen, was dargestellt werden soll und wie in etwa. Dann macht halt jeder, was er macht. Heute geben wir ja unser neues Stück "Weltrevolution" - da wird sich sicher einiges tun. Leider haben wir ja hier nicht so viele Darsteller wie in Wien, da gäb's bis zu 50 Drahdiwaberl. Wird dann schon eng auf der Bühne, und dann gibt's ja, wie gesagt, noch das Problem mit dem Gatsch, bestehend aus Kunstblut, Bier, und evtl. Körperflüssigkeiten ...

EF: Genau, Drahdiwaberl sind ja bekannt für die auch mal exzessiveren Live-Konzerte. Ihr habt ja schon einiges gemacht, da ist es sicher schwer, am Puls der Zeit zu bleiben ... Und die Leute sind ja auch nicht mehr so einfach zu schockieren wie früher.

SW: Stimmt, das ist immer wieder eine Herausforderung. Wir überlegen uns natürlich intensiv, was wir Innovatives bringen können. Was dann umso schwerer wird, da wir ja schon einiges gemacht haben. Da noch wirkliche Kracher zu finden ist schon schwierig...

Ich mein' jetzt bei der Bühnenshow. Von den Texten her waren wir eigentlich immer brandaktuell, wie damals mit der WERWOLFROMANTIK im Zusammenhang mit neonazistischen Tendenzen. "Gusch, Bush!" und "Supersheriff" sind dir ja sicher auch ein Begriff. Die Kirche haben wir ja auch etwas thematisiert, bzw. bei "Ich will endlich Papst werden" auf der SITZPINKLER. Leider zeitlos aktuell ist auch "Bussibär 2000".

Mit der Bühnenshow ist das eine andere Sache. Da muss man stark unterscheiden zwischen den Leuten, die zu unseren Konzerten kommen, den Medien, und etwaigen moralischen Instanzen wie der Kirche, der Kronen-Zeitung oder der ÖVP. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, sind ja durchaus an der guten Show interessiert, sag ich mal, und die Medien transportieren halt gern kontroverse Sachen. Dann wird's halt in absteigender Reihenfolge der Genannten immer unzeitgemäßer ...

EF: Das heißt, du bist dann eher weniger traurig um das Scheiden des nun ehemaligen Staatssekretärs für Kunst und Medien, Franz Morak? Der hat ja net viel Gscheites zusammengebracht, finde ich...

SW: Zusammengebracht ist hier überhaupt das falsche Wort... Aber gut, jetzt ist der Stecker raus und Tschüssel.

EF: Aber früher soll er ja auch ganz anständige Musik gemacht haben, experimentellen Rock'n'Roll mit verhältnismäßig schockierenden Texten?

SW: Naja, sicher nicht in der Größenordnung wie beispielsweise Drahdiwaberl. Morak war damals weniger ein schockierender Punk, mehr ein schillernder Schizophrener in glitzernden Jacken. Ich glaube jedenfalls nicht, daß er uns jetzt wieder im Musikbusiness damit beglücken wird ... An Unterhaltungswert hat er sicher auch nicht so viel zu bieten wie andere ÖVP-Granden oder kirchliche Würdenträger wie beispielsweise der Krenn. Da wären wir auch wieder beim Thema. Leute aus diesem Dunstkreis kannst auch heute noch mit den Sachen von gestern schockieren. Das geht leicht, da tun wir uns nicht schwer. Aber für das anspruchsvolle Publikum müssen wir halt schon mehr bieten. Obwohl es z.B. in der Kirche ja Solche und Solche gibt. Priester, die in Entwicklungsländern vor Ort den Leuten beim Leben oder eher Über-Leben helfen, rechne ich das hoch an. Ich frage mich nur, was die im selben Verein wie der Krenn machen?

EF: Die Kirche ist scheinbar weniger homogen als man meint... Sonst ist es, wie ich höre, schon hart im Schaugeschäft heutzutage. Da fällt mir ein - es soll jetzt ja dann doch einen Drahdiwaberl-Kinofilm geben? Gibt's da schon was Neues?

SW: Ja, der Kinofilm ist fix. Es wird eine Mischung aus dokumentarischen Szenen und Spielfilm sein, über das bisherige Schaffen von Drahdiwaberl. Beim Soundtrack zum Film sind wir auch stark vertreten, da gibt's auch neue Stücke von uns. Wie z.B. "Weltrevolution", das wir ja heute aufführen werden. Ansonsten bringen wir heute vor allem Stücke von den letzten beiden CDs, also von der SITZPINKLER und der TORTE STATT WORTE - man will ja nicht zu sehr auf den alten Kamellen herumreiten. Obwohl, ein paar Klassiker sind natürlich immer dabei.

EF: Wie Lonely, euer Song bei KOTTAN ERMITTELT, mit Lukas Resetarits gemeinsam? Der kam damals sogar in die Hitparaden, wie ich gelesen habe.

SW: Stimmt, und das ist uns selbstverständlich furchtbar peinlich und war in keinster Weise beabsichtigt. Aber gut, was willst' da machen.

EF: Eine Frage noch - ihr habt ja auch mit anderen österreichischen Künstlern was zusammen gemacht, wie mit Pungent Stench. Von Rammstein und Knorkator haltet ihr ja scheinbar auch einiges?

SW: Stimmt, mit Pungent Stench hatte ich auch gemeinsame Auftritte. Sehr innovative, nette Burschen, gefällt mir alles sehr gut. Und dann gibt's ja auch noch das "Madcatmachopsychoromantik" auf der SPERMINATOR. Bei Rammstein hat der Sänger eine sehr schöne Stimme, finde ich. Da läßt sich was draus machen. Knorkator gefallen mir von der Live-Performance her sehr gut. Da sehe ich durchaus einige Parallelen zu Drahdiwaberl, im positiven Sinn.


Das war's mit dem Interview und ab geht's zum Konzert. Erst einmal zu Chris 'Sextiger' Bauer, der mit seiner Combo sehr schöne Songs im '70er-Hardrock präsentiert, dezent mit '80er-Metal versetzt. Ob dafür die bei Sextiger mitwirkende Sängerin der Maiden-Cover-Band "Maiden für Jeden" mitverantwortlich ist? Sehr sehenswürdig sind bei Sextiger auch die leicht bekleideten Nonnen, die sich zur Musik auf der Bühne schlängeln.

Richtig voll wird der Saal allerdings erst, als Sextiger die Stage verlassen und als nächstes Drahdiwaberl ansteht. Chris 'Sextiger' Bauer darf dann ohnehin gleich ein zweites mal ran - dieses mal als Drahdiwaberl-Mitglied. Die lassen nicht lange auf sich warten und legen wie angekündigt gleich mit "Sitzpinkler" los. Den Sound der letzten beiden Alben könnte man, stark vereinfacht natürlich, als Rammstein-lastig beschreiben - allerdings mit deutlich mehr hörbaren rockigen '70er-Jahre-Einflüssen. Live kommt das ziemlich gut herüber, und paßt augenscheinlich auch sehr gut zur Bühnenshow. Die im Lauf des Konzerts präsentierte Kostümvielfalt ist beeindruckend. Von Zombies über die Legislative, oder halbnackten Mönchen bis hin zu Hippies mit 1-Meter-Joint, alles mit dabei. Bei "Gusch, Bush!" gibt's Stefan Weber stilvoll in die amerikanische Flagge gekleidet (mit zusätzlichen Accessoirs). Auch ein Robocop-Look-a-Like wurde präsentiert.

Hinsichtlich des "Gatschs" auf der Bühne hat Stefan Weber nicht zu viel versprochen, wie es scheint. Das Publikum in den vorderen Reihen kriegt, wie zu erwarten, auch einiges ab. Überrascht war ich, als Drahdiwaberl dann "Bück dich" von Rammstein zum Besten geben, oder besser gesagt die Drahdiwaberl-Version davon. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass es mein erstes Drahdiwaberl-Konzert war. Zum Schluss kommt dann die "Weltrevolution", opulent ins Szene gesetzt. Und dann - ganz zum Schluss entledigen sich einige Drahdiwaberls der Kleidung beim "Mulatschag".

Also insgesamt ein sehr schöner, beschaulicher Abend mit vielen netten Menschen. Drahdiwaberl hatten wohl ebensoviel Spaß wie das Publikum. Tiefe Einblicke und sehenswerte Bilder der Liveperformance gibt's hier bei den Jodoschkas, deren Fotograf Lindi sich wagemutig bis ganz nach vorn begeben hat, in die Reichweite des Drahdiwbaberl-Gatschs.

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Das Herzstück des Films ist eine Rede: "Gier ist gut", erklärt der skrupellose Broker Gordon Gecko einer Versammlung von Aktionären. "Gier ist richtig. Gier funktioniert." Die Ansprache und ihr Mantra - das Feiern der Gier: Gier ist gut - bringen die Profitsucht der Achtziger, die unbarmherzige Jagd nach mehr in den Reagan-Jahren präzise auf den Punkt, aber Geckos Rede ist in ihrer Polemik so gut, daß sie selbst den Zuseher einwickelt. Michael Douglas, der Gecko als charmanten, aalglatten, rücksichtslosen und kaltherzigen Charismaten spielt, war nie besser als in diesem Film, und er nahm dafür einen Oscar mit nach Hause.

Schon der Beginn von Oliver Stones WALL STREET ist bösartig: Zu romantisierten Bildern des Empire State Buildings - dem protzigen Symbol des Kapitalismus - singt Frank Sinatra "Fly me to the moon / And let me play among the stars". Ein naiver Song aus den Fünfzigern, dessen Eingangszeilen hier das blinde Streben nach oben versinnbildlichen.


Sich unter die "Stars", die Börsenlegenden, zu mischen, will auch der junge Broker Bud Fox (Charlie Sheen), dessen Hunger ihm nach monatelangen Versuchen eine Fünf-Minuten-Audienz bei dem berüchtigsten aller Wall-Street-Haie, Gordon Gecko, verschafft. Weil Buds Vater (Martin Sheen, tatsächlicher Vater von Charlie) im Vorstand einer Fluggesellschaft sitzt, kann Bud Gecko gewinnbringende Insiderinformationen zuspielen. Gecko - der in dem ambitionierten Jungen wohl einerseits etwas von sich selber sieht, andererseits dessen Blauäugigkeit auszunutzen weiß - nimmt Bud nach und nach in seinen inneren Kreis auf und verlangt dafür von ihm, ihm mehr und mehr Insiderinformationen zu beschaffen. Das Beschaffen und Anwenden solcher Informationen ist strafbar, aber in einer Welt, in der innerhalb von Minuten Millionenprofite angehäuft oder ebenso hohe Verluste eingefahren werden können, überstrahlt das Versprechen jedwege Bedenken über Illegalität oder Fragen der Moral. Bud ist von Geckos Charisma völlig geblendet - Stone zeigt uns das überdeutlich in einer Szene, in der Gecko aufsteht und Bud von (völlig artifiziellem!) weißem Licht geblendet seine Sonnenbrille aufsetzen muß.

Der Bruch geschieht, als Bud Gecko die Fluggesellschaft seines Vaters verkaufen will. Buds Absichten sind nobel: Er will die Profite der Aktionäre maximieren, er will die vor sich hindümpelnde Fluggesellschaft weit in die schwarzen Zahlen hieven. Nach dem Kauf aber liquidiert Gecko die Firma: Er verkauft die Einzelteile und löst den Pensionsfond von $75 Millionen auf.


WALL STREET ist kein einfaches Moralstück, auch wenn die Geschichte so strukturiert ist. In einer Schlüsselszene stellt Bud Gecko zur Rede und fragt ihn, wieviel genug ist. Gecko kann darauf nicht antworten. Seine Antworten führen das Prinzip des bodenlosen Anhäufens ad absurdum: "1% der Einwohner dieses Landes besitzen über 50% davon," erklärt er, und führt ein Gemälde vor, das er vor langen Jahren für $6000 gekauft hat und das jetzt das hundertfache wert ist. "Die Illusion wurde Realität: So funktioniert der Kapitalismus." Für ihn gibt es überhaupt kein Konzept von "genug" oder "nicht genug" - die Beschaffenheit der Welt rechtfertigt seine Existenz und sein Handeln; die Jagd nach noch mehr ist für ihn nur ein Spiel, ein Adrenalinkick. "Besser als Sex," erzählt er von seinem ersten $800.000-Geschäft.

Bud steht gewissermaßen zwischen zwei Vaterfiguren: Dem verführerischen Gecko als Mentor auf der einen Seite, seinem richtigen Vater auf der anderen. "Ich gehe nicht mir einer Hure ins Bett und wache auch nicht neben einer Hure auf," erklärt letzterer. Buds Vater hat ein Wertesystem, das nicht der Profitmaximierung als oberstem Prinzip untersteht, und findet es wichtig, etwas zu erschaffen, als nur mit dem Tun anderer Leute eigenen Profit zu machen. Während aber die Dialektik zwischen beiden eindeutig scheint, tritt Gecko immer als der interessante, faszinierende Anführer auf, während Buds Vater mit seiner Fluglinie wie ein Nebengedanke wirkt: Geckos Verführung macht Spaß, sie wickelt auch uns ein und scheint nur in ihrer Unbegrenztheit oder in ihrer völligen Unmoral verwerflich zu sein - nicht in ihrem grundlegenden Ansatz.


Es gibt noch eine dritte Vaterfigur im Film: Ein alter Broker namens Lou Mannheim (Hal Holbrook), der Bud manchmal beiseite nimmt und versucht, ihm warnende Worte mitzugeben. Mannheims Weisheiten scheinen aufgesetzt, fehl am Platze, aber das ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie perfekt uns Gecko verführt: Die Worte der Vernunft erscheinen hier wie Anachronismen. "Der Charakter eines Menschen ist es, der ihn davor bewahrt, in den Abgrund zu fallen, in den er blickt," erklärt Mannheim (nicht in diesem exakten Wortlaut), aber Bud versteht nicht, was er meint. Mannheim repräsentiert zudem Stones eigenen Vater, der als Broker an der Wall Street tätig war und wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten von der Gier überholt wurde. Der Film ist Stones verstorbenem Vater gewidmet.

WALL STREET funktioniert in all seinen Elementen: Stones Regie und Kameraführung ist völlig ruhelos, wie die Figuren immer angetrieben, weiter zu hetzen. Michael Douglas - seinerzeit noch als Produzent erfolgreicher als als Schauspieler - spielt Gecko so überzeugend, daß die Rolle für ihn karrierebestimmend wurde. Das reale Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Charlie und Martin Sheen gibt ihren gemeinsamen Szenen im Film zusätzliches Gewicht. Vielleicht ist Charlie Sheen kein Schauspieler von Weltklasse, aber seine gewisse Naivität einserseits und seine unbedingte Entschlossenheit anderseits lassen Bud Fox absolut glaubwürdig erscheinen. In Nebenrollen sind Charakterdarsteller wie James Spader, Terence Stamp, John C. McGinley und Sean Young zu sehen.


Die Frauenfiguren sind - wie so oft bei Stone - zweitrangig, aber ihre wenig Eindruck hinterlassende Präsenz paßt zu dieser testosterongesteurten Welt, in der die Frauen entweder als kurze Vergnügung oder als langfristigere Einrichtungsgegenstände verstanden werden. Daryl Hannah taucht als Innendekorateurin in Buds Leben auf, aber sie verläßt es spurlos wieder, als er sich mit Gecko überwirft: Sie will kein Leben, in dem man nicht mehr weiter nach oben streben kann.

Man muß kein Börsenkenner sein, um die Handlung des Films zu verstehen. Die Details mögen für den Laien verwirrend sein - das Geschehen an der Börse wirkt absolut authentisch - aber die Motivationen und Ziele sind immer klar. Die Gier scheint durch alles hindurch. Und Stone predigt nicht, sondern führt uns in eine Welt, die selbst uns als Zuseher manipuliert: Wir sehen Buds Läuterung, das Ende seiner Wall-Street-Karriere, aber Geckos Bestrafung bleibt offen. Seine Welt wird weiter bestehen, und sie fasziniert uns nach wie vor.


Mehr Oliver Stone auf Wilsons Dachboden:
NATURAL BORN KILLERS: Schlangen in einer wahnsinnigen Welt






Wall Street (USA 1987)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Stanley Weiser, Oliver Stone
Produktion: 20th Century Fox
Darsteller: Michael Douglas, Charlie Sheen, Daryl Hannah, James Spader, Hal Holbrook
Länge: 121 Minuten
FSK: 12


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Schmerz, die Erste

Ein anspruchsvolles Stilgebräu: Hurt zeigen sich auf ihrem Debütalbum VOL. 1 hochdramatisch.

HURT, VOL. 1: Das erste Album einer Gruppe namens Hurt. Nachdem nun schon zwei Anläufe im Sand verlaufen sind, einen schwungvollen und doch schwer aussagekräftigen Einstieg in diese Rezension zu finden, konsultiere ich das TinMaschinchen, wo der gute Rat ein steter Gast ist. "Ich kenn die Band ja gar nicht. Hört sich aber nach einer Subform von Metal an," mutmaßt sie. "Naja, es ist so eine Prog-Grunge-Hardrock-NuMetal-Akustik-Orchester-alles-drin-alles-dran-Band," erläutere ich. "Siehste! Läßt sich doch total leicht abgrenzen," spricht das TinMaschinchen. Potzblitz! Recht hat sie! Da steht sich der Kritiker einmal wieder selber im Weg.

Hurt, eine aufstrebende junge Band aus den Staaten, machen also sehr viel und sehr viel auf einmal. Auf ihrem keck betitelten Debüt - was denn, da soll noch ein Album kommen? - mischen sie munter die obengenannten Genres und loten ein großes Spektrum an Dynamik und Dichte aus. Das ist mitunter bombastisch arrangiert, mit großem Orchester (tatsächlich Samples!), großen Gitarrenwänden und viel Theatralik, und dann wieder ganz ruhig, leise, mit Akustikgitarre und feinen Melodien. Es passiert viel, aber es ist immer dramatisch.

Am gelungensten funktioniert das auf der ersten Single, "Rapture", in der die ganze Ästhetik der Band in knapp sechs Minuten gepackt wird. Die Geschichte, in der es sich um religiösen Wahn dreht, ist bitter: "So she walked in the baby's room / Knowing what she should do leaves me in absolute horror / She put her hand on its lips, she gave it one last kiss", heißt es da in der Mitte des Songs, der einer richtigen Dramaturgie folgt und sich nur langsam öffnet. "She swore she heard the voice of Jesus / Telling her it was wrong to keep it," erfahren wir zum Schluß.

Ganz klar: Hurt erzählen diese Geschichten ernst, ohne Ironie. Sänger J. Loren schreit, flüstert, singt, und der Name der Gruppe ist Programm: Es geht immer um den Schmerz, um das Dramatische, um das Düstere. "Morpheus! How could you leave me when I had need of your love?", heißt es in "Overdose", einem Song, der immer gewaltiger und dissonanter wird, und es ist erstaunlich, daß nicht einmal mit diesen Worten zu viel Pathos aufkommt. Oft singt Loren über die Untreue, über das Betrogenwerden: "You gave your body to all who were willing / And took these pleasures that I wasn't filling", heißt es in "Unkind", aber in der Verzweiflung liegt hier auch immer die Zerrissenheit: "Damn it all I love you / but you're unkind to me".

Ein wenig verliert das Album nach ein paar Songs die Griffigkeit. Es ist nicht so, daß die Stücke zu komplex werden, sie werden einfach nur weniger bemerkenswert. Keiner der Songs ist schlecht, und auch hinten finden sich noch Schätze - die fragile Akustikballade "Cold Inside" beispielsweise - aber nicht jeder erreicht die Meßlatte, die sich die Band mit "Rapture" und "Overdose" zu Anfang gleich selber legt.

Egal: Hurt zeigen sich auf ihrem Debütalbum vielversprechend und ganz eigen, und sofern man Theatralik und Drama in der Musik schätzt, wird man hier ein Zuhause finden. Wir sehen: Es läßt sich total leicht abgrenzen. Besten Dank, TinMaschinchen.





Dieser Text erschien zuerst am 16.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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In den luxuriösen Räumen der Dachboden-Redaktion herrscht andauernde Betriebsamkeit. Quasi Tag und Nacht sind die hochmotivierten Mitarbeiter daran, die Website auszubauen und neue Features zu implementieren. Besonders beliebtes Betätigungsfeld der Kosten und Mühen scheuenden Belegschaft ist die Einrichtung neuer Subkategorien, nach denen Filmen sortiert werden können. Brauchen wir schon die Schublade "Kannibalenfilm"? Wie stark ist der "U-Boot-Film" im Kommen? Der unbeugsame Chefredakteur schlägt der hitzig diskutierenden Versammlung die Kategorie "Genzelfilm" vor: Filme, die nur noch in Genzels Archiv zu finden sind. Die Angestellten applaudieren, wie sie es bei jeder Idee von ganz oben tun sollten.

KAMPF UM DEN VERLORENEN PLANETEN ist wahrscheinlich ein solcher Genzelfilm: Der 1986 entstandene Videotrash ist derart obskur, daß ihn wahrscheinlich nicht einmal die Mama des Regisseurs kennt. Der IMDB war der Film jahrelang unbekannt; mittlerweile ist er gelistet, aber der Eintrag bietet weniger Informationen, als ein kurzer Blick auf die Anfangscredits verschaffen würde. Der OFDB ist der Streifen komplett ungeläufig, aber er wurde eines einsamen Abends von Kabel1 von seiner dicken Staubschicht befreit und sogar mit Werbeblöcken ausgestrahlt.

Geschrieben und inszeniert wurde der Film vom FX-Mannen Brett Piper, dessen übrige Credits einen Hang zum Trivialen vermuten lassen: Regisseur von A NYMPHOID BARBARIAN IN DINOSAUR HELL, Cutter von KINKY KONG, Effektfuzzi bei BIKINI GIRLS ON DINOSAUR PLANET. Hauptdarsteller des vorliegenden Filmes ist ein Mensch mit dem schönen Namen Matt Mitler, dessen CV uns wissen läßt, daß er später Regisseur eines Films namens DICK AND JANE DROP ACID AND DIE wurde. An zweiter Stelle gelistet steht eine Schauspielerin mit dem noch schöneren Namen Denise Coward, über die wir nach kurzer Recherche erfahren, daß sie 1978 Miss Australien war. In der Tat: Ein vielversprechender Vorspann.


Dann geht ein alter Mann am Strand spazieren. Er wird ob eines halb im Wasser versunkenen Raumschiffes ein wenig nostalgisch und erinnert sich an die seligen Tage, als er die Welt rettete. So beginnt er seine Geschichte zu erzählen: "Es war vor einer langen Zeit in einer weit entfernten Galaxis ... quatsch, das ist ja hier kein Kindermärchen." Fünfzig Jahre zurück, und aus dem alten Mann wird Matt Mitler - wäre Christian Slater Italiener gewesen, sähe er aus wie Matt Mitler - beziehungsweise der Industriespion Harry Trent, der so cool ist, daß er in der stockfinsteren Nacht eine Sonnenbrille trägt. Weil er ein wichtiges Band geklaut hat, wird er von zwei Wachmännern verfolgt, die sich uneinig darüber sind, ob sie das FBI verständigen oder ihn über den Haufen schießen sollen. Trent kann in eine Garage flüchten, in der ein startklares Raumschiff parkt - schlupp, und schon schwebt er durchs Weltall.

Von dort aus fallen ihm hunderte von Raumschiffen auf, die sich in Richtung Erde bewegen. Die Erdenbewohner lassen ein paar freundliche Worte ins All hinausfunken, aber die schweinegesichtigen Gestalten auf den fremden Raumschiffen drücken auf irgendwelche Knöpfe und schießen mit ein paar roten Lasern die ganze Erdoberfläche zu Klump. Wie schön, daß Harry im All sicher ist. Weniger schön, daß die Steuerung seines Raumschiffes beschädigt wurde, und er 5 Jahre, 3 Monate und 17 Tage warten muß, bis das Schiff in seiner Ellipsenbewegung wieder die Erde erreicht.

Während also der gute Harry seine Zeit an Bord des Raumschiffes mit Fitneßübungen, Herumstreiten mit dem Bordcomputer und Kritzeleien auf den Wänden (größtenteils Sauereien) verbringt, können wir ein wenig über die Effekte des Films sprechen. Ganz ohne Übertreibung stellen wir fest, daß das Budget von KAMPF UM DEN VERLORENEN PLANETEN ungefähr beim Preis einer normalen Kinokarte gelegen haben muß - mit Studentenrabatt. Da bewegen sich ein paar niedliche Modelle durchs All, irgendwas leuchtet, und die Rüsselmasken der Schweinemenschen reichen teilweise nicht einmal übers Kinn. Geradezu unglaublich der Angriff auf die Erde, bei dem in kleinen zweidimensionalen Papphochhäusern die Lichter ausgehen, aber mangelnde Motivation kann man Piper und seinen Jungs nicht unterstellen: Als Harrys Raumschiff am Merkur vorbeifliegt, sehen wir sogar ein verwundertes Spinnen-Alien, das in den Abendhimmel blickt.


Kaum hat Harry seine Zeit abgesessen - offenbar hat er sich die fünf Jahre lang anständig rasiert und immer die Haare geschnitten - bemerkt er ein weiteres Schiff in der Erdumlaufbahn. Auf besagtem Raumkreuzer können wir den Dialog zwischen zwei Offizieren verfolgen, die sich nicht einig werden, ob sie Harrys Auftauchen nun melden sollen oder doch versuchen könnten, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Weil ihnen die Entscheidung schwerfällt, sprengen sie sich sicherheitshalber selber in die Luft, und Harry landet in irgendwelchen Wäldern und Wiesen auf der guten alten Erde.

Nur wenige Schritte später wird er von herumstreunenden Mutanten angegriffen, aber glücklicherweise kommt Miss Australien auf einem Pferd angeritten und rettet ihn. Und weil das Ploterzählen ein wenig fad wird, machen wir's kurz: Auf dem Band, das Harry seinerzeit geklaut hatte, befinden sich Informationen über die sagenhafte Neutro-Neunzig-Bombe, die man nur mit einem genetischen Code programmieren muß, damit sie eine ganze Rasse zum Dahinschmelzen bringen kann. Das könnte angesichts einer Schweinealien-Unterdrückung ja doch irgendwann ganz praktisch sein.


Während Harry und Miss Australien sich kleidungslos auf dem nächtlichen Waldboden vergnügen, werden sie von einer Art Riesenkäfer angegriffen, aber glücklicherweise kommen ein paar Förster des Weges geschlendert, die zur Rettung schreiten. Am nächsten Morgen raucht Harry mit dem schwarzbärtigen Oberförster irgendwelche Drogen aus der Pfeife und erfährt einiges über die kleine Kommune:
OBERFÖRSTER: Nach der Alieninvasion kamen viele Menschen zu uns in die Wälder gerannt, weil sie Schutz suchten.
HARRY TRENT: Und du hast sie aufgenommen und gerettet.
OBERFÖRSTER: Nein, ich hab' sie abgeknallt. Das ist mein Wald. Hier kann doch nicht jeder kommen.
HARRY TRENT: Aber du lebst doch hier mit anderen Leuten zusammen?
OBERFÖRSTER: Ja, da ist mir die Munition ausgegangen.
HARRY TRENT: Und warum hast du Dana und mich gerettet?
OBERFÖRSTER: Ihr saht so bescheuert aus, wie ihr da nackt auf dem Baum gehockt seid, da konnte ich euch nicht abknallen.
Angesichts so viel Menschlichkeit brechen Harry und sein Mädel Richtung Osten auf ("Wir befinden uns 40 Meilen westlich von Richmond." - "Wo geht es dann nach Richmond?" - "40 Meilen ostwärts, würde ich sagen"), werden aber schon bald von einem kleinen Haufen wilder Menschen attackiert, die nach MAD MAX 3 die Arbeitslosigkeit befürchteten. Ihr Anführer ist Mad Dog Kelly, der aussieht wie Sylvester Stallone und gesprochen wird von Thomas Danneberg, und Mad Dog ist cool genug, unserem Pärchen seine Behausung zu zeigen, wo Frauen noch leichtbekleidet und willig sein dürfen, während sich die Männer um das Gekloppe sorgen.


Jetzt wird's aber mal Zeit! Mad Dog willigt - natürlich erst nach kurzem Kampf, den Harry und er eher unmotiviert antreten - ein, dem zukünfitgen Weltenretter zu helfen, in das Untergrundlabor der Firma zu gelangen, die die Neutro-Neunzig-Bombe hergestellt hat. Harry und Dana schleichen sich durch einen geheimen Eingang hinein (eine metergroße Öffnung im Berg, die Harry zu der Observation "sieht nicht sehr geheim aus" veranlaßt), während Mad Dog Kelly mit seiner Punkbraut bis Dreitausend zählen, bevor sie auf die Wachen schießen. Zum Glück trifft der ganze Verein im Untergrundlabor einen weißbekittelten Wissenschaftler, der nach längerem Feuergefecht mit den Schweinealiens die berühmte Bombe zünden kann. Der Sieg des Guten ist eben nicht aufzuhalten.

Nun ist es also doch passiert: Wir haben die ganze Handlung rekapituliert. Dabei gibt es eigentlich gar keine Handlung, sondern nur ganz viele Szenen, die irgendwie die 90 Minuten füllen. Das Fadisieren im Weltall, der Kampf mit dem Riesenkäfer, das Herumgestreite in Mad Dogs Unterschlupf. Aber wer wird sich denn gleich beschweren? Die Sache ist durchweg unterhaltsam. Das liegt zum einen daran, daß die Macher den Film in keiner Weise ernst genommen haben - immer bleibt Platz für ein paar blöde Witze und einige noch blödere Kommentare. Zum anderen ist der Grund darin zu suchen, daß die Effekte zwar durchweg geizig sind, aber die ganzen ruckeligen Stop-Motion-Monster und horrend offensichtlichen Modelle einen ganz eigenen Charme besitzen. Geld gab es sichtbar keines, aber dafür einen beinahe kindlichen Enthusiasmus und einen augenzwinkernden Spaß am Blödsinn. Was will man mehr von einem Genzelfilm?




Kampf um den verlorenen Planeten (USA 1986)
Originaltitel: Galaxy Destroyer / Battle for the Lost Planet
Regie: Brett Piper
Drehbuch: Brett Piper
Produktion: Cinevest
Darsteller: Matt Mitler, Denise Coward, Joe Gentisi, Bill MacGlaughlin
Länge: 91 Minuten
FSK: 18

Dieser Text erschien zuerst am 14.01.07 bei mannbeisstfilm.de.



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Da schreiben wir hier schon seit Jahren über unsere bunte (Film-)Welt, die da frei und ohne Sorge ist, und haben das opulente Oeuvre des Italieners Bruno Mattei noch gar nicht gewürdigt! Mattei, der gerne unter verschiedenen und fürchterlich offensichtlichen Pseudonymen operiert, ist der vielleicht heiterste aller B-Filmer seines Landes - die meisten seiner Gehversuche sind gnadenlos stolpernde und zusammengestöpselte Bastarde, die sich mit bemerksnwerter Chuzpe durch die Kinogeschichte plündern. Wir erinnern uns zum Beispiel an die Kinogranate DIE HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN, Matteis Romero-Klau, der stinkelinkpief komplett zusammenhanglose (aber ausgiebigst dargebotene) Archivaufnahmen eines japanischen Dokumentarfilms verwendete, um dem Zuseher den Handlungsort Neu-Guinea zu verkaufen. Von der aus anderen Filmen entliehenen Musik wollen wir gar nicht anfangen.

Auch der vorliegende Film ist im Grunde genommen eine komplette Frechheit. Fädeln wir das mal ganz langsam auf: Er heißt im Original SHOCKING DARK, bei uns CONTAMINATOR, in Japan ALIENATORS - die Alternativtitel deuten schon auf die Inspirationsquellen hin - und wurde in seinem Herkunftsland auch unter dem gewagten Titel TERMINATOR II verkauft. Kein Witz. Natürlich ist letzterer Titel kompletter Unsinn, weil SHOCKING DARK gar nicht viel von James Camerons TERMINATOR klaut. Vielmehr klaut er weite Strecken von Camerons ALIENS.

Ohne die Franzosen Louis und Auguste Lumière gäbe es diese Website nicht. Das mag nicht tragisch erscheinen, aber es gäbe auch keine anderen Websites, die sich mit Film befassen. Es gäbe nämlich den Film überhaupt nicht. Es gäbe wohl bewegte Bilder - die Gebrüder Skladanowsky aus Deutschland haben einen Monat vor den Gebrüdern Lumière kurze Filme aufgeführt - aber die Technik der Franzosen war dem von Max und Emil Skladanowsky entwickelten Bioscop (eine mittlerweile obsolet gewordene Abwandlung der Laterna Magica) weit überlegen. Mit ihrer Weiterentwicklung von Léon Boulys Kinematograph - Kamera, Entwicklungsgerät und Projektor in einem - wurde am 28. Dezember 1895 das erste Mal einem staunenden Publikum eine Reihe kurzer Filmstreifen vorgeführt - die Geburtsstunde des kommerziellen Kinos.

Die Lumière-Kurzfilme waren zwischen 40 und 50 Sekunden lang und sind als primitive Dokumentationen zu verstehen: Sie zeigen Vorgänge. Im allerersten, LA SORTIE DE L'USINE LUMIÈRE À LYON, verlassen Arbeiter eine Fabrik. In anderen sehen wir Kinder, die ins Wasser springen, oder ein Kleinkind, daß mit einem Goldfischglas spielt. Die Clips - jedes in einer einzigen, schnittlosen Einstellung gedreht - sind prinzipiell schlichtweg Versuche, das neue Medium auszuprobieren und zu zeigen, was seine Möglichkeiten sind.

Unter den vielen 1895 gedrehten Lumière-Kurzfilmen befand sich ein Film, der quasi den Grundbaustein für unser modernes Kino und unser Filmempfinden gelegt hat: L'ARRIVÉE DU TRAIN EN GARE DE LA CIOTAT - Die Ankunft eines Zuges am Bahnhof La Ciotat. Eben das wird in 50 Sekunden gezeigt: Ein Zug fährt ein, Fahrgäste steigen aus, Menschen laufen über den Bahnsteig und steigen ein. Es wird überliefert, daß bei der Aufführung des Filmes in Paris am 6. Januar 1896 einige Zuseher angsterfüllt aus dem Raum gelaufen sind, andere zur Seite sprangen, weil der auf den Zuseher zufahrende Zug ihnen so echt erschien.

Manche Historiker bestreiten diese Geschichte und stempeln sie als "urbane Legende" ab - aber starke Reaktionen auf Sequenzen, die auf einer Leinwand gezeigt werden, sind ja selbst heute noch beobachtbar, auch wenn jeder Zuseher weiß, daß das Gezeigte nicht real ist. Und betrachtet werden muß der Film auch mit den Augen eines Zusehers von 1896: Erst elf Jahre zuvor war das Automobil erfunden worden. Klangaufnahmen und Telephone waren noch neue, aufregende Technologien. Erste Experimente mit motorbetriebenen Flugzeugen fanden statt. Es war eine Zeit, in der alles möglich und doch phantastisch erschien und sich die Welt in einem kompletten Umbruch befand - und vorne im Salon standen die Gebrüder Lumière und konnten Bewegungen und Abläufe einfangen.

Sicher ist auch, daß die "Ankunft des Zuges" deutlich auf eine Reaktion der Zuseher abzielt: Die Kamera ist zwar auf dem Bahnsteig, aber dicht am Gleis postiert, und filmt das Geschehen schräg, so daß der einlaufende Zug dicht neben der Kamera vorbeifährt. Eine komplett frontale Einstellung war freilich noch nicht möglich - heute kennen wir das Gefühl, vor einem Zug, unter einem Zug, auf einem Zug und mitten in einem Zugunglück zu stecken - aber der Blickwinkel hebt sich deutlich vom reinen Beobachterstandpunkt beispielsweise des obenerwähnten Fabrik-Films ab. Die Kamera beobachtet, involviert den Zuseher aber auch, weil die "Wand" zwischen beiden gebrochen wird.

Zum ersten Mal in der Geschichte des noch jungen Mediums war also der Zuseher als Teilnehmer eingebunden. Kein Wunder, daß Filmhistoriker hier die Geburtsstunde sämtlicher Filmgenres sehen, die mit den Reaktionen der Zuschauer spielen: Horror. Abenteuer. Action. Der einfahrende Zug ist ein einfaches Schockmittel, ein Element, das den Zuseher in das Geschehene hineinversetzen soll. Nur wenig später versuchten andere Filmemacher, mit ähnlich gearteten Kurzfilmen weitere Reaktionen bei den Zusehern hervorzurufen, ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Schauwerte zu liefern: Hier beginnt die Kunstform, für die wir bereitwillig unser Geld ausgeben.

Die Gebrüder Lumière glaubten übrigens selber nicht an die Zukunft des Kinos. Sie verkauften ihre Kamera - z.B. an den Filmemacher Georges Méliès - und widmeten sich wieder photographischen Prozessen. 1903 patentierten sie ein Farbphotographieverfahren. Und doch hätte es ohne sie unser liebstes Medium Film nie gegeben. Die "Ankunft eines Zuges" mag aus heutiger Sicht langweilig und banal erscheinen, aber sie erzählt uns auch etwas von der Unschuld, von der Neugierde, von der Faszination der Möglichkeiten. Und selbst über hundert Jahre später lassen sich immer noch Filmemacher und Zuseher von genau diesen Eigenschaften anstecken.





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Country unterwegs

Mark Knopfler und Emmylou Harris zusammen auf Tour: Die DVD "Real Live Roadrunning" dokumentiert eines ihrer Konzerte.

In den großen Stadien hat er sich nie wohlgefühlt. Sieben Jahre nach dem ersten Album seiner Band explodierte seine Popularität plötzlich soweit, daß man ihn - als vergleichsweise alten Mann - zu MTV einludt, und er wußte gar nicht, was er da verloren hatte. Weil ihm das Rockstardasein völlig fremd war und er sich für ein solches auch gar nicht interessierte, legte er nicht nach, was man von ihm erwartete. Er produzierte und schrieb Songs für andere Musiker, nahm Countrymusik mit seinen Helden auf und zog mit Nebenprojekten durch kleine Clubs. Sechs Jahre nach dem Welterfolg von BROTHERS IN ARMS nahm Mark Knopfler noch einmal ein Album mit seiner Band Dire Straits auf, aber ON EVERY STREET enthielt keine Stadionsongs und keine opulente Produktion. Wenig später löste er die Band auf und konzentrierte sich auf das, was er am besten kann: in kleinen, roots-lastigen Songs lakonische Geschichten über das Leben der einfachen Leute zu erzählen. Und dazu seine Gitarre zu spielen. "Mark Knopfler hat die unwahrscheinliche Fähigkeit, einen Schecter Custom Stratocaster zum Heulen und Singen zu bringen wie Engel am Samstagabend, die vom Die-ganze-Woche-Gutsein erschöpft sind und ein ordentliches Bier brauchen", schrieb Douglas Adams schon 1984 über Knopfler.

Über die Jahre hinweg traf sich Knopfler immer wieder mit der Countrysängerin Emmylou Harris, und nach wenigen Treffen fingen beide schon an, Songs miteinander aufzunehmen. Erst 2006 aber setzten sie sich gezielt zusammen, um ihre Arbeit in ein Album zu bündeln. Knopfler hat ja im Laufe seiner Karriere immer wieder mit Country, Hillbilly, Blues und artverwandten Genres geflirtet, und so wurde ALL THE ROADRUNNING zur spannenden Gratwanderung zwischen seinem gewohnten Songwriting und den obenerwähnten Elementen, in der sich Knopflers und Harris' Stimmen problemlos ergänzten. Mit ihrer Musik sind die beiden dann auf Tour gegangen - und veröffentlichten nun eine dazugehörige Konzert-DVD. Und die ist so gelungen, daß wir die Ironie heute einfach mal abschalten.

Die Setlist des ungefähr 100-minütigen Konzerts setzt sich größtenteils aus Stücken der Knopfler/Harris-Kollaboration zusammen. Nur ein paar Mal wird der Blick zurück geworfen - zu den Dire Straits (u.a. "Romeo and Juliet") oder zum ersten Soloalbum ("Done With Bonaparte"). Die beiden Stars machen durchweg eine gute Figur auf der Bühne: Knopfler wie gehabt zurückhaltend und bescheiden; Emmylou mit ihren 59 Jahren immer noch eine schöne Frau von Eleganz und Klasse, was sich auch in ihrer Musik niederschlägt. Die Band - seinerzeit für Knopflers erstes Soloalbum zusammengestellt und seitdem mit geringen Variationen bei all seinen Projekten dabei - funktioniert als Einheit so gut, daß man die einzelnen Musiker gar nicht wahrnimmt: Sie betten jeden Song passend ein und sind der perfekte Teppich, auf dem Knopfler und Harris durch ihre Geschichten wandern.

Natürlich ist die Musik - wie wir das von Knopfler gewohnt sind - sehr unaufdringlich, leise, oft bedächtig. Und wie es von einer solchen Zusammenarbeit zu erwarten war, übersteigt der Country-Quotient bei weitem das, was der gemeine Alt-Cash-Hörer noch als "cool" empfindet. Will heißen: Man muß schon einen wirklichen Draht zu dieser uramerikanischen musikalischen Erzählform haben, die ja den Kitsch mitunter nicht scheut und gerne - und das ist kein Widerspruch - im Einfachen und Geradlinigen schwelgt. Die obengenannten Qualitäten (im Sinne von: Eigenschaften) der Musik bedeuten aber auch, daß das Konzert visuell keine Aufreger zu bieten hat. Regisseur Martyn Atkins (der schon Musikvideos für Johnny Cash und Depeche Mode sowie Konzertfilme von Eric Clapton und Sheryl Crow drehte) findet den richtigen Rhythmus für die Musik, kann aber freilich keine Wunder vollbringen. Weitaus aufregender ist der Ton, der glasklar und einwandfrei eingefangen wurde: So gut klingt nicht mal jede Studioaufnahme.

Der DVD liegt eine Audio-CD dabei, die in abgespeckter Form dasselbe Konzert beinhaltet, aber mit einem Bonustrack ("All That Matters") aufwarten kann. Viele Highlights des Auftrittes - Knopflers staubtrockener Blues "Song for Sonny Liston" oder die Soldatenmär "Done With Bonaparte" - fehlen leider auf der CD, aber es sind auch hier genug spannende Momente enthalten: Die Band, die zu "Speedway at Nazareth" in einem dynamisch-spannenden Aufbau in den Vordergrund treten kann, oder die Fassung von "Romeo und Juliet", die mit Knopflers gealterter Stimme zur lakonischen Reminiszenz wird. Wer Knopfler und Harris über ihre Songs sprechen hören will, kann sich auf der DVD noch ein Interview ansehen, das beide als intelligente Songwriter präsentiert, aber leider zu kurz und zu promotionbetont geraten ist: Es ist eigentlich ein Werbeclip für die Studio-CD.

So. Genug der Begeisterung. Ab sofort wird wieder scharf geschossen. Paßt nur auf!





Regie: Martyn Atkins
Länge: 158 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung

Dieser Text erschien zuerst am 8.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Deckung!

Lichtgranaten? Leichte Granaten? Schwerer Stoff? Vom Versuch, etwas Wertvolles über das neue Incubus-Album zu sagen.

Ich bin völlig leergeschrieben. Ehrlich. Da kommt nichts mehr raus. Ein paar Worte zwängen sich durch die ausgepowerten Hirnwindungen, finden ihren Weg über die Finger auf die Tastatur, aber Sinnvolles kommt dabei nicht mehr heraus. Ofen und aus. Dabei gäbe es gerade das neue Incubus-Album zu rezensieren, das da den schönen Titel LIGHT GRENADES trägt und mit rot-weißem Cover strahlt. Aber ich fürchte, da kommt heute nichts mehr. Die Batterien sind leer.

Am Album kann's ja eigentlich nicht liegen. Das ist gut. So, und was haben wir sonst noch darüber zu sagen? Ein kurzer Blick in die Bemühungen der Konkurr Kollegen zeigt, daß die offenbar auch total leergeschrieben sind. Komisch. Keiner hat was Schlaues über die Musik zu sagen? Kommt schon! Stellt euch nicht so an! Selbst die in ihrer Banalität selten zu unterbietenden Amazon-Userkritiken greifen irgendwie ins Leere: Die wohlmeinende Fan-Fraktion wähnt ein "Meisterwerk", einen "Geniestreich", das "größte Album aller Zeiten" und "das schmackhafteste Hundefutter mit noch mehr Speck" -- ach halt, da hab' ich wohl den falschen Link angeklickt -- aber das tun die ja immer. Ein paar Skeptiker mögen die CD gar nicht, weil Kommerz gewittert wird und überhaupt früher alles viel besser war, als rüpelhafte Musiker mit schwerer Chili-Peppers-Verklärung noch richtige rüpelhafte Musiker mit schwerer Chili-Peppers-Verklärung waren. Maus und Faden sind sich einig: Keiner hat was Profundes zu sagen über das neue Incubus-Album.

Och! Kinder! Laßt mich doch nicht so hängen! Immer muß ich ran. Also: Das Spannende an Incubus ist ja, daß sie völlig ruhelos sind. Von ihren Frühtagen als rüpelhafte etc. etc. über die aufregende Stilfusion MAKE YOURSELF zur entspannten, auf das Einfache reduzierte Sommerbrise MORNING VIEW und dann zum finsteren Prog-Experimental-Rock A CROW LEFT OF THE MURDER - die Band strebt immer weiter, erfindet sich stetig selbst neu und bleibt dabei doch - nicht zuletzt dank Brandon Boyds heller Stimme - immer erkennbar sie selbst. Das experimentelle Klanggewitter auf CROW haben die Burschen jetzt in ein etwas griffigeres Korsett gesteckt, aber das Unberechenbare und der große stilistische Mischtopf bleiben auch auf LIGHT GRENADES erhalten.

Jetzt kommt die Lücke. Da sind keine Wörter. Da bilden sich keine Sätze. Probieren wir's mal im Fußgängertempo: Die zappeligen Attacken "Light Grenades" und "Pendulous Threads" explodieren einem geradeweg ins Gesicht. Der erste Part von "Earth to Bella" ist eine vermeintliche Akustikballade, die aber immer mehr ins Dissonante auszubrechen versucht. "Dig" und "Love Hurts" schwelgen im Wohlklang und in schönen Melodien, und dazwischen ist "Anna Molly", die erste Single, sehr exaltiert und hippelig. Dauernd passiert was auf dem Album: Akustikgitarren, dann harte Riffs, psychedelische Soundscapes, surreale Bilder. Daß der Spaß dabei auch noch über weite Teile eingängig ist, zeugt von der Klasse der Musiker.

Was denn? Nicht profund? Na gut. Dafür, daß ich leergeschrieben bin, kam ja doch ein bißchen was zu Papier bzw. Monitor. Jetzt kann ich wieder beruhigt schlafen und mir das Album anhören und es ganz wortlos und unformuliert gut finden. Ofen und aus.





Dieser Text erschien zuerst am 7.1.2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Jess Franco ist ein Besessener. Die IMDB listet 187 Filme, bei denen er seit 1957 Regie geführt hat - alleine 1972 erschienen 10 Filme, die seinen Namen trugen. Unter Dutzenden von Pseudonymen ist er als Regisseur, Autor, Kameramann, Schauspieler, Cutter, Musiker und Produzent tätig. Mitunter hat Franco an einem Set gleichzeitig zwei Filme gedreht, und der Produzent des ersten erfuhr erst durch das Plakat für den zweiten - selbe Cast, selbe Crew, gleiches Set - warum so viel an Negativmaterial verbraucht wurde. Franco hat Abenteuerstories, Krimis, Komödien, Actionstreifen, Liebesgeschichten und Sexfilme gemacht, aber weil er bekenndender Voyeurist ist und das Filmemachen an und für sich ihm wichtiger ist als das Ergebnis, wird jedes seiner filmischen Unterfangen ein bizarrer Trip durch sexuelle Obsessionen, gefiltert durch - nicht zuletzt dank stets unzureichender Budgets - horrendes filmisches Dilettantentum und hanebüchene Geschichten auf der einen Seite sowie einem Interesse an Kunst, Popart, Jazz und Trivialkultur auf der anderen. Will heißen: Hochinteressanter Trash.

DIE SIEBEN MÄNNER DER SUMURU ist quasi eine Fortsetzung von Lindsay Shonteffs Sixties-Zeitkapsel SUMURU - DIE TOCHTER DES SATANS, aber abgesehen von der namensgebenden Sumuru und der Tatsache, daß sie von Bond-Girl Shirley Eaton gespielt wird, haben die Filme nicht viel miteinander zu tun. Im vorliegenden Film herrscht Sumuru über eine Stadt (Festung? Landschaftsstrich? Kulisse?) namens Femina, von wo aus sie ihre Amazonenarmee in die Welt schickt, um die Männer zu unterjochen und große Geldsummen für ihre Spesen zu erpressen. Derzeit hat sie das Töchterlein eines Großbankiers eingesperrt, der nun flugs einen Privatdetektiv (Agenten? Sicherheitschef? Mann für's Grobe? Arbeitsloser Schauspieler?) namens Jeff Sutton anheuert, um nicht die verlangten dreizigtausendfünf Trilliarden Dollar bezahlen zu müssen.


Sutton inszeniert nun einen Bankraub, der ihm angebliche 10 Millionen Dollar verschafft (die er dem netten Bankier, der übrigens von Walter Rilla gespielt wird, auch sofort wieder unter der Hand zurückgibt). Die Kunde über seinen plötzlichen Reichtum tritt in die Welt, und schon entsendet Sumuru ihre Frauen, um sich das Geld unter den Nagel zu reißen. Wer jetzt genau warum wohin entführt wird, fliehen kann, dank gieriger Mafiabosse wieder zur Tat schreiten muß und schlußendlich mit drei willigen, begattungsreifen Frauen im Hubschrauber die Vernichtung der Stadt Femina begutachten darf, sei an dieser Stelle nicht näher erläutert.

Daß die Handlung kompletter Schmumpf ist, hätten wir also abgehakt. Daß der abschließende Angriff auf Femina dank Studentenfilmbudget (Produzent Harry Alan Towers sollten wir auch mal eine Retrospektive gönnen!) völlig lachhaft wirkt, sei noch hinterhergeschoben. Die Waffen haben nicht mal Platzpatronen, also wedeln die Mädels nur mit ihnen im Kreis. Und weil Explosionen teuer sind, gibt's nur gelben Rauch. Irgendeine Foltermaschine stellt etwas sehr schmerzhaftes mit den darunterliegenden Menschen an, aber es müssen wohl radioaktive Strahlen oder telepathische Übertragungen von Wörtherseefilmen sein, weil nichts Sichtbares aus der Maschine herauskommt, aber jeder das Gesicht verzieht.


Aber Franco wäre ja nicht Franco, wenn der Film nicht zumindest streckenweise wie ein Fetischmagazin inszeniert wäre. Schon zu Beginn windet sich ein fast nacktes Mädchen auf nebligem Boden in einer Art durchsichtigem Netzkleid - warum eigentlich? Sachdienliche Hinweise bitte an die Redaktion schicken. Die Amazonenarmee - ohnehin eine körpergewordene Emanzipationsangst des Schundautors Sax Rohmer - tritt mit körperbetonten Lederklamotten und stets erigierten Waffen auf. Eine Untergebene Sumurus trägt ein Y-förmigeres schwarzes Kleidungsstück, das notdürftig nur ihre Vorderseite bedeckt. Die durch ein Nervengas willenlos gesprühte Bankierstochter wird in einem Glaskasten gefangengehalten und trägt Gaffertape auf dem Mund. Und Sumuru spricht zu ihren Mädels über ein Mikrofon, das etwas unverborgen Anatomisches an sich hat. Es ist eine wahre Freude.


In diesen Sequenzen mutiert sich der Film zu einer erotisierten Pop-Art, in der in teils komplett artifiziellen Bildern und Einstellungen das Bizarre zelebriert wird. Abgesehen von ein paar blanken Brüsten und den visuellen Suggestionen bleibt der Film dabei einigermaßen züchtig; die Grobheiten hat sich Franco bekanntlich für seine Frauengefängnisfilme aufgehoben. Gut wird der Film dadurch nicht, aber der francophile Zuseher erwartet ja auch nicht unbedingt Qualität im handelsüblichen Sinne. DIE SIEBEN MÄNNER DER SUMURU ist nie so unglaublich und abgefahren wie Francos bester Kultschund (DER TEUFEL KAM AUS AKASAWA!), aber das Interessante an dem Mann muß man sich eh mühsam aus seinem Gesamtwerk herausfiltern.





Die sieben Männer der Sumuru (Deutschland/Spanien/USA 1969)
Originaltitel: The Girl from Rio
Regie: Jess Franco
Drehbuch: Peter Welbeck (= Harry Alan Towers), Karl Leder
Produktion: Terra Filmkunst GmbH / Ada / Udastex
Darsteller: Shirley Eaton, Richard Wyler, George Sanders, Maria Rohm, Walter Rilla
Länge: 84 Minuten
FSK: 16


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In meinem Regal und auf meinem Schreibtisch warten - buchstäblich griffbereit - bislang ungesehene Filme von Louis Malle, François Truffaut, Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, D.W. Griffith, Sergei Eisenstein, Fritz Lang und Wim Wenders. Worauf fällt also die Wahl an diesem grauen Samstagnachmittag? Natürlich auf MORGEN FÄLLT DIE SCHULE AUS, dem mittlerweile sechsten Teil der grenzwertigen Reihe DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK. Schließlich steht auf dem Plakat: "Wenn Sie von Herzen lachen wollen: Hier erwarten Sie zwei frohe Stunden". Zum Glück waren's nur anderthalb.

Nun war Teil 5 - wir berichteten - ja durch einen Plot rund um ein vermeintliches Testament vergleichsweise komplex gestrickt. Möglicherweise fühlte sich der eine oder andere Zuseher auch schwer überfordert, weshalb in Part 6 sicherheitshalber die Handlung gleich völlig außen vor gelassen wird. Nicht einmal eine Anbandelei zur Anbiederung an die schlichten Gemüter ist zu finden! Die dadurch entstandenen Lücken im Ablauf des filmischen Scherzartikels werden zum Ausgleich mit - oh Graus - Heintje-Liedern geflickt. So schön wie in Teil 3 wird's nimmermehr.


Heintje - wieder in einer anderen Rolle als in Teil 2 und in Teil 4 - kommt hier ins Spiel, weil Pepe Nietnagels Papa briefmarkensammelnderweise durch Amsterdam schlurft und dabei den lautstark schmetternden Heintje vor einer Drehorgel bewundert (daß der Schlagerstar sich ein paar Gulden mit Straßenmusik verdienen muß, kann angesichts des späteren pubertätsbedingten Karriereknicks mit dem schönen literaturwissenschaftlichen Begriff "foreshadowing" gekennzeichnet werden). Ein dahergelaufener Straßenräuber mit Bart und Hut klaut dem Herrn Papa den Aktenkoffer, Heintje holt ihn wieder zurück und wird aus lauter Dankbarkeit nach Deutschland ins Zuhause der Familie Nietnagel eingeladen.

Wenn der Bub nun gerade nicht singt, heckt er mit Oberlümmel Hansi Kraus komplizierte Scherze aus, die - verglichen mit den Juxen der vorangegangenen Teile - mitunter kilometerweit ins Absurde marschieren. Der arme Kollege Knörz - wir ziehen kurz respektvoll den Hut vor Rudolf Schündler, der uns nicht nur in allen sieben Teilen der Serie leid tut, sondern auch sein ernsthaftes Schauspieltalent erfolgreich verbirgt - fällt auf den alten Trick mit dem Zementluftballon rein, Herr Blaumeier dagegen darf sich ein Bier in die Hose schütten lassen. Direktor Tafts Wohnung wird unter Wasser gesetzt - ho, ho! - und zum Höhepunkt wird das komplette Lehrerkollegium alkoholisiert, in eine flohverseuchte Jagdhütte gelockt und dann wegen Einbruchs von der Polizei verhaftet. So ein Spaß.


Die Rezensentenpflicht - und die lobenden Worte eines aufmerksamen Lesers - schreiben es vor, auf die Kontinuitätsprobleme innerhalb der Serie hinzuweisen. Also: Frau Dr. Knörz, ansonsten Ruth Stephan, wird hier von Eva Maria Meineke gespielt (in Teil 2 wurde Stephan von Inge Wolffberg vertreten). Vater Nietnagel wird erneut ausgetauscht - es wäre ja geradezu enttäuschend gewesen, wenn diese Figur zweimal vom selben Darsteller gespielt worden wäre! - und so darf diesmal Fritz Tillmann "Frecher Hund!" sagen. Über Frau Nietnagel und Frau Taft führt der zuständige Kritiker nicht Buch, aber es scheint wieder ein Wechsel stattgefunden zu haben. Dafür bleibt Jutta Speidel in der Klasse, die aus einem unerfindlichen Grund in jeder Rezension erwähnt werden muß, obwohl sie eigentlich völlig unaufregend ist. Vielleicht, weil sie kurz darauf in zwei Ernst-Hofbauer-Filmen zu sehen war.

Mit dem ständigen Gesinge von Heintje und der völlig überflüssigen positiven Lehrerfigur Dr. Lang - Evelyn Opela hat einen Gesichtsausdruck mit ans Set gebracht - bleibt Teil 6 trotz völlig abstruser Scherze und dem gewohnt albernen Gehampel der Darstellerriege hinter dem komplett grenzdebilen, aber dafür immens kurzweiligen fünften Teil zurück. Uns beruhigt allein der Gedanke, daß selbst diese Klasse bald ihr Abitur hinter sich gebracht haben wird. Man sollte ja immer aufhören, wenn's am Schönsten ist.





Morgen fällt die Schule aus - Die Lümmel von der ersten Bank, VI. Teil (Deutschland 1971)
Regie: Werner Jacobs
Drehbuch: Georg Laforet (= Franz Seitz)
Produktion Franz Seitz Filmproduktion / Terra Filmkunst GmbH
Darsteller: Heintje, Hansi Kraus, Theo Lingen, Ralf Wolter, Rudolf Schündler
Länge: 84 Minuten
FSK: 6


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Schnell - Wie viele Filme fallen euch auf Anhieb ein, in denen ein Affe mitgespielt hat und die komisch waren? Nein, CONGO zählt nicht. Ich vermute, daß wir heute ein großes Mißverständnis ungeahnten Ausmaßes unter Filmschaffenden aller Welt aufdecken können: Trotz sämtlicher andersgearteter Versuche und Überzeugungen seit Anbeginn des Zelluloidbelichtens sind Affen in Filmen nämlich überhaupt nicht komisch. Kein bißchen. Nada. Denken wir beispielsweise an den unsäglichen Blechschaden HIGHWAY 2, in dem ein Schimpanse mit Chauffeursmütze herumfuhr. Oder erinnern wir uns an den hier schon besprochenen SCHÖNE BESCHERUNG 2, in dem Randy Quaid dümmer ist als ein Laboraffe. Wir können uns auch WIR HAU'N DIE PAUKER IN DIE PFANNE ansehen, den fünften Teil der mitunter affigen Reihe um DIE LÜMMEL AUS DER ERSTEN BANK.

Besagter Affe wird hier Oberstudiendirektor Taft vererbt, der auf ihn aufpassen soll. Eingefädelt hat das sein verschollen geglaubter Zwillingsbruder, der sich für eine Ungerechtigkeit aus Jugendtagen rächen will: Er vererbt seinem Bruder und dem Gymnasium die stolze Summe von einer Million Mark, sofern gewisse Auflagen erfüllt werden. Kein Schüler darf im aktuellen Schuljahr durchfallen. Taft muß für ein kleines Delikt 30 Tage im Gefängnis sitzen. Und er muß, jawollja, auf einen Affen aufpassen, der ihm notariell auch noch als Findelkind verkauft wird. Man sieht: Es steckt eine ungewöhnlich komplexe Handlung in Teil 5.


Natürlich werden alle unsere Befürchtungen wahr: Wir müssen den Affen (in einem Mädchenkleid!) in endlosen Sequenzen durch das Schulhaus und durch Tafts Wohnung hopsen sehen und mitverfolgen, wie er Akten vernichtet und Gartenzwerge sammelt. Loben wir kurz den wohlmeinenden Komponisten Rolf Wilhelm, der obigem Mißverständnis freilich so sehr aufsitzt, daß er sämtliche Auftritte des Affen mit einer schwungvollen Drehorgel-Blasmusik unterlegt. Witzischkeit kennt halt in Deutschland keine Grenzen.

Lobend erwähnen müssen wir in Zusammenhang mit diesem Film aber auch noch jemand anderen: Hans Terofal. Terofal, Bruder des Produzenten Franz Seitz (der unter dem Namen "Georg Laforet" auch als Autor tätig ist), wird auf Wikipedia mit dem Begriff "Trottelrollen" (den man im Falle von Unwissenheit auch anklicken kann) belegt und spielte sich durch Dutzende von Filmen, als hätte ihm jemand Wäscheklammern an sehr empfindliche Körperteile geheftet. Terofals Pedell Bloch stottert und hampelt durch den Film, daß es eine wahre Wonne ist. Mal in Verfolgung des Affen, mal beim Zusammenrühren chemischer Experimente ("Eiweiß und Stickstoff ergibt Schaum"), dann wieder beim Becircen der Schulsekretärin - Terofal ist mit vollem Körpereinsatz dabei und läßt Didi Hallervorden bei NONSTOP NONSENS wie Loriot wirken. Freilich ist Terofal in allen sieben LÜMMEL-Filmen dabei, aber die Verdienstmedaille bekommt er für seinen verstärkten Einsatz und seine erhöhte Präsenz in Teil 5.


Um die eingangs erläuterte Handlung herum sind freilich wieder die Streiche der Schüler - immer noch im Hintergrund dabei: Jutta Speidel - gestrickt, unter ständiger Aufsicht von Oberlümmel Hansi Kraus. Wieder darf Lateinlehrer Knörz an seinem Verstand zweifeln, wieder darf Ruth Stephan diesen großäugigen Gesichtsausdruck aufsetzen, den sie sicherlich beim Patentamt hat anmelden lassen. Der gute Blaumeier wird endlich wieder von Balduin Baas gespielt, und selbst Uschi Glas steht als Schwester Nietnagel wieder in der Gegend herum. Diesmal bandelt sie mit Fritz Wepper an (die vorangegangenen Verlobten aus Teil 2 und 3 wurden offenbar schon von ihr verschlissen), der ihr zum Schluß natürlich brav den Antrag macht. Vor dem Altar haben sie sicherlich geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten in ewiger Treue schlechte Fernsehschmonzetten zu drehen.

Freilich ist das alles völlig hirnverbrannter Schwachsinn, absolut grenzdebil und richtig doof. Der Affe ist ja ein deutliches Zeichen. Aber andererseits ist der Film sogar noch kurzweiliger als der klamottige dritte Teil, und gesungen wird auch nicht. Man ist für die kleinen Dinge im Leben dankbar.





Wir hau'n die Pauker in die Pfanne - Die Lümmel von der ersten Bank, V. Teil (Deutschland 1970)

Regie: Harald Reinl
Drehbuch: Georg Laforet (= Franz Seitz)
Produktion: Franz Seitz Filmproduktion / Terra Filmkunst GmbH
Darsteller: Hansi Kraus, Uschi Glas, Rudolf Schündler, Theo Lingen, Hans Terofal
Länge: 81 Minuten
FSK: 6


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"Rudi Dutschke liegt angeschossen am Boden und Heintje trällert ein Lied dazu", schreibt meine Schwester, die Teil 4 der nimmermüden Paukerreihe schon kritisch beäugt hat. Wie wahr: Wirklichen Realitätsbezug konnte man der 1968 initiierten Reihe DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK schon im ersten Part nur insofern unterstellen, als daß dort die lodernde Studentenrevolte zur amüsanten Bagatelle heruntergespielt wurde. Mit dem vierten Teil wird das reaktionäre Konzept endgültig von den althergebrachten Strickmustern der fünfziger Jahre eingewickelt und in seine biedere Weltanschauung gepreßt: HURRA, DIE SCHULE BRENNT ist ein Heimatfilm, ein Schlagerlustspiel untersten Niveaus, in dem die Gegenwart erfolgreich und konsequent verdrängt wird.

Was im dritten Teil an Gesang eingespart wurde, wird hier vollends ausgekostet: Peter Alexander und sein Filmneffe Heintje singen zu jeder unpassenden Gelegenheit - ganze Altenheimketten lagen sicherlich entzückt am Boden (auch der 4. Teil gewann eine Goldene Leinwand für 3 Millionen Kinobesucher) angesichts des immer lächelnden, eklig anständigen Kinderstars Heintje und seinen bombastisch kitschigen, lautstark geschmetterten Liedern. Peter Alexander, wie immer zum Umfallen nett und selber nur ein großer Junge, bändelt mit Gerlinde Locker an, ein komplett asexuelles Deutsches Mädel (aus Linz) mit Zahnpastalächeln. Weil Peterle im Haushalt so eine Flasche ist, findet Heintje, daß endlich eine Frau ins Haus muß, und fungiert als Kuppler. Zum Schluß wird geheiratet. Wie schön.


Dazwischen poltern die gewohnten Schülerstreiche über die Leinwand - absurder und peinlicher als in den vorangegangenen Teilen, und auch um einiges bemühter. In einer unendlich langen Sequenz, in der Peter Alexander sich händeringend um eine witzige Hans-Moser-Parodie bemüht, wird der Lehrkörper des Gymnasiums einer vermeintlichen medizinischen Untersuchung unterzogen - und wenn sich dann Theo Lingen auf dem Schreibtisch flachlegt und Ruth Stephan mit ihren weitaufgerissenen Augen wiederholt enthusiastisch fragt, ob sie sich jetzt freimachen soll, erreicht der Film das schmierenkomödiantische Bodensatz-Niveau einer Alvaro-Vitali-Klamotte, wo keine Peinlichkeit nicht noch durch einen weiteren würdelosen Witz unterboden werden könnte.

Weil es die Filmemacher um Produzent Franz Seitz mit der Kontinuität nie so genau genommen haben, werden auch hier wieder die Rollen durchgewürfelt. Kollege Blaumeier wird schon wieder abgelöst - der pompöse Alexander Golling darf diesmal antreten, um Vorgänger Harald Juhnke abzulösen, der hier aber in einer kleinen Rolle als Ministerialreferent erscheint. Daß Peter Alexander und Heintje schon im zweiten Teil aufgetaucht sind, fällt unter den Tisch - es sind eigentlich neue Figuren, was bei Darstellern, die immer den gleichen Typ verkörpern, schnell zu Mißverständnissen führen kann. Auch Vater Nietnagel wird wieder neubesetzt: Diesmal muß Wolfgang Gruner ran. Immerhin wurde das im dritten Teil angedeutete Anbandeln von Knörz und Pollhagen weitergedacht, die jetzt hier als Ehepaar zusammenleben. Zu den bekannten Gesichtern in der Klasse gehören diesmal Jutta Speidel und - wie schon im Vorgänger - Pierre Frankch.


Was gibt es noch über diesen Film zu berichten? Eventuell Peter Alexanders großartige Unterrichtsmethoden - er überläßt die Notenverteilung seinen Schülern, lädt selbige ins Wirtshaus ein oder gibt ihnen gleich aus einer Laune heraus einen Tag frei. Dazu referiert er seinem Direktor gegenüber, wie der Lehrer der Freund der Schüler sein sollte - wenn nicht einfach nur plumpe Anbiederung bei der jungen Zielgruppe dahinterstecken würde, könnte man es beinahe als Beitrag zur Diskussion um die antiautoritäre Erziehung mißverstehen. Zum Schluß führt die Klasse mit den beiden Singstars eine Neufassung von Wilhelm Tell auf, aber ihre alberne Mixtur aus Bonanza und Schiller bietet nur eine weitere Plattform für Albernheiten - der Neuerungszugang dient nur dazu, daß sich Film und Zuseher darüber lustig machen können.

Wo ist Heinz Rühmann, wenn man ihn mal braucht?





Hurra, die Schule brennt - Die Lümmel von der ersten Bank, IV. Teil (Deutschland 1969)
Regie: Werner Jacobs
Drehbuch: Georg Laforet (= Franz Seitz)
Produktion: Franz Seitz Filmproduktion
Darsteller: Hansi Kraus, Peter Alexander, Heintje, Ruth Stephan, Theo Lingen
Länge: 91 Minuten
FSK: 6


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