Neulich im MediaMarkt: Die haben da ja den Sommer über haufenweise Krempel sozusagen hergeschenkt, weil sie ihre CD- und DVD-Abteilung drastisch verkleinert haben. Da gab's brandneue CDs auf einmal für drei Euro, jede Menge DVDs für drei oder fünf, und alle paar Tage wurde die Ramschkiste neu aufgefüllt. Versteh', wer will, aber immerhin konnte ich so meinen Geldbeutel entschlanken und dafür meine diversen Regale davor bewahren, daß allzuwenig darin steht.

Jedenfalls fanden sich unlängst drei Schallplatten in besagter Ramschkiste. Keine CDs, kein DVD-Audio, kein hypermoderner Klangschnickschnack, sondern richtiges Vinyl. Alte Schallplatten. Weiß der Geier, wo die Dinger herkommen - der MediaMarkt verkauft meines Wissens kein Vinyl und hat auch noch nie Vinyl verkauft. Also, Mitte der Achtziger haben sie das sicher mal gemacht, aber in den letzten 10 Jahren hat sicherlich nicht eine Schallplattenrille diesen Laden von innen gesehen. Jedenfalls war eine dieser drei Schallplatten doch tatsächlich ein Album von Yma Sumac, von der ich schon lange einmal etwas für die persönliche Obskuritätensammlung haben wollte!

Yma Sumac hat in den Fünfziger Jahren den Exotica-Markt bedient. Sie stammt angeblich von peruanischen Königen ab und hat einen Stimmumfang von vier Oktaven, aber Gerüchte besagen, daß sie eigentlich eine New Yorker Hausfrau namens Amy Camus (rückwärts!) war. Sie nahm exotisch angehauchte Musik auf, vermischt mit Mambo und Samba und südamerikanischen Rhythmen, und wurde einige Jahrzehnte später von Sammlern ausgelesener Merkwürdigkeiten wiederentdeckt. Natürlich ist ihre Musik Ethno-Kitsch und ganz charmant angestaubt, aber Spaß macht das trotzdem. Das kann man gleich neben Walter Wanderley stellen. Immerhin verwendeten auch die Coen-Brüder einen Sumac-Song für ihre schräge Außenseiterode THE BIG LEBOWSKI.

Jedenfalls habe ich diese schöne Schallplatte aus der Ramschkiste gerettet und an die Kasse getragen, wo man mir drei Euro dafür abgeknöpft hat. Der Mann hinter mir in der Schlange hat mich recht merkwürdig angesehen, und auch die Kassiererin hatte so einen Blick drauf, als würde sie angestrengt überlegen, was zur Hölle das ist und ob sie sowas überhaupt verkaufen. Schallplatten? Hier?? Heiter beschwingt bin ich mit dem Tonträger unterm Arm - keine Tüte, of course! - aus dem Laden spaziert und hatte ein richtig kleines, etwas nostalgisch angehauchtes High.

Wieso gibt's in Salzburg keine Plattenläden mehr?

Ich muß mal wieder nach Rosenheim zu Bebop. Da kann man auch schönes Vinyl erwerben. Was für ein geiles, haptisches, anachronistisches Gefühl in Zeiten von steril-langweiligen Dateidownloads.

-----------------
4 8 15 16 23 42
Share To:

Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

Post A Comment: