Das folgende Interview mitsamt Konzertbericht wurde vom Kollegen Erhard Furtner ursprünglich für FRITZ/Salzburger Nachrichten geführt bzw. niedergeschrieben. Vielen Dank an Erhard für den Text.

Sitzpinkler in der ARGE

21. Jänner 2007, ARGEkultur, Salzburg: Veritables Finale der 4-tägigen Drahdiwaberl- & Sextiger-Minitour. Erst gibt Stefan Weber ein exklusives FRITZ-Interview, kurz danach werden fröhlich
Kunstblut und andere klebrige Flüssigkeiten in die Menge gespritzt. Auch musikalisch hat Drahdiwaberl Anspruchsvolles zu bieten...

Ein denkwürdiger Tag für Salzburgs Kulturlandschaft. Nach den alljährlichen, jedes mal aufs Neue belanglosen Festspielen, die einem bestenfalls zum Gähnen oder Rücken-Kratzen verleiten, wird Salzburg zur Abwechslung einmal von international renommierten Künstlern wirklich großen Kalibers beehrt. Und zwar von Drahdiwaberl und Sextiger.

Da Drahdiwaberl wohl jedem aufgeschlossenem Fan von Kunst & Kultur bekannt sein dürften, werde ich hier die zahlreichen Verdienste und Details zur Band nicht extra herunterschreiben. Aber wer will, kann natürlich die interessante Bandhistorie nachlesen, auf der Drahdiwaberl-Homepage gibt's dazu auch reichlich Material.

FRITZ hat die Gunst der Stunde genutzt und konnte den allseits bekannten Prof. Stefan Weber, Träger des österreichischen Amadeus-Awards und des silbernen Ehrenzeichens der Stadt Wien, für ein Interview gewinnen:


Erhard Furtner: Was gibt's Neues zu Drahdiwaberl?

Prof. Stefan Weber: Zur Tour? Heute haben wir das letzte Konzert unserer 4-tätigen Mini-Tournee ... Ich wollte ja eigentlich gar nicht, aber die anderen haben gesagt, es gehört mal wieder eine gemacht. In diesem Fall muss ich dann natürlich schon mit dabei sein.

EF: Hört sich nicht so an, als ob du heute wahnsinnig motiviert bist?

SW: Insgesamt ist es natürlich nicht so ohne, und auch anstrengend. Erstens muss ich planen, was da beim Konzert auf der Bühne passieren soll, und zweitens dauert es meistens nicht lange, bis es auf der Bühne rutschig wird...

EF: Ach, da gibt es doch eine Choreografie bei einem Drahdiwaberl-Konzert?

SW: Nicht im Detail. Es wird halt vorher besprochen, was dargestellt werden soll und wie in etwa. Dann macht halt jeder, was er macht. Heute geben wir ja unser neues Stück "Weltrevolution" - da wird sich sicher einiges tun. Leider haben wir ja hier nicht so viele Darsteller wie in Wien, da gäb's bis zu 50 Drahdiwaberl. Wird dann schon eng auf der Bühne, und dann gibt's ja, wie gesagt, noch das Problem mit dem Gatsch, bestehend aus Kunstblut, Bier, und evtl. Körperflüssigkeiten ...

EF: Genau, Drahdiwaberl sind ja bekannt für die auch mal exzessiveren Live-Konzerte. Ihr habt ja schon einiges gemacht, da ist es sicher schwer, am Puls der Zeit zu bleiben ... Und die Leute sind ja auch nicht mehr so einfach zu schockieren wie früher.

SW: Stimmt, das ist immer wieder eine Herausforderung. Wir überlegen uns natürlich intensiv, was wir Innovatives bringen können. Was dann umso schwerer wird, da wir ja schon einiges gemacht haben. Da noch wirkliche Kracher zu finden ist schon schwierig...

Ich mein' jetzt bei der Bühnenshow. Von den Texten her waren wir eigentlich immer brandaktuell, wie damals mit der WERWOLFROMANTIK im Zusammenhang mit neonazistischen Tendenzen. "Gusch, Bush!" und "Supersheriff" sind dir ja sicher auch ein Begriff. Die Kirche haben wir ja auch etwas thematisiert, bzw. bei "Ich will endlich Papst werden" auf der SITZPINKLER. Leider zeitlos aktuell ist auch "Bussibär 2000".

Mit der Bühnenshow ist das eine andere Sache. Da muss man stark unterscheiden zwischen den Leuten, die zu unseren Konzerten kommen, den Medien, und etwaigen moralischen Instanzen wie der Kirche, der Kronen-Zeitung oder der ÖVP. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, sind ja durchaus an der guten Show interessiert, sag ich mal, und die Medien transportieren halt gern kontroverse Sachen. Dann wird's halt in absteigender Reihenfolge der Genannten immer unzeitgemäßer ...

EF: Das heißt, du bist dann eher weniger traurig um das Scheiden des nun ehemaligen Staatssekretärs für Kunst und Medien, Franz Morak? Der hat ja net viel Gscheites zusammengebracht, finde ich...

SW: Zusammengebracht ist hier überhaupt das falsche Wort... Aber gut, jetzt ist der Stecker raus und Tschüssel.

EF: Aber früher soll er ja auch ganz anständige Musik gemacht haben, experimentellen Rock'n'Roll mit verhältnismäßig schockierenden Texten?

SW: Naja, sicher nicht in der Größenordnung wie beispielsweise Drahdiwaberl. Morak war damals weniger ein schockierender Punk, mehr ein schillernder Schizophrener in glitzernden Jacken. Ich glaube jedenfalls nicht, daß er uns jetzt wieder im Musikbusiness damit beglücken wird ... An Unterhaltungswert hat er sicher auch nicht so viel zu bieten wie andere ÖVP-Granden oder kirchliche Würdenträger wie beispielsweise der Krenn. Da wären wir auch wieder beim Thema. Leute aus diesem Dunstkreis kannst auch heute noch mit den Sachen von gestern schockieren. Das geht leicht, da tun wir uns nicht schwer. Aber für das anspruchsvolle Publikum müssen wir halt schon mehr bieten. Obwohl es z.B. in der Kirche ja Solche und Solche gibt. Priester, die in Entwicklungsländern vor Ort den Leuten beim Leben oder eher Über-Leben helfen, rechne ich das hoch an. Ich frage mich nur, was die im selben Verein wie der Krenn machen?

EF: Die Kirche ist scheinbar weniger homogen als man meint... Sonst ist es, wie ich höre, schon hart im Schaugeschäft heutzutage. Da fällt mir ein - es soll jetzt ja dann doch einen Drahdiwaberl-Kinofilm geben? Gibt's da schon was Neues?

SW: Ja, der Kinofilm ist fix. Es wird eine Mischung aus dokumentarischen Szenen und Spielfilm sein, über das bisherige Schaffen von Drahdiwaberl. Beim Soundtrack zum Film sind wir auch stark vertreten, da gibt's auch neue Stücke von uns. Wie z.B. "Weltrevolution", das wir ja heute aufführen werden. Ansonsten bringen wir heute vor allem Stücke von den letzten beiden CDs, also von der SITZPINKLER und der TORTE STATT WORTE - man will ja nicht zu sehr auf den alten Kamellen herumreiten. Obwohl, ein paar Klassiker sind natürlich immer dabei.

EF: Wie Lonely, euer Song bei KOTTAN ERMITTELT, mit Lukas Resetarits gemeinsam? Der kam damals sogar in die Hitparaden, wie ich gelesen habe.

SW: Stimmt, und das ist uns selbstverständlich furchtbar peinlich und war in keinster Weise beabsichtigt. Aber gut, was willst' da machen.

EF: Eine Frage noch - ihr habt ja auch mit anderen österreichischen Künstlern was zusammen gemacht, wie mit Pungent Stench. Von Rammstein und Knorkator haltet ihr ja scheinbar auch einiges?

SW: Stimmt, mit Pungent Stench hatte ich auch gemeinsame Auftritte. Sehr innovative, nette Burschen, gefällt mir alles sehr gut. Und dann gibt's ja auch noch das "Madcatmachopsychoromantik" auf der SPERMINATOR. Bei Rammstein hat der Sänger eine sehr schöne Stimme, finde ich. Da läßt sich was draus machen. Knorkator gefallen mir von der Live-Performance her sehr gut. Da sehe ich durchaus einige Parallelen zu Drahdiwaberl, im positiven Sinn.


Das war's mit dem Interview und ab geht's zum Konzert. Erst einmal zu Chris 'Sextiger' Bauer, der mit seiner Combo sehr schöne Songs im '70er-Hardrock präsentiert, dezent mit '80er-Metal versetzt. Ob dafür die bei Sextiger mitwirkende Sängerin der Maiden-Cover-Band "Maiden für Jeden" mitverantwortlich ist? Sehr sehenswürdig sind bei Sextiger auch die leicht bekleideten Nonnen, die sich zur Musik auf der Bühne schlängeln.

Richtig voll wird der Saal allerdings erst, als Sextiger die Stage verlassen und als nächstes Drahdiwaberl ansteht. Chris 'Sextiger' Bauer darf dann ohnehin gleich ein zweites mal ran - dieses mal als Drahdiwaberl-Mitglied. Die lassen nicht lange auf sich warten und legen wie angekündigt gleich mit "Sitzpinkler" los. Den Sound der letzten beiden Alben könnte man, stark vereinfacht natürlich, als Rammstein-lastig beschreiben - allerdings mit deutlich mehr hörbaren rockigen '70er-Jahre-Einflüssen. Live kommt das ziemlich gut herüber, und paßt augenscheinlich auch sehr gut zur Bühnenshow. Die im Lauf des Konzerts präsentierte Kostümvielfalt ist beeindruckend. Von Zombies über die Legislative, oder halbnackten Mönchen bis hin zu Hippies mit 1-Meter-Joint, alles mit dabei. Bei "Gusch, Bush!" gibt's Stefan Weber stilvoll in die amerikanische Flagge gekleidet (mit zusätzlichen Accessoirs). Auch ein Robocop-Look-a-Like wurde präsentiert.

Hinsichtlich des "Gatschs" auf der Bühne hat Stefan Weber nicht zu viel versprochen, wie es scheint. Das Publikum in den vorderen Reihen kriegt, wie zu erwarten, auch einiges ab. Überrascht war ich, als Drahdiwaberl dann "Bück dich" von Rammstein zum Besten geben, oder besser gesagt die Drahdiwaberl-Version davon. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass es mein erstes Drahdiwaberl-Konzert war. Zum Schluss kommt dann die "Weltrevolution", opulent ins Szene gesetzt. Und dann - ganz zum Schluss entledigen sich einige Drahdiwaberls der Kleidung beim "Mulatschag".

Also insgesamt ein sehr schöner, beschaulicher Abend mit vielen netten Menschen. Drahdiwaberl hatten wohl ebensoviel Spaß wie das Publikum. Tiefe Einblicke und sehenswerte Bilder der Liveperformance gibt's hier bei den Jodoschkas (mittlerweile offline, Anm.), deren Fotograf Lindi sich wagemutig bis ganz nach vorn begeben hat, in die Reichweite des Drahdiwbaberl-Gatschs.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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