2007
In weniger als zwei Stunden ist das Jahr vorüber, und weil der letzte Blog-"Eintrag" vom November ist, sollte vor Mitternacht noch etwas gepostet werden, damit der Dezember nicht leer bleibt. Ganz zu schweigen natürlich davon, daß hier schon seit Monaten eigentlich Funkstille herrscht und wenig erzählt wird. Das hat zweierlei Gründe: Erstens kam es in der Vergangenheit schon des Öfteren zu Mißverständnissen und Streitigkeiten, was manche Inhalte dieses Blogs anging - da wurden Einträge gegen mich verwendet, die eigentlich humorig und gutmütig geschrieben waren; persönliche Inhalte haben teils für Aufregung gesorgt, und haben auch teils gezeigt, wie manche Menschen in vermeintlicher moralischer Überlegenheit ihr Wissen um die persönlichen Erzählungen gleichermaßen verspottet wie verurteilt haben. Das ist alles eigentlich schon lange her, aber ich habe seitdem trotzdem wenig über mich selbst geschrieben. Zugegebenermaßen hat hier drin auch manches nichts verloren.

Der andere Grund ist der, daß das Schreiben in vielerlei Variationen zu einem großen Grad das Bloggen abgelöst hat - nicht nur, daß sehr viel Schreibenergie dieses Jahr auf Drehbücher und Treatments verwendet wurde; auch die zahlreichen Film- und Musikkritiken, die ich für Mann beißt Film, Fritz! und den All-Music Guide geschrieben habe, haben viel der Schreibkraft in Anspruch genommen und dienten mitunter gleichermaßen als Plattform für diverse Befindlichkeiten und Ansichten.

Dabei hätte es dieses Jahr genug zu berichten gegeben. Ein zehnjähriges Klassentreffen meines Abiturjahrgangs fand statt, und es war spannend, wie für einen Abend lang eigentlich alles wie in der Zeit stehengeblieben war - abgesehen davon, daß das große Kinderkriegen eingesetzt hat, sind die Leute dann doch so gleichgeblieben. Es gab mal wieder einen Umzug: Meine Mama ist von München zurück nach Wasserburg gezogen, und hat dort eine sehr gemütliche Wohnung in der Altstadt - die über 2000 Bücher wurden diesmal von einer Spedition getragen, aber natürlich doch wieder vom Nachwuchs eingepackt, dem bei jedem der dreihundertfünfundzwanzig letzten Umzüge versprochen wurde, es handle sich jetzt um den definitiv letzten. Mein Film SCHLAFLOS wurde hier und dort aufgeführt; die Reaktionen waren sehr positiv, was mich immer wieder freut, auch wenn teilweise nur sehr wenige Leute tatsächlich zu den Aufführungen kamen. Immerhin gewann der Film beim diesjährigen film:riss den Publikumspreis, was mich natürlich sehr freut. Ebenso habe ich es dieses Jahr dank Drehbuchförderung für mein Spielfilmskript DIE MUSE endlich geschafft, einen wichtigen Schritt in die Zukunft zu unternehmen. Das nächste Jahr dürfte spannend werden.

Schon im letzten Jahr habe ich keinen Jahresrückblick mehr über Film, Musik & Bücher gemacht, und ich werde ihn auch dieses Mal weglassen. Ich kriege nicht mehr zusammen, was ich dieses Jahr gesehen und gehört habe, und es war wieder so viel Tolles dabei und so viel, was mir etwas bedeutet, aber ich habe - nicht zuletzt durch ständige Schreiberei über Film & Musik - an dieser Stelle wenig zu sagen über all die CDs und DVDs und Kinobesuche und umgeblätterten Seiten, die mich auch dieses Jahr wieder auf Trab gehalten haben. Eine Ausnahme sei gestattet: Ralf Westhoffs erster Spielfilm SHOPPEN, dem ich natürlich als Teammitglied unmöglich objektiv gegenüberstehen kann, und der aber auch ganz nüchtern betrachtet ein fantastisch geschriebener, lebendig gespielter und frisch erzählter Film über genau das ist, was mich im Kino schon seit langem am meisten interessiert - Menschen und ihre großen und kleinen Probleme. Ralf hat eine unglaubliche Leistung hingelegt, sowohl was den Film selbst, als auch was seine Erfolgskurve angeht, und ich gönne ihm all den Erfolg von ganzem Herzen.

Ich glaube, das reicht als neuer Eintrag. Ich muß den Blog ja nicht gleich wieder schließen.

Frohes neues Jahr und alles Gute für 2008. Ich freue mich auf's kommende Jahr und werde, sofern keine höheren Mächte eingreifen, mich endlich an die Arbeit zu meinem ersten Spielfilm machen können. Es wird aufregend.

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Man muß Ziele im Leben haben. Große Ziele, kleine Ziele, unwichtige Ziele und phantastische Ziele: Völlig egal. Man könnte sich vornehmen, noch in diesem Leben mit den Stieren in Pamplona um die Wette zu rennen, oder vielleicht auch eine Zeitmaschine zu bauen (die bodenständig gewordene Verena R. arbeitet laut ihrem StudiVZ-Profil längst daran), oder man strebt an, sämtliche Teenie-Filme der Achtziger Jahre zu sehen. Zu letzterem Zwecke – natürlich nicht die einzige Herausforderung, der ich mich in diesem einen Dasein, das ich habe, stelle – muß man freilich auch den eher obskuren BEACH HOUSE mindestens zweimal sehen, und das vielleicht auch nur, weil es ja sonst keiner tut. Ein Obolus für den Spendenfond "vergessene, unbeachtet in der Ecke herumliegende Filme, die gelegentlich weinen" ist natürlich stets gerne gesehen und kann nach Anfrage auf ein Bankkonto überwiesen werden, das sich mit meinem privaten nur aus universellem Zufall heraus deckt.

Die IMDB verzeichnet immerhin fünf Nutzerkommentare für diesen schönen Film, und einer davon stammt vom Sohn des Autors und Produzenten Marino Amoruso, der mit nüchterner Feder verkündet, welch stolze Arbeit sein Papa da geleistet hat. Warum schreiben meine Kinder nie so etwas? Ach ja: Ich habe ja gar keine. Aber nehmen wir mal an, dass ich welche hätte, und dann nehmen wir in Fortführung des Gedankens ebenso an, dass ich einen Film wie BEACH HOUSE als Produzent und Autor geschaffen hätte: Ich würde es vor den Kindern geheim halten. Die würden sonst nur am Gymnasium von halbstarken Brauereihauserben verspottet werden.

Der Titel BEACH HOUSE fasst übrigens beinahe ausschöpfend zusammen, worum es in dem Film geht – wenn noch die zwei Gruppen von Teenagern, die in diesem Strandhaus wohnen, namentlich integriert wären, könnte man sich das Ansehen des Films glatt schenken (beinahe so wie bei diesem Brad-Pitt-Neowestern, bei dem ja schon auf der Eintrittskarte steht, wie der Film ausgeht!). Ja, also, tralala, das war’s dann nämlich auch eigentlich schon. Die hängen da die ganze Zeit herum, trinken viel, reden nur Blech und prügeln sich dann auch manchmal ein wenig. Also genau die Art von Film, die von Klappentextern entweder mit Worten wie „endloser Spaß“ und „Lachen bis zum Umfallen“ belegt wird, oder aber als Sozialstudie in filmisch unerschlossenen Milieus verkauft wird. Wahr ist von beiden Behauptungen natürlich nichts, aber das überrascht den erfahrenen Klappentextleser ja ohnehin nicht. Da übersetzt man „weglachen“ mit der Souveränität eines jahrelangen Profis schon im Kopf mit „wegsehen“.

Die Cast des ereignislosen Teenie-Schmonses besteht übrigens größtenteils aus Amateuren, die abgesehen von BEACH HOUSE nie andere Filme gemacht haben. Wer über mögliche Gründe dafür spekulieren möchte, sei herzlich eingeladen, sich den Film vor der Aburteilung genauestens anzusehen. Genaugenommen ist es schwer, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, weil sie alle nichts Besonderes reden oder tun und eigentlich auch keine nennenswerten Probleme haben, aber irgendwo walzt dauernd ein Mensch mit Sonnenbrille durch, der wie der grobschlächtige Zwillingsbruder von Philip Seymour Hoffman aussieht (und mit seinem zurückwandernden Haaransatz Zweifel daran aufkommen lässt, ob er wirklich erst 18 ist). Dauernd spielt eine Anfänger-Punkband Ramones-ähnliche Songs, die, um den – hüstel – Spaß dann auch auf ganz knappe Spielfilmlänge zu hieven, mitunter in voller Länge ausgespielt werden. Die Frauen im Ensemble laufen gerne im Bikini herum, was wir natürlich keinesfalls als Kritikpunkt verstanden haben möchten – außer natürlich bei Filmen, bei denen das Interessanteste, was irgendjemand zu irgendeinem Zeitpunkt tut, das Tragen eines Bikinis ist.

Um meinen Worten ein wenig Nachdruck zu verleihen – manchmal glauben mir die Leute das alles ja nicht! – darf ich noch einmal darauf hinweisen, dass wirklich rein gar nichts passiert in diesem Film. Und so sehr mich der Plot und die vermeintliche Notwendigkeit eines solchen bei so vielen Filmen immer mehr langweilt, so stark drängt sich doch hier der Wunsch nach wenigstens einer zarten Spur von einem itze-bitze-winzigkleinen Quentchen von einem Hauch von Handlung auf. Ganz unmotiviert kommt ganz zum Schluß ein schleimiger Mensch mit merkwürdiger Sonnenbrille auf die Bühne, der dann die ansehnlichste Frau aus der Gruppe – im wirklichen Leben die spätere Ehefrau und dann Ex-Ehefrau von George Romero! – vergewaltigen möchte, aber dann von ein paar Buschen zusammengeschlagen wird. Huch, wie dramatisch. Danach wird wieder gesoffen und gerockt.

Und so sind wir unserem Ziel, sämtliche Teenie-Filme der Achtziger Jahre zu sehen, wieder ein Stückchen näher gekommen. Der Abend war sozusagen ein voller Erfolg. Rein spaßeshalber könnte ich jetzt eine Petition ins Leben rufen, damit dieser Film endlich auf DVD veröffentlicht wird. Am besten mit Audiokommentar von Philip Seymour Hoffman.
 




Beach House (USA 1981)
Regie: John Gallagher
Drehbuch: Marino Amoruso, John Gallagher
Darsteller: Ileana Seidel, John Cosola, Kathy McNeil, Richard Duggan, Paul Anderson, Spence Waugh, Adam Roth, Dana Nathan
Länge: 76 Minuten
 
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Das vierte Album von Avenged Sevenfold fällt ein wenig auseinander.

Ihr letztes Album - CITY OF EVIL aus dem Jahre 2005 - resultierte für Avenged Sevenfold in Preisen, Ruhm und Umsätzen. Einige Fans der ersten Stunde waren seinerzeit gar nicht glücklich, wo sich das ambitionierte Metalepos doch klanglich sehr von den härteren und aggressiveren Vorgängern unterschied - aber umso mehr sprang die übrige Hörerschaft auf das energiegeladene Werk an, das irgendwo (bedeutet: Autor ist zu bequem, die korrekte Quelle zu recherchieren) als "das beste Iron-Maiden-Album seit PIECE OF MIND" bezeichnet wurde. Mit so viel Aufmerksamkeit liegt natürlich ein gewisser Druck auf der Band, einen entsprechend großen Nachfolger zu produzieren, und die Band reagierte, indem sie sich ohne Produzenten im Studio einfand und so viel mit verschiedenen Ideen und Stilen herumspielte, daß das Ergebnis - ein selbstbetiteltes, also quasi die Band definierendes Album! - mit fortlaufender Spielzeit immer zerfahrener klingt.

Dabei beginnt ja alles sehr ansprechend. Die ersten drei Songs schnurren mit blitzschnellen Gitarrenläufen und feinen Hooks aus den Boxen; Frontmann M. Shadows, dem zuletzt die Stimmbänder operiert werden mußten, merkt man das Training unter einem Vocal Coach deutlich an: Seine schnarrende Stimme sitzt, klingt müheloser als auf dem Vorgänger, beweglicher. Und dann zeigt sich nach und nach das, was man gemeinhin als Studiokoller bezeichnet: Die Band setzt in jedem Song ein neues Gimmick ein und packt einfach alles in die Tracks, was ihnen eingefallen ist. Vier der Songs haben ein Streichorchester, bei "Gunslinger" ertönen Westerngitarren, auf "Unbound" singt tatsächlich ein Kinderchor, und über den Refrain von "Lost" haben die Jungs einen Cher-ähnlichen Vocoder geklebt. Es gibt epische Balladen ("Dear God") und eine Tom-Waits-inspirierte (bzw., im größeren Bild gesehen, Kurt-Weill-angelehnte), mit Bläsersätzen instrumentierte Nummer ("A Little Piece of Heaven").

Je länger man also zuhört, desto mehr Ideen werden in den Topf geworfen - prinzipiell ja eine lobenswerte Angelegenheit, wenn eine Band experimentiert und versucht, ihr musikalisches Vokabular zu erweitern. Aber irgendwann wird dann klar, daß der rote Faden einfach nicht mehr kommen wird, daß sich die einzelnen Teile nicht mehr zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen werden. Dazu wäre eben auch ein Produzent hilfreich gewesen, der die ganzen Ansätze bündelt und mit nüchternem Blick dafür hätte sorgen können, daß nicht jeder Gedanke auch gleich untergebracht werden mußte.

Natürlich liest sich das problematischer, als das Album in Wirklichkeit ist - für sich genommen sind die Songs fein. Gelegentlich ein wenig zu sehr gewollt episch, zu wenig ausgeführt packend vielleicht, aber insgesamt durchaus ansprechend. Es passiert genug auf dem Album, daß man es mehrfach hören und immer wieder interessante Aspekte dabei entdecken kann. Nur als Gesamtwerk genommen fällt die Angelegenheit etwas zu kunterbunt aus. Das ist nicht unbedingt tragisch: Manchmal kann ein Album ja auch einfach nur Spaß machen.




Dieser Text erschien zuerst am 20.12.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Gelegentlich stellt sich jeder Filmemacher wohl Fragen vom Typ "Warum eigentlich nicht". So ging es wohl auch Jonathan Hensleigh, Autor und Regisseur der Comicverfilmung THE PUNISHER, und Gale Anne Hurd, die als Produzentin immerhin THE TERMINATOR neben allerlei Unfug auf dem CV stehen hat: Warum eigentlich nicht mal einen total billigen, schnellen Low-Budget-Film drehen? Warum eigentlich nicht mal wieder einen Kannibalenfilm wie damals machen? Warum eigentlich nicht auch mal ohne durchdachtes Drehbuch, erfahrene Schauspieler und kreative Inspiration arbeiten? Warum eigentlich nicht mal ein völlig banales Rip-Off von CANNIBAL HOLOCAUST und THE BLAIR WITCH PROJECT drehen (wo letzterer ja ohnehin den Ansatz des ersteren weiterspinnt)? Ja, warum eigentlich nicht? Hensleigh und Hurd scheinen keine einleuchtenden Gründe eingefallen zu sein, weshalb jetzt ein reichlich müdes Exemplar des hier schon des öfteren ausgeweideten (Bonuspunkte für subtilen Sprachwitz!) Themas vorliegt: CANNIBALS, oder im Original WELCOME TO THE JUNGLE.

Nun waren die beiden genannten Vorbilder ja durchaus ambitionierte Vorhaben: CANNIBAL HOLOCAUST entstand als empörte Reaktion auf das von der Roten Brigade und den politischen Unruhen gezeichnete Italien und die drastische mediale Aufarbeitung des Geschehens; die zweite Filmhälfte dieses wohl einzig intelligenten Beitrags zum Kannibalenfilmsubgenre bestand aus in der ersten Handlungshälfte gefundenem Dokumentarfilmmaterial, das das weitere Geschehen aus Sicht eines Filmteams wiedergab. THE BLAIR WITCH PROJECT war weniger politisch motiviert, spann aber den Gedanken des pseudodokumentarischen Ansatzes so weit, daß der komplette Film nicht nur in diesem Stil inszeniert war, sondern auch als tatsächliche "Dokumentation" verkauft wurde und – was rückblickend betrachtet eher merkwürdig anmutet – mancherorts auch tatsächlich als solche aufgefaßt wurde (immerhin listete die IMDB die mitwirkenden Schauspieler seinerzeit als verstorben!).

CANNIBALS marschiert nun dieses Terrain ohne weitere Besonderheiten ab: Eine Gruppe von vier Leuten – zwei Frauen, zwei Männer – stolpert in Neu Guinea über die Legende des 1961 verschwundenen Michael Rockefeller, der angeblich immer wieder irgendwo gesichtet wird, und für dessen Auffinden eine hohe Belohnung ausgeschrieben wurde. Der komplette Film ist aus Sicht zweier mitgebrachter Kameras erzählt, mit denen die Gruppe ihre Reise festhält. Irgendwann landen die vier im Dschungel, und dann fallen sie den Kannibalen in die Hände (und Mägen). Wenn ich die Story detaillierter wiedergeben würde, wäre sie dadurch nicht spannender und nicht inspirierter.

Die erste Stunde ist dabei ein recht freudloses Unterfangen, und die Banalität des gezeigten Materials läßt viel Raum für eigene Überlegungen über die Plausibilität der Handlung. Da hocken also ein paar Leute herum, die sich tatsächlich einbilden, daß sie zu viert ohne Karte den seit Jahrzehnten verschwundenen Rockefeller aufstöbern können, was 46 Jahre lang in großangelegten Suchaktionen bislang ohne Erfolg blieb. Es hilft ja nicht gerade, daß die vier Protagonisten sich kaum kennen – nur die beiden Frauen kennen sich von früher, haben einander aber seit 7 Jahren nicht gesehen – und die Landessprache nicht sprechen: Schlechte Voraussetzungen für eine lebensgefährliche Expedition in das Gebiet von Menschenfressern.

Zwei der vier entpuppen sich unterwegs als Spaßtouristen, für die das Abenteuer im Dschungel größtenteils Anlaß zu Alkoholkonsum und Herumblödelei darstellt. Als sie eine Grabstätte des im Dschungel lebenden Kannibalenstamms finden, nimmt einer der Burschen auch prompt einen Totenschädel mit, um ihn später auf eBay verkaufen zu können. Weil sich die anderen beiden Mitglieder der Truppe als moralisierende Spaßbremsen zeigen, trennen sich ihre Wege, und nachdem dann der Grabräuber ein wenig zur "Selbstverteidigung" in einen aufgebrachten Eingeborenenstamm geschossen hat, wundert er sich, warum er und seine Freundin urplötzlich zur Hauptmahlzeit auserkoren werden. Die beiden Zurückgelassenen versuchen, sich bis zum Ozean durchzuschlagen und in Sicherheit zu bringen – Merke: Flüsse in Dschungeln führen meistens in Richtung Ozean, Trampelpfade im Dickicht mitunter nicht – und stehen dann irgendwann auf einer Anhöhe, von der aus sie den Ozean sehen. Was sie leider nicht sehen, ist das Kannibalendorf, das direkt zwischen ihnen und dem Meer liegt – falls die Kannibalen gerne Hirn essen, dürften sie bei diesen vier Gesellen eher hungrig bleiben.

Nun waren ja auch die zahlreichen Kannibalenklassiker von Lenzi und seinen Brüdern im Geiste mitunter schwer dämlich – das hat man nur immer erst hinterher gemerkt, weil davor Blut, Gedärme und Grausamkeiten in drastischen Mengen über die Leinwand kippten. Will heißen: Möglicherweise ist das Hauptverkaufsargument für Kannibalenfilme weniger die stringente Handlung, sondern eher die Anhäufung von detailliert dargestellten Grobheiten. Da CANNIBALS allerdings auch in dieser Hinsicht recht sparsam ausfällt – bitte jetzt im Lexikon das Wort "Euphemismus" nachschlagen – bleibt die Frage, was nun der eigentliche "Zieher" der Films sein soll, unbeantwortet. Ach so, es gibt überhaupt keinen? Naja, warum eigentlich nicht auch mal einen Film machen, den sich kein Mensch anzuschauen braucht.





Cannibals - Welcome to the Jungle (USA 2007)
Originaltitel: Welcome to the Jungle
Regie: Jonathan Hensleigh
Produktion: Bauer Martinez / Valhalla Entertainment
Darsteller: Sandi Gardiner, Callard Harris, Nickolas Richey, Veronica Sywak
Länge: 88 Minuten
FSK: keine Jugendfreigabe


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Da sind wir nun schon wieder am Ende angelangt. Mit einer Planänderung, versteht sich: Der für diesen Teil der Ingrid-Steeger-Retrospektive angekündigte Gastauftritt der Kollegin Mikolajek, die sich - ihre Reputation laut lachend auf's Spiel setzenderweise! - mit DIE SEX-ABENTEUER DER DREI MUSKETIERE auseinandergesetzt hat, wird kurzerhand nach hinten verschoben, da sich die Worte dort noch nicht zu vollständig veröffentlichungswürdigen Sätzen geformt haben. So oder so ist es damit dann Schluß mit der vergnüglichen Filmbeschau, und wir nehmen leise Abschied. Wir sollten uns dabei, so schön es auch war, vor allem davor hüten, allzu sentimental zu werden.

Nun denn: Betrachten wir also nüchternen Auges den Streifen DIE BETT-HOSTESSEN, der mit beinahe jedem beliebigen Absatz aus den vorangegangenen Steeger-Rezensionen gleichermaßen treffend beschrieben werden könnte. Diesmal geht es um einen Schweitzerdeutsch trällernden Fensterputzer, der bei der Firma Elite-Film ins Büro klettert und sich dort als Inspirationsquelle für neue Drehbücher anheuern läßt: Er hat nämlich sehr viele Sexgeschichten auf Lager, die der eifrige Produktionschef geradezu salivierend in eine Kladde notiert.

Und so sehen wir wieder mal diverse Episödchen munter aneinandergereiht: In einer schaut der Fensterputzer einer dunkelhäutigen Frau beim Baden zu, bis sie ihn am Fenster bemerkt. Dann tut sie exakt das, was jede Frau in dieser Lage machen würde: Sie winkt ihn herein und legt sich wartend auf's Bett. Dummerweise kommt in diesem Moment ein Herr vom Pfändungsamt vorbei, der sich etwaige Wertgegenstände unter den Nagel reißen will, aber die nette Frau macht eine für ihren Beruf typische Handbewegung - Herr Lemke, ist sie vielleicht Go-Go-Tänzerin? - und dann zieht sich der Beamte auch schon aus. Wie schön: Neben der nackten Frau steht jetzt noch ein nackter älterer Herr mit viel Übergewicht.

Bevor wir uns jetzt schwungvoll wieder den einzelnen - räusper - Handlungssträngen widmen, betrachten wir den Spaß doch einmal kurz als Ganzes und greifen die Anregung eines Kollegen auf, der bei den bisherigen Steeger-Begutachtungen stets genaue Beschreibungen der einzelnen Positionen vermißt hat, in denen sich die penetrant unbekleideten Darsteller abmühen. Eine grobe Fahrlässigkeit meinerseits! Es sei nun also festgehalten, daß beinahe alle Begegnungen in DIE BETT-HOSTESSEN in der Missionarsstellung stattfinden, was zur Folge hat, daß man meistens den haarigen Hintern des Mannes in Richtung Kamera glänzen sieht.

Das heißt natürlich nicht, daß zu wenig nackte Frauen zu sehen sind. Das komplette Gegenteil ist der Fall: Die sind einfach dauernd nackt! Die ziehen sich überhaupt gar nie an! Die verlieren ihre Klamotten schneller als Britney ihre Unterwäsche! Ganz ehrlich: Nach acht Teilen Steeger-Retrospektive kann man keine nackten Frauen mehr sehen.

Nun mühen wir uns also geschmeidige 76 Minuten lang mit den kleinen Geschichtchen ab, die freilich an Banalität selten zu überbieten sind. Da freuen wir uns doch über den Anflug von Ehrlichkeit, mit dem der Fensterputzer zu Beginn erklärt: "Der Weg vom Depp zum Filmautor ist gar nicht so weit, wie Sie glauben". Wissenschaftliche Abhandlungen über Metaebenen in Ingrid-Steeger-Filmen bitte durch die Nachtklappe einreichen.

Da sehen wir nun also eine blonde Frau eine halbe Fußballmannschaft in einer Waldhüttenorgie bei Laune halten - samt schwer metaphorischem Einsatz einer Schlange. Selbige Frau nimmt sich dann noch einen älteren Herren auf einer Jacht zur Brust; der setzt sie aus Dankbarkeit dann auf einer Insel aus. Eine Hostesse kümmert sich rührend um einen Radfahrer beim Sechs-Tage-Rennen. Zwei Frauen machen es sich auf einer Matratze ein wenig gemütlich, und die Sequenz wäre tatsächlich richtig erotisch, wenn nicht ein daneben sitzender Kerl in regelmäßigen Abständen Dümmlichkeiten von sich geben würde. Und dann ist da noch die Frau, die bei einer Agentur hereinspaziert und Model-Bindestrich-Schauspielerin werden will. "Aber ich will's mit dem Talent schaffen!", erklärt sie, und der nette Agent sagt: "Das haben Sie nicht nötig".

So, und jetzt ist Schluß mit lustig. Man soll ja dann aufhören, wenn's am schönsten ist - oder, wenn der Zeitpunkt schon vorbei ist, dann einfach acht Steeger-Rezensionen später. Zücken wir also in einem kurzen Anflug von Ergriffenheit ein Taschentuch, mit dem wir in diesem emotionalen Moment durch die Luft winken. Eine Träne wird im Knopfloch sichtbar, und irgendwo auf der Welt fallen sich zwei Menschen tröstenderweise in die Arme. Und natürlich ist jedes Ende, auch ein so trauriges wie das dieser Textreihe, gleichzeitig auch ein neuer Anfang: Die nächste Retrospektive kommt bestimmt. Steeger und Genzel danken für die Aufmerksamkeit und verabschieden sich. Und nicht vergessen: Abschalten!






Die Bett-Hostessen (Schweiz 1973)
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: "Manfred Gregor" (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Darsteller: Ingrid Steeger, Christa Free, Karin Hoffmann, Rena Bergen
Länge: 76 Minuten
FSK: 16



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Weihnachten, wie Alfred Dorfer einmal so schön erklärt hat, ist die Zeit, in der völlig normale und intelligente Menschen urplötzlich in den Irrsinn abdriften. Aufgebrachte Menschenmassen schieben sich durch die mit Abermillionen Lämpchen behangenen und mit George Michael dauerbeschallten Einkaufszentren, um unnützen Schwachsinn für Menschen zu kaufen, denen sie zu anderen Jahreszeiten die Haustür nur von außen zeigen. Sämtliche Medien der Welt verfallen in den Irrglauben, daß es ab Anfang November kein dringlicheres Thema mehr gibt als Geschenktips für Mann, Frau, Kind und Hamster, und selbst auf sparsam frequentierten Webseiten versuchen gebremst intellektuelle Zyniker mit ihrem schönsten Doktor-Best-Lächeln, Feststimmung unter das gestreßte Volk zu streuen. Auch dieses Jahr fällt Weihnachten wieder auf den 24. Dezember - was praktisch ist, weil die Tage zum Fest somit akkurat auf die Anzahl von Türchen in einem Adventskalender passen - und wenn dann endlich der Geburtstag des Weihnachtsmannes gefeiert werden konnte, ist die hernach eintretende Entspannung bis zum nächsten Septemberanfang und der damit verbundenen Mahnmalaufstellung per Supermarktlebkuchen wahrhaftig verdient.

Nach diesen schönen einleitenden Worten wollen wir nun - denn damit beschäftigen wir uns ja primär auf dieser Website: An erster Stelle stehen die Filmkritiken und erst an zweiter Stelle die Beschwörung des Weihnachtsgeistes! - auf einen Weihnachtsfilm hinleiten, der Titel und Verpackung nach zu urteilen hervorragend zum Fest der Liebe paßt: DIE TOCHTER VOM WEIHNACHTSMANN. Sind Weihnachtspornos eigentlich schon ein von den Videotheken anerkanntes Subgenre? Stehen in der "Nur ab 18 und mit im Mantel verstecktem Gesicht zu betreten"-Abteilung vielleicht mit Lametta behangene, ähem, Ständer mit einschlägigem Material? Eine schöne Vorstellung eigentlich, wie der Manager der Videothek den jungen Praktikanten mit den Worten "Wir brauchen noch einen Weihnachtsständer" in die Pornoecke schickt. Aber wir schweifen ab.

Fassen wir doch die Handlung kurz zusammen: Die schöne Freundin von Maurizio stirbt bei einem Autounfall, er wird zum Alkoholiker und landet in der Gosse. Dann erscheint ihm ein Engel im Weihnachtskostüm, der exakt so aussieht wie seine Freundin, und zeigt ihm irgendwelche festlichen Besteigungen von wildfremden Menschen, um in ihm wieder die Lust auf das Leben zu wecken (beziehungsweise auf sexuelle Aktivitäten, die ja aber freilich eng mit dem Leben verknüpft sind und in Genrefilmen unbesorgt mit dem Leben gleichgesetzt werden können). Meine Rekapitulation in diesem Absatz fällt übrigens geringfügig detaillierter aus als die tatsächliche Handlung im Film, die mit der erzählerischen Ausführlichkeit einer Kleinanzeige abgehakt wird.

Es drängt sich schon zu Beginn der Verdacht auf, daß das Weihnachtsthema eine eher untergeordnete Rolle spielt: Maurizio liegt an seinem Pool und erfreut sich im Voice-Over des Lebens, während seine Freundin durch den Pool paddelt und auf Kommando mit ihm im Schlafzimmer verschwindet, wo sie - zu unweihnachtlicher Musik irgendwo zwischen Chill-Out-Club und Super-Mario-Bonusrunde - immerhin einen Teilaspekt des Festes der Liebe beleuchten. Ich persönlich liege ja zu Weihnachten eher selten am Pool, aber eventuell spielt der Film ja in einer dieser Gegenden, wo es auch im Dezember warm ist: Los Angeles zum Beispiel, oder im Kongo.

Na gut. Direkt nach dem Abtröpfeln informiert uns Maurizio im Voice-Over über den oben erläuterten Fortlauf der Geschichte, und dann liegt er alkoholisiert in irgendeiner Gosse und der Weihnachtsengel erscheint ihm. "Du darfst dich nicht so gehen lassen, du brauchst wieder andere Frauen", ermuntert ihn der Engel und führt ihn von Tür zu Tür, wo Maurizio dann verschiedene Sexszenen mitansehen darf. Daß sich die erste dieser Sequenzen in Schwarzweiß abspielt, ist höchstwahrscheinlich als künstlerische Entscheidung seitens der Filmemacher zu werten: Die Begegnung zweier Frauen unter Zuhilfenahme von Früchten, Joghurt und einem Schuh offenbart hier Details, die in den anderen großen Schwarzweiß-Filmen der vergangenen Jahrzehnte (MANHATTAN, GOOD NIGHT AND GOOD LUCK und natürlich SCHINDLERS LISTE) unbehandelt blieben.

Sehr schön ist auch die Sequenz, in der sich ein zerknittert aussehender älterer Herr mit drei jungen Damen vergnügt - hier werden nämlich die Schwierigkeiten der Reizüberflutung thematisiert. Der Mann zeigt sich hierbei höflich: Er reiht die drei Damen nebeneinander auf, springt von einer zur anderen und erspart ihnen allen somit den Streß, sich beständig aktiv dem darwinistischen Kampf um eine Stellung an der Pole Position (je später der Abend, desto komplexer die Kalauer) zu unterwerfen. Weil die thematische Tiefe des Vorgangs in dieser Sequenz noch nicht hinreichend ausgelotet wurde, folgt sogleich ein weiterer Part mit demselben Herren und zwei weiteren seiner Lieblingsfreundinnen. Es folgt ein Twist zum Schluß, den ich in meiner Rezensentenehre natürlich nie verraten könnte - wie da ein Happy End mit ominöser Vorahnung kombiniert eingesetzt wird! Raffiniert!

Mehrfach wurde ich bereits von einem Kollegen darauf angesprochen, daß in meinen Kritiken zu einschlägigen Naturfilmen eher selten auf die zu begutachtenden Stellungen eingegangen wird (zur Verteidigung darf ich meine auch in dieser Hinsicht ausführliche Auseinandersetzung mit PORNO HOLOCAUST anführen). Daß ich auch hier auf eine detailliertere Beschreibung der Vorgänge verzichte, liegt natürlich daran, daß hier auch anständige Damen anwesend sind und zulesen: Denen gegenüber sollte man die entsprechenden Aktivitäten nur dann anschaulich nachskizzieren, wenn sie selber schon an einer gemeinsamen Ausführung interessiert sind. Begnügen wir uns mit der Feststellung, daß der Film minimal weniger akrobatisch-sportlich orientiert ausfällt wie vergleichbare Produkte.

Aber vergessen wir doch über den ganzen nüchternen Betrachtungen nicht das Wesentliche: Den Weihnachtsgehalt des Films. Schon oben wurde erläutert, daß das Festthema eine eher sekundäre Rolle spielt - genaugenommen weist außer dem roten Weihnachtskostüm des erscheinenden Engels rein gar nichts auf eine Verbindung mit dem Fest der Liebe hin. Nicht einmal der Weihnachtsmann selber tritt auf! Trotz bislang fehlender Vergleichsmöglichkeiten ist DIE TOCHTER VOM WEIHNACHTSMANN (man beachte übrigens die Umschiffung des ohnehin aussterbenden Genitivs) ein sehr enttäuschendes Exemplar der Kategorie "Weihnachtsporno". Was wäre da nicht alles möglich gewesen! Lauter lustige Elfen, die sich frohlockend mit Geschenkbändern einschnüren! Und mitten drin die Tochter von Santa Claus, die sich guten Herzens der unartigen Jungs annimmt, während im Hintergrund friedlich die Rentiere äsen! Unterm Weihnachtsbaum packen neugierige Menschen interessantes Spielzeug aus! Und der olle Weihnachtsmann selber könnte vor dem Kaminfeuer freche Mädchen über 18 auf seinem Schoß sitzen lassen. Die Möglichkeiten sind quasi unbegrenzt und werden doch nicht ausgelotet! Thesenansätze zur Erörterung der Frage "Warum haben Pornoautoren so wenig Phantasie?" bitte an die Redaktion der Brigitte senden.

Wir sehen: Auch Pornoproduzenten feiern Weihnachten. Fast so wie wir, nur nicht so schön. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!



Die Tochter vom Weihnachtsmann (Frankreich 2003)
Originaltitel: Une pute pour Noël
Regie: Nicky Ranieri
Drehbuch: Nicky Ranieri
Produktion: Marc Dorcel Production
Darsteller: Bambola, Katsumi

Dieser Text erschien zuerst am 17.12.2007 bei mannbeisstfilm.de.


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TURTLES, released in 2007 by German jazz label Enja, was actually recorded live in 1968, at The Domicile, a jazz club in Munich. The band, led by German saxophonist Olaf Kübler, features pianist Jan Hammer, bassist George Mraz, and drummer Cees See -- Hammer and Mraz had just fled from Czechoslovakia and lived at the Domicile, becoming part of the club's house band together with Kübler and See for three months, during which time they played almost every night. What makes this archival release interesting is that it was recorded before the musicians went on to do what they became famous for: the performance took place before Kübler became the manager of underground band Amon Düül and played with the Police, Udo Lindenberg, and Eberhard Schoener; it took place before Jan Hammer became the keyboard wizard in John McLaughlin's Mahavishnu Orchestra and composed the MIAMI VICE theme; and it took place before Mraz played with Oscar Petersen and became one of the most highly regarded jazz bassists. In 1968, this band simply consisted of four newcomers who performed an entertaining jazz set. The group's musicianship is excellent: Hammer is an empathetic accompanist and delivers an intense solo on "Blues for Jiri," Mraz gets several fine solo spots, and Kübler swings effortlessly with his Turrentine-influenced tenor sound. The set mostly sticks to an earthy hard bop style, with several compositions by the group members (Mraz's title tune is especially catchy) mixed with covers (the standard "Stella by Starlight," Turrentine's "Let It Go"), but there are also excursions into bossa nova (Hammer's "Solamente") and free jazz (Kübler's "Cork Screw") -- both popular currents in late-'60s jazz. On two soul-jazz numbers, Hammer switches to Hammond organ, and Michael Dennert replaces See. To make this set even better, the sound quality is excellent -- not only for an almost 40-year-old archival recording. There is nothing earth-shatteringly original to be heard here, and the musicians were still forming their own distinctive voices, but this album is both an interesting look at an early stage in these musicians' careers, and a thoroughly enjoyable recording with excellent performances. It makes you wonder what other gems Kübler's and The Domicile's archives might hold.




This review was written for the All-Music Guide on December 4, 2007.

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Dave Wyndorf meldet sich nach Tablettenüberdosis zurück.

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber wenn ich in der Presseinfo lese, die Songs auf diesem Album repräsentieren "einen glücklichen und gesunden Wyndorf, der bereit ist zu rocken", dann stelle ich mir so ein kleines, halbmetergroßes Haustier vor, das dann mit dicker Duracell-Batterie auf Knopfdruck headbangt. Wie niedlich! Guck mal, wie glücklich er dabei ist! Ja schon, aber hauptsache gesund.

Ich weiß: Die meinen eigentlich etwas anderes. Dave Wyndorf, von Marilyn Manson zum Rockgott erträumter Frontmann der Spacerock-Band Monster Magnet und mittlerweile ihr einziges Gründungsmitglied, erlitt 2006 auf Tournee eine Überdosis Tabletten und stürzte damit gewaltig ab. Nach geraumer Zeit des Kräftesammelns meldet sich Wyndorf - jawohl, glücklich und gesund - wieder zurück und erzählt in Interviews, daß sich jetzt viel geändert hat und er auch sein kreatives Schaffen in andere Bahnen lenken will. Sicherlich meint er damit die Zeit nach seinem neuen Album: Denn das klingt exakt so, wie man das von den Monstermagneten kennt.

Sicher, der Sound ist wieder etwas dreckiger - die Gitarren knistern wie beim Garagenrock, Wyndorfs Stimme ist verzerrt, die meisten Songs scheppern aus den Boxen. Aber drumherum muß man sich an keine neue Tapete gewöhnen: Da wird schnörkellos aufs Gaspedal gedrückt ("You're Alive", "Wall of Fire"), die psychedelische Intensität wird wieder geschürt ("Cyclone", das obskure Rolling-Stones-Cover "2000 Lightyears from Home"), und Wyndorf croont sich durch fette Rocksongs, die nach ordentlichem Schweiß klingen ("Slap in the Face").

Die Band ist dabei in durchweg guter Form, Wyndorf selbst merkt man seine 50 Kerzen auf der Geburtstagstorte auch nicht an. Richtig Tiefgang ist nirgendwo zu verzeichnen, auch wenn sich der Schlußsong "Little Bag of Gloom" introspektiv darum bemüht - 4-WAY DIABLO rockt einfach nur nach vorn, dröhnt seine Energie raus, macht Spaß. Die Monster-Magnet-Liebhaber sind sicher gern wieder mit dabei. Für alle anderen gilt: Hauptsache gesund.





Dieser Text erschien zuerst am 3.12.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Mick Harris' Scorn project has come a long way. From its first incarnation in 1992 as an industrial noise metal band on VAE SOLIS, recorded with the original Napalm Death lineup, to its more trance-inspired dub rock of COLOSSUS and EVANESCENCE, to the illbient aesthetic of the albums that followed Nick Bullen's exit from the group, Harris -- now the sole member of this "group" -- has been continually striving to move closer towards the core of Scorn's sound. Over the course of all these releases, he has distilled his music further and further, arriving at a style that is entirely his own: no one else crafts such minimalistic, menacing, claustrophobia-ridden soundscapes as Mick Harris, but the sparse precision and carefully crafted perfection of his music is also a thing of still and absolute beauty. Of course, there are traces of all different kinds of electronica -- the mechanical coldness of industrial, the deep, monolithic bass of dub, the ghostly synth washes of ambient, and the percussive focus of drum'n'bass -- but as a whole, Scorn is a category of its own.

STEALTH, Harris' first Scorn album after several years of hiatus, is a seamless continuation of its predecessors -- be it the nightmarish "Stripped Back Hinge," the subdued crawl of "Running Rig," or the stumbling terror of "Snag," the album is another fascinating, relentless display of Harris' artistry. There isn't much happening on the individual tracks once their basic elements have been introduced, but Harris lets the music breathe and gives its ambiance time to unfold. In a way, Harris may have painted himself into a corner with Scorn's evolution towards this stripped-down style of composition, as it is difficult to imagine where the music will lead to, except for even darker and even more unforgiving tracks, but as long as he can produce sounds that are so impressively unique, there will always be room for a new Scorn record.




This review was written for the All-Music Guide on December 3, 2007.

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Mudvayne stöbern im Archiv und bringen verzichtbares Demomaterial zu Tage.

Musiker müssen einen permanenten Kampf gegen das Vergessen austragen. Genauer gesagt: Gegen das Vergessenwerden. Das war schon immer so, daß in regelmäßigen, nicht zu langen Abständen neue Musik erscheinen muß - Produktivität nach der Uhr quasi - und es kann einem heutzutage, wo Musik in Sekundenschnelle verfügbar ist, viel schnellebiger erscheinen: Rein nüchtern gesehen mag es erst ein Jahr seit dem letzten Album her sein, aber die gefühlte Zeit dehnt sich dann doch immer wieder auf ein verwundertes Von-denen-haben-wir-ja-ewig-nichts-mehr-gehört aus. Ehe man es sich versieht, ist man nicht mehr präsent in den Köpfen der Zuhörer.

Da Kreativität nun aber selten perfekt in einen Zeitplan gequetscht werden kann, überbrücken Musiker längere Wartezeiten gerne mit Krokel und Ramsch - Hauptsache, da steht eine neue CD im Regal. Ob nun Remix-CDs, Livealben, B-Seiten-Kollektionen oder Akustiksessions - irgendwie rettet man sich schon über die Zeit. Und wenn gar nichts anderes hilft, dann kann es auch eine Best-of-Compilation sein. Obwohl es ja meistens ein kleiner Zettel mit einem herzlichen "Wir sind nicht verschwunden, aber wir brauchen noch ein wenig" es ja auch getan hätte.

So kommen wir also zu BY THE PEOPLE, FOR THE PEOPLE von Mudvayne, die 2005 ihr letztes Album LOST AND FOUND veröffentlichten und erst im kommenden Jahr wieder ins Studio gehen, um an einem Nachfolger zu arbeiten (zwischenzeitlich war die Hälfte der Band ja auch mit dem schnörkellosen Seitenprojekt Hellyeah beschäftigt). Die Idee hinter der Zusammenstellung von herumliegendem, anderweitig nicht verwertbarem Material: Die Fans durften per Website ihre Lieblingssongs wählen, die Band hat zu den meistgewählten Songs eine Compilation aus Live-Aufnahmen und Demoversionen zusammengesammelt.

Da sind natürlich zunächst mal so ziemlich alle Songs dabei, mit denen man irgendwie gerechnet hätte: Nämlich die ganzen Singles. "Dig", "-1" und "World So Cold" werden in Liveversionen dargeboten, die auch schon einmal auf einem quasi offiziell abgesegneten Bootleg erschienen sind; dazu gibt es diverse Demoversionen - eine vom Erstling, vier vom zweiten Album und drei vom dritten, plus den üblichen Kladderadatsch: Eine Akustikversion von "Forget to Remember", zwei B-Seiten, die nur bei der limitierten Auflage des Zweitwerks enthalten waren, und noch zwei neue Songs - das solide "Dull Boy" und ein eher unaufregendes Cover von "King of Pain" (The Police). Als nette Geste, die allerdings den Hörfluss eher trübt, spricht Frontmann Chad Gray vor jedem Song ein paar Worte - und das selten informativ.

Als Fan-CD wird diese Zusammenstellung nun also angepriesen, und in der Tat gäbe es für sonst niemanden einen triftigen Grund, sich marginal von den Originalversionen abweichende Songs in schlechterer Klangqualität und ohnehin nicht zur Veröffentlichung gedachter Demoproduktion anzuhören. Natürlich sind die Songs selber immer fesselnd: Mudvaynes komplexer Balanceakt zwischen explosiver Härte und in die Ferne strebenden Melodien, ihre instrumentale Brillanz um die Derwisch-Akrobatik des Sängers herum, die vielschichtigen Arrangements mitsamt intelligenter Überraschungen bleiben durch die Bank eine lohnenswerte Angelegenheit - die natürlich auf den drei regulären Alben viel schärfer gezeichnet und besser ausgeführt anzuhören ist als auf diesem Schubladen-Gestöbere.

Dem überaus freudigen Fan mag diese Zusammenstellung gefallen - wer einen Musiker liebt, will ohnehin jeden Schnipsel aus dem Archiv haben und hören. Aber stellen wir doch mal folgende Frage in den Raum: Wenn die Zusammenstellung wirklich als Fan-Geschenk gedacht war, warum ist sie dann nicht als Gratisdownload, Fanclub-Special oder Bonus-Beigabe zu einer regulären Veröffentlichung erschienen, anstatt zum vollen Preis im Laden zu stehen?





Dieser Text erschien zuerst am 29.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Die Stadt schläft zu Emopop-Klängen: Gar nicht übel.

Herr Doktor, was steht heute auf dem Plan? Emopop sezieren? Wie originell! Dann heizen Sie doch bitte mal den Emogenerator an, rekrutieren Sie fünf vorzeigbare Burschen aus der Mall, und machen Sie ein paar Photos für's Booklet - Sie wissen schon, so ein bißchen sexy und düster. Den Rest des Tages können Sie ja den Golfplatz entlangflanieren.

Wir sind ja schon wieder ungnädig, obwohl wir das gar nicht sein wollen. Muß an den kurzen Tagen oder dem mangelhaften Frühstück liegen. Oder vielleicht an der Tatsache, daß es dreizig Trilliarden Emopop-Bands gibt - ihr wißt schon, Teen-Pop-Punk mit Schminke und Mitsingrefrains - und von denen mindestens die Hälfte bei Trustkill veröffentlicht werden und dann bei mir im Postkasten landen. Wer weiß das schon so genau.

Na schön, der erste Anlauf, die Rezension positiver zu gestalten, ist fehlgeschlagen, aber wer wird denn so schnell aufgeben. City Sleeps, die hier mit einem Debütalbum namens NOT AN ANGEL bei uns anklopfen, sind nämlich durchaus spannender als viele ihrer Kollegen, die da dasselbe Feld beackern. Natürlich sind zunächst mal alle Eckpfeiler des Genres fest am Platz: hymnische Melodien, schnelles Tempo, fette Gitarren, ein Sänger mit hell schmetternder Stimme, und Texte um die Liebe und deren Ende.

Das Prozedere geht hier allerdings abwechslungsreicher vonstatten, als man meinen könnte: Viele Songs haben ganz eigene Texturen, nicht immer hechtet die Band nach dem sich gerade am günstigsten anbietenden Part, und die Produktion - von Goldfinger-Frontmann und The-Used-Produzent John Feldmann - ist sorgsam ausgearbeitet und durchdacht und bietet unter dem radiofreundlichen Geglitzer eine Menge klanglicher Feinheiten. Auch wenn typischerweise der zündendste Song nach vorne gestellt wurde ("Prototype"), geht dem vierzigminütigen Album hinten nicht die Luft aus: Es gibt eine feine Ballade ("Walker's Ridge"), schnurgerade Ohrwurm-Rocker ("Andrea") und sogar ein wenig Geschrei ("Bones").

Na, da haben wir ja doch noch mal die Kurve gekriegt. Herr Doktor, machen Sie mal ruhig weiter mit den Emos. Uns gefällt's ja dann doch irgendwie.





Dieser Text wurde zuerst am 22.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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Nadine Beiler's KOMM DOCH MAL RÜBER ("Come over Here") is exactly what you would expect from the debut album of a 16-year-old schoolgirl who won the third season of STARMANIA, the Austrian version of AMERICAN IDOL: to nobody's surprise, it's teen-oriented pop music, encompassing several sounds that are currently popular with the target group. There are R&B dance numbers ("Ich will dich" -- "I want you"), epic ballads ("Was wir sind" -- "What We Are"), funky pop songs ("Zählt nicht" -- "Doesn't Count"), Shakira-inspired dancefloor tracks ("Um die Welt" -- "Around the World"), and everything in between. What is surprising is that the album isn't half bad: the production is entirely professional, as expected, and the songs are catchy. While they revolve around teen pop's typical issues -- heartbreak, first love, friendship -- most possess an innocent charm that counters the entirely calculated craftsmanship. Beiler's voice is really distinctive and belies her age: she sounds like a singer in her twenties, and while she tends to put a lot of emotion even into lyrics that don't warrant them (as in the "let's party" lyrics on "Um die Welt"), she sounds comfortable and inspired. The ballads work less well than the uptempo dance numbers: "Was wir Sind" is a by-the-numbers ballad with an overwrought arrangement, while the Latin-flavored "Meer sehen" ("See the Sea") has a light, easy flow. Nothing on KOMM DOCH MAL RÜBER is essential, but most of it is pleasant and better than it could have been.




This review was written for the All-Music Guide on November 22, 2007.

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Vom Nachtleben in der kranken Stadt: Bekannte Emo-Pop-Klänge.

Irgendwo auf dieser Welt, schätzungsweise auf dem nordamerikanischen Kontinent, befindet sich ein Labor, in dem junge Burschen herangezüchtet werden, die dann in Fünferpacks zu Emo-Pop-/Teen-Punk-Bands gebündelt und sogleich höchst erfolgreich unters Volk gebracht werden. Während diese Zeilen entstehen, entstehen schon statistisch völlig unbelegte 45,3 neue Emo-Alben, und ein wackerer Linguist im Dienste des Poplabors blättert den Duden auf der Suche nach ebensovielen neuen Bandnamen durch.

Das klingt jetzt natürlich total mißbillingend, und das wollen wir eigentlich gar nicht. Sick City, um die es hier eigentlich gehen soll, sind nämlich weder wesentlich besser noch wesentlich schlechter als die anderen Bands ihres Genres, und damit wären wir eigentlich schon am Ende dieser Kritik angelangt, wenn da nicht von oberster Stelle stets mehrere Absätze gefordert würden.

Um das Nachtleben geht es in diesem Debütalbum, um das Feiern und Trinken und Anbandeln mit sehr vielen Frauen. Wie so viele andere Gruppen der Sparte haben Sick City einen glitzernden, vollgepropften Sound, unter dessen Oberfläche und in dessen unnachgiebig hedonistischen Texten eine dunkle Seite zu finden ist - wie schon beim Coverphoto, wo ein Mädchen einen Kerl küßt und derweil ihre Hand auf den Schoß der neben ihr sitzenden Frau wandern läßt.

"Could you be my Antoinette? French girl to love and then behead", witzelt der Erzähler gleich im ersten Song, der wie der gesamte Rest mit dicker Produktion und hymnischem, schnell ins Ohr gehenden Refrain aufwartet. Natürlich sind alle Beziehungen und Freuden, die hier besungen werden, innen drin leer: "Let's drink to tonight and sing we don't care", heißt es an anderer Stelle, und es ist klar, daß die Musik ebensowenig über den Moment hinaus Bestand hat wie die besungenen Affären. Hinten wartet eine Ballade ("City Lights"), ansonsten funktioniert alles nach dem gleichen Hitsingle-Prinzip: Alles zum Mitsingen und Spaßhaben, in vierzig Minuten ist der ganze Spuk schon wieder vorbei.

So mancher Online-Kritiker tut sich schwer mit dem Album: Mit "ernsthaftem Rock" habe die CD nichts zu tun, konstatiert ein unnachgiebiger Kollege und hört lieber Slayer. Irgendwo anders scheut man das Wort "Emo", weil ja nicht gejammert, sondern "gerockt" wird. Wir zeigen solcherlei Befangenheiten natürlich nicht und können ganz freimütig sagen, daß Sick City überhaupt nicht ernsthaft sein wollen und ein weiteres gelungenes, erwartungsgemäß überraschungsfreies Produkt aus dem Emolabor darstellen. Muß ja nicht jede Platte für die Ewigkeit gemacht sein.





Dieser Text erschien zuerst am 21.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Dann doch lieber den Zivildienst.

Gott sei Dank gibt's die Promo-Info. Ansonsten hätten wir diesen "brutalen und ehrlichen" Hardcore-Zusammenschluß von Mitgliedern der Bands This Is Hell, Last Conviction, The Backup Plan und Subterfuge für das Proberaum-Demo einer auf ewig ins ganz frühe Vorprogramm verdammten Schüler-Punkband gehalten. So wissen wir wenigstens, daß sich die Soldaten aus diversen Grüppchen der Long-Island-Szene rekrutieren, und wir schreiben die Namen einfach mal hin, falls hier irgendwer "Ach, die sind das!" rufen möchte.


A PRAIRIE HOME COMPANION ist der letzte Film des im November 2006 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Robert Altman, und natürlich gibt diese Tatsache dem Werk eine besondere Bedeutung und eine eigene Lesart, die seine Geschichte über Abschied und Tod wesentlich wehmütiger und endgültiger wirken läßt. Der Film dreht sich um den letzten Auftritt der titelgebenden Radioshow, eine Abschiedssendung, und ganz unbeabsichtigt wurde er gleichsam zu Robert Altmans eigenem Abschied. Es ist nicht verwunderlich, daß der deutsche Verleih den Film mit den Worten ROBERT ALTMAN'S LAST RADIO SHOW betitelte.

A PRAIRIE HOME COMPANION heißt auch die wirklich existierende Radiosendung, die 1974 in St. Paul, Minnesota, startete und sich mit ihrer bunten Mischung aus Countrymusik, Sketchen und Witzen immer noch größter Beliebtheit erfreut (und in Realitas weit davon entfernt ist, die Pforten dichtzumachen). Der Moderator der Show, Garrison Keillor, schrieb den Film, in dem er freilich selber auch auftritt, als heiteres Ensemblestück, in dem die verschiedenen Mitarbeiter der Sendung vor und hinter den Kulissen ihrem - in der Form nicht zurückkehrenden - Alltag nachgehen. Gerade die Mischung aus Melancholie und alltäglichen Vorgängen, Leichtigkeit und Schwermut läßt A PRAIRIE HOME COMPANION zu einem leisen, aber unabwendbaren Abschied werden, nach dem die Welt sich einfach weiterdreht.

Plot und Drama werden dabei von Keillor und Altman fast durchweg ignoriert: Die Truppe sendet ihre Radioshow in einem alten Theater, vor Publikum, und der Film sieht ihnen dabei zu. Die beiden Cowboys Dusty und Lefty ärgern den Produzenten mit fröhlich-obszönen Liedern und schlechten Witzen, die beiden Johnson-Schwestern erinnern sich an ihre Mutter und versuchen, Tochter bzw. Nichte Lola zu ihrem ersten Auftritt zu überreden. Erinnerungen an den Beginn der Show werden ausgetauscht. Empörung herrscht über die Tatsache, daß Moderator Keillor keine Abschiedsrede halten will: "Willst du nicht, daß sich die Leute an dich erinnern?", wird er gefragt, worauf er nur mit einem lakonischen "Das will ich, aber ich will nicht, daß ihnen gesagt wird, daß sie sich an mich erinnern sollen". Auf der Bühne wird gesungen und gewitzelt, und zwischendurch spricht Keillor höchstselbst die Werbungen der Sponsoren.


In all diesem Trubel fällt es zunächst gar nicht auf, daß der alte Chuck Akers in seiner Garderobe friedlich gestorben ist. Dann macht die traurige Nachricht die Runde, aber die Show geht weiter. Der Sicherheitschef stolpert unbeholfen durch die Kulissen und ist auf der Suche nach einer mysteriösen blonden Frau, die sich immer wieder blicken läßt - und von der sich zeigen wird, daß sie als Engel geschickt wurde, um nicht nur Chuck Akers, sondern die ganze Sendung bei ihrem Ableben zu begleiten.

Die Vermischung von Wirklichkeit und Phantasie hat ihren ganz eigenen Charme. Es wird wenig Aufhebens darum gemacht, daß ein Engel hinter der Bühne herumgeistert. "Was machst du?", fragt Keillor sie in einem ruhigen Moment und fügt nach kurzem Moment an: "Entschuldige, was für eine blöde Frage". Der Sicherheitsbeauftragte ist eigentlich eine Figur aus dem tatsächlichen PRAIRIE HOME COMPANION - ein tolpatschiger Privatdetektiv namens Guy Noir, dessen Monologe wie aus Kriminalromanen weit vergangener Zeiten herbeigeholt scheinen. Einige Mitarbeiter der Show spielen sich selbst - darunter Geräuschemacher Tom Keith, der in einer verzweifelten Sequenz mit den aberwitzigsten Tönen die improvisierten Worte des Moderators untermalt.


Altmans Regie führt seine Darsteller ein letztes Mal mit der ihm eigenen leichtfüßigen Virtuosität durch die Geschichte: Überall läßt er den Schauspielern Raum und Platz, ihre Figuren von sich erzählen zu lassen - oft reden sie durcheinander, gleichzeitig, und die fragmentarischen Sequenzen ergeben ein impressionistisches Abbild der Abläufe. Hier und da zitiert sich Altman selbst: Guy Noir erinnert an Altmans Marlowe-Interpretation DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR, während der Tod wie in BREWSTER MCCLOUD als blonde Frau im weißen Trenchcoat Einzug findet. Unter den Schauspielern sind Meryl Streep und Lily Tomlin, Woody Harrelson und John C. Reilly, Kevin Kline, Virgina Madsen, Lindsay Lohan und sogar Tommy Lee Jones - und alle fügen sich in das Ensemble ein, in exzellenten Darstellungen, die gerade deshalb so gut sind, weil sie überhaupt nicht herausstechen.

Natürlich besteht ein Großteil des Films aus Musik: Der Countrymusik, die Herz und Seele der Radioshow ausmachen. Die einzelnen Songs dürften jenen Hörern, deren Countryverständnis schon beim Rick-Rubin-produzierten Johnny Cash auf ihre Grenze stößt, Schwierigkeiten bereiten - aber wer diese Berührungsängste nicht pflegt, wird mit den beherzt sentimentalen, uramerikanischen Liedern bestens unterhalten.


Als Robert Altman 2006 den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, erklärte er, daß das der schönste Preis sei, den er sich vorstellen könne: Ein Preis für alles, was er gemacht hat, und nicht nur für ein paar wenige Filme. Mit A PRAIRIE HOME COMPANION - tatsächlich seiner LAST RADIO SHOW - zeigt er uns ein letztes Mal, warum er zu den Großen zählt. Sein Abschied war ganz leise, und niemandem muß gesagt werden, daß man sich an ihn erinnern soll.





Last Radio Show (USA 2006)
Originaltitel: A Prairie Home Companion
Regie: Robert Altman
Buch: Garrison Keillor
Produktion: GreeneStreet Films
Darsteller: Garrison Keillor, Meryl Streep, Lily Tomlin, Lindsay Lohan, Woody Harrelson, John C. Reilly, Kevin Kline, Virginia Madsen, L.Q. Jones, Tommy Lee Jones
Länge: 105 Minuten


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29-year-old singer and pianist Ida Sand didn't feel rushed to start a solo career: Born into a musical family -- her father was an opera singer, her mother a church musician -- she studied music in Stockholm and then worked with a large number of Swedish musicians, honing her skills. One of these musicians was Nils Landgren, who gave Sand ample opportunity to show her talent on the latest release of his Funk Unit, LICENCE TO FUNK, and now that she has finally recorded an album under her own name, Landgren is on board as a producer and also guests on a number of songs. MEET ME AROUND MIDNIGHT is a vocal jazz album deeply influenced by blues and soul, and Sand's experience as a musician shows: she has an earthy, expressive voice, but she never feels the need to push it into the spotlight -- where other young singers make every song a showcase for their undeniably impressive technique, Sand is refreshingly relaxed and focuses on the songs, not on herself. Most of the tracks are covers, and they have been selected from a wide range of sources: Sand performs two Stevie Wonder songs ("Feeding Off the Love of the Land" and "Higher Ground"), the Eurythmics composition "Here Comes the Rain Again," Nancy Sinatra's "Bang Bang," a Lightnin' Hopkins song ("Baby Don't You Tear My Clothes") and the old Arlen-Mercer song "One for My Baby" (made famous in versions by Frank Sinatra and Etta James). She finds a fresh arrangement for most of these, some more acoustic-based, with piano, bass, drums, and vocals as the main ingredients, and others more electric, giving them a bluesy touch with guitar and electric piano. Sand's own composition "Brutal Truth" is one of the album's highlights, a funky R&B song with a soulful groove, and her beautiful piano ballad "Home" quietly ends the album. Not every song on MEET ME AROUND MIDNIGHT is a standout, but even the less exciting arrangements ("At Last") are performed skillfully enough to make the album work as a whole. Sand is a promising new talent on the music scene, and with her subtle feel for dynamics, MEET ME AROUND MIDNIGHT shows more sophistication than you'd expect from a debut album. It's simply a good listen all the way through.




This review was written for the All-Music Guide on November 8, 2007.

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Und passend dazu: Von mir, über uns, für euch ein Review.

Das ist doch mal eine originelle Bandgeschichte: Die beiden Zwillinge Matthew und Nathan Leone, beide vormals in der Gruppe The Blank Theory tätig, bewarben sich bei der US-Realityshow Fear Factor, um Geld für ihr neues Demo zusammenzukriegen. In dieser Ekelversion von Survivor mußten sie unter anderem unter einem fliegenden Helikopter baumeln und rohe Kuhinnereien verspeisen, bis sie den Hauptgewinn von $50.000 ihr Eigen nennen konnten. Das wäre theoretisch richtig cooler Rock'n'Roll, wenn es nicht so dumm und inszeniert wäre - aber die aufregende Backstory für die Promoinfo ist für die Band Madina Lake damit gesichert.

Genaugenommen ist die aufregende Backstory beim ersten Anhören aufregender und origineller als die Musik selbst: Das Debutalbum der Burschen reiht zwölf Pop-Punk-Songs aneinander, die nicht unbedingt einfach von den dreihundertneunundzwanzig Bands aus der gleichen Sparte zu unterscheiden sind. Anstrengend melodiöse, stets zweistimmig-hymnisch produzierte Refrains, glitzernde Gitarren, radioformatierte Songstrukturen. Und das alles noch so dick produziert und mit so wenig Dynamik abgemischt, daß es noch vor der Hälfte ermüdet.

Aber wie so oft ändert sich der Eindruck nach mehrfachem Hören: Zunächst sticht der energiegeladene, souveräne Ohrwurm "House of Cards" mit seinem exaltierten Gesang heraus - nicht umsonst die erste Single - und danach das verhalten brodelnde "River People". Ganz hinten explodiert alles bei "True Love", der Sänger schreit hysterisch, und alles kulminiert in einem kakophonischen Gitarrensolo. Und natürlich setzen sich irgendwann auch die ganzen Melodien im Ohr fest.

Wenn man sich dann ein wenig mit der Band und ihrem Album beschäftigt, merkt man, daß sich Madina Lake sogar ein Konzept für ihr Werk ausgeknobelt haben: Der Bandname benennt eine fiktive amerikanische Kleinstadt aus den Fünfziger Jahren, die quasi eine verzerrte, konzentrierte Version Amerikas zeichnet. Die Songs erzählen von gestorbenen Träumen ("Here I Stand"), von Angstattacken ("Adalia") und von gehüteten Geheimnissen ("House of Cards", in dem der Erzähler zugibt: "I know that you love someone, but that someone isn't me"). In "Me Vs. the World" erzählen die Brüder von der Verzweiflung über den Tod der Mutter, die von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde, als die beiden zwölf waren.

Wie in der titelgebenden Kleinstadt liegen die interessanten Dinge bei Madina Lake auch unter der schönen, glatten Oberfläche. From Them, Through Us, To You mag kein außergewöhnliches Album sein - aber es bietet genug Material, das sich beim näheren Hinhören erschließt und wächst. Nicht alle Songs funktionieren so gut wie die drei obengenannten, aber das Potential für einen weiteren spannenden Ausflug nach Madina Lake ist da. Auch ohne originellen Reality-TV-Ausflug.




Dieser Text erschien zuerst am 5.11.07 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Mark Knopflers fünftes Soloalbum: Eine gewohnt leise und dennoch spannende Sammlung von musikalischen Kurzgeschichten.

"I'd kill to get crimson on this palette knife". Ein Maler, der sich nach Farben sehnt. Das Künstlerdasein ist nichts, was man sich aussucht, sondern etwas, das man tun muß: "It isn't a question of having the choice". Und dann schreiben müde Kritiker über das Werk, das sie eigentlich gar nicht interessiert: "A hack writer judges / my swipes and my smudges / he doesn't like pictures with blotches and blots". Mark Knopfler erzählt auf dem Song "Let It All Go" nicht von sich selber, sondern skizziert einen fiktiven Maler aus den Dreißiger Jahren, aber zu den Gedanken dieses Künstlers dürfte er - wie jeder Kreative - einen besonderen Bezug haben.

KILL TO GET CRIMSON ist denn auch der Titel des neuen Soloalbums von Knopfler, der schon seit einigen Jahren in produktiver Regelmäßigkeit neue Songs aufnimmt. Nicht, daß das ehemalige Dire-Straits-Oberhaupt früher faul gewesen wäre: Schon zu Zeiten, zu denen er mit "Money for Nothing" fast unfreiwillig zum MTV-Rockstar wurde und große Stadien füllte, komponierte er nebenher Soundtracks, schrieb Songs für andere Musiker, und ging seiner Vorliebe für Roots-Musik in Country- und Folk-lastigen Nebenprojekten nach. Durch sein Werk zieht sich dabei immer die Konzentration auf das Einfache und Wesentliche - Knopfler schreibt ohne Schnörkel und spielt selbst schnelle Songs mit bodenständiger Ruhe - mitsamt dem sofort vertrauten Spiel seines Stratocasters, das gleichzeitig Wehmut nach der Ferne und ein Gefühl des Heimischen vermittelt.

Knopflers Songs sind dabei zumeist wie kleine Kurzgeschichten, in denen einfache Menschen - oftmals aus ihrer Perspektive geschrieben - gezeichnet werden, quer durch die Geschichte und die Länder. Gerne erzählt Knopfler vom Aufbruch, von den Träumen und den Schwierigkeiten - und dann ebenso oft vom Scheitern. Auch KILL TO GET CRIMSON erweckt wieder eine Reihe gebrochener Figuren zum Leben - sei es nun der einfache Untergebene, der in der lakonischen Räuberpistole "Punish the Monkey" zum alleinigen Sündenbock wird, oder der junge Mann, der aus Hollywood zurückkommt, weil er es nicht geschafft hat ("The Fizzy and the Still"). In "Madame Geneva's" berichtet Knopfler von mittelalterlichen Troubadouren, bei denen man sich mitten in London vor der Hinrichtung für wenig Geld ein Lied kaufen konnte. Viele Geschichten sind nur angerissen - wir erfahren nie, warum dem hoffnungsfrohen Schauspieler der Ruhm versagt blieb - aber jede wirkt wie ein Fenster in ein weiteres Leben.

Musikalisch zeigt sich Knopfler behutsam und unaufgeregt wie eh und je: Das Tempo ist verhalten, zu der Grundinstrumentierung Gitarre-Schlagzeug-Bass gesellen sich nur gelegentlich andere Klangfarben dazu - wie zum Beispiel in der Folkballade "Heart Full of Holes" (dessen mitunter kryptischer Text die Geschichte einer Prostituierten zu erzählen scheint), wo urplötzlich ein Akkordion auftaucht und wie ein Traumbild wieder verschwindet. Das mag Hörern, denen Knopflers Ruhe nicht geläufig ist, oftmals frustrierend langsam und ereignislos vorkommen - gerade die letzten drei Songs bewegen sich nur im Schrittempo nach vorne - aber genaues Hinhören und Eintauchen in die besungenen Welten offenbaren immer wieder feinsinnige Details, spannende Erzählungen - und nicht zuletzt meisterliches Musikantentum: Die altvertraute Band bettet die Songs samtweich ein, während Knopfler selbst so mühelos Gitarrenlinien spinnt, daß es selten auffällt, wieviel Können dahintersteckt.

So ist KILL TO GET CRIMSON, wie schon Knopflers Alben zuvor, wieder ein feines, leises Album, das viel verbirgt. Und in dem eingangs bereits zitierten "Let It All Go" schlägt er dann auch wieder die Brücke zu den Anfängen: "All passion and lust / is going to end in the dust / but you'll hang on some government gallery wall", zeichnet er da das Schicksal des leidenschaftlichen Künstlers. Das hat ihn schon auf dem 1978 erschienenen ersten Album der Dire Straits interessiert: "I've got to say he passed away in obscurity / And now all the vultures are coming down from the tree / So he's going to be in the gallery", sang er in "In the Gallery". Zum Glück bekommt Knopfler die Beachtung schon zu Lebzeiten.







Dieses Review wurde zuerst am 4. November 2007 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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Der Trailer zur siebten Staffel von 24 ist online: hier.

Damit ist es jetzt also offiziell, daß Tony zurück ist. Immerhin scheinen sie ihn nicht einfach mit den Worten "Überraschung" aus irgendeiner Torte hüpfen zu lassen, sondern stricken eine Geschichte um sein Wiederauftauchen, von der auch Jack Bauer gar nichts zu wissen scheint. Es besteht also noch Hoffnung - denn immerhin ist das das erste Mal, daß die Serie "schummelt": Wer in 24 stirbt, ist tot. Ein "Der lebt ja doch noch" hat es noch nie gegeben.

Anyway, ich freu mich auf die siebte Staffel. Mit dabei: Janeane Garofalo! Ab Jänner wird wieder mitgefiebert.

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After the overwhelming success of their debut album DIE REKLAMATION, Wir sind Helden must have been unsure where to go next. Sophomore albums are notoriously difficult, especially when they follow a smash hit (ask the guys in Crazy Town), and the title of Helden's second album -- VON HIER AN BLIND (From Here on Blind) -- indicates the band moves into unknown territory, as suggested also by the artwork -- Tintin-like drawings of the band on an expedition through the mountains. However, the only new territory the group explores is the certainty that expectations are huge: having to move on after a best-selling record may be an unknown feeling for the group, but the music they come up with sounds all the more familiar -- and not in a good way. For most of the record, the band eschews the keyboard-driven songwriting of their debut album and opts for a more generically guitar-based, radio-friendly sound, which removes much of the song's edges. The record begins with two quiet, introspective numbers, which is an interesting choice given most of the first album's hit singles were uptempo German new wave-y rock songs; the group then settles into a cool groove with the title track, which is one of the album's highlights. But then, the group stumbles. "Zuhälter" (Pimp) is catchy and funky, but in the lyrics, singer Judith Holofernes complains about record companies selling her songs and asking her not to experiment -- which is thoroughly unconvincing coming from a band on a major label (if you don't want them to sell your songs, build up your own little indie label) that never had an experimental bone in its body to begin with. There are only a few more good songs on the record: the first single's funky swing is infectious ("Gekommen um zu bleiben" -- "Come to Stay"), as is the Nena-ish rock song "Nur ein Wort" ("Only one Word"). The subdued groove of "Wütend genug" ("Angry Enough") is a hidden gem; unfortunately, the song's chorus is much less captivating than its verses. Many of the songs seem banal, however: in its focus on introspective numbers, many of the tracks blend into each other and only register after several listens -- even though their melodies and lyrics barely justify repeated spins. "Zieh dir was an" ("Put Some Clothes On") is about as irritating as "Zuhälter" -- a song about half-naked girls in music videos, largely (but not explicitly) aimed at Beyoncé and her ilk. Now, scantily clad women in the music business have indeed become a tiresome cliché -- but the band's observations about this development offer no insight whatsoever and sound more like the complaint of a conservative organization. Generally, little of VON HIER AN BLIND sounds as compelling and urgent as its predecessor, and the band largely seems to take a step back into a territory where they won't have to compete: in other words, they are playing safe, which makes for a mostly pleasant, but not overwhelmingly exciting record.




This review was written for the All-Music Guide on October 3, 2007.

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LICENCE TO FUNK is the eighth album by the Nils Landgren Funk Unit, and again, the Swedish trombonist reconfigures the band's personnel to keep things fresh. He keeps the rhythm section of German drummer Wolfgang Haffner and bassist Magnum Coltrane Price and adds reedman Magnus Lindgren, keyboardist and vocalist Ida Sand, and -- the biggest surprise here -- Detroit guitarist Ray Parker, Jr., author of the hit single "Ghostbusters," who had retired from music in the early '90s and then reappeared on Landgren's collaboration with pianist Joe Sample, CREOLE LOVE CALL, in 2005. After the previous record's experimentation with ABBA tunes (FUNKY ABBA), LICENCE TO FUNK is basically an homage to various types of old-school '70s funk: the dry, hard-edged funk of James Brown's famous rhythm section is celebrated in an energetic cover of Fred Wesley's "House Party," another cover brings back the bouncy disco-funk of the Ashford & Simpson/Quincy Jones classic "Stuff Like That," and there are several nods toward the smooth soul-funk of the Crusaders -- for example, Landgren's own composition "24Hours," with its soft electric piano, relaxed background vocals, and sweet flute melody, or his near-instrumental "Capetown Shuffle" (not to mention a cover of Crusaders bassist Wilton Felder's "Brazos River Breakdown"). Despite the three cover tunes and the large number of comparisons the music brings to mind, LICENCE TO FUNK is neither a full retro album nor a slavish imitation of all those acts -- the Funk Unit is in top form, with tightly locked grooves and inspired soloing, and the record is an excellent showcase for a band that knows how to use a funk rhythm as a springboard to exciting interplay. While all of the musicians are great (and all, except for Lindgren, contribute original songs), Ray Parker, Jr.'s presence is what gives the group that something extra: listening to his opening guitar licks on "Freak U" and the bluesy "Secret" alone makes you glad he's back. The two songs he's written are among the album's highlights: the gritty, driving rhythm of "SampleRayT" inspires some soulful soloing by saxman Magnus Lindgren, and Parker even sings in his instantly recognizable voice on "For Those Who Like to Party." If the Nils Landgren Funk Unit continue to record albums this good, their title-giving licence will never be revoked.




This review was written for the All-Music Guide on September 28, 2007.

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Bevor wir uns mit Elan dem sechsten Teil unserer achtteiligen Ingrid-Steeger-Retrospektive widmen – die, ich möchte es nochmal ganz wortstark betonen, auf ausdrücklichen Wunsch der Chefredaktion hin geschrieben wird und nicht etwa aus einem dringenden Verlangen des Autors heraus, sämtliche Steeger-Paraden zu beaugapfeln – bedanken wir uns mit einem kühlen Glas Hochprozentigem beim nimmermüden Kollegen Schwarz, der mit seiner Analyse der Spektakels ICH, EIN GROUPIE den Beifall nicht nur innerhalb der eigenen Reihen mehr als verdient hat.

Kommen wir also heute zu einem weiteren Begegnungsstreifen, der nun gleich recht schmutzig über meinen Fernsehschirm flimmern wird. Ganz richtig gelesen: Genzel hat mal wieder die Nase vorn und erlaubt es euch heute, einer Weltpremiere beizuwohnen – dem ersten Live-Review auf Mann beisst Film. Ich sitze hier mit dem Notebook bewaffnet auf der Couch und werde über den Film berichten, während er läuft! Alles natürlich im eifrigen Bemühen, der hohen Kunst des Steeger-Rezensierens neue Impulse zu geben, und wie gehabt alles im Dienste der Wahrheitsfindung. Auf geht's: The following takes place between 8.15pm and 10pm.


Der Film beginnt mit dem Ausriß der kecken Steeger aus dem Mädchenpensionat. Sie klettert über den Zaun und redet dabei im Voice-Over über etwas Anatomisches, und schon sammelt ein Autofahrer sie auf und horcht sie über erotische Geschichten aus. Auf der DVD heißt der Film übrigens DIE BLONDE MIT DEM SÜSSEN PO, aber eigentlich handelt es sich bei dem vorliegenden Film um BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN 3, also den dritten Teil dieser Reihe von Report-ähnlichen Omnibusfilmen rund um junge Dinger und ältere, auf den willkürlichen Aufriß wartende Herren.

"Ich bin Kapitän Blaubart", säuselt der nette Autofahrer, und Steeger erklärt ihm gleich, daß sie eine Frau ist, kein Mädchen, und dann reden sie von der Horizontalen. Eines zeigt sich sofort: Wenn man neben dem Filmschauen Texte schreibt, reduziert sich die Aufmerksamkeit ganz auf das Wesentliche. Wie praktisch eigentlich, daß die Dialoge nun auch nichts beinhalten, was man unbedingt hören müßte! Aber prompt machen die da auf dem Schirm Streß: Wir sehen eine Geschichte über Traubenpflücker, und eine blonde Bauerstochter zeigt einem stotternden Jungen ihr eigenes Obst. Natürlich hätten wir jetzt damit gerechnet, daß da zwischen den Trauben auch irgendwelcher Saft produziert wird, aber stattdessen liegt das Knäbelein nun träumenderweise im Bett und phantasiert von der plötzlich kleidungslos gewordenen Pflückerin – doof eigentlich, daß der starke Weichzeichner und der verzerrende Bildeffekt irgendwie völlig die Sicht ruinieren.


Während die jungen Menschen da am Schirm sich ihren Gelüsten nachgeben – was jetzt wohl wieder meine Nachbarn denken? – wandern die Gedanken zu relevanteren Fragen. Zum Beispiel: Wie lange wird so ein Text eigentlich, wenn man anderthalb Stunden am Stück schreibt? Gegebenenfalls müssen wir gewisse Informationen beim Ansehen unterschlagen, weil sie möglicherweise in Wiederholungen ausarten. Wie jetzt gerade: Die sind ja immer noch zugange! Blondchen zeigt im Traubenfeld, wie sie ohne Rock und sonstige Unterkörperbekleidung aussieht, und dann flirten sie ein wenig im Wald, und irgendwie zögern die's ja nun jetzt ganz schön heraus. Stattdessen wäscht sich die nackte Frau jetzt.

Soll sie doch! Vielleicht hilft das was gegen die schmutzigen Gedanken. Die Episoden dieser aufregenden Reihe sind übrigens so entstanden, daß Produzent, Regisseur und Autor Erwin C. Dietrich sich Mädchen gesucht hat, die sich gerne mal vor der Kamera ausziehen würden, und dann mit seiner Crew durch die Lande gefahren ist und irgendwelche Geschichtchen improvisiert hat. Mädchen verführt Junge in der Straßenbahn, Mädchen verführt Lehrer in der Schule, Mädchen verführt Bauersjunge im Heu, Mädchen verführt Filmkritiker im Internet ... ach nein, das gab es damals ja noch gar nicht. Das Strickmuster weist nach einer gewissen Zeit natürlich – hm, wie sagen wir das jetzt? – einen großen Wiedererkennungseffekt auf. Und wenn dann mal genug solcher Vignetten beisammen waren, wurde flugs ein Film daraus geschnitten. Oder auch mal zwei.


Auf dem Schirm werden übrigens gerade diverse Nippel aufgefahren, und entspannte Gitarrenmusik mit jazzigem Getrommel gibt uns zu verstehen, daß es romantisch wird. Und natürlich wird gerade in dem Moment, wo ich einen neuen Absatz anfange, auch prompt die Geschichte abgebrochen, und das Steegerlein erzählt die nächste Episode. Irgendwas mit Klavier und einem Mädchen namens Brunhilde. Da sitzt also ein leicht schmierig aussehender Herr in einem Sessel und lauscht einem älteren Mann, der Chopin zum Besten gibt, und als dann das lüstern lächelnde Töchterlein ins Zimmer kommt, dauert es keine Minute, bis die beiden verschwinden. Spätestens jetzt müßte eigentlich der kritische Leser bemängeln, daß es der bloßen Wiedergabe des nüchternen Geschehens komplett an Spannung mangelt – aber hey, wenn ich da durch muß, müsst ihr das auch. Während sich die beiden Nackten da im Bette tummeln, gönne ich mir ein kleines Päuschen und hole mir mal was zu Trinken.

8.40pm. Die Leute aus der Klavierepisode haben mittlerweile über das Heiraten geredet – da sag noch einer, Softsexfilme seien nicht romantisch! In Episode Nummer 3 befinden wir uns nun auf einem Bauernhof, und eine Praktikantin betastet sich gerade selber, während sie vom feschen Jockl träumt, der gerade im Wald Holz hackt. Es drängt sich eine soziologische Frage auf: Gibt es auf dem Lande mehr Sex, weil es weniger Freizeitbeschäftigungen gibt? Inwieweit tragen also Vergnügungsinstitutionen zur Verschlechterung der Geburtenrate bei? Wenn man sich die Leute auf dem Schirm so ansieht – die Rothaarige ist schon fast nackt, der Jockl ißt mäßig beeindruckt seine Brotzeit – dann dürfte es eigentlich um den Nachwuchs dort sehr gut bestellt sein. Aber jetzt nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung: "Man muß seine Suppe dort löffeln, wo man sie kriegt, und bei mir kriegst du sie nicht", wettert Jockl und jagt die nackte Frau dann konsequenterweise durch's Blumenfeld, nachdem sie ihm gesagt hat, er hätte wohl länger nicht "gebimst". Bimsen? Ich bimse, du bimst, wir bimsen? Gibt es da einen Konjunktiv?


8.50pm. "Den Pullover habe ich nur ausgezogen, damit Sie sicher sind, daß ich eine Frau bin", sagt die junge Schwarzhaarige – wer merkt sich denn die Namen! – dem Herren mit der Autopanne. Man kommt sich wirklich so vor, als wäre hier ein Wettbewerb am Laufen: Wer sich am schnellsten und öftesten auszieht, gewinnt eine Rolle im nächsten Dietrich-Film. Nun habe ich ja, wie jeder eifrige Filmschauer, keinerlei Ahnung, wie es in der richtigen Welt da draußen aussieht – aber vermutlich findet das willige Entkleiden der Damenwelt hier doch eher im als Zeitraffer zu verstehenden Tempo statt. Die andere Frau in der momentanen Episode hat sich gar nicht erst ausgezogen, sondern telefoniert gleich von vornherein nackt. Irgendwie werden die Brüste hier geradezu inflationär aufgefahren.

Und wir haben erst die Hälfte des Films hinter uns.

9.25pm. Obwohl der Film an Aufregung Seinesgleichen sucht, mußte das Live-Review für eine kurze Pause unterbrochen werden: Ein kurzer Besuch des gerade aus England zurückgekehrten Maniac nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch (Geld und ein Warenaustausch waren im Spiel). Eigentlich hätte ich den Film einfach derweil weiterlaufen lassen können, dann wären wir jetzt wenigstens schon bald durch, aber dann hätten wir natürlich auch versäumt, wie der ältere Herr mit dem bleichen Hintern die sechzehnjährige Rothaarige mit den Worten "Du Luder" auf dem Wohnzimmertisch begrüßt.


Die nächste Episode dreht sich um Nadja – jawollja, endlich einmal merke ich mir den Namen, was vielleicht auch daran liegt, daß ich diesen Namen besonders gerne mag; obwohl sich etwaige Nadjas in meinem Bekanntenkreis vielleicht gar nicht freuen würden, im Rahmen dieses LiveReviews grüßenderweise erwähnt zu werden – und findet bei einem Motocross-Rennen statt. Jetzt strengen wir mal unsere Phantasie an: Was macht Nadja beim Motocross? Wird sie vielleicht zum Motocross-Star und zeigt den ganzen Jungs, was ein wenig weibliches Einfühlungsvermögen diesem doch eher maskulin orientierten Sport geben könnte? Der kreative Kollege Haslecker würde jetzt vielleicht gewagte Kameraperspektiven ausknobeln, wo die Kamera auf dem Lenkrad montiert ist, während sich Nadja mit irgendeinem Kerl bei voller Fahrt vergnügt. Aber irgendwas stimmt nicht ... wir haben Nadja bislang noch nicht mal gesehen! Stattdessen sehen wir uns matschiges Motocrossrennen an.

Zeit, sich einmal über die Titelgebung Gedanken zu machen, bis die dann hier mal endlich zu Potte kommen. Wer ist eigentlich "Die Blonde mit dem süßen Po"? Ingrid Steeger? Ist der Po so süß, weil er den ganzen Film über in einem Beifahrersitz verbringt? Jedenfalls ist der Titel viel spannender als BLUTJUNGE VERFÜHRERINNEN 3, der nach ranzigem Aufgewärmtem klingt – obwohl ja diesmal wenigstens auch dem Dialog nach Minderjährige im Spiel sind. Was – sprechen wir es ruhig aus – die Angelegenheit keinesfalls erotischer gestaltet.


Fairerweise dürfen wir nun einem nackten Mann unter der Dusche bei der äußeren Säuberung zusehen. Dankenswerterweise kommt Nadja ins Zimmer, zieht sich schnell aus und legt sich wartenderweise zu ihm ins Bett. Wir verlosen keine Preise unter all denen, die erahnen, was gleich passiert.

9.40pm. Schön langsam wird die Angelegenheit fad. Ha, das war natürlich gelogen! Die Angelegenheit war schon nach zehn Minuten fad, und die Langeweile wird einem erst so richtig klar, wenn man sich vornimmt, zum Film permanent Heiterkeit zu texten. Babsi - jaja, die Steeger - steht grad Nacktmodell, und irgendwelche versifften Maler phantasieren von anderweitigen Pinseleien in einem geschmacklosen Hotel. Der Spaß dauert noch weitere 21 Minuten, und ganz in der Tradition der vorangegangenen Streifen dürfte auch hier ein ganz aufregender Twist zum Abschluß die Phantasie auf ganz andere Art und Weise anregen. Überhaupt wäre ein wenig Anregung durchaus wünschenswert, obwohl sich die zwei auf der Mattscheibe da gerade mit Dutzenden von exotischen Stellungen reichlich abmühen.

Jetzt poltert schon der dritte Maler ins Hotel, und schon wieder steht Ingrid Steeger mit einer anderen Perücke nackt im Zimmer herum. Waren eigentlich Kinogänger seinerzeit so richtig begeistert von diesem Streifen? Sind die 82 Minuten lang da drin gesessen und haben jede Minute so richtig genossen? War nackte Haut wirklich so aufregend, daß man bereitwillig sein hart Erspartes für so eine Ansammlung von bewegten Herrenmagazinen ausgegeben hat? Oder haben die alle gezahlt, dann flott Hand angelegt, und die restlichen 72 Minuten lief der Film dann ohne Zuseher? Fragen über Fragen. Aber wer sich zu dieser müden Busenparade selber anfäßt, tut das höchstens aus Langeweile.


9.50pm. Die Anhalterin ist mittlerweile mit dem netten Autofahrer in einem rustikalen Gasthaus abgestiegen, weil der mit Reißwolfgrinser ganz unvermittelt gesagt hat: "Ich kenne da ein hübsches Plätzchen, wo wir zwei übernachten können". Lustig wäre es ja jetzt, wenn sie in ein Kino gehen würden, wo dieser Film läuft. Aber den Gefallen tut uns der Film natürlich nicht. Während sich das Aktmodell gerade von einem Schönling im Auto zu einer "Temporunde" hinreißen läßt, müssen wir der Wahrheit ins blanke Auge blicken: Vielleicht ist das Experiment mit dem Live-Review gescheitert, vielleicht hätten wir das Gewippe auch lieber in drei Absätzen mit der Gewißheit absegnen können, es hinter uns gelassen zu haben. So sind wir vielleicht ein wenig unfair zu diesem Exponat Dietrichscher Filmkunst, das prinzipiell total harmlos und natürlich ganz züchtig ist. Stellen wir uns doch mal vor, die letzten 11 Minuten wären jetzt so gut, daß ich das ganze Review umschreiben müßte!

Na gut, das war eine zugegebenermaßen eher hypothetische Überlegung. Ingrid steht nämlich gerade nackt bei einem Mann in einer Waldhütte, der seinen Karnickeln bei der Fortplanzung zusieht. Wie aufregend wird es nach diesen 82 Minuten sein, sich wieder bekleidete Frauen anzusehen! Und nun vergnügt sich Ingrid – man merkt doch, daß ihre Beteiligung hier viel facettenreicher ausgefallen ist als noch in den vorangegangenen Filmen – mit dem übergewichtigen Kerl, dessen blanker Hintern sich keck in Richtung Kamera richtet. Selten waren die letzten Minuten eines Filmes nervenaufreibender.

10.00pm. Und nochmal ausziehen, diesmal für den Autofahrer, und dann ist's genug. Ah, der Twist: Der liebe Mann weiß nicht einmal, wie das Mädchen heißt! Zu lustigem Hammond-Georgel wird ausgeblendet, und wir können getrost ausschalten. Klappe zu, Affe tot, Zirkus pleite.

Für den siebten Teil unserer Retrospektive konnte übrigens die mutige Kollegin Mikolajek gewonnen werden, die mit beinahiger Todesverachtung den Steeger-Film DIE SEX-ABENTEUER DER DREI MUSKETIERE rezen- und sezieren wird und uns dabei gewissermaßen den weiblichen Blick auf die, räusper, erotischen Spektakel aus dem Hause Dietrich gewähren wird. Freut euch drauf!






Die Blonde mit dem süssen Po (Schweiz 1972)
Originaltitel: Blutjunge Verführerinnen - 3. Teil
Alternativtitel: Die Blonde mit süssen Busen
Regie: "Michael Thomas" (= Erwin C. Dietrich)
Drehbuch: "Manfred Gregor" (= Erwin C. Dietrich)
Musik: Walter Baumgartner
Produktion: VIP/Axis
Darsteller: Ingrid Steeger, Karin Hoffmann, Margit Sigel, Nadine de Rangot
Länge: 82 Minuten
FSK: 16



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