Dezember 2006
Das war mal wieder so ein Traum, in dem alles und jeder vorkam und irgendwie auf einer großen Party alles kunterbunt durcheinanderging. Ein Segment ist berichtenswert: Christoph sitzt mit Matthias (a.k.a. Blubber), dem ehemaligen sea39-Mitstreiter, auf der Couch - beide mit ihren Akustik-Gitarren bewaffnet. Blubber spielt ein fantastisches Riff, richtig dick und fett und interessant, aber dann kommt der Gesang, und den kann er nicht so gut. "Schwarz fehlt," bemängelt er Christophs fehlendes Mitsingen. "Schwarz ist immer da," berichtige ich ihn. "Schwarz permeiert das Universum."

Auf ein erfolgreiches Jahr 2007.

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Schrottarbeit im Videothekenbereich

Zeigen wir doch einmal kurz Dankbarkeit für die Filme von Sam Firstenberg, einem leidlich begabten B-Action-Filmer, der alljährlich seinen persönlichen Beitrag für die anspruchs- und niveaufreien anderthalb Stunden des Tages liefert. Seine Stories sind ebenso austauschbar wie unnötig - Hauptsache, Sams Lieblingsmotive tauchen darin zur Genüge auf: Harte Jungs und schwere Waffen. Und nachdem man dann 97 Minuten lang der festen Überzeugung war, man hätte den Nachmittag eventuell doch mit Staubsaugen verbringen können, geschieht es: Man kann sich ein dickes Grinsen nicht verkneifen und muß zugeben, daß man sich ungeachtet aller Flachheiten irgendwie witzig unterhalten fühlte. Immerhin bescherte uns Onkel Sam schon den Dudikoffschen Auf-die-Zwölf-Klopper AMERICAN FIGHTER.

Hier und heute in Firstenbergs Kochtopf: 1. Ein Polizist namens Jack Ryan (David Bradley), dessen Partner bei einem Einsatz von Wüterich Jesse Starkraven (Morgan Hunter) getötet wurde; 2. eine von der Regierung untersützte Firma, die den eigentlich zum Tode verurteilten Starkraven lieber in einen Cyborg verwandelt (sicherlich steht ein Trupp von hochbezahlten und sehr überlegt agierenden Wissenschaftlern hinter dieser Einscheidung); 3. ein dummer Unfall, durch den Cyborg-Starkraven die Oberhand über seine Schöpfer gewinnt und daraufhin weitere Cyborgs bauen läßt sowie die Menschheit versklaven will (meine Turbo-Pascal-Programmierungen haben auch nicht immer exakt das gemacht, was geplant war); und 4. wieder Jack Ryan, der aus genannten Gründen sicherheitshalber alles kaputtmacht, was ihm ins Blickfeld kommt. Solche Zutaten braucht man nicht einmal umrühren.

Schon in den ersten Minuten macht uns der Film klar, worauf Firstenberg Wert legt: Action. Die Figuren sind in schönstem Schwarz-Weiß angelegete Comic-Charaktere, die der Zerstörungswut des Regisseurs nicht im Weg stehen. Szenen, die keinerlei destruktive Elemente aufweisen können, dauern niemals länger als ein Blick in die Fernsehzeitschrift, ob nicht doch irgendwo etwas Prädikatverdächtigeres angeboten wird. Glücklicherweise hat Firstenberg mehr Talent (ein Begriff, den es relativ zu verstehen gilt) für das Inszenieren von Actionszenen als die meisten seiner B-Kollegen (wir schieben einen strengen Blick in Richtung Yossi Wein ein), und so fällt der bleihaltige Vernichtungstrip größtenteils recht kurzweilig aus. Seltsamerweise tauscht der Regisseur an manchen Stellen seinen recht flotten Stil (well, he's not Michael Bay, if that's what you think) gegen eine bizarre Zeitlupeninszenierung aus, bei der komplette Sequenzen in Slow-Motion präsentiert werden - ein filmisches Mittel, das Firstenberg nicht im Griff hat und nur zäh und albern wirkt (sofern man sich bei Videothekenschlonz überhaupt darüber eschauffieren darf, daß gewisse Parts der Filme eventuell albern sein könnten!).

Dem latenten Overacting des Yul-Brynner-Zombies Morgan Hunter setzt Bradley ein gnadenlos unterkühltes Portrait eines Stoikers entgegen: Es ist absolut faszinierend zu beobachten, wie allerlei Gefühlsregungen vom Haß über das angestrengte Nachdenken bis hin zur Verzweiflung in einem einzigen düsteren Blick fokussiert werden. Es kämpft auch eine Frau namens Jill Pierce mit, die exakt das macht, was der Zuseher von ihr erwartet: Gut aussehen.

Auffallend ist die beinahige Zelebration sämtlicher Actionfilm-Klischees, die hier quasi mit filmischer Inbrust umarmt werden. Das stetige Wiederaufstehen des totgeglaubten Gegners beispielsweise wird hier schon in den ersten paar Minuten dermaßen oft abgefeiert, daß man es fast für Parodie halten könnte. Tatsächlich fragt man sich mitunter, ob Firstenberg seinen Film selber noch ernst nehmen konnte, oder ob dieser Mann vielleicht sogar so genial die Stereotypen des Genres karikiert, daß wir das als Zuseher eines Films, der mit dem Namen CYBORG COP II gewisse Erwartungshaltungen in uns verankert, eventuell gar nicht merken. Glücklicherweise werden solche Gedanken immer wieder schnell durch die hanebüchene Handlung und die noch dümmeren Satzhülsen zerstreut, die die Charaktere so von sich geben, und wir können beruhigt feststellen: Nein, Sir, dazu fehlt die Reflexionsebene, Firstenberg meint es ernst und ist halt doch nur ein mediokrer Filmemacher.

Ah, jetzt ist der Film aus und das Gute hat gesiegt. Wer hätte es gedacht. Wir blicken zurück und stellen fest, daß CYBORG COP II vor albernen Dialogen nur so strotzt, unfreiwillig komisch und beizeiten von mangelhafter inszenatorischer Natur ist, zahlreiche schauspielerische Lowlights zu bieten hat - und eigentlich ganz spaßig anzusehen ist. Man muß halt den Kopf schief halten, damit das Hirn beiseite rutschen kann.






Cyborg Cop 2 (USA 1994)
Regie: Sam Firstenberg
Drehbuch: Jon Stevens
Produktion: Nu-Image Films
Darsteller: David Bradley, Morgan Hunter, Jill Pierce
FSK: 18


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Ein Leben voller Pop

Die Pet Shop Boys halten Rückblick auf ihre Karriere: 20 Jahre in 140 Minuten.

Entweder trudeln in letzter Zeit - immerhin ist Weihnachten, die Zeit des wohlwollenden Zurückblickens - verstärkt Retrospektiven in die FRITZ-Redaktion ein, oder aber der Pop wird mit der Zeit immer nostalgischer. Letzterer Gedanke ist gar nicht so abwegig, weil die Musik - und damit ihre Macher - ja auch immer älter werden. Im Zuge der allumfassenden Pop-Exegesen, der Special-isierung seiner Protagonisten und der dank digitaler Medien immer umfassender werdenden Archivierung seiner einzelnen Ausdrucksformen kann mittlerweile detailliert auf alles geblickt werden, was die 15-Jahres-Grenze überschritten hat - eine Zeitspanne, die im kurzlebigen Pop-Kontext geradezu historisch wirkt.

Schön eingeleitet, oder? Unter einer solchen Betrachtung gewinnt die Dokumentation A LIFE IN POP der Pet Shop Boys, die uns auch immerhin schon seit 20 Jahren beehren, doch gleich eine gewisse Gewichtung. 1986 landete das - jetzt kommt eines dieser Wörter, das findige Journalisten sehr gerne mögen: - enigmatische Duo ihren ersten Hit mit dem Song "West End Girls", der den Gesamtkosmos der Gruppe schon perfekt einfing: weicher Post-New-Romantics-Synth-Pop, von Theatralik und Melancholie durchzogen; tanzbar, aber nicht notwendigerweise auf der Tanzfläche zu hören, und über all den synthetischen Klängen schwebt Neil Tennants beinahe knabenhafte Stimme, hoch, naiv und glasklar. Die Aufgabenverteilung der beiden Tierhandlungsjungs war auch schon klar: Tennant steht als Dandy-esker Frontmann vorne und singt, sein Partner Chris Lowe bedient im Hintergrund beinahe regungslos die Keyboards und Computer.

In den zwanzig Jahren seit ihrem Erscheinen haben die Pet Shop Boys eine lange, facettenreiche Karriere aufbauen können, die weitere Hits hervorbrachte - darunter "What Have I Done to Deserve This" und die überlebensgroße Hymne "Go West" - und in ihrer theaterhaften Inszenierung ein für die Momentaufnahme Pop ungewöhnlich eigenständiges Gesamtwerk aufbauen konnte. Nicht alles war erfolgreich - im künstlerischen wie im kommerziellen Sinne - aber einen wirklichen Einbruch haben Tennant und Lowe nie erlebt.

Weil die Geschichte der Engländer skandal- und enthüllungsarm blieb, kann auch Regisseur George Scott in seiner 140-Minuten-Dokumentation keinen Hasen aus dem Hut zaubern. Er zeichnet die Entwicklung der Band nach und läßt sie dabei größtenteils von Tennant und Lowe selbst erzählen - in langen Interviews, die von Clips aus ihren visuell experimentierfreudigen Musikvideos und den immer prätentiöser dargebotenen Liveshows umrahmt werden, und zu denen sich Statements einiger berühmter Zeitgenossen gesellen. Robbie Williams sitzt im Sportdress auf einem Hausdach und redet primär von sich selbst in Bezug auf diejenigen, um die es eigentlich gehen soll. Jake Shears - Sänger der Scissor Sisters - zeigt sich als ebenso großer Fan des Duos wie Killers-Sänger Brandon Flowers. Welche genaue Verbindung einige dieser Interviewpartner zu den Pet Shop Boys aufweisen können, läßt sich zwar teils recherchieren, bleibt aber im Rahmen der Doku leider verborgen.

Der Großteil des Films gehört ohnehin den Pet Shop Boys selbst. Im gemeinsamen Interview redet nur Tennant, während Chris Lowe daneben mit Sonnenbrille und Baseballcap vermummt die Arme verschränkt. Erst in seinen Einzelinterviews - in denen er beispielsweise die Stätten seiner Jugend wiederbesucht - spricht Lowe, der den eloquenten Ausführungen des Sängers aber wenig hinzuzufügen hat. Die Dokumentation zeigt viel von den Anfängen der Gruppe, handelt dafür spätere Ereignisse - der relative Mißerfolg der Latin-Pop-Exkursion BILINGUAL beispielsweise - eher nebensächlich ab.

Viel Zeit wird dem Musical gewidmet, daß die Pet Shop Boys 2001 auf die Bühne brachten - eine den Clips nach zu urteilen grotesk verzerrte Travestie, die nicht ohne Grund gnadenlos gefloppt ist. Der Regisseur der Doku sieht das offenbar anders und läßt verschiedene Kritiker und nicht zuletzt Tennant selbst über den Niedergang des Unterfangens rätseln, bevor er uns sogar noch eine komplett ausgespielte Pianoballade aus dem Werk zeigt. Wesentlich interessanter ist die Live-Begleitung des russichen Stummfilms PANZERKREUZER POTEMKIN, das die Gruppe zuletzt auf dem Trafalgar Square darbot: Auf einer überdimensionalen Leinwand wurde der Film gezeigt, während die Band darunter zusammen mit dem Dresdener Sinfonieorchester einen eigens dafür komponierten Soundtrack spielte.

Nun mag die beinahe zweieinhalbstündige Doku für Fans der Gruppe ein Genuß sein, aber für Außenstehende kratzt sie trotz der Lauflänge doch nur an der Oberfläche. Selten wird das Tun der Gruppe in einen Kontext gebettet, noch seltener wird es kritisch beäugt: die Eigengratulation überwiegt. Auf der DVD befinden sich als Bonus noch einige jüngere Musikvideos der Gruppe - visuell durchgehend interessant gestaltet - und ein paar Liveauftritte, die eher die Komplettisten ansprechen dürften: der erste TV-Auftritt der Gruppe (1984!) ist gelinde gesagt unspektakulär, die Live-Darbietung von "What Have I Done to Deserve This" schauderhaft pathetisch - Gastsängerin Dusty Springfield wirkt wie eine schrille Transe - und über den "Go West"-Zirkus, zu dem zwei walisische Minenarbeiterchöre (!) inbrünstig singen, sollte man gnädigerweise den Mantel des Schweigens legen.

So oder so dürfte die DVD wenig Zweitseh-Wert aufweisen - ob man sich der Angelegenheit nun als Fan oder als Fremder nähert. Die Doku ist interessant, aber weder essentiell noch wirklich erleuchtend. Um sich mit der Musik der Gruppe auseinanderzusetzen, kauft man sich dann vielleicht doch lieber einfach ein paar CDs und gestaltet sich seine eigene Retrospektive.





Dieser Text erschien zuerst am 23.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Everything but the music

Model macht Musik: Michelle Hunziker veröffentlicht ihr erstes Album LOLE. Ein offener Brief an die gute Michelle.


Liebe Michelle!

Vielen Dank für die Zusendung deines neuen Albums LOLE, das ich gestern als freudige Überraschung in meinem Briefkasten finden konnte. Es ist ja dein erstes Album, und weil du mich ja als stets ehrlichen Kritiker schätzt, gebe ich dir auch gerne Rückmeldung.

Also, prinzipiell finde ich es toll, daß du dich nach neuen Tätigkeitsfeldern umsiehst. Du arbeitest als Model, als Moderatorin, in der Werbung, sprichst fünf Sprachen und hast schon in zwei Kinofilmen mitgespielt. Und jetzt ein Album! Wo nimmst du nur die Zeit her?

Zunächst war ich von deinem Album auch total begeistert. Auf dem Frontcover lächelst du so nett. Hinten drauf ist so ein etwas geheimnisvolleres Bild, ein bißchen artsy, aber sehr sexy. Und dann das Booklet! So viele schöne Fotos! Groß und klein, schüchtern und frech, die ganze Palette. Gut gefällt mir ja auch, daß man das ganze Booklet zu einem großen Poster auseinanderfalten kann. Für das hast du dir auch ein besonders fesches Foto ausgesucht. Dem Album liegt da auch noch so eine Silberscheibe bei, und darauf ist diese coole Foto-Slideshow zu finden. So viel Michelle hatte ich noch nie auf einmal! Der Screensaver brachte leider nur meinen Explorer zum Absturz, aber ich bin überzeugt, daß du auch dafür sehr geschmackvolle Bilder ausgewählt hast.

Aber dann hat mich ja ein Freund darauf hingewiesen, daß auf diesem Silberling auch noch so etwas wie Musik sei. Das hab ich mir dann der Vollständigkeit halber auch noch angehört und - oh weh! Michelle! Das wäre doch nicht nötig gewesen. Das fing ja ganz nett an mit "Get Out" - komischer Titel für eine Einladung zum Hören, oder? - so ein paar Gitarren und ganz luftleichter Pop. Ideal zum nebenher bügeln oder (ich hab's gleich ausprobiert!) Geschirr abwaschen. Aber dann kommt ja dieser müde Dance-Song, den die Leute ja schon als Single nicht wirklich haben wollten: "From Noon Till Midnight". Da geht's ja um Sex, und zwar den ganzen Tag lang, aber warum keuchst du den Text so unmotiviert wie ein Heizungsableser? Ich hab mir ja das Video auch noch angesehen (auf YouTube - macht dir sicher nichts aus), und das hat ja auch irgendwie nur marginal mehr Sex als eine Waschmaschine von Miele. Sorry.

Aber die richtigen Grausamkeiten kommen ja erst noch! Musikalisch hast du ja schon so ein paar verdächtige Tätigkeiten auf dem Lebenslauf - deine Moderation von DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR zum Beispiel, deine Ehe mit Eros Ramazotti, oder die Tatsache, daß du in Italien mit dem Musical THE SOUND OF MUSIC auf der Bühne standest. Ich hab' da einfach einen empfindlicheren Kitschsensor als du, aber das macht dich ja jetzt nicht zum schlechten Menschen. Jedenfalls hör' ich da so eine fürchterliche Coverversion von Fleetwood Macs "Little Lies", so als Euro-Disco-Dancefloor-Gestampfe, auf daß die Rinder nach Hause kommen. Magst du Fleetwood Mac nicht? Und dann diese klebrige Ballade "Please Come Back", die du mit Timothy James singst (über den weder ich noch die Person, die deine Presseinfo schreibt, mehr wissen). Ehrlich, den Song schicke ich meiner Ex-Freundin nur, wenn ich sicherstellen will, daß sie nie wieder anruft.

Der Rest ist halt total belanglos. So viel Geschirr hab' ich gar nicht! Das ist eben Musik für Leute, die eigentlich gar keine Musik mögen. Man könnte statt der CD auch ebensogut einen Staubsauger kaufen - die Mucke ist einfach nur Gebrauchsgegenstand. So unaufregend produziert, so banal dahinplätschernd, so sinn- und überraschungsfrei. Und deine Stimme - wie drücke ich das jetzt nett aus? - erinnert mich ja auch nur an Lagerfeuerabende auf Landschulfahrten. Paßt aber anderseits hervorragend zu den gesammelten textlichen Flachheiten, die sich alle so brav reimen: place, face, anymore, before, away, stay, Lirum, Larum, Löffelstiel.

Ich weiß schon, das ist alles sehr hart von mir. Aber vielleicht verletzt es dich gar nicht so, weil die Musik ja eh nicht von dir ist. Für den Großteil der Songs hast du dir das Valium-Team Valicon-Team geholt, die ja auch schon für Silbermond und Jeanette Biedermann (bestell' ihr doch bitte liebe Grüße!) Songs von der Stange fabriziert haben. Und daß du die amerikanische Songwriterin Jewel dazu kriegen konntest, dir einen Song zu schreiben, ist echt erstaunlich, aber angesichts der dahingetexteten Jungmädchenpoesie hoffe ich, sie war nicht allzu teuer.

Mehr habe ich jetzt eigentlich nicht zu sagen. Ich wünsche dir trotzdem total viel Erfolg mit deiner Karriere, Michelle. Und das Album hat mir ja auch total gut gefallen - bis auf die Musik halt.

Liebe Grüße,
dein Christian





Dieser Text erschien zuerst am 20.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Ernst genommen hat es eh niemand, aber es gab ein Veröffentlichungsdatum für das neue Guns'n'Roses-Album CHINESE DEMOCRAZY - und zwar der 26. Dezember. In einem "offenen Brief an die Fans" entschuldigt sich Axl jetzt dafür, daß sie den Termin doch nicht einhalten konnten, erklärt, warum er seinen Manager gefeuert hat, und nennt ein vorläufiges neues Datum: Den 6. März.

Lieber Axl, bitte geh ins Gefängnis. Begib dich direkt dorthin. Ziehe nicht über Start. Streiche keine $4000 ein.

Hier lesen.

Sollte das Album tatsächlich einmal das Licht der Welt erblicken - und nichts spricht dafür, daß es das je tun wird - dann kann es nur der größte Untergang seit GLITTER werden. Wir wollen dem größenwahnsinnigen Spektakel endlich beiwohnen und es dann vergessen. Bitte.

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Mit argwöhnischem Unbehagen gegenüber der Wissenschaft kämpfen sehr viele Filme. Chemiker brauen meistens biestige Kampfstoffe zur Ausrottung der Menschheit zusammen, Lasertechniker werden schlagartig größenwahnsinnig und wollen die Weltherrschaft erringen oder im Hinblick auf die schlechte universitäre Bezahlung durch Globalerpressung in höhere Gehaltsstufen aufsteigen, und Psychologen sind alle selbst schwer therapiebedürftig. Für Hexenspuk hält auch diese Folge der alteingesessenen Krimireihe POLIZEIRUF 110 die Arbeit von Profilern, in Europa jüngst durch den Kriminalpsychologen Thomas Müller ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

Es hilft freilich wenig, daß der Profiler, der hier zur Klärung einer Mordserie in München - noch 'ne Leiche! - herangezogen wird, von Udo Kier gespielt wird, der bekanntermaßen immer unheimlich ist. Udo Kier könnte auch als Würstchenverkäufer, Busfahrer oder Unterhaltungssendungsanimateur auftreten - wir wüßten sofort, daß es jetzt gruselig wird. Mit weitaufgerissenen Augen stolpert er auch hier durch die Mordserie, starrt sein Umfeld in Grund und Boden und führt das Profiling - also die Erstellung eines psychologischen Täterprofils - als hellseherischen Hokuspokus auf, bei dem er auf Bäume klettert und in finsteren Leichenschauhäusern Visionen erleidet, die rot blubbernd über den Fernsehschirm wabern.


Natürlich triffen die Methoden des Profilers auf Unverständnis und Abneigung, und natürlich lernen sich er und die Kommissare Edgar Selge (einarmig) und Michaela May (eintönig) im Laufe der Handlung ein wenig kennen und schätzen. Geübte Krimiseher wissen freilich, daß nach intensivem male bonding in einer durchzechten Nacht zwischen Kier und Selge, in der der Profiler von seiner schlimmen Kindheit berichten darf, der merkwürdige Herr Kollege es nicht mehr bis ins Rentenalter schaffen wird. Plopp, und weg. Selge wird den nächsten Fall wieder ohne visionären Profiler lösen müssen.

Aber eigentlich hat er das hier auch schon gemacht: Nichts, aber auch gar nichts, was Kier beisteuern kann, dient der Lösung des Falls. Er findet durch eine Vision eine Leiche am Isarufer, kann aber keine Fakten liefern, die irgendwie zur Überführung des Täters (oder gar zur Spur eines Verdächtigen!) führen würden. Während Kier damit beschäftigt ist, unheimlich zu sein, frequentiert Selge die Münchner Nachtclubs und heftet sich schon bald auf die Fersen eines jungen Mannes, von dem wir schon bald sehen, wie abgrundtief ausgerenkt er doch im Kopf sein muß: Großes Tattoo am Rücken. Gestehen Sie endlich.

Regisseur Buddy Giovinazzo hat dereinst den dreckigen kleinen COMBAT SHOCK für die New Yorker Filmschmiede Troma inszeniert - und unter all seinem Siff fand sich eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Vietnamtrauma. Mittlerweile dreht Giovinazzo Fernsehfilme in Deutschland. Diese POLIZEIRUF-Folge hat er oberflächlich im Griff - er erzählt eine solide Serienkiller-Geschichte ohne große Originalität - aber sie hätte so viel mehr sein können. Laßt Udo Kier die Hauptrolle im Thomas-Müller-Biopic spielen. Das wird erst unheimlich.



Polizeiruf 110 - Mit anderen Augen (Deutschland 2006)
Regie: Buddy Giovinazzo
Drehbuch: Christian Limmer
Darsteller: Edgar Selge, Michaela May, Udo Kier
Länge: 90 Minuten


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Preiset die Hits!

Auch bei denen ist schon Werkschau angesagt: P.O.D. versammeln auf GREATEST HITS - THE ATLANTIC YEARS ganz viele Songs, die wahlweise große, kleine oder gar keine Hits waren.

"Pod? Wer sind denn Pod?" will Sharon Osbourne, gestrenge Mama der Familie Ozzy, wissen und begutachtet skeptisch ein Albumcover. "Mama, die heißen P.O.D.," entrüstet sich Töchterchen Kelly: "Das steht für Payable On Death." Die Matriarchin zeigt sich unbeeindruckt: "Das macht es auch nicht besser."

Natürlich hat die gute Sharon eigentlich gar nichts gegen die Jungs von P.O.D., buchte sie doch die Vorzeige-NuMetal-Band für Auftritte bei ihren Ozzfest-Treks 2000 und 2002. Klanglich paßte die Gruppe natürlich hervorragend ins Festivalprogramm: Harte Gitarren, intensive Liveshow, Rappen und Singen, viel Fankontakt, das ganze Paket. Vom Bulk der NuMetal-Rabauken unterschieden sich P.O.D. nicht nur durch die Tatsache, daß sie mehr oder weniger starke Reggae-Einflüsse in ihre Musik integrierten, sondern auch dadurch, daß sie als christliche Gruppe mit entsprechender Botschaft unterwegs waren. Und warum sprechen wir in der Vergangenheitsform? Weil es P.O.D. zwar noch gibt, sie aber gerade ihren Vertrag mit dem Major Atlantic aufgelöst haben, der passend zur Bescherung eine Retrospektive ihres Outputs veröffentlicht: GREATEST HITS - THE ATLANTIC YEARS.

Da müssen natürlich die ganz großen Erfolge drauf, und derer hatte die Band auch einige: "Boom", "Alive", "Youth of the Nation". Viel Hymne, viel Epik, aber größtenteils ohne das zermürbende Pathos Creeds, die ja auch immer mit weit ausgebreiteten Armen die Hoffnung besangen. Auch die Mini-Hits sind drauf - "Sleeping Awake" vom MATRIX: RELOADED-Soundtrack, "Southtown" vom 1999'er Album THE FUNDAMENTAL ELEMENTS OF SOUTHTOWN - und für die Fanaten und Alles-haben-Müsser zwei neue Tracks, die sich klanglich präzise ins Gesamtbild einfügen. Zwei Singles fehlen: "School of Hard Knocks" vom LITTLE NICKY-Soundtrack und "Change the World" vom selbstbetitelten Album; dafür versammelt die Compilation einige Albumtracks, die weder große noch kleine Hits waren, aber natürlich genauso in die Zusammenstellung passen wie die anderen Songs auch.

Chronologisch wird wild gesprungen, aber weil die Geschichte aus einem Guß ist, fällt das gar nicht auf. So viel hat sich bei den Jungs ja nicht getan. Der Erstling - da hat ein noch etwas unerfahrener Howard Benson produziert - klingt noch ein wenig härter und klanglich zugepropfter, das Hitalbum SATELLITE ist am hymnischsten, aber die Skala dazwischen ist nicht unbedingt extrem breit. Für den Reggae-Kick gibt's "Execute the Sounds", für die Handbanger "Rock the Party". Auch "Truly Amazing", ein Stück vom PASSION OF THE CHRIST-Album (= auch Jesus würde NuMetal hören), ist hier zu finden.

Wenn man also nur eine P.O.D.-CD braucht, kann es gern diese hier sein. Richtig schlimm an der Zusammenstellung sind nämlich nur die Liner Notes, die den ganz schweren Religionshammer schwingen. "Gott hat Größeres mit P.O.D. vor," wird Frontmann Sonny hier zitiert in Antwort auf das frühe Angebot eines kleinen christlichen Labels, der Gruppe $100.000 für ein Album zu zahlen. Der Autor des Textes - ein Mensch, der auch ein Buch zum Thema FAITH, GOD & ROCK'N'ROLL in die Tasten geklopft hat - lobt die weise Voraussicht der Band, sich nicht durch das Angebot in eine religiöse Nische drängen zu lassen, ignoriert aber die Tatsache, daß P.O.D. vor ihren Atlantic-Veröffentlichungen schon CDs über das relativ unbekannte christliche Label Rescue unter das Volk brachten. Die Veröffentlichung der "Alive"-Single am 11. September 2001 wird nicht etwa als Zufall, sondern als göttliche Fügung gedeutet, weil die Zeilen "Every day is a new day / I'm thankful for every breath I take" so zur Heilung der Nation beitragen konnten. Noch mehr prätentiöse Heißluft gefällig? Bitte schön: Wo früher Gott noch durch die Propheten zu den Menschen sprach, tut er es heute durch Songs wie "Slow Train Coming" von Bob Dylan oder eben "Alive". Was haben wir für ein Glück, daß Gott die Stereoanlage entdeckt hat.





Dieser Text erschien zuerst am 18.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Das folgende Interview mitsamt Konzertbericht wurde vom Kollegen Erhard Furtner ursprünglich für FRITZ/Salzburger Nachrichten geführt bzw. niedergeschrieben. Vielen Dank an Erhard für den Text.



Fett wia a Christkindl '06

15. Dezember 2006, Rockhouse Salzburg: Alkbottle spielen zünftig auf bei ihrer Christkindltournee. FRITZ ist mit dabei und nützt die Gelegenheit für ein Interview mit den 'Lokal'-Helden.

Weihnachtsstimmung in Salzburg – Christkindlmarkt, Glühwein, Sonnenschein. Je näher der heilige Abend kommt, desto besinnlicher wird die Stimmung in der Stadt. Passend dazu kehren Alkbottle im Rockhouse ein und verbreiten beim Singen ihrer fröhlichen Lieder eine entspannte Weihnachtsatmosphäre.

Groß geworden sind Alkbottle mit solidem Rock- und Heavy-Sound, der mal entspannter und mal härter klingt. Das eigentliche Markenzeichen der Band sind aber die wienerisch gehaltenen, gehaltvollen Texte, welche einfühlsam Situationen und Gedanken behandeln, die wohl jedem von uns schonmal durch dem Kopf gegangen sind. Kein Wunder, daß gleich beim 2. Album BLADER, FETTER, LAUTER & A BISSL MEHR der österreichweite Durchbruch gelang. Nach 5 Alben löste sich die Band 1998 auf. 2006 kam es wieder zur Reunion, die zugegebenermaßen nicht völlig überraschend aus dem Nichts kam.

Mit der "Fett wia a Christkindl '06"-Tour feiert Alkbottle zusammen mit den Fans ihre Reunion stilvoll und fulminant ab. Die beiden anderen Acts (Maniac Saint, Krautschädl) habe ich zu meinem Leidwesen verpasst ... Jaja, manchmal wartet man schon lang auf ein Interview.

Erhard Furtner: Wie ist das so mit dem Thema Alkohol ... Alkbottle – Alkohol; da stellen euch andere Interviewpartner ja sicher andauernd alberne Fragen?
Roman Gregory: Also, du bist jetzt der Erste, der uns überhaupt auf Alkohol anspricht. Für uns ist das Thema komplett neu und wir haben eigentlich nie damit gerechnet, auch bei der Namensfindung nicht, daß wir jemals mit dem Thema konfrontiert werden. Aber jetzt, wo du das ansprichst – muß ich eigentlich das Konzept wieder überdenken und neu überlegen, damit sich die Leute im Klaren sind, was wir da machen mit Alkbottle.
EF: Ihr habt ja auch Songs wie "Fanta Light", wo ihr den exzessiven Konsum von alkoholfreien Getränken propagiert.
RG: Dementsprechend ist das ja soweit in den Nummern auch dargelegt. Im gleichen Atemzug sagen wir: "Nein, Alkohol ist eigentlich böse".
EF: Ihr habt ja generell Themen, die auch viele Österreicher ansprechen, wie "Fliesenlegen", "120 Schilling Stempelmarken", romantische Songs wie "Weine nicht, kleine Hausmeisterin" ... Erklärt ihr euch euren Erfolg auch mit diesen Texten, weil sich die Leute damit identifizieren können?

RG: Klar, das war auch schon die Prämisse von Anfang an. Wir wollten immer eine Band haben und Musik machen, so wie wir uns das vorstellen, daß es richtig gehört. Also, Musik, die ich auch selber gern hören würde. Ich bin ja genauso ein Konsument, der das eine ablehnt und dem das andere gefällt. Ich schätze einfach ironische Texte und schätze auch sehr viel Zweideutigkeit in Texten. Und so wie meine Persönlichkeit gelagert ist, sind es auch die Texte. Da kann man sich Gedanken darüber machen oder auch nicht. Und da es auch eine gewisse Breitenwirksamkeit hatte, gibt uns der Erfolg in einer gewissen Weise recht.
EF: Am Anfang hat euch ja kein Schwein gekannt und ein großes Problem war, erst einmal einen preisgünstigen Tourbus zu organisieren.
RG: Ja, so ist das immer am Anfang.
EF: Stimmt. Aber konntet ihr auch gleich nach der Reunion voll loslegen, und hattet ihr dann den ganzen Support wie früher?
RG: Ja klar. Uns gibt es ja schon 15 Jahre – da kommt schon was zusammen. Wir sind den Leuten ein Begriff, und in den '90ern war Alkbottle in dem Land ja groß. Viele Leute sind damit aufgewachsen, viele Leute sind damit groß geworden. Und die verbinden auch ihre Jugendzeit mit der Musik, die sie damals gehört haben. Das kann man nicht von dem einen auf den anderen Tag wegwischen. Die Leute bleiben ja, und pflanzen sich dann auch fort. Bestenfalls kommen sie dann mit ihren Gschroppen [Kindern] zum Alkbottle-Konzert – die dann hoffentlich auch gleichermaßen begeistert sind.

EF: Auf eurer Homepage habt ihr auch ziemlich viele private Fotos. Euch scheint das also weniger zu stören, daß ihr öffentliche Personen seid und auch auf der Straße oder beim Einkaufen erkannt werdet?

RG: Nein, das ist nicht so arg. Um einen Vergleich anzustellen – mit dem Bekanntheitsgrad von Reinhard Fendrich würd ich nicht tauschen wollen. Es war ja auch immer so, daß wir auf unseren CD-Covern in erster Linie Zeichnungen oder Grafiken hatten, und die Leute diese Symbole mit der Band verbinden. Die Gesichter dahinter waren immer mehr oder weniger egal. Außer, wenn man uns live gesehen hat, dann hat man die Band mit den Gesichtern verbunden. Aber das stört nicht, du stehst ja deswegen auf der Bühne, daß die Leute ein Gesicht sehen.
Hmm, wir könnten uns ja auf die Bühne stellen und kein Licht aufdrehen ... Aber so häßlich sind wir ja nicht, also können wir uns auch ein bissl herzeigen. Der Bekanntheitsgrad ist ja auch nicht in dem Sinn überproportional groß. Es ist ja nicht so, daß ich nicht zum Billa gehen kann, ohne mir die Finger bei Autogrammen wund zu schreiben. Wenn mich alle 2-3 Tage irgendwann jemand auf der Straße erkennt, bin ich schon in der Lage, mich darüber zu freuen, wenn's nicht überhand nimmt.

EF: Obwohl, auf der BLADER, FETTER, LAUTER & A BISSL MEHR seid ihr ja in eurem, mehr oder weniger, "Alltagsoutfit" abgelichtet.
RG: Klar gibt es Bandfotos. Die Leute brauchen natürlich Bezugspersonen zur Musik. Aber wir haben nicht extra immer darauf bestanden, daß unsere Gesichter im Vordergrund stehen. Insgesamt steht ja die Band an sich im Vordergrund – die Musik steht im Vordergrund. Starkult alleine – das wär dann ja sowas wie Starmania oder Popstars. Die wollen nur berühmt werden, aber wissen nicht, für was...
EF: Ja, das stimmt.
RG: Wir haben eben erst einmal die Musik in den Vordergrund gestellt und sind dadurch berühmt – eher wohl berüchtigt geworden. Aber trotzdem; wir haben einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Ich finde, das ist insgesamt immer noch der gesündere und bessere Weg.
EF: Wollt ihr nicht mal für Österreich den Song Contest bestreiten, wie beispielsweise Alf Poier?
RG: Jederzeit, jederzeit. Dafür wenden wir eigentlich unsere gesamte freie Energie auf, um da wirklich ein halbwegs passendes Songmaterial zusammenzustellen – und das schon seit 15 Jahren. Aber es ist uns einfach noch nicht gelungen. Wir probieren natürlich jedes Jahr einzureichen, haben aber die Frist immer ganz knapp verpaßt. Aber wir sind ganz sicher – irgendwann wird's passen.
EF: Tja, da habt ihr auch harte Konkurrenz wie Tony Vegas, die Global Oberkryner und Alf Poier. Da kommt man nicht so leicht dagegen an ...
RG: Nein, an das Niveau kommen wir wirklich schwer ran. Aber ich bin davon überzeugt, daß das was wird! Und wenn wir uns dazwischen noch einmal auflösen müssen ... Aber egal, irgendwann sind wir beim Song Contest. Und dann werden wir Österreich wirklich würdig vertreten.
EF: Nächstes Jahr würd's eh gut passen. Nachdem Lordi gewonnen haben, wäre die Zeit reif für Alkbottle.
RG: Ja, das glaub ich auch. Wir sind ja auch international und haben unseren Song "Geh scheissn!" in alle möglichen Sprachen Europas übersetzt. Und das würden wir jederzeit gern auch in einer anderen Form und Art und Weise darbringen. Da bringen wir halt 10 Keyboarder mit, und die sprengen wir alle gleichzeitig in die Luft. Die Live-Performance muss schon genau überlegt werden beim Song Contest.
EF: In Wien habt ihr ja schon eine riesige Hausmannschaft an Fans. Ist da irgendwann auch mal ein Politiker auf die Idee gekommen, euch für einen Wahlkampf zu engagieren und eure lokale Popularität zu nutzen?

RG: Ja, eine Partei – eine relative kleine und unbekannte, und zwar die A.L.K. - was soviel bedeutet wie 'Die Alternative Liste Kalksburg'. Die wollte uns damals für die Wahlwerbung haben. Aber wir haben abgelehnt, weil wir ja ein Vorbild für die Jugend sind und mit Alkohol nichts zu tun haben wollen. Und wenn die Leute schon alkoholkrank sind, dann wär' das ja keine gute Message.

Aber was anderes ... Ich habe mal den H.C. Strache kennengelernt, und der hat mir erzählt, daß er in seiner Jugendzeit Albottle gehört hat. Und ich habe darauf gesagt, das ist wirklich das erste Mal, daß mir das peinlich ist.

EF: Hmm, bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob du mich da auf den Arm nehmen willst ... Ist das wirklich so passiert?
RG: Mit dem Strache? Ja, tatsächlich. Der ist zu mir hergekommen, hat mich auf einen Vodka eingeladen oder was auch immer das war. Damals war er noch nicht Parteiobmann – ich hab ihn auch nicht wirklich erkannt. Er redet mich dann auf meine Musik an – was ich im Prinzip ja auch gewohnt bin; und dann auch Leuten zu antworten, die ich nicht kenne. Also plaudern wir halt. Nachher ist mir das dann gedämmert, als mich jemand anderer angerempelt hat und mich gefragt hat: "No, waaßt du net, wer des is?" Aahja ... Er ist wahrscheinlich davon ausgegangen, daß ich weiß, wer er ist – dem war aber nicht so. Wie ich dann draufgekommen bin, habe ich ihm gesagt, daß mir das aber jetzt wirklich peinlich ist. Was er aber dann recht lustig gefunden hat.
EF: Also, ich kann dir versichern, daß es dir noch viel peinlicher ist, wenn du erst mal den H.C. Strache-Rap gehört hast.
RG: Natürlich haben wir den schon gehört. Den haben wir in unserem Studio recht laut laufen lassen. Wir haben auch versucht, den H.C. Strache-Song zu covern. Er ist im Prinzip – man kann so sagen – der Eminem von Österreich.
EF: Tja, wohl auch eher, weil er in dem Bereich hier nicht viel Konkurrenz hat. Aber der Song, naja ... wird schon nach einer Minute ziemlich öde und wiederholt sich nurmehr.
RG: Ja, songwritermäßig kann man noch daran arbeiten. Aber er ist sicher ein ausbaufähiges Talent. Gemacht hat das ja der Biedermann, der auch den DJ Ötzi macht. Das sagt eigentlich eh schon alles. Der produziert DJ Ötzi – na klar kann er dann H.C. Strache auch produzieren; dann ist es schon wurscht.

EF: Einen annehmbaren Unterhaltungswert hat H.C. Strache auf jeden Fall.

RG: So ist es. Die ganze Kabarettlandschaft Österreichs wäre ausgestorben ohne die Freiheitlichen. Und jetzt, wo sie sich noch einmal geteilt haben, ist es eigentlich noch besser. Da ist noch mehr Fläche für Spott und Hohn, als vorher schon war.
EF: Seht ihr euch eigentlich insgesamt als österreichische Band oder doch eher international?
RG: Also, wir sehen uns absolut als österreichische Band; in keinster Weise irgendwie international kompatibel. Wir haben uns ja von Anfang an sprachlich festgelegt, Dialekt zu singen. In Deutschland könnte man es sicher noch verstehen, aber es hat sich bis jetzt noch nicht im breiten Spektrum ergeben, und das ist uns jetzt auch nicht wirklich so wichtig. Wir sind ein Local Act, wie der Name schon sagt: "Lokal"-Heroes. Wir sitzen beim Wirtn und bedienen da die Gäste. Ob es jetzt in England oder in Finnland wem gefallen könnte, darüber machen wir uns keine Gedanken.

Ich denke, in jedem Land gibt es so etwas wie Alkbottle. Jedes Land hat seinen Local Act, der dem Volk auf's Maul schaut und ihm den Spiegel vorhält. Und wenn es das nicht gibt, dann werden wir uns Franchisenehmer suchen und werden für jedes Land die Texte umtexten. Jedes Land wird dann quasi eine Franchise-Albottle-Band bekommen. Sollten wir eigentlich machen – besonders jetzt, wo Europa zusammenrückt, ist das eine gute Idee.

EF: Ich habe euch ja vor 10 Jahren schon mal bei einem kleineren Open Air im Sauwald in Oberösterreich gesehen. Bin dort schon um 15 Uhr nachmittag angekommen; vor euch waren vier andere Bands. Bei denen waren jeweils so 5-10 Leute Publikum. Bei eurem Auftritt um 20 Uhr waren es doch auf Anhieb gleich über 100.
RG: Hört sich so an, als ob das ein richtig erfolgreiches Konzert war.

FRITZ: Nun ja, mich hat es beeindruckt, daß ihr dann doch das volle Programm mit vollem Enthusiasmus durchgezogen habt. Hätte ja sein können, daß bei euch angesichts des nicht so zahlreichen Publikums die Motivation nicht arg groß ist.

RG: Nein, das hat gar nichts zu sagen. Was können diejenigen Leute dafür, die trotzdem da sind und ihre Eintrittskarten bezahlt haben. Warum sollen die dann eine weniger gute Show kriegen? Das sehe ich nicht so.
EF: Sonst, wos gibt's (musikmäßig) Neichs?
RG: Gute Musik natürlich; so probieren wir das zumindest. Wir werden auch heute zwei neue Nummern spielen. Da kannst du dir am besten selbst davon ein Bild machen. Unser neues Album wird ein Alkbottle-Album – es wird nicht irgendeine musikalische Selbstfindungstour. Es wird aber natürlich nicht mehr so klingen wie das erste Album. Wir sind ja auch keine 20 mehr. Unsere Musik, unser Können, all das hat sich natürlich weiterentwickelt, und das wird auch zum Ausdruck kommen.

Aber das heißt auch nicht, daß es ein völlig anderer Stil ist oder wir völlig andere Leute damit erreichen wollen. Wir sind hoch zufrieden mit den Leuten, die wir erreichen. Und die sind uns bei weitem lieber als der Rest, der so an Musikkonsumenten herumläuft. Wir versuchen da nicht, in fremdem Terrain zu fischen, sondern wir müssen unsere Leute bedienen. Die brauchen ein neues Album – das wissen wir, das sehen wir, das spüren wir und das werden wir machen.

Und so haben sie es dann auch gemacht beim nachfolgenden Auftritt. Die Bandmitglieder waren überzeugend weihnachtlich als Christkindl verkleidet, und bei der ersten kurzen Pause wurde das Publikum sogar mit kleinen Geschenken bedacht. Überflüssig zu sagen, daß das Rockhouse randvoll und ausverkauft war. Das Getose der Fans war groß – als Auftakt gab es gleich, wie erwartet, "Fucking Christkind" und "100.000 Engel" zu hören.

Man merkt, daß Alkbottlle mit vollem Enthusiasmus dahinterstehen und sichtlich das Konzert genießen. Von den Songs her gab's reichlich Auswahl, und die Alkbottle-Historie wurde rauf und runter gespielt. Gespannt war ich auch auf neue Songs wie z.B. die mir bisher unbekannten "Alkochrist" und "Nirvana". Wie Roman Gregory bereits im Interview angedeutet hatte, waren beide sofort als Alkbottle-like zu identifizieren.


Zum Abschluß gab es als kleine Effekthascherei eine Kettensägenperformance in Verbindung mit einem Weihnachtsbaum. Alles in Allem ein trauter Abend mit Albottle und glückseligen Fans in fröhlicher Runde. Alright.

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Der Blick zurück: 10 Jahre Staind. Das Beste und Offensichtlichste aus 5 Alben.

Es ist Weihnachten. Zur Weihnachtszeit wird gerne geschenkt. Und weil niemand so richtig weiß, was man eigentlich herschenken soll, gibt es Best-of-Alben. Da werden ja alle beschenkt: Die Künstler, die ohne viel Zutun Präsenz bekommen. Die Großeltern, die dem Kind etwas Schmissiges angedeihen lassen wollen und, weil sie ja ein wenig orientierungslos sind, zu den Platten greifen, auf denen "Meine schönsten Erfolge" steht. Die Kinder, die mit einem Schlag total viele bekannte Songs eines Künstlers besitzen. Die Hardcore-Fans, weil die immer mit kleinen Zusatzschmankerln wie unveröffentlichten Demo-Abmischungen oder bislang ungeschossenen Fotos bedacht werden, für die ihnen der Ladenpreis von knapp 20 Euronauten ein müdes Lächeln über die Sammlerlippen zaubert. Und - ganz wichtig und am segenreichsten beschenkt - die Plattenfirmen, die mit dem alten Krempel nochmal kassieren können, um ihren Mitarbeitern als Weihnachtsgratifikation doch mehr als eine Schneekugel kredenzen zu können. Schenken ist schön.

Wo waren wir? Ach ja, die Singles-Zusammenstellung von Staind, unmißverständlich mit dem Titel STAIND 1996 -> 2006: THE SINGLES versehen. 10 Jahre lang geht es Aaron Lewis jetzt schon schlecht, 5 Alben lang ... nein, streichen wir das. Zuviel Zynismus. Aber erstaunlich ist es schon, wieviel Zeit mittlerweile vergangen ist für diese Band, und wie lange - 5 Jahre! - ihre ganz großen Singles dann doch schon wieder zurückliegen. Als sich die Band 1995 formierte und 1996 ein völlig verzweifeltes Tagebuch von Frontmann Lewis' Depressionen aufnahm, hat keiner mit weltweit über 15 Millionen Alben gerechnet.

Die ersten beiden Alben lang - das selbstaufgenommene TORMENTED und das Major-Debüt DYSFUNCTION - zeigte sich die Gruppe noch sehr vom dreckigen Grunge von Alice in Chains und der düsteren NuMetal-Nabelschau von Korn beeinflußt. In Lewis' abgründigen Pessimismus - das erste Album beginnt mit den Worten "I hate my fuckin' life" und dem Klang einer Waffe, deren Abzug gespannt wird - steckte Wut und Verzweiflung, er schrie und jammerte und konnte sich kaum zu den gelegentlich auftauchenden Melodien aufraffen. "You can't feel my anger / You can't feel my pain / You can't feel my torment / Driving me insane", klagte Lewis in dem Song "Mudshovel" und begann die Ballade "Home" mit den Worten "I forced myself through another day". Kein Wunder, daß die Mischung aus tiefergestimmten Gitarren, authentischem Weltschmerz und Hart-Weich-Kontrasten Gefallen bei Limp-Bizkit-Chefmütze Fred Durst fand, der nach anfänglichen Bedenken (dank des Covers der ersten CD hielt er Staind für Teufelsanbeter) die Gruppe unter Vertrag nahm und ihnen den Major-Plattenvertrag verschaffte. Terry Date, der schon die fragmentarisch artikulierte Angst der Deftones einfing, produzierte DYSFUNCTION; die Gruppe tourte mit Limp Bizkit, Korn und Primus.

Die Wut verschwand, die Depressionen blieben in gemäßigter Form. Mit einer live auf der Family-Values-Tournee aufgenommenen Ballade und dem perfekt produzierten Album BREAK THE CYCLE bewegten sich Staind vom NuMetal-Terrain in ein Alternativ-Metal-Gebiet, wo sie mit genug traurigen, melodieseligen Powerballaden dafür sorgten, daß mittlerweile kaum jemand mehr über ihre einstige Verbindung zur NuMetal-Szene nachdenkt. Ihr weltweit größter Hit "It's Been Awhile" änderte 2001 alles: Man konnte die Herkunft der Band noch erahnen, aber der Melancholie des Songs ("Why must I feel this way / Just make this go away / Just one more peaceful day") konnte niemand widerstehen. BREAK THE CYCLE wurde der Durchbruch der Gruppe, und nur wenig später gab Aaron Lewis zu Protokoll, daß es ihm besser ginge. Er brauche nicht mehr schreien.

Zwei Jahre später war die NuMetal-Szene um sie herum kollabiert: Korn blieben 2002 auf ihrem teuersten und ambitioniertesten Album UNTOUCHABLES sitzen, Limp Bizkit gruben 2003 die Bewegung mit ihrem größenwahnsinnigen Hohlkörper RESULTS MAY VARY endgültig ein. Staind hatten die meisten Spuren des NuMetal-Klangs aus ihrem Kosmos verbannt und nahmen das ruhigere, nachdenklichere 14 SHADES OF GREY auf - das mit seiner horrend zugekleisterten Überproduktion wie eine in Schaumstoff eingebettete Verwässerung von BREAK THE CYCLE wirkte. Aber sie fingen sich wieder: 2005 konzentrierten sie sich mit CHAPTER V auf ihre Stärken und versöhnten sich mit ihren kantigeren Ursprüngen.

Die Geschichte der Gruppe ist nicht in dieser Ausführlichkeit auf der Zusammenstellung zu hören. Die Frühphase wird schonungslos kurz abgehakt, mit einem Song von "Tormented" und zweien von "Dysfunction" - von denen der zweite schon eine zurückhaltende Ballade ist. THE SINGLES navigiert chronologisch durch die Entwicklung ihres Sounds: Es demonstriert schön, wie Staind ruhiger wurden, wo sie ihre hymnische Phase hatten, wo sie weiter reduzierten. Nicht alle Singles sind enthalten: "Just Go", "Fade" und "How About You" fehlen. Das ist einigermaßen zu verschmerzen, weil die wirklich großen Hits alle zu hören sind. Und die fangen ein, warum die Band weltweit so viel Erfolg feiern konnte.

Hinter die 12 Singles sind 4 Bonustracks geschoben: Akustik-Aufnahmen eines Livekonzerts im Hiro Ballroom. Während diese sehr weit heruntergefahrenen Tracks - drei davon Coverversionen: "Comfortably Numb" von Pink Floyd, "Nutshell" von Alice in Chains und "Sober" von Tool - viel der jüngeren Bühnenpräsenz der Gruppe einfangen und passend auf die kommende Solo-Akustik-Tournee von Aaron Lewis hinweisen, bleibt doch die Frage, ob man nicht eventuell eine vollständige Singles-Kollektion einerseits und separat das komplette Livekonzert mit seinen 16 Songs (!) andererseits hätte veröffentlichen können bzw. sollen. So bleibt nur wieder der fade Beigeschmack, den Bonustracks auf Compilations immer haben.

Aber seien wir mal nicht so. Es ist ja Weihnachten, und da wird man gerne sentimental. Ihr dürft die CD gerne jemandem schenken. Plattenfirma und Empfänger freuen sich.





Dieser Text erschien zuerst am 14.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Gottchen, ewig nichts gebloggt! Aber der Druck hat sich jetzt massiv verstärkt: Wenn schon die eigene Mama, die seit Start dieses Blogs ungefähr 15 Mal nach der Adresse gefragt und die Seite dann doch kein einziges Mal gelesen hat, sich wundert, warum hier nichts über die SCHLAFLOS-Premiere geschrieben wurde (verpackt in die schöne Frage "Mache ich beim Ansehen vielleicht etwas falsch?"), dann muß doch wieder mal etwas geschrieben werden.

Dabei habe ich in den letzten paar Wochen sogar sehr ausgiebig geschrieben - nur halt nicht hier. Weil die crazy Fans aber sicherlich meine Ergüsse zu Film & Musik lesen wollen, liste ich einfach mal die zuletzt geschriebenen Reviews auf.

Da wären zunächst einmal die Filmkritiken für MannBeisstFilm:



Ihr könntet freundlicherweise auch einen Kommentar unter die eine oder andere Kritik setzen, damit der gnadenlose Chefredakteur nicht etwa glaubt, den Schmarrn liest kein Mensch.

Kritiken für Fritz:

  • Das Debütalbum von Dead Celebrity Status. Nein, die muss man nicht kennen.

  • Eine Remix-Live-und-anderer-Krempel-Zusammenstellung von Korn. Nein, die muss man nicht haben.

  • Eine Best-of-Compilation von Depeche Mode. Nein, die hat's wirklich nicht dringend gebraucht.

  • Das neue Album von Cat Stevens, der sich jetzt Yusuf nennt. Nein, sonst hat sich nichts geändert.

  • Das zweite Album der Wiener Band Mudfuzz. Nein, ich hab' echt nicht gewußt, was ich differenziertes über die Burschen sagen soll.



So, nachdem wir damit ein wenig aufgeholt haben, können wir uns alsbald wieder in den Blogger-Alltag stürzen. Don't move!

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Sic transit Gloria Mudfuzz

Klang und Wut auf dem zweiten Album der österreichischen Groove-Metal-Band Mudfuzz.

Sic transit Gloria Mudfuzz. Das ist natürlich gelogen, weil Mudfuzzens Ruhm mit dem neuen Release GLORIA keineswegs flöten (oder anderweitig instrumental vor die Hunde) gehen sollte, aber wenn der gerne Cleverness vortäuschende Rezensent nicht so recht weiß, was er angesichts und ange-ohr-s des ungestümen Ungetüms sagen soll, flüchtet er sich eben in kalauernde Witzeleien. Nur nichts anmerken lassen.

Mudfuzz kommen aus Österreich, aber eine genaue Lokalisierung ist nicht einmal unter Zuhilfenahme der offiziellen Webpage möglich. Sie klingen auch kein Fitzelchen nach Vorarlberg und überhaupt nicht nach der Steiermark, und dem Radau nach zu urteilen kommen sie ohnehin eher aus einer Vorhölle oder aus einem dieser Länder, wo raue Wikinger am Fjord den Wolf jagen. Vor drei Jahren empfahl sich die Gruppe - die, es darf ruhig ausgesprochen werden, genauso klingt wie sie heißt - mit ihrem ersten Album, das mit dreckigem Groove launig vor sich hinrumpelte. Der Nachfolger, dessen Name uns assoziativ entweder an Ruhm oder an höllisch schwere Kreuzworträtsel bindet, klingt ganz so, als hätten sie Stufe Elf auf dem Verzerrer gefunden, und läßt vermuten, daß es in den drei Jahren seit dem Erstling mit der Stimmung rapide bergab ging.

Daß so ein Krach überhaupt erlaubt ist in Österreich! Freilich gibt es eine ganze Menge härterer Bands, schnellerer Instrumentalangeber, aber so schmutzig verzerrt pfeifend nehmen sie dann doch alle nicht auf. Alles kracht, die Stimme dröhnt, der Bass brummt, und der Nachbar des Rezensenten überlegt sich gerade, eine Wohnung in der ruhigeren Flughafengegend zu beziehen. Sänger Andy71 (Eltern gibt's!) klingt wie Ex-SOiL-Sänger Ryan McCombs, die Band wie eine groovende Mischung aus Fear Factory und zwei Subwoofern. Das Wort "brachial" drängt sich auf.

Fein und empfehlenswert - wenn man einmal außer Acht läßt, daß einen das Gekloppe ein wenig orientierungslos zurückläßt. Der Profi mag die einzelnen - das folgende Wort muß mit ganz spitzem Mund gelesen werden: - Kompositionen durchaus für unterscheidbar halten, der weniger fanatische Hörer hört gegebenenfalls, daß "Fields" etwas heftiger ist als "Ephemeral", und daß "R.I.B.P." irgendwie viel Getrommel bietet, aber dabei kommt er sich dann auch schon vor wie ein kleines Penibelchen.

Dann hätten wir es ja doch geschafft, etwas vermeintlich differenziertes über dieses Album zu sagen, das solch angestrengte Grübeleien eigentlich gar nicht braucht. Gloria, der Krach ist da.





Dieser Text erschien zuerst am 5.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Eine Tasse Yusuf
28 Jahre nach seinem letzten Album kehrt Cat Stevens unter dem Namen Yusuf wieder: AN OTHER CUP ist ein nahtloser Anschluß an das Frühwerk.

"Was ist das denn?", will Papa Genzel wissen. "Another Cup of Yusuf? Ist das Kaffeewerbung?" Eine nette Vorstellung: Ein Täßchen Yusuf, das schmeichelt dem Gaumen, belastet körperlich kein bißchen und paßt geschmackssicher auf den ansonsten zweckfreien Kaffeetisch dieses skandinavischen Möbelhauses.

Welche PR-Möglichkeiten hier vertan werden! Denn eigentlich ist Yusuf einfach nur der frühere Cat Stevens, der 1977 zum Islam konvertierte und kurz darauf mit seinem letzten Album BACK TO EARTH (1978) nicht nur den alten Namen, sondern auch die Popmusik quasi an den theologischen Nagel hing. Nun sind knapp 30 Jahre eine Zeit, die zu lang erscheint für das Eben-mal-Zigarettenholen, andererseits viel zu kurz für den damals geäußerten Vorsatz, sich für immer aus dem Business zurückzuziehen. Unter seinem neugewählten Namen Yusuf Islam hat Stevens ein bißchen weltmusikalisch angehauchten Religionsunterricht aufgenommen, aber die frühere Musik konnte er nicht mit seinem neugefundenen Glauben vereinen. Bis dann sein Sohn eine Gitarre in seinem Haus geradezu köderhaft liegenließ und er sich zu unglücklich gewählten Momenten - einem Duett mit Ronan Keating beispielsweise - langsam wieder an das Rampenlicht herantastete.

Weil sich Yusuf mit seiner früheren Identität Cat Stevens ausgesöhnt hat, liegt im Booklet symbolhaft arrangiert sein Album TEA FOR THE TILLERMAN neben der hier namengebenden Tasse. Noch eine Tasse vom selben Tee, sozusagen: Denn Yusuf klingt exakt so wie in den 70ern, mit jungbliebener Stimme in wohlklingender Harmonie, als hätten die letzten 28 Jahre gar nicht stattgefunden. Wieder singt er von Liebe und Frieden, von paradiesischen Zuständen und leisen Sehnsüchten nach eben diesen. Die meisten Songs sind neu, aber einige wurden aus früheren Zeiten übernommen. Mit dem Unterschied freilich, daß es nicht mehr die Mädchen sind, die ihn zur Glückseligkeit bringen: "I've seen many other souls before / ah but heaven must've programmed you", preist er ein höheres Wesen in "Heaven/Where True Love Goes" - als er die selbe Textzeile in seinem früheren Leben verwendete, hieß es noch "girls" statt "souls".

Überhaupt ist Yusufs Friedensbotschaft unglaublich naiv und einfach gestrickt. Er hält sich mit dem Predigen zurück, erzählt aber fortlaufend von seinem Seelenheil und der allumfassenden Liebe seines Gottes. Schön, daß er seinen Frieden gefunden hat, aber spannend wird die Erzählung dadurch nicht - in entrückter Banalität singt Yusuf "All at once the wrongs of the world will be put right / how nice" und denkt dabei wahrscheinlich noch, etwas Profundes an den Hörer weitergegeben zu haben. Zerrissenheit zeigt sich ausgerechnet in dem einen Song, den er nicht selber geschrieben hat: Ein Cover von "Don't Let Me Be Misunderstood" wirkt wie als Antwort auf den Aufruhr, den seine schwammigen Aussagen zur Fatwah gegen Salman Rushdie seinerzeit ausgelöst haben: "I'm just a soul whose intentions are good / Oh Lord, please don't let me be misunderstood", fleht er um Verständnis in einem Song, der mit kitschigen Streichern das große Drama sucht und doch nur die Beschränkungen von Yusufs Fähigkeit aufzeigt, sich mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen.

Musikalisch bleibt besagtes Cover aber der einzige Ausreißer: Während überall Wohlklang und Melodiesucht herrschen, bleibt das Album angenehm unaufgeregt, voll warmem Klang und feinsinniger Arrangements. Auf "Midday" sind weiche Bläsersätze zu hören, auf "The Beloved" fügt Youssou N'Dour afrikanisches Flair hinzu. Wo "One Day at a Time" sehr sparsam instrumentiert wurde, warten "Heaven/Where True Love Goes" und eine Neuauflage von "I Think I See the Light" mit eleganten rhythmischen Einfällen auf. Manches bordet ein klein wenig am Kitsch - insbesondere der letzte Song, "Greenfields, Golden Sands" - aber das ist für The Artist Formerly Known As Cat Stevens ja nichts wirklich Neues. Es bleibt eben Markentee.





Dieser Text erschien zuerst am 3.12.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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