Oktober 2006
Das britische Magazin The Mirror veröffentlichte gestern einen sehr interessanten Artikel über die wachsende Beliebtheit von 7"-Singles. Ganz richtig: Das sind die alten kleinen Vinyl-Singles, die man noch mit 45 Umdrehungen pro Minute abspielt und die dann schneller gewechselt werden müssen, als man es sich beim Anhören gemütlich machen kann. Wo - laut Artikel - 2001 in England nur mehr 178.831 solche Singles verkauft wurden (immer noch eine große Anzahl, wenn ich mir das so überlege - aber natürlich kein Vergleich zu den 89 Millionen Stück, die 1979 noch über den Ladentisch wanderten), ist die Zahl dieses Jahr auf ungefähr 1,5 Millionen gestiegen. Grund: Viele der neuen britischen Bands bringen ihre Singles auch auf 7" heraus, und diese Ausgaben werden sogar von Fans gekauft, die nicht mal einen Plattenspieler haben. "Vinyl still represents the very essence of music. It has a mystique all of its own and is part of the mythology of rock 'n' roll," sagt ein Sprecher des Branchenriesen HMV.

Hier lesen.

Now playing - Ray Charles: ELEANOR RIGBY / YESTERDAY (7" single)
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Das ist heute wieder einer dieser Tage, an denen man lieber gar nicht aufgestanden wäre.

Bis 10 lief alles gut: Ganz früh aufgestanden, das Master für die Live-CD von Betty's Apartment fertiggestellt (da mußten noch die Track-Indices gesetzt werden), zusammen mit dem SCHLAFLOS-Soundtrack-Master eingetütet und per Express (immerhin über 8 Öcken!) nach Innsbruck geschickt.

Dann Meldung vom Presswerk: Die per Internet bereitgestellten Artwork-Daten für die SCHLAFLOS-CD haben das falsche Farb-Format (RGB, nicht CMYK). Die ebenso bereitgestellten EPS-Daten können erst gar nicht heruntergeladen werden. Nachricht an den Grafiker: Die sagen, das ist RGB? Antwort vom Grafiker: Nein, die Teile sind definitiv CMYK. "They are wrong." Unterstrichen und mit vielen Ausrufezeichen versehen. Was macht man in so einem Fall? Die beiden Kontrahenten im Deathmatch aufeinanderhetzen? Also, Grafiker macht nochmal neue PDFs, lädt alles hoch, erklärt, daß man die EPS-Files eh nicht braucht, wenn man die PDFs hat.

Nachricht der Druckerei: Da ist ein Tippfehler auf dem Cover.

Bettelnachricht an den Designer, doch bitte noch ein letztes Mal zu korrigieren und erneut hochzuladen. Besagter Designer, ein Bekannter von mir namens Julian Morey, der in London als Grafiker arbeitet, dürfte mittlerweile mit Schaum vor dem Mund an einer mir verblüffend ähnelnden Voodoo-Puppe basteln. Aber er hat die Korrektur anstandslos nachgereicht. Jetzt warten wir darauf, was das Presswerk zu den neuen PDFs sagt - sonst fangen wir einfach wieder von vorne an.

Als wäre das nicht Aufregung genug für einen Tag, flattert mir die Rechnung von Austro Mechana ins Haus: €325,25 Lizenzgebühren für die Songs von Herrn Schwarz und Herrn Tröbinger soll ich berappen. Ich komme mir vor wie im ersten Otto-Film: "Die 25 Cent können Sie jetzt schon haben." Mal überlegen - Banküberfall? Nicht gut, das ist ja heute alles nicht mehr im Tresor lagernd, sondern als digitale Zahl im Computer. Autoschiebereien? Auch nicht gut, mangels finsterem Dealer, der mir hinterher auch Kohle für den geklauten Schlitten gibt. Die gute Botschaft: Die Live-CD von Betty's Apartment kostet uns keine Lizenzgebühren, weil Schwarz an der Herstellung beteiligt ist. Die schlechte: Weil die Grafikerin für dieses Album toter Maikäfer spielt, wird die CD eh nicht zur Premiere fertig.

Mike von der SN hat mir gerade eröffnet, daß er die Deftones-CD, die er mir versprochen hatte, irgendwem anders gegeben hat. Na super. Das ist jetzt das zweite Mal, daß jemand anders die Teile kriegt. Also, ich schreibe ja total gerne Reviews über Gratis-CDs und kassiere dann exorbitante €6 für meine Schreibereien, aber schön wäre es natürlich, wenn ich von den Alben, die ich mir wünsche, auch einmal etwas kriegen würde. Und meine Vereinbarungen nicht einfach vergessen werden. Ich bin halt so ein Idealist: Wie schön wäre die Welt doch, wenn ...

Es ist erst zehn vor zwei - der Tag kann noch viel bringen. Ich mag aber nicht mehr. Ich geh jetzt wieder ins Bett und steh erst morgen wieder auf.

Now playing - Killswitch Engage: ALIVE OR JUST BREATHING
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Alain Levy, der CEO von EMI, einem der Branchenriesen, gab zu Protokoll: "The CD as it is right now is dead" (Artikel hier). Das wissen wir mittlerweile alle, und wir wissen auch, daß die Kinder auf den Schulhöfen mp3s viel cooler finden als Vinyl, was wir auch nicht ändern können. Das Stöbern im Netz ist für die eben das, was für uns das Stöbern im Plattenladen war - nur bequemer. Levy sieht allerdings noch Zukunft für physische Datenträger: "You're not going to offer your mother-in-law iTunes downloads for Christmas", gibt er zu und denkt über neue Vermarktungskonzepte und mehr Bonusmaterial nach. Vielleicht sollte ihm mal jemand Christophs Gedanken zur Preispolitik von Bonusmaterial-Musik schicken.

Noch eine Überlegung unsererseits: Wie schaffen es in Zeiten, wo angeblich so wenig CDs gekauft werden, doch immer noch Musiker, zig Millionen Scheiben an den Hörer zu bringen? Vielleicht will einfach nur niemand den Wegwerf-Pop kaufen, den man ohnehin nicht als Album braucht, weil der Durchschnittshörer nur die zwei, drei Singles darauf hören will. Früher hießen solche Einzeltrack-Künstler singles artists, weil sie eben auch am besten darin waren, einzelne Lieder zu verkaufen. Natürlich bietet sich das mp3-Downloaden besonders für solche Interpreten an, und weniger für Konzeptalbum-Bands wie Tool (die übrigens ohnehin darauf bestehen, daß man ihre Musik wenn, dann nur als Komplettalbum downloaden kann). Aber selbst wenn man sich die Verkaufszahlen vom letzten Nickelback-Album ansieht (3 Millionen plus allein in Amerika, da ist unser täglich "Photograph" in D/Ö gar nicht mitgerechnet), kann das Problem doch nicht am Kaufverhalten der Hörer liegen, oder? Wo liegt es dann? (Dear Alain Levy, das tollste Packaging verkauft keine fade Musik.)

Weil's so schön ist, noch ein bißchen Branchenpessimismus: "MySpace is so last year," schreibt die Washington Post (hier). Nachdem die Firma News Corp. letztes Jahr die Seite für $580 Mio. gekauft hat (das sind Geldsummen, wo die Menge irgendwie abstrakt wird), suchen sich mittlerweile haufenweise Teenager (nie vergessen: das sind die kaufkräftigsten Konsumenten) grünere Gefilde anderswo. Sehr lieb erklärt ein befragter Jugendlicher sein Abwandern von MySpace: "I thought it was kind of pointless".

Den Aufstieg von MySpace als Musik-Plattform habe ich über ein paar Jahre mitverfolgt; nach wie vor ist die Seite als Präsentationsforum für die eigene Musik unschlagbar. Nicht nur, weil man sich problemlos ein paar Songs anhören kann, sondern weil man durch das Freundes-Netzwerk auch ständig auf neue Musiker stößt. Problematisch wird die Angelegenheit für die Investoren von News Corp. natürlich dann, wenn das Zielpublikum (die Musiker sind ja nur die "Anbieter", sozusagen, denn irgendwer von außerhalb soll sich den Krempel ja auch anhören und bitteschön konsumieren) abwandert und einen Kreis von Eingeweihten zurückläßt, die ohnehin schon voneinander wissen.

Eine Plattform wie MySpace (und jede andere ähnlich konzipierte Plattform) hat aber auch ein ganz anderes Problem: Es tummeln sich soviele Musiker dort herum, daß die Aufmerksamkeitsspanne für neue Musik immer weiter sinkt. Man hört sich bestenfalls ein paar Sekunden eines neuen Songs an, bevor man sich weiter durchklickt. Weil alles dort gratis zu hören ist, ist die Musik ja auch nichts wert, und die Zeit, sich mit der Musik auseinanderzusetzen, nimmt man sich nicht. Ebenso problematisch: Der größte Künstler sitzt virtuell direkt neben dem belanglosen Amateur, und wir selbst müssen die Entscheidungen fällen, womit wir unsere Zeit verbringen wollen. Was manche als große Freiheit empfinden (keiner gibt uns vor, was wir auf MySpace zu hören haben), resultiert darin - nicht zuletzt eben wegen der verringerten Aufmerksamkeit - daß wir gar niemandem mehr wirklich zuhören, weil wir total überflutet werden, und im Dickicht der Jeder-macht-Musik-Zeiten orientierungslos zurückbleiben. In CD-Käufen wird das Herumsurfen auf MySpace jedenfalls in den seltensten Fällen resultieren.

Now playing: BROKEN FLOWERS - Music from the Film
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Gestern im Müller gefunden: Den Soundtrack zu BROKEN FLOWERS für sparsame €5! Vielleicht haben sie nicht damit gerechnet, daß den jemand für mehr Geld mitnimmt? Jedenfalls hab' ich die CD gleich auf der Heimfahrt gehört - und schon ist Filmstimmung aufgekommen, nicht zuletzt, weil Bill Murray die Musik im Film auch immer beim Autofahren hört. Der Soundtrack lief gestern 3x, jetzt gerade schon wieder: Das ist ein Hit! Neben dem eigenwilligen äthiopischen Jazz, den Winston im Film seinem Freund für die Reise brennt, ist Soul von Marvin Gaye und Songwriter-Pop von Holly Golightly zu hören, daneben heftige Gitarren von Sleep und ein Opernstück. Eklektischste Jarmusch-Musik also mal wieder, und ein schöner Zusatz zum ebenso feinen COFFEE-AND-CIGARETTES-Soundtrack.

Ebenso gekauft: Das Album URBAN HYMNS von The Verve. Ich hab's ja eigentlich nicht so mit dem Britpop - das ist der andere "C", der da so wild drauf ist - aber Oasis' MORNING GLORY hat sich in meine Top-irgendwas eingespielt, und weil mir das Schwelgerische darauf so gut gefällt, dachte ich mir, daß ich mal ein wenig weiterforschen sollte in die Richtung. Nach den HYMNS kam ja die zweite Implosion dieser schwer von der 60's-Psychedelia-beeinflußten Gruppe, der dann nurmehr angeblich leblose Ashcroft-Soloalben folgten. Die HYMNS aber sind fein: Versponnen, schöne Melodien, wehmütig, episch. Gut angelegtes Geld, würde ich nach dem ersten Anhören mal behaupten.

Zuletzt habe ich - wie der Großteil meiner Leser ohnehin schon weiß - William Dears Autobiographie PRIVATE DETECTIVE gelesen. Die Resonanz von Dears grandiosem DUNGEON MASTER ist immer noch spürbar, und immer noch hege ich den Wunsch, diese Geschichte zu verfilmen. Dank eingehender Diskussion mit einem bekannten Apartment-Einwohner wissen wir jetzt auch, wer William Dear spielen sollte: Kevin Costner! Die Frage bleibt, wie wir dann noch einen Hit produzieren können, aber vom Typ her ist Costner erste Wahl. Wiedemauchsei, die Autobiographie reißt in kürzeren Kapiteln mehrere Stationen in Dears Leben an - seine Arbeit bei der Polizei, seine kurze Karriere in der Politik - und erzählt von verschiedenen Fällen, die er bearbeitet hat. Einige davon sind sehr fesselnd und sehr ungewöhnlich (wie die Exhumierung von Lee Harvey Oswald), andere sehr traurig (die Ermordung einer Freundin). Gelegentlich blitzt ganz harte Cowboy-Mentalität bei Dear auf, etwa wenn er wünscht, daß ihm der Mörder seiner Freundin in die Finger gekommen wäre: Dann wäre er da, wo er hingehört, "carried by six instead of judged by twelve". Aber diese Tendenzen zu Selbstjustiz und Selbstgerechtigkeit ufern nicht aus und sind angesichts von Dears nach wie vor sehr empathischen Erzählungen auch mitunter nachvollziehbar.

Nach wie vor hätte ich gerne Dears Buch zum O.J.-Simpson-Fall: O.J. IS GUILTY BUT NOT OF MURDER. Was hat Dear wohl zu der ganzen Angelegenheit zu sagen? Da das Buch aber über €20 kostet, muß es noch ein wenig auf der Wunschliste bleiben, und dafür lese ich jetzt Robert Graysmiths Buch ZODIAC. Der Zodiac-Killer (demnächst porträtiert in einem Film von David Fincher) hat Ende der 60er in San Francisco gewütet - nach eigenen Aussagen mit 37 Opfern - und der Polizei und der Presse hunderte von Briefen geschickt, in denen er geprahlt hat und im Detail beschrieb, was er mit seinem nächsten Opfer machen würde. Graysmith, Autor beim San Francisco Chronicle, hat penibelst alle Daten und Ideen über den (nie gefaßten) Killer gesammelt und in dieses Buch gepackt. Mal ein ganz anderer Horror ...

Kann man Jarmusch-Fan sein, ohne je GHOST DOG: THE WAY OF THE SAMURAI gesehen zu haben? Klar kann man, aber man wird ein noch größerer Fan, wenn man's dann doch tut. Gestern habe ich den von mir bislang sträflich vernachlässigten Film endlich gesehen und bin sehr beeindruckt. Im typisch langsamen Jarmusch-Stil erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der völlig von der Zeit überholt wurde. Auch die Menschen, gegen die er kämpft, sind überholt - alternde Mafiosi, die den ganzen Tag Cartoons gucken und die Miete nicht bezahlen können. Nachdem unser Held einen von ihnen erschießt, freut sich der noch, daß er wenigstens wie ein echter Gangster sterben darf. Der Ehrenkodex, nach dem die Hauptfigur lebt, ist völlig sinnlos, weil der Mensch, dem er sich unterordnet, gar nicht daran glaubt. Im RASHOMON-Stil sehen wir zwei verschiedene Erinnerungen an ein und dasselbe Ereignis. Schön die üblichen Eigenheiten von Jarmuschs Charakteren: Der beste Freund der Hauptfigur ist ein Eisverkäufer, der nur Französisch spricht, und beide können sich sprachlich nicht verständigen. Sie beobachten einen Spanier, der auf seinem Hausdach ein Schiff baut - einer Arche gleich. Einer der Mafiosi ist ein Hiphop-Fan und erzählt seinen Familienmitgliedern begeistert von Flavor Flav, den er auch nachzurappen probiert. Weil mir kein wirklich schwergewichtiger Schlußpunkt einfällt, kann ich nur sagen: Es hat sich schwer gelohnt. "Übelst geil," würde der kleine Beleuchterling Donny wohl sagen.

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Verhackstückt

Virgin überbrücken die Wartezeit bis zum nächsten Korn-Album mit einer Zusammenstellung, die nur beinharte Fans beglücken dürfte.

Fans sind Menschen, die sehr viel Geld für nüchtern betrachtet völlig unnützen Krempel ausgeben. Zur Untermauerung der These darf die Wohnung jedes beliebigen Star-Trek-Fans besichtigt werden. Weil nun eben diese Fans mit immenser Kaufkraft den ganzen Tand erwerben, muß der beständige Nachschub gesichert sein. Auch in der Musik: Wo DVD-Surround-Neuabmischungen und Re-issues mit Bonus Tracks das gröbste Kauffieber abdecken, haken die Plattenfirmen gerne mit Rumfort-Compilations ein - das sind Zusammenstellungen, wo alles drauf zu finden ist, was rumliegt und fort muß.

Auch Korn-Fans wurden in den letzten Jahren schon wiederholt zur Kasse gebeten: Ein Greatest-Hits-Album mit all den schönen Erfolgen (und vor allem einer sonst nicht erhältlichen Live-DVD), eine Live-&-Rare-Zusammenstellung der alten Plattenfirma, eine limitierte Angeber-Edition des neuen Albums (mit zusätzlichen Videos und Remixen) - und da haben wir nur das offensichtlichste erwähnt. Und weil sich das aktuelle Korn-Album weltweit schon 2 Millionen mal verkauft hat, schiebt Virgin eine Compilation hinterher, die die Kuh weiter melkt und - der alte Schmäh - uns vorgaukelt, es gäbe etwas richtig Neues von Korn. CHOPPED, SCREWED, LIVE, & UNGLUED versammelt auf zwei CDs und einer DVD einen monströsen Remix des Originalalbums, diverse Live-Tracks, allerlei Schnickschnack und ein paar flugs zusammengesammelte Videos.

Der Remix ist ein Albtraum. Ein DJ namens Michael "5000" Watts hat das Original verhackstückt, und das quasi unhörbare Resultat fühlt sich so an, als wolle man unter Wasser rennen. Watts dreht überall die Geschwindigkeit und den Pitch so weit herunter, so daß man sich vorkommt, als würde man durch flüssigen Teer waten. Alles kracht, grummelt, sägt und klingt so grauenhaft, daß man sich in einem Fiebertraum wähnt, in dem Fetzen des Albums dämonisch verzerrt die Synapsen belasten.

Genaugenommen ist das Album schon so kaputtgemixt, daß die CD höchst bemerkenswert ist: Auf der breiten Palette, die uns ein Remix-Unterfangen theoretisch bietet - von der wortwörtlichen Neu-Abmischung bis zum Burroughsschen Cut-Up samt Neuzusammenstellung - läßt dieser Klangterror das Dekonstruktive vollends zum Destruktiven werden. Solche Hörer, die es mit Spannung verfolgen, wenn John Zorn Unterwasser-Klarinette spielt, setzen sich diesem auralen Drogentrip vielleicht gerne aus; alle anderen Hörer legen die CD wahrscheinlich nur dann auf, wenn die Gäste mal wieder gar nicht nach Hause wollen.

Geradezu bieder klingen im Vergleich die Live-Aufnahmen, die die zweite CD bietet, und die natürlich kein Mensch braucht. Auch nicht wegen des 4-Minuten-Gitarrensolos am Ende von "Liar" - womöglich Munkys erstes Solo in 12 Jahren Bandgeschichte, aber dafür klingt's auch, als wäre man im falschen Film gelandet. Der Pseudo-House-Remix von "Coming Undone" ist peinlich, der Drum'n'Bass-Remix selbigen Songs dafür sogar richtig gut. Abschließend hören wir Akustikversionen von "Twisted Transistor" und, richtig, "Coming Undone" - ein bißchen schwerfällig, aber doch interessant zu hören, wie sich Korn in ein klanglich eher unbekanntes Terrain wagen. Fast vergessen: Der Mash-Up von - man faßt es nicht! - "Coming Undone", zusammengeschnitten mit dem Song "Lean Wit It, Rock Wit It" der Dem Franchise Boyz. Der ist gut gemeint, aber da der Reiz des Mash-Ups ohnehin in der guerillaartigen Kollision völlig unerwarteter Songs besteht, generiert die Mixtur NuMetal / HipHop wenig Aufsehen.

Wenden wir uns noch kurz der beigepackten DVD zu, auf der zunächst drei aktuellen Videos der Band zu finden sind: In "Twisted Transistor" spielen Rapstars, darunter Snoop Dogg, die Korn-Mitglieder, während Jonathan Davis als Plattenchef der Gruppe mangelnde Kommerzialität vorwirft. "Coming Undone" (vielleicht wird's doch noch unser Lieblingssong) hat das pfiffigste Video, in dem die Band zunächst Risse in die Welt um sich herum spielt und dann langsam und im wahrsten Sinne des Wortes auseinanderfällt. "Liar" ist komplett computeranimiert und ruft das Klischée der gelangweilten Rockstars ins Gedächtnis, die nicht einmal mehr zu ihren eigenen Videoshoots erscheinen. Ein zusätzliches Video zum Mash-Up von, seufz, "Coming Undone" wirkt genauso, als würde man im Sekundentakt zwischen MTV und VIVA hin- und herzappen.

Von den Akustiktracks der zweiten CD (also natürlich auch von dem bislang völlig ignorierten "Coming Undone") gibt es auch Videos, in denen die Band im Studio sitzt. Sachdienliche Hinweise, warum die anonyme Backing Band mit Hasen- und Schweinemasken herumsitzt, dürfen per Kommentarfunktion hinterlassen werden (die Vermutung, eine Verbindung zum Artwork herstellen zu wollen, drängt sich auf, gewinnt aber in der Redaktion keinerlei Originalitätspreise). In einem witzigen Fünf-Minuten-Feature sehen wir Korn, wie sie ein kleines Konzert bei einem Fan zuhause spielen: Eine Handvoll Kids im Garten, ein kleines Setup auf der "Bühne", und das irgendwie bekannt klingende "Coming Undone" in der Setlist. Sinn und Zweck der Aktion ist es natürlich, zu zeigen, wie fan-nah Korn doch noch geblieben sind, aber trotzdem wäre mehr Material dieses Gigs wünschenswert gewesen.

Ehrlich: Kein Mensch braucht diese CD. Wer als Fan schon die französischen Ausgaben aller Korn-Singles und auch das 93'er Demo NIEDERMEYER'S MIND besitzt, fühlt sich eventuell veranlaßt, auch diese Zusammenstellung hier zu erwerben. Bitte schön. Das ist ja das schöne am Fan-Sein: Man hat irrsinnigen Spaß an Sachen, die eigentlich keiner braucht. Aber sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.





Dieser Text erschien zuerst am 27.10.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Trailer für die sechste Staffel von 24: Hier.

"We're asking you to sacrifice yourself," eröffnet Bill Buchanan einem bärtigen Jack Bauer. Auch wieder mit dabei: Chloe und die Chefin von Homeland Security. Wayne Palmer ist jetzt Präsident, und Peter MacNiccol spielt seinen Berater. Im Trailer darf Jack auch schon ominöse Worte sprechen: "You understand the difference between dying for nothing and dying for something. Today, I can die for something. My way, my choice."

Ab Jänner wird wieder gesuchtelt!

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Uaahhh! Spaß mit dem von Christoph angepriesenen Sloganizer. Es ist ja eigentlich völlig witzlos, über exakt dasselbe zu bloggen wie der Herr im Apartment unter mir (ich sitze auf dem Dachboden, schon vergessen?), aber da heute der Internationale Tag der Redundanz ist, kommen wir locker damit weg.

I'd walk a mile for a Ghost Light.

Vorsprung durch Ghost Light.

I Want My Ghost Light.


Und als ich probeweise "Genzel" eingegeben habe, kam als erster Vorschlag gleich:

Semper Genzel


Der Tag ist gerettet! Dank an Christoph!

Noch einer? "Everything we do is driven by Genzel". Die wissen, wer vor'm Rechner sitzt.

So ... hatte ich noch was zu tun heute? Ach ja, Soundtrack-CD fertigstellen ...

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Lange nichts mehr über Jörg gebloggt, aber jetzt muß es mal wieder sein. Da wäre zum einen Jörgs neuester Beitrag zum sinnentfremdeten Nachmittag: EPISODE V - THE NEXT GENERATION. Erstmalig in 4 Rollen zu sehen, verleiht Jörg der Geschichte um das Lager eine geradezu abstruse Wendung und läßt auf die weiteren Teile hoffen. Unbedingt ansehen, und zwar hier.

Viel faszinierender noch als Jörgs neuer Film aber ist - und hier schalten wir die Ironie mal ganz ab - die Dokumentation HERR MÜLLER HERR SCHULZE, die zwei Würzburger Filmstudenten über Jörg und seine Welt gemacht haben. In 30 Minuten erklärt uns Jörg, wie ein Selbstfilm entsteht, und erzählt uns von seinen Wünschen und Träumen. Daß er speziell seine österreichischen Fans erwähnt, die es kaum erwarten können, neues Material von ihm zu bekommen, freut uns österreichische Fans natürlich besonders! Jörg wirkt sehr sympathisch, aber genauso einsam und traurig - vor allem, wenn er von seiner Traumfrau redet, kommen einem fast die Tränen. "Ich bin nicht gesellschaftsfähig," sagt Jörg über sich selbst und erklärt, warum er manchmal gerne ein Fisch wäre. Natürlich ärgere ich mich ein bißchen, weil ich ja auch schon seit langem eine Dokumentation über Jörg machen möchte, aber was Hanni Welter und Alex Weimer hier eingefangen haben, ist ein wunderschönes Portrait. Hier downloaden.

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"It is my understanding that there's some proud Americans at this festival here today ... just wanted to let you know - with all the entertainers talking shit and the industry have a soapbox to stand on: Saliva is very, very pro-America. And everybody else [...] can get the fuck out of America! Pearl Jam and the Dixie Chicks and all the motherfuckers can live in Afghanistan for a summer."

Josey Scott, Frontmann von Saliva, bei einem Auftritt in Wisconsin am 17. Juli 2004.

Manchmal wünscht man sich doch, sie würden einfach nur die Klappe halten und Musik machen.

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Heute nacht im Traum hat sich irgendjemand bei mir beschwert, daß mein Blog mittlerweile total langweilig geworden sei. Ich glaube, es war eine Bekannte, die ich hier im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes "Narmita" nennen möchte. So eine Frechheit! Abgesehen davon hat "Narmita" ihren Blog kürzlich komplett geschlossen, was vom Unterhaltungswert her freilich noch viele Stufen unter meinem Geschwafel hier liegt. Wer also ein Glashaus im Rachen hat, braucht nicht mit Kindern zu werfen, wie uns das altbekannte Sprichwort so schön sagt.

Neue CD-Kritiken bei FRITZ: Ein grandioses Album von Papa Roach sowie ein überraschend anhörbares Exemplar von Evanescence.

Freitag eingetrudelt - aber noch nicht angehört - ist eine CD der Gruppe Hurt. Und jetzt wird's ja endlich Zeit, daß ich mein Papa-Roach-Interview abtippe ...

Neue Filmkritiken: Die Coen-Extravaganz ARIZONA JUNIOR und der Hallervorden-TV-Blödsinn HERR S. KOMMT NICHT ZUM ZUGE. Letzteres übrigens mit Ef zusammen angesehen, der schon bei einem der ersten Sketche bemerkte: "Der ist schon sehr langsam, der Witz".

Apropos Vatertag: Beim Ansehen von FATHERS' DAY (auf Deutsch EIN VATER ZUVIEL) von Ivan Reitman ist mir ein bekanntes Gesicht untergekommen, aber ich hab nur ganz kurz zweifelnd überlegt: "Ist das ...?", um dann den Gedanken als völlig abwegig sofort zu verwerfen. Aber doch: Es war ...! In einer Szene auf einem Sugar-Ray-Konzert taucht doch tatsächlich ein völlig zugepiercter Mel Gibson auf! Billy Crytal fragt ihn: "Does that hurt?", dann steht Mel mit leerem Blick eine Zeitlang herum und antwortet dann: "No ... not the ones in the face ...". Das allein hat den etwas süßlichen Film doch sehenswert gemacht.

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Macht hoch die Tür!

Nach drei Jahren liefern Evanescence ihr Nachfolgealbum THE OPEN DOOR ab. Können Amy Lee und ihre Gefährten den Erfolg des Erstlings wiederholen, oder schwinden sie dahin?

Eine gothisch-düstere Villa. Ein vampirisch wirkender Mann auf einem Stuhl, dessen Lehne Teufelshörner zieren. Während Amy Lee im Laub knieend die Wölfe streichelt, sehen wir aus der Vogelperspektive, wie ihr weites rotes Kleid sie wie eine Blutlache umgibt. Allein die beladenen Bilder des neuen, überaus zitierfreudigen Videos zu entschlüsseln könnte in eine umfassenden Seminararbeit münden - wenn wir nicht schon wüßten, daß es sich nur um eine perfekte Show handelt.

Ähnlich wie Linkin Park verstehen es Evanescence, die einzelnen Elemente eines Genres - mit all seinen ikonischen Bildern, den Assoziationen und der klanglichen Quintessenz - zu nehmen und daraus perfekten Pop zu schmieden. Als 2003 das Album FALLEN erschien, schafften Evanescence, was all den Gothic-Metal-Gruppen zuvor nie gelungen war: Sie brachen aus der Nische heraus und wurden zu einem weltweit kommerziell erfolgreichen Phänomen. Aussehen und Klang mag sie zwar mit vergleichbaren Bands verbinden - auch Nightwish, Within Temptation, Lacuna Coil oder The Sins Of Thy Beloved schwelgen mit sirenenhaftem Frauengesang im romantisch-tragischen Weltschmerz - aber im Grunde genommen haben Evanescence nichts mit all diesen Gruppen zu tun, weil ihre Sensibilitäten ganz woanders liegen: Evanescence schreiben Popsongs und hüllen diese in ein Gewand, das quasi als Genrezitat funktioniert.

Die irrwitzige Popularität des Vorgängeralbums - FALLEN verkaufte sich weltweit über 14 Millionen Mal - und der darauffolgende Tumult innerhalb der Band - Gitarrist und Co-Songwriter Ben Moody verließ die Gruppe mitten in ihrer Welttournee, vielleicht im Zuge seiner manisch-depressiven Schübe - ließen Zweifel aufkommen, ob überhaupt ein neues Album kommen könnte, und ob Sängerin Amy Lee sich auch ohne ihre "andere Hälfte" behaupten würde. Für Moody sprang der ehemalige Cold-Gitarrist Terry Balsamo als permanenter Ersatz ein, aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist die Person Lee synonym mit dem Namen "Evanescence".

THE OPEN DOOR bedient - drei Jahre nach FALLEN - natürlich die ganze Palette des Genres: Düstere Romantik, großes Streichorchester, dramatische Chöre, harte Gitarren und dazwischen immer Lees sehnsüchtige Sirenenstimme. Es geht um die großen Themen - Dunkelheit, Verlust, Tod, Schmerz - und so wird in jedem der perfekt produzierten Songs alles auf das Bombastischste hocharrangiert. Keiner der Songs ist schlecht, aber nur wenige sind wirklich bemerkenswert: "Cloud Nine" mit seinen Geisterstimmen und atmosphärischen Klängen, "Lose Control" mit seiner Soft-Hard-Dynamik. "Lacrymosa" ist mit seinem Chor beinahe lachhaft pompös, aber Lees Ernsthaftigkeit und ihr unbedingter Wille, sich zu beweisen, halten den Song zusammen.

Das Album ist wesentlich homogener als der Vorgänger - kein Gastrapper heischt um Aufmerksamkeit, die Brüche zwischen den Tori-ismen am Klavier und dem großen Pathos sind verschwunden. Das Problem mit dem Album liegt in der Natur der Sache - der theatralisch aufgeladene Bombast der Musik erlaubt wenig Raum für Subtilität oder gar ein Vergessen der permanenten, unbedingten Ernsthaftigkeit, die die Musik untermauert. Auf Dauer erschlägt einen der Pomp, und nicht erst nach 13 Songs ist das Thema Trennungsschmerz hinreichend ausgelotet.

Das ändert nichts daran, daß sich Evanescence mit THE OPEN DOOR behaupten können: Die immer problematische Geburt des Nachfolgealbums ist überstanden, der Kurs ist klar. Und mit Singles wie dem über-lebensgroßen Break-up-Song "Call Me When You're Sober" - Gift in Richtung des Zweit-Liga-Rockstars Shaun Morgan, Frontmann von Seether und Jetzt-nicht-mehr-Lebensgefährte von Lee - werden Evanescence noch eine ganze Zeitlang bei uns bleiben. Die Entscheidungen übernimmt ab sofort ohnehin Amy Lee: "I've made up your mind."





Dieser Text erschien zuerst am 14.10.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Jeder Mensch hat mindestens ein Talent. Manche haben ganz viele. Gestern wurde mir von Schwarz eines bescheinigt, das mir auch schon meine liebe Frau Mama attestiert hat, und auf das ich total gut verzichten könnte. Ohne näher auf den ganzen Kladderadatsch eingehen zu wollen, kann ich nur sagen, daß es mich gerade sehr beschäftigt und reichlich nach unten zieht, was mir öfter passiert, weil ich eben so veranlagt bin -- aber: im gleichen Zuge habe ich gestern wieder an meinem Drehbuch geschrieben. Nicht viel, nur eine Seite, aber ich habe eine Idee für die zweite Episode und kann weiter voranschreiten. Vielleicht haben diese Gefühlslagen tatsächlich etwas mit der Kreativität zu tun. Aber ... can't we just be happy for a while? It happens all the time.

Wenn alles glatt geht, dann ist morgen der letzte Studiobesuch im Rocket angesagt, und Herr Schreier und ich machen den SCHLAFLOS-Sound fix und fertig. Weil aber der Schreier mindestens ebenso ein Perfektionist ist wie ich, wird er am Dienstag im ARRI-Studio mit irgendeiner sauteuren und hyperexklusiven Software ("Das Nonplusultra in 'Mach-mich-rein-vom-Tondreck'-Software") über die Auto- und Zugszenen noch einmal drübergehen, damit der Ton noch ein bißchen besser wird. Dann müssen Haslecker und ich flugs ins Studio West, um den Film dann endgültig zu finalisieren (Ton und Bild wieder zusammenkleben, Vor- und Abspann, Untertitel für die englischen Dialoge), und dann steht der Premiere am 10.11. nichts mehr im Wege.

Schwarz darf indes stolz auf mich sein: Ich habe gestern zwischen Altenmarkt und Obing eine Anhalterin namens Johanna mitgenommen und ihr die Betty's-Apartment-CD vorgespielt. Sehr richtig: Sogar unterwegs ins wohlverdiente Wochenende macht Genzel noch Werbung für die gute Sache. Ob ein neuer Fan geboren wurde, kann ich schwer beurteilen, aber zumindest hat sie das Vorhaben geäußert, sich auf den Newsletter setzen zu lassen.

Ich muß dringend Ordnung in meine To-Do-Liste bringen. Was die Premiere angeht, was die CD-Produktion angeht, was meine Schreibereien angeht, was mein Leben angeht. Wenigstens hole ich mir für die Premiere Unterstützung an Bord, und Schwarz denkt bei den CDs mit, also werden die dringendsten Anliegen schon gut über die Bühne gehen.

Ebenso muß jetzt Schluß sein mit der langsamen Leserei! Ich bin ja eigentlich ein sehr schneller Leser und lese auch sehr viel (nicht so viel wie meine Mom, natürlich, aber die hat ja ungefähr so viele Bücher wie ich Musik und Filme), aber seit dem Sommer habe ich nicht mehr die Muße gefunden, tagsüber zu lesen, und abends im Bett klappen mir immer nach 5 Seiten die Augen zu. Dabei ist das Buch, das ich gerade lese, sehr interessant: Reinhold Messners ALLEINGANG NANGA PARBAT. Nicht, daß ich unbedingt jemand bin, der Bergsteigen ganz unendlich faszinierend findet, aber das freiwillige Suchen der Extreme und Messners beständige Versuche, sich und seine Handlungen zu erklären, sind psychologisch schon sehr spannend.

Ab sofort auf der Leseliste: Serienkiller. Ich werde mir mal den vielbejubelten Bericht zum Zodiac-Killer in San Francisco genehmigen. Das hat hoffentlich den Effekt, daß nicht immer alle meiner Figuren in all meinen Drehbüchern im Grunde genommen total nette Burschen sind (für die Geschichten, die sich in meinem Kopf manifestieren, müssen ein paar wirklich üble Irre her), und sorgt nebenher dafür, daß ich mich für den nächsten David-Fincher-Film optimal vorbereitet fühle.

So, jetzt gehen wir frühstücken.

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Aus heutiger Sicht mag man staunen über die Popularität von Hallervordens grenzwertigem Klamauk NONSTOP NONSENS, und so neigt man auch dazu, den Stellenwert dieses Publikumsrenners zu unterschätzen. Zumal der Titel so sehr Programm ist, daß das Zusehen teils weh tut, und die einzelnen Sketche obendrein bei nochmaligem Ansehen nicht einmal so gut sind wie in der Erinnerung. Aber in den Siebzigern war Hallervorden einer der beliebtesten Komiker überhaupt - und vielleicht allein deswegen, weil die Konkurrenz dünn gesät war. Otto Waalkes zelebrierte Sprachnonsens und hauptsächlich sich selbst, Loriot bediente die Intellektuellen. Ansonsten gab es niemanden, und schon gar nicht einen Komiker, der so publikumsnah die Unterschicht in halsbrecherich verzerrte Szene setzte.

Zu den Zeiten seiner NONSENS-Höhenflüge, noch vor seinem Start als Kinostar und in einer langen Strecke zwischen seinen frühen und späten Tagen als bissiger politischer Beobachter entstand der etwa 40-minütige Fernsehfilm HERR S. KOMMT NICHT ZUM ZUGE (zu finden als Bonus in der zweiten DVD-Box von NONSTOP NONSENS). Während die Aneinanderreihung von Sketchen hier eine gewisse Handlung vorgaukeln mag - Didi verpaßt seinen Zug und stolpert unfallgefährdet durch den Münchner Hauptbahnhof, während er auf den nächsten wartet - handelt es sich doch um eine Reihe mehr oder weniger willkürlicher Szenen, die wie auf einer Perlenschnur aneinandergereiht sind.

Beim NONSENS wie auch hier ist der Humor streckenweise sehr bemüht, und jeder Sketch hangelt sich von Satz zu Satz. Aber wo die TV-Serie immer wieder in ihrem Wahnwitz alles probierte, um in einem Slapstick-Schlenker Lacher herauszukitzeln, bleibt HERR S. merkwürdig zahm. Es bieten sich Ansätze - eine Szene im Postamt beispielsweise, in der Didi einen Beamten in den Wahnsinn treibt ("Wieviel kostet die 50-Pfennig-Marke?") - aber das von immerhin fünf Autoren zusammengestückelte Drehbuch kneift immer da, wo eine Pointe sitzen müßte, und lotet die Möglichkeiten der einzelnen Situationen überhaupt nicht aus.

Es bleiben ein paar witzige Momente - Roberto Blanco im Bahnhofsschließfach, Gerhard Wollner als fanatischer Reiseplaner - aber nichts davon ergibt ein schlüssiges Ganzes. Man verzeihe uns den müden Wortwitz - passend zum Film - aber der Humor kommt hier einfach nicht zum Zuge. Schade.





Herr S. kommt nicht zum Zuge (Deutschland 1976)
Regie: Klaus Überall
Drehbuch: Dieter Hallervorden, Klaus-Dieter Lang-Hübner, Wolfgang Penk, Manfred Stahnke, Klaus Überall
Produktion: Südwestfunk (SWR)
Darsteller: Dieter Hallervorden, Gerhard Wollner, Rotraud Schindler
Länge: 40 Minuten


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Fuß auf dem Gaspedal

Papa Roach zelebrieren den Rock'n'Roll auf ihrem neuen Album THE PARAMOUR SESSIONS

Der Fuß immer auf dem Gaspedal, die Lautstärke brav auf 11 gedreht und die Haltung zur quintessentiellen Rock'n'Roll-Attitüde destilliert: Das sind Papa Roach heute. Schon während des Niederbruchs des übersättigten NuMetal-Markts, zu deren prominentesten Vertretern sie einst gehörten, hat die Gruppe Kurskorrektur weg vom Rap, hin zum straighten Rock'n'Roll-Punk eingeschlagen, aber ihr dazugehöriges Album LOVEHATETRAGEDY ging unter. Aber wenig später waren sie wieder da, mit GETTING AWAY WITH MURDER und ganz zeitloser Rebellion, und zementieren denselben Gestus jetzt mit ihrem neuen Album THE PARAMOUR SESSIONS zur Selbstverständlichkeit.

Daß der jetzige Weg weiter verfolgt werden würde, ließ sich schon daran erkennen, daß erneut Einmal-drüber-und-dann-klingt's-nach-Hit-Produzent Howard Benson verpflichtet wurde. Benson arbeitet auch auf THE PARAMOUR SESSIONS - das Album wurde benannt nach der zum Studio umfunktionierten Villa, in der die Aufnahmen entstanden - mit schwerem Gerät: Es geht jede Gitarrenwand noch wuchtiger, jeder Refrain noch fetter, bis auch die kleinen Nummern nach dem größten Stadion klingen. Das ProTools glüht, der Kompressor ist mit der Nadel am Anschlag, und der einzige Grund, warum dieses aus den Lautsprechern blutende Monster seine Individualität bewahrt, sind die Songs selbst.

Gleich die erste Nummer - nicht zufällig auch die erste Single - ist eine Frechheit. Im positiven Sinne. "You better be ready / Put your pedal to the metal," croont Sänger Jacoby und führt uns in einen Refrain, der die Konzerthallen zum Kochen bringen wird. "It works, right?" grinste Jacoby trocken im Interview. Natürlich tut es das, ebenso wie jeder folgende Song: Papa Roach schaffen es, immer noch ein Stückchen mehr Energie zu geben, und sie lassen nie locker. Jeder Song ist die perfekte, weil völlig kontextentleerte, Rock'n'Roll-Auflehnung: "It is time for annihilation / It's time to be a criminal / No time for hesitation / Time to be an animal," fegt "Crash" jegliche Reflektion weg.

"The Paramour Session" ist Jerry Lee Lewis, der sein Piano anzündet. Es ist James Dean, der seinen Wagen über die Klippe fährt. Das Album ist die Zelebrierung eben jenes Versprechens, das die Rockmusik immer gibt und doch nur höchstens für die Länge eines Albums einhalten kann: Das der ungezügelten Freiheit. Es suggeriert uns die wilde Romantik der Anarchie ("Days come and go / But my feelings for you are forever"), den befreienden Ausbruch aus dem Alltäglichen. Natürlich bleibt nach einer Stunde alles gleich: Papa Roach stürzen nichts um. Zu vertraut ist die Haltung, zu sicher die Produktion, zu gelöst der Kontext.

Was bleibt? Eine Stunde grandioser Rock'n'Roll. Eine Stunde Aufbegehren und Katharsis. Die Schaben haben ihren Weg gefunden und rasen ihn mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und mehr Selbstbewußtsein denn je entlang. Wir lassen uns gerne mitnehmen.





Dieser Text erschien zuerst am 4.10.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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"A comedy beyond belief," versprechen uns Plakat und Trailer. Was uns heute klar ist, haben wir doch die eigensinnigen Welten der Gebrüder Coen mittlerweile in unser filmisches Vokabular aufgenommen und ihre andersartigen Antihelden ins Herz geschlossen. Aber 1987, als ARIZONA JUNIOR die ahnungslose Öffentlichkeit erreichte, dürfte der Coen-Humor - bis dahin nur in ihrem Erstling BLOOD SIMPLE hervorgedrungen - die meisten Zuseher ratlos hinterlassen haben.

Der Film feiert eine der grelleren Coen-Paraden: Weil der erfolglose Kleingauner H.I. (Nicholas Cage) und seine Frau, die Polizistin Ed (Holly Hunter) - beide haben sich übrigens bei seinen stetigen Verhaftungen kennengelernt - keine Kinder bekommen können, beschließen sie, einem reichen Millionär einen seiner Fünflinge zu klauen: Er habe ja ohnehin mehr, als er verkraften könne. Mit zwei ausgebrochenen Knastfreunden im Haus und einem Kopfgeldjäger, der direkt aus der Hölle zu kommen scheint (und unterwegs auf dem Highway spaßeshalber unschuldige Karnickel mit Handgranaten in die Luft sprengt), auf den Fersen, zeichnet die Geschichte eine hysterisch verzerrte Sehnsucht Amerikas nach Familie.


Die richtige Balance zwischen dem Absurden und der realen Welt hatten die Coens 1987 noch nicht ganz gefunden: Zu unsicher pendelt der Film zwischen seinen beinahe surrealen Slapstick-Momenten, seiner völlig artifiziellen Welt und den komplett fremd agierenden Figuren. Die Dialoge und Monologe bleiben durch die Bank in ironisch künstlicher Sprache, obwohl die Charaktere für diese Art des Ausdrucks eigentlich viel zu beschränkt sind. Für eine völlig absurde Farce wird den Problemen des Pärchens H.I. und Ed aber zu viel Raum und Gewicht beigemessen, während für eine augenzwinkernd merkwürdige Geschichte die abstrusen Momente uns immer wieder zu sehr erinnern, daß wir uns in einer künstlichen Welt befinden.

Aber auch Genies lernen: Nur wenige Filme später wußten die Coens genau, wie sie die einzelnen Elemente zu einem perfekten Ganzen gießen. Die Anlagen sind auch in ARIZONA JUNIOR alle vorhanden, und die Inszenierung sowie das bestens aufgelegte Ensemble reichern den Film mit einer Vielzahl an bemerkenswerten Momenten an. Nur ergeben hier noch die einzelnen Teile nicht mehr als die Summe des Ganzen.





Arizona Junior (USA 1987)
Originaltitel: Raising Arizona
Regie: Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
Produktion: Circle Films / 20th Century Fox
Darsteller: Nicolas Cage, Holly Hunter, John Goodman
Länge: 90 Minuten
FSK: 12


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Ganz unschuldig arbeite ich an der Pressemitteilung zur SCHLAFLOS-Premiere - darüber bloggen wir separat mal ausführlich - da erreicht mich, sozusagen zack!, der Hoff Alert in meiner Mailbox. Wer sich die Website www.gethasselhofftonumber1.com (einige Einträge zuvor schon völlig ironiefrei, of course, beworben) angesehen hat und sich eventuell auch registriert hat, weiß, daß die Hoff-Community versucht, den Mann zurück in die Charts zu bugsieren. Und zwar, indem das Kaufverhalten der Fans gesteuert wird: Alle müssen beim Eintreffen des Hoff Alerts die neue Single "Jump in My Car" kaufen, um den Song auf einen natürlich völlig gerechtfertigten ersten Platz zu pushen.

Interessanterweise wird der Hoff Alert jetzt schon gegeben, obwohl erst circa 42.000 von den angestrebten 75.000 Usern registriert haben. Eventuell haben Umfragen eine höhere Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen Erwerbs durch die einzelnen User ergeben. Traurig stimmt dabei natürlich, daß die Single digital gekauft werden soll, was einem CD-Regal-Fetischisten wie mir völlig widerstrebt. Ich werde in mich gehen und das für und wieder abwägen, aber gegebenenfalls muß The Hoff ohne meinen Support die Welt erobern. Das soll euch, liebe Leser, aber nicht davon abhalten, mit David zusammen Geschichte zu schreiben! Denkt daran, daß wir hier von dem Mann reden, der die Berliner Mauer zu Trümmern gespielt hat.

Ein England-Import der Single erntet übrigens durchweg 5-Sterne-Userkritiken bei Amazon. Ein großer Wurf vom Hoffmansthaler.

Beim Stöbern gefunden: Die neue Autobiographie von David, genannt MAKING WAVES. Erschütternde Einblicke in das Leben eines Bademeisters, heitere Geschichten vom Set von REVENGE OF THE CHEERLEADERS (in diesem Film spielte David eine Figur namens "Boner") und tränenreiche Reminiszenzen an die Zeit, in der David den Schmachtfetzen "Du" einer hilflosen deutschen Zuschauerschaft in der hiesigen Landessprache darbot.



Können sich bitte jetzt alle, die Davids Weihnachtsalbum gekauft haben, im Kreis aufstellen und singen?

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Das erste Soloalbum der Black-Eyed-Peas-Sängerin Fergie ist - abgesehen von ein paar Hits - eine eher durchwachsene Angelegenheit. Review hier.

Das neue Album von Teen-Punk-Pop-Gruppe New Found Glory ist willkommener Anlaß, über Punk zu reflektieren. Nachzulesen hier.

Gerade im Fernsehen gesehen: Oliver Kalkofe in DER WIXXER. Eine leidlich komische Angelegenheit. Review auf mannbeisstfilm findet sich hier.

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Heute nacht geträumt: Weil der geschäftstüchtige Ef mir letztens von seinen eBay-Verkäufen erzählt hat, habe ich flugs die von ihm angebotenen Artikel unter seinem Nick "psyco-f" angesehen. Dort hatte er eine CD, die er mit "Cold" angeboten hat, aber es war in der Tat ein Album von Children Of Bodom, dessen Name mir nicht wieder einfällt. Eventuell "Cold"? Jedenfalls schrieb Ef in dem dazugehörigen Infotext: "Nur mit der kompletten Cast von Meister Pumuckl, 8 guten Nummern und 3 Euro Porto wird dieses Album zu einem Klassiker". Im Foyer der NaWi hat er mir das legendäre Album dann auch gleich vorgespielt, und in der Tat: Die ganze Mannschaft vom kleinen Kobold hat auf der CD ein Hörspiel voller Klang und doom inszeniert. "Es ist unerzählbar!", wetterte Gustl Bayrhammer gleich zu Beginn, während Hans Clarin ganz tief geröhrt hat. "Die bringt locker 50 Euro in gutem Zustand," freute sich Ef und wollte mir dann das Vorgängeralbum ans Herz legen: "Das will eh immer niemand".

Efs tatsächliche eBay-Angebote sind übrigens nicht ganz so aufregend. Ich hab's eben gecheckt.

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