September 2006

Der Ruhm kommt heim

Die Punk-Pop-Truppe New Found Glory und ihr fünftes Album: Wird es Überraschungen geben?

Sieht man mal von der Musik ab, ist der Teen-Pop-Punk, der sich seit den späten Neunzigern in Plattenläden und Highschool-Filmen breitgemacht hat, ein sehr spannendes Phänomen. Die einschlägigen Bands - nur der fanatische Hörer im Durchschnittsalter von ungefähr 15 Jahren vermag sie auch nur annähernd auseinanderzuhalten - bedienen sich prinzipiell desselben musikalischen Duktus wie die britischen Ur-Punks, aber keiner seiner Inhalte, und haben der Musik das Sperrige, das Dagegensein an und für sich genommen und sie so in einen neuen, gesellschaftlich akzeptablen Kontext transferiert. Es geht nicht mehr darum, den bestehenden Verhältnissen möglichst asozial den Mittelfinger ins Gesicht zu halten - vielmehr sind die Dramen des Heranwachsens in einen vermeintlich rebellischen, aber inhärent zahn- und harmlosen Träger gebettet. Punk - früher ein Schimpfwort - ist heute gut, und auch die Maxime der Individualität ist gewichen: Die Teen-Punks klingen alle gleich.

Eine dieser Gruppen - gefühlsmäßig eine der qualitativ besseren, weil beständigen - ist New Found Glory, die mit COMING HOME immerhin schon ihr fünftes Album vorlegt. Auch Berufsteenager werden älter, heiraten, kriegen Kinder, aber diese Lebenserfahrungen müssen sich ja rein inhaltlich nicht zwangsläufig in der Musik niederschlagen. Und so erzählen New Found Glory auch diesmal wieder von den großen und kleinen Dramen des Alltags. Geschichten, in denen sich jeder wiederfinden kann. Das tun sie überraschend unplakativ - hier wird nicht auf Lebenszeit gehaßt, sondern nur eine Trennungszeit ausprobiert. Selbst wenn der Tod Einzug in das Banduniversum hält - "When I Die" handelt von Gitarrist Chad Gilberts kürzlich verstorbenem Vater - bleibt der Grundtenor versöhnlich: "Now I have finally accepted / We will never stand in the same room".

Überhaupt nimmt - rein textlich gesehen - das Nachdenkliche dem Stürmischen gegenüber immer öfter Vorrang: "It's hard to get rejected / By the one you most expected to be by your side", heißt es schön beobachtet im ersten Song "Oxygen". "I'm coming home to you again / I hope things haven't changed", wird später über eine Beziehung gesungen, die eine Zeitlang auf lange Distanz geführt wurde. New Found Glory sind keine großen Poeten, aber sie schaffen es immer wieder, Stimmungen einzufangen: "I know everything reminds you of me / Even the songs you thought I'd never sing", versucht Sänger Jordan Pundik eine Freundin in "Make Your Move" zurückzugewinnen.

Aber lassen wir uns nicht dazu verleiten, großartige Änderungen im musikalischen Kosmos der Band zu verorten: Musikalisch bleibt der altbekannte formattaugliche Power-Pop, viel Gitarren, ein bißchen Punk, aber nie aus dem Rahmen fallend. Jeder Song hat Energie und Melodie, aber natürlich klingen sie alle irgendwo gleich, was einerseits an Pundiks Stimme liegt, die wenig Differenzierung ermöglicht, und andererseits an der Produktion, die über sämtliche Spuren so viel auto-tuning, processing, ProTools-Quantisierungen und weitere Glattbügeleien legt, daß das Resultat immer super druckvoll und völlig identitätslos klingt. Eigentlich könnte jeder Song eine Single sein, und somit dann wieder gar keiner, und nach der Hälfte des Albums ist es eigentlich schon genug. Das liegt nicht an der mangelnden Qualität der späteren Lieder, sondern einfach am Überschuß an Gleichem. Nur der akustische Singalong "Too Good To Be" weicht von der Formel ab - und das auch nur durch Verzicht auf Verzerrer.

Die Einschränkungen, mit denen dieses Album leben muß, liegen in der Natur der Sache. Im Rahmen ihres Genres liegen New Found Glory sicherlich weit vorne - sie schütteln Melodien aus dem Ärmel und fangen Alltagsgeschichten gekonnt ein. Daß klanglich und musikalisch keine Überraschungen zu erwarten sind, kündigen sie uns ja auch schon durch den Albumtitel an: New Found Glory sind hier zu Hause.





Dieser Text erschien zuerst am 28.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Die Herzogin auf der Erbse

Das erste Soloalbum der Black-Eyed-Peas-Frontfrau Fergie: Eine durchwachsene Angelegenheit.

Wahrscheinlich liegt es nur an mir. Bestimmt bin wirklich nur ich selbst schuld. Es achtet doch sonst wirklich kein Mensch auf die Texte. Nur ich muß mal wieder zuhören, mitlesen, mitdenken. Anstatt Fergies erstes Soloalbum THE DUTCHESS also als Nebenher-Klang zum Morgenkaffee in all seinen Höhen und Tiefen zu genießen, sitze ich kopfschüttelnd da und weiß bei jedem Song, worum es geht: Um gar nichts.

Fergie - richtig, die von den Black Eyed Peas - hat das Album übrigens gar nicht THE DUTCHESS getauft, sondern viel präziser FERGIE AS THE DUTCHESS. Vielleicht sollen wir dem Wörtchen "as" entnehmen, daß die liebe Frau hier eine Rolle spielt, auf der Bühne steht, sich selbst inszeniert. Fürwahr, das tut sie. Und sie sitzt dabei dem üblichen Superstar-Irrglauben auf, daß, wenn man nur immer von sich selbst erzählt, die Inhalte automatisch persönlich werden.

So steigen wir ein: "Fergalicious". Und schon stehen die Jungs bei ihr Schlange. Immerhin 48 Mal tauchen hier die Wörter "I", "me", "my" auf. Ich, ich, immer ich. Sie mag uns versichern, es sei alles nur ausgedacht ("All that shit is fictitious"), aber die Eitelkeit, die ist ganz echt. Ersparen wir es uns, die restlichen Lieder nach Personalpronomen zu durchforsten und picken uns lieber die Highlights heraus: "A girl like me don't stay single for long", heißt es in Nummero Zwei, und in der dritten Nummer fragt sie ganz hundeäugig, ob wir sie immer noch lieben würden, wenn sie nicht mehr ins Fitneßstudio ginge. In "London Bridge" hat der ganze Club nur auf sie gewartet, "Pedestal" dagegen stellt eine einfache Frage an all jene Menschen, die im Internet Geschichten über sie erzählen: "Have you walked in my shoes?" Der Banalität sind auch weiter hinten auf der CD keine Grenzen gesetzt - in "Glamorous" läßt sie uns wissen, daß sie trotz Erster Klasse, Champagner, Grammies und teurem Schmuck immer noch gerne bei Taco Bell essen geht. Im richtigen Leben würde man solche Aufschneider links liegen lassen.

Wenn man sich der textlichen Eigengratulation einmal ausgesetzt hat, hilft es nur noch, das Booklet wegzuwerfen und die Sprachkenntnisse abzuschalten. Wer es schafft, sich nur auf die Musik zu konzentrieren, kann das Album nämlich ganz anders erleben und - bitte jetzt staunen - auch genießen. Nicht jeder Song, der hier zu finden ist, ist wirklich gut - aber die, die es sind, sind dafür richtig gut. "London Bridge" ist ein ganz fieser Ohrwurm, mit verquerem und absolut unwiderstehlichem Rhythmus. "Pedestal" hat einen wunderbar schleppenden Beat und kriecht mit Melodie und schrägem Keyboard-Gestotter aus den Boxen. Auch "Clumsy" setzt sich fest: Computerklicken trifft fünfziger Jahre Little-Richard-Samples.

Musikalisch wird viel Terrain abgedeckt - als hätte Fergie sich im Plattenladen umgesehen, was es denn überhaupt alles gibt. Es gibt Retrosoul ("Here I Come", mit Temptations-Sample), unterkühlten Hiphop ("Fergalicious"), geschmeidigen Mainstream-Pop ("Velvet"), und eine Nummer mit Rita Marley und den I-Three's, die Reggae, Ska-Punk und Scatgesang vereint (die Kifferode "Mary Jane Shoes"). Als Faustregal darf hierbei gelten, daß die Platte bei "Here I Come" gerne hätte enden dürfen, weil sie sich danach in wenig erbaulichen Belanglosigkeiten verliert und immer erratischer - und vor allem: immer länger! - wird. Es gibt einen Bonustrack (mit den Black Eyed Peas), und danach dann noch einen Hidden Track, aber nichts davon hätte die Welt wirklich gebraucht.

Was machen wir also mit Fergie? Empfehlen wir eine CD, auf der 3 grandiose Songs sind, 4 gute und 7 absolut belanglose? Empfehlen wir eine CD, deren Texte eitler und banaler nicht sein könnten? Ja, tun wir, mit zugekniffenem Auge und dem Wissen, daß man die Texte ignorieren kann. Es muß ja nicht immer alles der große Wurf sein.

Übrigens: In der Piano-und-Streicher-Ballade "Finally" verrät uns Fergie ganz hinten auf der CD, daß sie schon als kleines Kind immer einen Traum hatte - sie wollte Aschenputtel sein. Ehrlich, Fergie, alles andere hätte uns überrascht.





Dieser Text erschien zuerst am 27.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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William Shatner hatte letztens die "Ehre", einem Roast beiwohnen zu dürfen. Genzels Story dazu hier.

Paris Hilton darf man ja gar nicht gut finden, ich tu's aber trotzdem. Genzels Review zur neuen CD von Paris ist hier.

Ab sofort schreibe ich auch Filmkritiken für eine neue Seite namens mannbeisstfilm. Die meisten Kritiken kennen meine treuen Leser schon von diesem Blog, aber es kommen natürlich neue hinzu - wie zum Beispiel ein paar Gedanken zum gestern gesehenen THEY (Review hier). Ich bitte im Übrigen um Schützenhilfe, was die Kommentatoren meiner HARLEM-NIGHTS-Kritik angeht. Go!

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Oh Captain, mein Captain!

Captain Kirk im Kreuzfeuer: William Shatner als Ehrengast bei einem sogenannten Roast.

Von Traditionen behauptet man gerne, daß sie "schön" seien: Was viele Menschen in regelmäßigen Abständen mehr oder minder ritualistisch pflegen, erweckt oft eine heimelige, leicht nostalgische Stimmung. Nun gibt es aber auch Traditionen, die - insbesondere Menschen, die einem anderen Kulturkreis angehören - weder schön noch pflegenswert erscheinen, sondern einfach nur befremdlich wirken. Während diese einleitende Worte uns direkt zu einer Beobachtung der TV-Debatten anläßlich der bevorstehenden Nationalratswahlen hinleiten könnten, wollen wir vielmehr den Blick in die Ferne lenken - genaugenommen nach Amerika, wo es eine etwas merkwürdige Tradition gibt, die sich "Roast" nennt: Ein Ehrengast wird in eine Runde variabel komischer Personen gesetzt und darf sich über die Länge des Roasts hinweg von den Rednern beschimpfen lassen. Eigentlich unseren TV-Debatten gar nicht unähnlich.

Bei einem solchen Roast machen sich die geladenen Redner nicht nur über den Ehrengast, sondern auch über die anderen Gäste - inklusive der Zuhörer - lustig. Ein sogenannter Roastmaster moderiert das Geschehen, in dem nichts heilig ist und keine Grenze zu tief unterhalb der Gürtellinie sitzt. Erwähnt werden sollte vielleicht noch, daß es als große Ehre gilt, Subjekt eines Roasts zu sein. Die Tradition, die als Umkehrung des Toasts verstanden werden kann, existiert seit den zwanziger Jahren.

Der amerikanische TV-Sender Comedy Central feiert nun in regelmäßigen Abständen Roasts. Nicht immer erfolgreich: Der Chevy-Chase-Roast von 2002 fiel nicht nur unangenehm auf, weil kaum einer der geladenen Gäste etwas mit dem Komiker zu tun hatte, sondern auch, weil Chase selbst die Witze über ihn gar nicht komisch fand. Nach dem wilden Pamela-Anderson-Roast 2005 durfte vor einigen Wochen ein Mann Platz im Kreuzfeuer nehmen, der weithin dafür bekannt ist, den Weltraum in lässiger Sitzpose zu durchqueren: William Shatner, unser aller Captain Kirk.

Nun ist Shatner ja zweifellos der selbstironischste Star, der sich durch die Medien bewegt. Ob er sich nun in Filmauftritten über seine Vergangenheit lustig macht (siehe DIE UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCKTEN RAUMSCHIFF oder SHOWTIME), in Werbespots den Dauerverlierer gegen seinen vulkanischen Freund Leonard Nimoy spielt, auf einer augenzwinkernden CD mit dem Titel HAS BEEN (in etwa: "Weg vom Fenster") gesteht: "Sorry, but I'm real" - Shatner nimmt sich keinen Meter zu weit ernst. Im US-Fernsehen kann er nicht nur Erfolge mit seiner neuen Serie BOSTON LEGAL feiern (die ihm bereits einen Emmy bescherte), sondern zieht sich und sein Image als leicht abgehalfterter Altstar mit Vorliebe selbst durch den Kakao - ob nun in einer Pseudo-Doku HOW WILLIAM SHATNER CHANGED THE WORLD ("Hey, ihr Jungs seid gar nicht von der BBC!") oder in dem TV-Special WILLIAM SHATNER IN CONCERT, wo er verschmitzt erzählt, er könne genauso gut reiten wie tanzen.

Ein Mensch, der sich und seine Arbeit mit einer derart gesunden Portion Humor betrachtet, ist für einen Roast natürlich bestens gewappnet. Zu den Gästen gehörten seine Enterprise-Gefährten George Takei (Sulu) und Nichelle Nichols (Uhura), weiters Betty White aus den GOLDEN GIRLS (die jetzt mit ihm in BOSTON LEGAL spielt), sowie einige Menschen, die mit ihm nur tangentiell etwas zu tun haben: Farrah Fawcett (3 ENGEL FÜR CHARLIE), Kevin Pollak, Fred Willard, und einige Komiker, die hierzulange weitestgehend unbekannt sind - "Insult comic" Lisa Lampanelli, Artie Lange, und der völlig unzurechnungsfähige Andy Dick. Als Roastmaster fungierte Jason Alexander (aus SEINFELD) - der Shatner neben den Witzeleien immer noch am meisten Respekt entgegenbrachte.

Wie einleitend schon angedroht, bewegten sich die Späße der Redner gerne unterhalb der Gürtellinie - mit viel Raum nach unten. Dabei wurden die üblichen leichten Ziele gewählt: Shatners Toupée, seine eingeschränkten schauspielerischen Fähigkeiten. George Takei, der sich erst kürzlich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, wurde mit einigen Dutzend Schwulenwitzen bedacht, die er alle augenscheinlich zum Brüllen komisch fand. Betty White, mittlerweile jenseits der 80, schaffte es, einen rassistischen Witz auf Kosten von Nichelle Nichols zu reißen und Farrah Fawcett entgegenzulächeln: "Ich bin jetzt in meinen 80ern, und das war ja die letzte Dekade, in der du noch wichtig warst." Eingespielte Videosequenzen rangierten vom beklemmend unlustigen Ben Stiller bis zur niedlich witzelnden Sandra Bullock. Für jeden Witz, der wirklich funktionierte, kamen zehn Derbheiten hinterher, die die Schmerzgrenze weit überschritten.

Auch das Sammelsurium an Gestalten, das sich da auf der Bühne bewegte, war erstaunlich. Farrah Fawcett war offenkundig völlig angetrunken und mußte bei ihrer Rede über ihre eigenen Witze lachen, bevor sie sie überhaupt ausgesprochen hatte. Nicht minder zum Affen machte sich Andy Dick, schwer zugekokst und sichtlich über die in seine Richtung abgefeuerten Späße beleidigt. Ab der Hälfte der Sendung war Dick dann hauptsächlich damit beschäftigt, diversen Gästen über das Gesicht zu lecken. Zeitungsmeldungen zufolge hat er dann nach der Show noch vor einer Rolling-Stone-Reporterin auf den Boden gepinkelt. Immerhin gilt hierzulande Ernst August nicht als Komiker.

Und Shatner? Der nahm alles gelassen. Er hat gelacht, die ganze Zeit hindurch, teilweise etwas verwundert geschaut, aber den ganzen Zirkus mit viel Humor genommen. Daß er zum Schluß in einer eigenen Rede nach einigen Retourkutschen hauptsächlich sich selber vom Podest stieß, macht ihn zum Gewinner der eigentümlichen Runde. Und auch in der häßlichen Form des derben Schlagabtauschs bleibt das Event ein Tribut an Shatners Popularität.

Wenn wir Glück haben, sitzt nächstes Jahr David Hasselhoff in trauter Runde. Bis dahin haben wir vielleicht auch den zu Grunde liegenden Humor verstanden.







Dieser Text erschien zuerst am 24.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Allein der Titel: THEY. In dem Wort steckt der Konflikt drin, das Antagonistische, das Unbekannte. Wie das beliebte "du" in jedem Song besungen wird, so sind "sie" immer gut für eine unbekannte Bedrohung: "sie" sind alle gegen mich, "sie" kommen, um dich zu holen, und "sie" stecken hinter der Bielefeld-Verschwörung. It's us vs. them, baby.

Auch in Robert Harmons THEY ist es nicht ganz klar, wer "sie" überhaupt sind, aber sie lauern im Dunkeln und jagen Kindern eine Heidenangst ein. Und aus einem kleinen Kind, das sich fürchtet, wird bald mal ein Erwachsener, der völlig irre seiner guten Freundin Julia von der Bedrohung aus dem Finstern erzählt und sich dann die Pistole an die Schläfe setzt.

Julia, Psychologiestudentin im allerletzten Semester (das sind die immer), läßt sich nach und nach von der Paranoia ihres Freundes anstecken. Zumal sie seine zwei Mitbewohner kennenlernt, die diese Furcht teilen. Nach und nach sind alle davon überzeugt, daß das, was in ihrer Kindheit immer in der Dunkelheit gelauert hat - "sie" - jetzt kommt, um sie zu holen.

Klingt bekannt? Ist es grundsätzlich auch, hält aber trotzdem einige Überraschungen parat. Robert Harmon (THE HITCHER) inszeniert schnurgerade und sehr effektiv, und er weiß genau, wie er seine Geschichte zu erzählen hat. Die Bilder haben mehr Stil als bei vergleichbaren Schockern, der Schnitt fördert ganz gezielt das Adrenalin, und - ganz wichtig - Harmon übt sich immer in Zurückhaltung. Hier mal eine Bewegung im Schatten, dort ein Schockeffekt. Später sieht man "sie", aber nie soweit, daß man wirklich weiß, wie sie wirklich aussehen, und so erhält der Film seine mysteriöse Grundstimmung. Und der altbekannte AKTE-X-Clou - übernatürliche Phänomene oder doch nur ein psychischer Knaks? - wird mit spielerischer Leichtigkeit eingewoben, und führt einen zum Schluß an der Nase herum.

THEY hatte an der Kinokasse wenig Erfolg und erntet auch bei uns Vidioten eher durchwachsene Kritiken - aber während hier kein Rad neu erfunden wird, bietet Harmon einen atmosphärischen kleinen Schocker, der bestens funktioniert und fies endet. Ergibt streng mathematisch errechnet 4 von 6 gruseligen Monstern.





They - Sie kommen (USA 2002)
Originaltitel: They
Regie: Robert Harmon
Darsteller: Laura Regan, Marc Blucas, Ethan Embry
Länge: 85 Minuten
FSK: 16

Dieser Text erschien zuerst am 24.09.2006 bei mannbeisstfilm.de. Die im Text erwähnte Wertung (4 von 6) bezieht sich auf das dortige 6-Sterne-Wertungssystem.


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Liebe Musikfreunde!

Geiz ist ja, wie uns ein großer Elektrokonzern immer wieder weismachen will, keinesfalls eine Charakterschwäche, sondern im Gegenteil eine erstrebenswerte Eigenschaft. Wer allerdings schon mal versucht hat, sich dort mit High-End-Anlagen an der Kasse vorbeizumogeln, um den Geldbeutel zu schonen, wird festgestellt haben, daß die oberen Tiere besagter Geschäfte keinesfalls so großzügig sind, wie sie sich gerne darstellen: Im Leben ist eben doch nichts umsonst.

Wirklich? In freudiger Aufregung darf ich euch wissen lassen, daß ab sofort eine neue EP von Betty's Apartment von uns kostenlos zum Download bereitgestellt wird. Die fünf neuen Songs bieten Schwarz pur, raw & acoustic. Beim Download sind nicht nur die fünf Songs, sondern auch Graphiken für das CD-Cover enthalten, die dann jeder ausdrucken und im CD-Regal irgendwo in der Nähe von Johnny Cash aufbewahren kann.

Entstanden sind die Aufnahmen heute nachmittag, und wo normalerweise bei uns immer alles sehr sehr lange dauert (Wann ist die SCHLAFLOS-Premiere? Wie lange hatte Schwarz die erste EP angekündigt?), ging heute alles sehr schnell. Erst gestern überfiel uns die Idee zu einer spontanen Aufnahmesession, und auch die Wahl einer essentiellen Coverversion wurde erst da getroffen. Heute hatten wir die üblichen Startschwierigkeiten, haben aber schnell unseren Groove gefunden und im Handumdrehen eine ganze EP mit Cover fertiggestellt. Jaja: Wir sind stolz drauf.

Zu finden ist die EP natürlich auf www.bettysapartment.at (unter Wohnzimmer/Medien -> CD-Regal/Musik), wo auch weitere mp3s der Gruppe zu hören sind und die Vorgänger-EP nach wie vor für geizige € 5,-- neue Besitzer findet. Oder per Direktklick hier: www.ghostlightproductions.de/bettysapartment_ep2.zip

Wir freuen uns auf Rückmeldungen!

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Paris brennt!

Die erste CD von Paris Hilton, Socialite-Girl Nummer Eins. Das kann ja nichts werden ... oder?

Man kann ja weiß Gott nicht behaupten, daß irgendjemand darauf gewartet hätte - es sei denn vielleicht in schadenfroher Erwartung, einer Katastrophe mittelgroßen Ausmaßes beizuwohnen, irgendwo zwischen WATERWORLD und GLITTER. Die Hilton ist gemeinhin die letzte Konsequenz unserer permanenten Superstar-Suche, das Destillat aus Omnipräsenz und Sinnlosigkeit - die Klatschspalten feiern sie, weil sie von den Klatschspalten gefeiert wird. Denkt man sich die mediale Aufmerksamkeit weg, mit denen ihre pure Existenz auf ein Podest gehoben wird, kennt jeder diesen Typ Mensch: Immer schön, immer auf jeder Party, und nie zu was zu gebrauchen.

Und jetzt kommt's: Das Album von Paris Hilton, schlicht und ergreifend PARIS getauft, ist gut. Ohne wenn und aber, ohne Zugeständnis und ohne Entschuldigung: Es ist wirklich gut. Stephen Thomas Erlewine, Chefkritiker beim All-Music Guide, stellte verblüfft fest, daß das Album "shockingly good" sei - und das nicht nur, weil von der charismafreien Hilton sowieso niemand etwas brauchbares erwartet hat. Denn nach mehrfachem Anhören hat sich das Gimmick - "ja, die macht jetzt Musik" - verabschiedet und das Album bleibt dennoch auf der Höhe.

Natürlich macht Paris Hilton Pop. Tanzbaren Pop, Hiphop, ein bißchen R&B. Was hätten die Skeptiker denn erwartet? Zwölftonmusik? Und ebenso natürlich, wie ein Pop-Phänomen (zur Erheiterung schreibe man das Wort kurz ohne Bindestrich) Pop macht, so natürlich funktioniert diese Musik auch in ebendiesem Kontext. Also da, wo Christina Aguilera mit aller Gewalt ihrer Stimme auszubrechen versucht, Britney vom Zeitgeist schon wieder überholt wurde, Ashlee sich pudelwohl fühlt und Lindsay Lohan mit gespielter Ernsthaftigkeit mitfeiern will.

In ebendiesem Kontext ist Paris eine Marke, eine Figur, mit der augenzwinkernd gespielt werden kann. Was das musikalische Team auf PARIS auch ausgiebig tut: Mit "that's hot" wird eingestiegen und die Party kann losgehen. So viele Kerle prügeln sich um Paris ("All the boys, they're all fighting over me"), und bei soviel Vergnügen dürfen wir auch nicht die Fehde mit der ehemalig besten Freundin Nicole Richie vergessen ("Jealousy"). Paris gräbt uns mit viel Innuendo an ("You'll learn I'm not too shy / You and I, we can do this thing tonight") und fragt uns ganz zum Schluß noch: "Do Ya Think I'm Sexy?"

Die Musik dazu ist leicht und unwiderstehlich. "Turn It Up" ist knackiger Tanzflächen-R&B, "Fightin' Over Me" straight groovender Hiphop mit einem gemeinen Pianohook. Den Faux-Reggae "Stars Are Blind" kennen wir ja schon aus dem Radio, und wenn wir einen richtigen Sommer gehabt hätten, hätt's ein Sommerhit werden können, obwohl es dank zugekleistertem Sound eigentlich der schwächste Track auf dem Album ist. Viel mitreißender das funkige "I Want You" (mit Grease-Samples!), oder die Powerpop-Stücke "Jealousy" und "Screwed", in denen sich auch Ashlee sehr wohlgefühlt hätte. Das oben bereits erwähnte Rod-Stewart-Cover wartet mit warmem 70's-Flair auf.

Wieviel hat nun Paris zur Musik beigesteuert? Schwer zu sagen. Hauptproduzent ist Scott Storch, der mit gutem Gespür für Luft arrangiert, aber auch die makellosen Pop-Songs von Greg Wells gehen ins Ohr. Kara DioGuardi, die auch schon für einige der bereits genannten Pop-Prinzessinnen Songs geschrieben hat, steuert ebensolche Ohrwürmer bei. Und Paris selbst? Die hat bei immerhin fünf Songs (von insgesamt elf) einen Songwriter-Credit bekommen, aber eigentlich ist das völlig egal, weil hier etwas über Paris, mit Paris entstanden ist, was ihren Status als popkulturelles Phänomen untermauern soll, mit all den Oberflächlichkeiten, die diese Schiene mit sich trägt.

Mit diesem Album - viel leichter genießbar als beispielsweise Lindsay Lohans freudloses Zweitwerk - hat Paris endlich etwas, worauf sie ihre Bekanntheit aufbauen kann: Sie ist nicht mehr grundlos präsent. PARIS ist ein gutes Popalbum, Skepsis hin oder her. Selbstverständlich verwandelt das Album Paris Hilton nicht in eine Shakespeare-lesende, erwachsene Frau. Oder gar in ein richtiges menschliches Wesen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir das überhaupt?





Dieser Text erschien zuerst am 21.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Die Firma Blogspot.com beschäftigt seit kurzem entweder Wahrsager oder hat ihr Vertrauen in ihre Wartungstechniker schon völlig über Bord geworfen: "Geplante Ausfallzeit um 4PM", verrät mir die Startseite. Wissen die schon, daß da jemand ein Kabel durchgeschneiden wird? Ist das mit Enron abgesprochen? Oder ist die Meldung womöglich einfach nur schlecht übersetzt?

Jetzt online: Genzels Kritik zum neuen Album der Scissor Sisters. Hier lesen. Fantastischer Pop.

Am Dienstag abend habe ich ja ein grandioses Interview mit dem Papa-Roach-Sänger gemacht, der unterhaltsam über sein neues Album geplaudert hat und dabei kurz von seinem Sohnemann unterbrochen wurde ("Daddy, daddy, I wanna play"). Schönster Nebeneffekt des Interviews: Jacoby ist von meiner geplanten Doku angetan und hat mir gesagt, ich soll beim nächsten Konzert hier in der Nähe einfach mit der Kamera vorbeikommen. Dann hat er auch noch seine eMail-Adresse herausgerückt. Es kann losgehen!

Gestern abend war China-Themenabend bei Obi-Wahn: Wir haben nicht nur alle drei Teile der CHINESE GHOST STORY gesehen, sondern auch chinesisch gefuttert, Chinaschnaps genippt und sogar Thai-Chips konsumiert. Die drei Filme, die ich sehr liebe (der erste Teil ist einer meiner drei absoluten Lieblingsfilme), waren auch beim x-ten Mal ansehen noch wunderbar, und auch Obi-Wahn scheint sich gut amüsiert zu haben, auch wenn er bei Teil 3 schon ein wenig abgeschlappt ist. Demnächst schauen wir dann alle MATRIX-Teile mit den Audiokommentaren der Philosophen, und konsumieren dazu blaue und rote M&Ms. Wir werden berichten!

Wichtigste Website des Monats: www.gethasselhofftonumber1.com. Hier können sich Freunde des Hoffs registrieren und erhalten dann ein Bestätigungsmail, wenn genug Fans zusammengetrommelt wurden. Dann kaufen alle gleichzeitig die neue Hasselhoff-Single "Get Into My Car" (die im Übrigen jetzt schon Klassikerstatus besitzt) und pushen The Hoff so in die Charts. Er hat's verdient, liebe Freunde - schließlich hat er den Mauerfall begünstigt und bleibt in Österreich der meistverkaufte Musiker aller Zeiten. Zur Reminiszenz habe ich übrigens das NIGHT-ROCKER-Album wieder ausgegraben und stelle fest, daß es gar nicht so schlimm ist, wie ich in Erinnerung hatte. Freut euch auf weitere Hasselhoff-Überraschungen!

Auch schon da: SPACE QUEST: THE SARIEN ENCOUNTER, die Fortsetzung SPACE QUEST II: VOHAUL'S REVENGE, und aus dem gleichen Haus KING'S QUEST IV: THE PERILS OF ROSELLA. Alle bestens erhalten und schwer nostalgieverbreitend. Früher habe ich ja Sierra-Spiele gesammelt - meinem jugendlichen Budget gemäß - und so ist's doch immer wieder schön, hin und wieder eines der fehlenden Spiele endlich im Regal willkommen heißen zu können. Aber erstmal muß jetzt endlich THE CURSE OF MONKEY ISLAND (von der Konkurrenzfirma!) durchgespielt werden.

Now playing: New Found Glory, die neue. Ein Teeniefilm auf CD. Review folgt bald.

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Light aus, womm, Spot an, ja!

Zeitreise mit den Scissor Sisters: Ihr Album TA-DAH! zaubert die Siebziger zurück auf die Tanzfläche - knallbunt und schwer unterhaltsam.

Den Scissor Sisters hat noch kein einziger Mensch verraten, daß Disco im Allgemeinen und die Bee Gees im Speziellen nicht mehr "in" sind. Und - um Mißverständnissen gleich vorzubeugen - das ist auch gut so. Sollte irgendjemand in ihrem Umfeld tatsächlich mal auf die Idee kommen, die Truppe beiseite zu nehmen und ihnen Bescheid zu geben, daß wir jenseits des Jahres 2000 leben, daß Hedonismus (musikalisch wie persönlich) gar nicht mehr gefragt ist und die Musikfreunde lieber echt als theatralisch konsumieren, dann würden die Sisters aufhören, so quietschbunte Bonbons zu produzieren, und ihr quicklebendiges Theater der Farben würde unter der herabfallenden Discokugel zerbrechen.

Über die Scissor Sisters liest man derzeit sehr viel in ein- und ausschlägigen Magazinen, und die Journalistenpflicht scheint einige Standardobservationen zu beinhalten, die an dieser Stelle selbstverfreilich erwähnt werden wollen: Der Bandname "Scissor Sisters" rührt von der evokativen Bezeichnung für eine lesbische Sexstellung her - wer die Phantasie nicht bemühen mag, wird sich über einschlägige Zeichnungen auf Wikipedia freuen. In England sind die Scherenschwestern das nächste große Ding, wie man so schön sagt, und verkaufen mehr Platten als ich Fanpost kriege. Besonders beliebt sind die US-Amerikaner aber auch in der Queer-Szene von New York, aber welche sexuelle Orientierung die vier Burschen mit ihrem einsamen Mädel tatsächlich besitzen, dürfen trendigere Magazine als dieses hier gerne im Gespräch mit den Village People erörtern.

Das soll uns aber gar nicht groß von der Musik ablenken, die - TA-DAH! - wie eine berauschende Wundertüte mit vielen Farben und Düften beim Öffnen die Sinne benebelt. Es beginnt gleich mit dem augenzwinkernden "I Don't Feel Like Dancin'", zu dem Elton John am Piano begleitet und wir zurück in die späten Siebziger katapultiert werden, als die Bee Gees mit Helium-Gesängen omnipräsent waren. "She's My Man" erinnert eher an Kiss zu ihrer UNMASKED-Zeit - die ja auch schwer im Glitzer getränkt war - und bereitet den Weg vor für das burleskenhafte "I Can't Decide", wo Shears gesteht: "It's a bitch convincing people to like you". Mangelnde Anstrengung kann man der Gruppe sicher vorwerfen.

Ob nun der knackende Funk von "Ooh", die frenetische Liebeserklärung "Paul McCartney" ("When you're singing, I'll be with you 'till the exit line", heißt es da), das rockige "Kiss You Off" (auch hier ist das Wort "Kiss" nicht zufällig im Songtitel enthalten), oder der Seitensprung ins Cabaret mit "Intermission", wo Jean Genets Geist durch die Musik weht, die Musik bleibt voller Überraschungen und ist derart opulent-bunt verzerrt, daß man gar nicht anders kann als sie zu mögen. Die Sisters sind Theater pur, Bewegung und Drama, Tanz und Pathos, Farbe und jubilierende Epik. Oder weniger ausufernd formuliert: Sie machen Spaß.





Dieser Text erschien zuerst am 21.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Prähistorisches Viehzeugs

Mastodon zeigen auf ihrem dritten Album BLOOD MOUNTAIN der Metal-Gefolgschaft neue Wege.

Das ist ja immer so eine Sache, wenn man Aufregendes von einer neuen Band berichten will und dann beim Startschuß an der weißen Linie stehenbleibt, weil man gar nicht weiß, wie man eigentlich anfangen soll. Im Falle Mastodon und ihrer neuen CD würden sich gegebenfalls folgende Alternativen anbieten: a) "Der Blick zurück als Schritt nach vorn" -- b) "Die konservative Metalgemeinde im Umgang mit der Originalität" -- c) Wir beginnen das Review mit dem Wort "Endlich!" -- d) Der reichlich unerotische Beginn mit Bandgeschichte, Musikgeschichte, Reviewergeschichte und der schlüssigen Feststellung, es sei nun ein neues Album erschienen -- oder vielleicht e) Was ist eigentlich ein Mastodont?

Also gut: Mastodonten sind, wie uns die mithin als Enzyklopädie wahrgenommene Website Wikipedia erklärt, prähistorischen Mitglieder zweier Rüsseltierfamilien. Wir stellen uns kurz ganz dumm und wundern uns, warum diese Information wichtig für die Rezeption der hier besprochenen Musik wichtig sein könnte. Nun: Im Gegensatz zu der längst ausgestorbenen, schwerfälligen Elephantenabart ist Mastodon erstens noch ganz frisch, zweitens sehr beweglich und drittens durchweg zukunftsträchtig.

Endlich! Also: Mastodon lieben Prog-Rock - wahrscheinlich den ganzen Katalog, von Thin Lizzy bis King Crimson. Das bedeutet aber nicht, daß ihre Musik im Blick zurück erstarrt ist - im Gegenteil: Der Prog-Metal der Gruppe gibt neue Impulse, stößt neue Türen auf und kann immer wieder überraschen. Mitunter spielt das Quartett derart eifrig, als handle es sich bei Heavy Metal um eine olympische Disziplin, aber Mastodon sind keine Angebertruppe: Durch die schnellen Läufe, die ständigen Tempiwechsel, das rasante Klanggewitter wird ein beinahe hypnotischer Effekt erzielt. Pathosbremse: Mastodon klingen ganz einfach aufregend, sehr eigen, und bleiben durchweg spannend.

Dabei sind vorne nicht einmal die nachhaltigsten Tracks zu finden: "The Wolf Is Loose" und "Crystal Skull" preschen einfach los und gewittern kräftig über das Feld. Dann werden verschlungenere Pfade beschritten: Das ruhigere "Sleeping Giant" ist beinahe melancholisch, das zappelige "Circle of Cysquatch" gipfelt in metallisch verzerrten Stimmen. Und dann folgt das Wahn-sinnige "Bladecatcher", das uns kakophonische Effekte um die Ohren knallt und wie eine Mischung aus Painkiller, einer Mike-Patton-John-Zorn-Kollaboration und Robert Fripps schrägsten Gitarrenexkursionen klingt. Und da sind wir erst bei der Hälfte des Albums.

Das mag alles schwer verdaulich klingen, aber Mastodon bleiben stets greifbar, immer nachvollziehbar. Auf einer Lauflänge von ungefähr 50 Minuten geht den Burschen auch nie die Luft aus: Selbst hinten sind immer wieder Highlights zu finden, wie das Breitlandwand-Spektakel "Siberian Divide".

Was der Gruppe zum vollständigen Glück nur noch fehlt, ist eine ebenso eigene Stimme: Gitarrist und Bassist teilen sich den Gesang, aber keiner von beiden besitzt ein wirklich unverkennbares Organ. Das teils kratzige Grummeln, teils entrückte Singen (das immer ein wenig an den Sing-Sang von Ozzy Osbourne erinnert: "This Mortal Soil") ist der Sache dienlich, aber auch nicht mehr. Mit einem stimmgewaltigeren Frontmann könnten Mastodon es bis in die Oberliga schaffen.





Dieser Text erschien zuerst am 14.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Es ist vollbracht: Der zweite und letzte Teil der zweiteiligen POLICE-ACADEMY-Session wurde gestern in Obi-Wahns Domizil abgehalten und hat für Begeisterung gesorgt. Nachdem die ersten drei Teile noch vor meiner Zeit im Exil, beziehungsweise in der Steiermark, von unserem weisen Jedi und mir goutiert wurden, haben wir uns die restlichen vier aufgespart. Eigentlich wollte ich ja alle sieben Teile auf einen Schlag schauen, aber der Teilnehmer mit dem Älterenrecht (sowie Heimvorteil) hat ein Machtwort gesprochen: "Nein".

Was haben wir also gelernt? Teil 4 - CITIZENS ON PATROL, oder auf gut deutsch UND JETZT GEHT'S RUND - kann mit Sharon Stone aufwarten, die Steve Guttenberg zum Schluß im Heißluftballon entführt und für die restlichen Sequels nicht mehr hergibt. Bobcat Goldthwait ist noch ein letztes Mal dabei, auch wenn seine Präsenz hier schon kommerziell verwässert wurde: "Man versteht ihn zu sehr," observiert Obi-Wahn, kichert aber nach wie vor jedes Mal, wenn Bobcat auch nur auf dem Bildschirm erscheint. Ein großes, bislang verkanntes Schauspieltalent offenbart sich in Corinne Bohrer, die Bobcat mit ganz ernstem Gesicht sagen darf: "I think you're just about perfect." Wer Bobcat das ohne Kichern entgegenbringen und ihn dann auch noch küssen kann, verdient unseren größten Respekt. Vermutlich hätte sogar Judi Dench damit Probleme.

Zeitgeist-Alarm: Es wird geskateboardet (unter anderem von Tony Hawk, den der weise Wahn gar nicht kannte)! Die Endsequenz zeigt sich spektakulärer denn je, unter Einsatz von Ballons, Doppeldeckern und Ninjas (Grüß Gott, Herr Dudikoff). Und David Spade darf den ersten Film seiner mit Highlights gespickten Karriere verzeichnen.

Teil 5 bietet ein besonderes Schmankerl: René Auberjonois, den wir alle als Odo kennen und lieben, zeigt hier, daß er schon lange vor STAR TREK ein grandioser Charakterdarsteller war. Schön auch, daß mit Matt McCoy ein Schauspieler gewonnen wurde, der Steve Guttenberg nicht einfach ersetzt, sondern eine ganz eigene Persönlichkeit mitbringt. Janet Jones zeigt sich als Frau an seiner Seite schauspielerisch auch sehr gewandt, während Archie Hahn als trotteliger Henchman illustriert, wie sehr der Film der klassischen Stummfilmtradition verbunden ist. Der Alligator, der Captain Harris zum Schluß beinahe verspeist, wurde übrigens von einer Firma namens "Generic Effects" erstellt - zum Charme der POLICE-ACADEMY-Filme gehört eben nicht nur der hohe Wiedererkennungswert, sondern auch die entwaffnende Ehrlichkeit, mit der nicht nur Polizeiarbeit dem Durchschnittsbürger nahe gebracht wird.

WIDERSTAND ZWECKLOS bzw. CITY UNDER SIEGE heißt es für Teil 6, bei dem Kenneth Mars und Gerrit Graham mitwirken dürfen. Die Handlung ist diesmal noch spannender als im eher gemütlich erzählten fünften Teil und zeichnet den Film als eine Art Vorhut zur späteren 24-Dramaturgie: Ein mole innerhalb der Polizei spielt den Verbrechern geheime Informationen zu! Besonders schön, daß diesmal Michael Winslow einen Teil seiner Stand-Up-Routine präsentieren darf und während eines Stromausfalls als Besitzer des einzigen funktionierenden Mikrophons in ganz New York seine allseits beliebte Jimi-Hendrix-Imitation vom Stapel lassen kann. Nicht zu vergessen sein gelungener Seitenhieb auf die stets schlechte Synchronisation alter Kung-Fu-Filme, die er auch in den Teilen 1-5 schon anbringen durfte. Ein wunderbares Beispiel für einen Running Gag: Sollte man Teil 1-5 verpaßt haben, ist der Schmäh sehr komisch, und wenn man alle gesehen hat, ist der gleiche Schmäh beim sechsten Mal auch sehr komisch. Produzent Paul Maslansky weiß schon genau, was er tut.

Nummer sieben - MISSION TO MOSCOW - wird ja von den ACADEMY-Fans nicht ganz so geliebt wie die sechs Vorgänger, obwohl er mit der besten Besetzung aufwarten kann: Christopher Lee! Ron Perlman! Claire Forlani! Immerhin sind 5 Jahre seit Teil 6 vergangen, und nur wenige der bekannten Gesichter finden sich auch in Teil 7 wieder. Obi-Wahn, stets ein kritischer Kommentator, fand aber, daß sich der (bislang) letzte Teil hervorragend in die gesamte Serie eingliedert, und fand sich ebenso gut unterhalten wie bei den vorangegangenen Filmen. Ich selbst kann dem nach mittlerweile vierfachen Ansehen auch zustimmen, obwohl der siebte Teil doch ein wenig abfällt. Die Geschichte ist ein wenig zu ernst, die Scherze zünden nicht immer zu 100%, und Proctor wird schmerzlich vermißt. Freunden aufregender TV-Unterhaltung wird aber auffallen, daß die Moskau-Mission als Vorbote von ALIAS gelten darf - es wird viel undercover gearbeitet, und zwar bei jedem Einsatz unter Aufgebot der ganzen Truppe. Und zu guter Letzt zeigt Teil sieben, was wir schon dank Teil 1 und 4-6 wissen: G.W. Bailey ist definitiv a good sport. Der macht alles mit.

Bis nun Teil 8 endlich gedreht wird und ins Kino kommt, müssen der weise Wahn und ich uns mit anderen Filmsessions über Wasser halten. Die von mir vorgeschlagene Spaghetti-Western-Nacht wurde brüsk abgelehnt, die geschmeidige CRITTERS-Session eher mit endenwollender Begeisterung bedacht. Darum beim nächsten Mal: A CHINESE GHOST STORY, Teil 1-3. Drei der aufregendsten Filme, die je aus Hong Kong zu uns gekommen sind. Wir berichten!

"This program is just like you, Mahoney: A bad idea."

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Gräßliche Schmerzen

"Das wird gar nicht wehtun": Jon Oliva's Pain oder Zahnschmerzen?

Es zeugt fürhin von ganz billigem Journalismus, sich über einen Titel oder einen Namen lustig zu machen. Aber ganz ehrlich: Wenn uns das Album schon per Bandname ganz gräßliche Schmerzen androht, muß es sich um eine Ausnahme handeln. Und in der Tat - die neue CD von Jon Oliva's Pain, einem Nebenprojekt eines Savatage-Mannen, heißt MANIACAL RENDERINGS und ist so schmerzhaft anzuhören, wie der Bandname suggeriert.

Wer den grausamen Schweinemetal, den Olivas Kumpanen hier so krachledern durch die Scheune klopfen, daß man das schale Bier beinahe riechen kann, von vorn bis hinten durchsteht, dem dürften schon ein paar Nervenenden abgestorben sein. Die altbackenen Riffs werden von pseudo-orchestralen Synthsounds umzäunt, als gälte es, die Zuhörer zur Kollekte für teurere Keyboards zu bitten. Oliva selber presst sich und sein Organ durch Texte, die jeder 14jährige Frontmann jeder beliebigen Amateurband schon mal geschrieben hat - hier darf man noch "Pain" auf "My brain" reimen - und röhrt wie eine rostige Fliegersirene. Ganz schlimm wird es, wenn nachdenkliche Töne angeschlagen werden und Oliva zu Akustikpiano und Chor-Samples singt. Ohne Übertreibung: Bei diesem Album versteht man, warum Metal so oft ein vom durchschnittlichen Hörer verachtetes Nischendasein fristet.

Die Promo-CD ist dankenswerterweise mit einer ausufernden Lobeshymne ausgestattet, die uns in engster 6-Punkt-Schrift den Künstler Jon Oliva näherbringen soll. ER ist eine Legende, ein Visionär, ein Komponist, ein Vollblutmusiker, ER ist ein irre netter Kerl, und ER kann sicher auch über das Wasser wandeln, wenn IHM nur endlich jemand die Brücke zeigen würde. ER wird auch weiterhin Musik machen, egal, ob WIR zuhören oder nicht. Ganz klar: Wer dafür bezahlt wird, findet Oliva gut. Zum Glück gibt es uns unbestechliche Fritz-Autoren, die wir unter Hungerlohn stets der Wahrheit auf der Spur sind und die Schmerz-CD als das identifizieren, was sie ist: Ein Trauerspiel.

Etwaige Savatage-Fans dürfen in der Kommentarsektion gerne Spuren hinterlassen.
 




Dieser Text erschien zuerst am 11.9.2006 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.
 
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Nun mal nicht gleich aufgeben und den guten Vorsatz sofort über Bord werfen.

Cold liegen momentan auf Eis. Zunächst hieß es, daß die Band es einen Tag genannt haben soll (create your own Anglizismus), aber wenig später war's keine Trennung, sondern nur some time apart. Scooter Ward und Drummer Sam McCandless basteln derweil an neuen Songs, die unter dem Namen "The Witch" erscheinen sollen. Einen ersten Song gibt's hier zu hören.

Klingt The Witchens Musik genauso? Naja, denk dir mal die Band weg, die E-Gitarren, die Lautstärke ... naja, die Songs klingen schon ein bißchen so. Warum hab ich eigentlich das letzte Cold-Album A DIFFERENT KIND OF PAIN nicht in meiner Sammlung? Ach ja, richtig: Nie bei uns erschienen, und die anderen Alben waren immer irgendwie wichtiger, als besagtes zu ordern. Dem muß Abhilfe geschaffen werden! Sofort in mein Büro!

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Nachdem meine Bloggerei in den letzten Monaten nurmehr aus sporadischen Updates bestand und mithin nur wenig aus meinem Alltag erzählt hat, stelle ich gerade fest, daß ich mir die vor einem Jahr noch beinahe täglich geposteten Einblicke in mein Leben schon bald wieder vollständig abgewöhnt habe. Beim Durchstöbern alter Einträge habe ich dann allerdings wieder den Nutzen dieses elektronischen Tagebuchs feststellen können - der Erinnerung wird doch ganz schön auf die Sprünge geholfen, und ich habe auf freudige Tage, schöne und weniger schöne Momente, Filme, Bücher, Gedanken zurückgeblickt. Darum ein neugefaßter Vorsatz, wieder regelmäßiger und - jawoll: - alltäglicher zu bloggen. Problematisch an einem solch niedergeschriebenen Vorhaben ist freilich, daß ich schon morgen wieder gar keinen Antrieb dazu haben könnte, und dann jeder nörgelt, wo denn die versprochenen Updates bleiben.

Immerhin habe ich für die vergangenen paar Monate eine gute Ausrede - die habe ich hauptsächlich mit Filmarbeiten verbracht, die mir einerseits wenig Muße zum ausführlichen Bloggen ließen, und andererseits - zumindest im Falle des einen Films (ihr wißt schon, welcher) - zu ausufernden Lästereien hätten führen können, die ich gar nicht ausführlich hier hätte niederschreiben wollen.

Mist. Ich merke schon im Laufe dieses Eintrags, daß der Schwung auf der Strecke bleibt. Was könnte ich gerade festhalten? Daß ich die alten LucasArts-Adventures wieder hervorgekramt habe und gerade THE CURSE OF MONKEY ISLAND spiele? Daß ich Schwierigkeiten habe, diesen Eintrag weiter- oder gar fertigzuschreiben? Ja, davon könnte ich erzählen.

Nein, lieber doch nicht. Vergeßt das blöde Vorhaben.

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Ab 8. September gibt's das neue Papa-Roach-Album THE PARAMOUR SESSIONS (in den US of A erst ab dem zwölften), aber hier kann man die gesamte CD per Stream schon vorab hören. "More hooks than a meat locker," versprach Frontfrisur Jacoby Shaddix im Vorfeld, und an den Haken hängt auch bestimmt kein Gammelfleisch. Der erste Eindruck läßt die SESSIONS wie den zweiten Teil vom Vorgänger GETTING AWAY WITH MURDER klingen: Dauerdruck, immer ins Gesicht, hymnische Refrains und ganz viel Punk im ungefährlichen Gewand. Dank Howard-Benson-Produktion klingt das Album exakt genauso wie die hundertzwanzig Alben, die Benson sonst produziert hat (darunter GETTING AWAY WITH MURDER, aber auch z.B. der zweite Streich von My Chemical Romance). Und mit den bierseligen Background-Vocals hätten sie sich ein wenig zurückhalten können. "We don't fall in love, we just fall apart," singt Shaddix, aber mit Bensons Superkleber bleibt's schnurgerade auf der sauberen Zielgeraden. Schabenpapa bleibt solide und dabei gleich stehen.

Randnotiz: In einer Amazon-Userkritik weiß eine Berlinerin namens ThomChristina jetzt schon: "Wer Musik mag, kommt ohne dieses Album nicht mehr aus." Zwei Mausklicks später wissen wir dann noch, daß Christina beim Papa-Roach-Klassiker INFEST "ein Schauer über den Rücken läuft, da der Sound und der Text total kombiniert wurden". Bitte nicht darüber nachdenken.



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