Februar 2006
1) RESULTS MAY VARY, dieses größenwahnsinnige, dummdreiste Monster aus dem verqueren Kopf Fred Dursts, war möglicherweise das meistgehörte Album des Jahres 2005 - in meinem Auto zumindest - und ich betrachte es als persönlichen Triumph, daß Schwarz diesen Hidden Track auf Albumlänge jetzt für seine eigene Sammlung ersteigert hat. Aber immerhin sammelt er ja grüne Alben und ist mehr oder weniger selber schuld. Übrigens kostet die limitierte Auflage mit Bonus-DVD (für alle, die Gitarrist Wes Borland - der gar nicht auf dem Album ist! - beim Kotzen zusehen möchten) auf eBay im neuwertigen Zustand nur noch € 1,--. Dismissed.

2) Weitere Beweise, daß sich der NuMetal mittlerweile in den Mainstream eingenistet hat? Jordan Schur, Labelchef von Flip und Executive Producer von Staind, Limp Bizkit, Cold, Professional Murder Music, Dope, und vielen anderen Radaubrüdern, ist jetzt der Executive Producer + A&R von Ashlee Simpson.

3) Auf dem Soundtrack zu CSI: MIAMI sind Ill Niño mit "I Am Loco" zu finden. Das ist nicht etwa eine ihrer "How Can I Live"-Balladen, sondern richtig echtes Gedröhne. Keuch.

4) Den Spaß wiederentdecken: In VAN HELSING hüpfen die gesammelten Monster der Filmgeschichte wie Flummis durch die computererzeugten Kulissen. Kate Beckinsale läuft den gesamten Film mit einem einzigen Gesichtsausdruck herum: heruntergezogene Augenbrauen. Einmal weint sie, und einmal stirbt sie, aber nur für eine dieser beiden Tätigkeiten verzieht sie das Gesicht. Bis fast ganz zum Schluß trägt sie eine Frisur mit 3-Monster-Taft, die immer perfekt sitzt, auch wenn der Wolfsmensch sie durch irgendwelche Fenster schmeißt. Und Halsbeißer Richard Boxburgh spielt wie in der Augsburger Puppenkiste, völlig albern und schwer grimassierend. Komplett ironiefrei darf ich festhalten, daß es sich bei VAN HELSING um einen 100%-Film handelt, der so komplett over the top ist, daß Kunstverdacht besteht. Es ist der vielleicht auffälligste Effektfilm seit langem, und er bewegt sich mit soviel Tempo und Witz durch atemberaubende optische Konstrukte, daß sich beim Sitzen auf der Couch Euphorie breitmacht. Mehr davon, bitte.

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Heute lernen wir Alfons kennen. Alfons arbeitet als Einkäufer beim Saturn und zeigt sich dabei - wie bei der gesammelten Bodencrew des großen Konzerns imperativisch im Vertrag verankert - von keinerlei Sachkenntnis belastet. Jetzt gerade sehen wir Alfons, wie er sich ob der jüngsten Lieferung des Vertriebs ein wenig ratlos den Kopf kratzt: Wer ist denn gleich Holly Valance? Und warum schicken die uns 3 Millionen Exemplare ihrer Single?

Alfons versucht ein wenig nachzudenken. Mit einem zusammengekniffenen Auge und strengem Blick gen Boden jongliert er ein paar Zahlen hin und her. Mit Erschrecken stellt er dabei fest, daß er schön langsam anfangen sollte, für die anstehende Maturaprüfung zu lernen. Aber egal: Hat er da vielleicht beim Multiplizieren ...? Also, ein Top 50-Hit für fünf Euro macht in etwa 260 Exemplare, da kommen dann ungefähr 300 Kunden drauf ... nein, das müßte schon stimmen, ergibt genau die 65.245 CD-Singles, die hier in den Kisten verpackt sind. Aber halt! Da ist ja noch eine Gewinnspanne einzuplanen! Also, 65.245 mit zwei Euro Einkauf ... muß man das jetzt dividieren oder teilen?

Bah, da soll sich doch jemand anderes drum kümmern! Kurzerhand lädt Alfons die Preiskanone mit schlappen € 0,19 - wenn man 65.245 Mal 19 Cent verdient, ist das ja immer noch ein ganzer Batzen Geld. Schwupps, schon stehen die ganzen Singles im Aktions-Regal, und Alfons kann sich jetzt darüber Sorgen machen, wie er seinem Chef verklickert, daß er die gesammelten Werke dieses einen Rappers - war der nicht bei Wetten, daß? - fälschlicherweise mit 50 Cent-Preisschildern versehen hat.

Die Kamera zieht sich zurück, wir lassen Alfons schulterzuckernd in die Mittagspause eilen, während sich der Fokus langsam auf die obszönen Mengen von Holly-Valance-Singles stellt. Schon kommen zwei Käufer, die sich für 19 Cent schon mal gerne ein in pink & knapp bekleidetes Model beim Kieksen anhören. Wir folgen den beiden zur Kasse, blenden dann langsam zum Video von Holly über.

Holly macht sexy Electroclash, mit kalten Beats und fiependen Gitarren, fetter Attitüde und verzerrter Stimme. Holly trägt ein Shirt von den Ramones, die leider alle schon tot waren, als sie auf die Welt gekommen ist, aber sich ein Schild umzuhängen, auf dem "Ich rocke sehr frech" steht, ist als Alternative eigentlich sehr unsexy. Holly tanzt wehendes Haares durch einen Club und trägt dabei einen Minirock, dessen eingenähtes Schild mit den Waschhinweisen die Länge des Kleidungsstückes um ein vielfaches überschreiten dürfte. Sie kriecht am Boden, läßt sich den Rock nach oben wehen, zeigt uns den nackten Rücken, räkelt sich zwischen Bettlaken und zeigt unschuldigen jungen Mädchen den Mittelfinger. Weil sie dabei auch immer sehr lasziv in die Kamera guckt, ist klar: Die will mich. Das sehr poppbare Mädel verläßt die Pop-Bar (man beachte den subtilen Wortwitz) und fährt neu geschminkt in eine Art Begegnungsstätte, wo ältere Herren auf junge Mädchen treffen. Dort legt sie sich in präkoitalen Wonnen ins weiße Bett und wartet darauf, von einer Mini-DV-Kamera beglückt zu werden. Ich brauche ein Kleenex.

Schwere Kaufempfehlung für 19 Cent. Es sind übrigens nur noch 65.243 Singles da.

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Wien, Wien, nur du allein: Für die Soundtrack-Aufnahmen zu SCHLAFLOS scheuen Schwarz und ich natürlich weder Kosten noch Mühen und haben den besten Produzenten angeheuert, den man für kein Geld kriegt: Tröbinger. Mittwoch abend ging's also ins Wiener Make-Studio, wo Schwarz die Gesangsspuren für den Abspannsong "Love, Again" aufnahm. "Ich wollte nie einen Song aufnehmen, der das Wort 'Love' im Titel hat," bedauert Schwarz, aber der Ohrwurm-Refrain legt den doch schönen Titel recht nahe. Heute wurden Gitarrentracks in der Klangtherme aufgenommen, die in Wien auf 6 cm² geschrumpft ist, auf denen immerhin 3 Menschen, 2 Tastaturen und eine Extramatratze Platz finden. Für euch crazy fans gibt's hier und jetzt erste Bilder vom Wien-Trip (die teils miese Qualität bitte ich freilich zu entschuldigen - das habe ich einfach flott aus dem Video gegrabbt).



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"We just wanted to make a record that would make girls dance and cry."

Wo Schwarz und ich noch geglaubt haben, daß Justin Warfield bei irgendeinem Kumpel auf der Couch wohnt und die Tage mit dem Rauchen von schwerem Gras verbringt, hat der wie gehabt extrem coole Musiker schon wieder eine neue Band auf die Beine gestellt. Mit dabei: Der ehemalige Powerman-5000-Gitarrist Adam12 sowie der Drummer von theSTART, Scott Ellis. Das Baby heißt She Wants Revenge und klingt ein ganz kalter Giorgio Moroder, zu dem uns Justin den David Bowie gibt.

Hören kann man die Band auf ihrer MySpace-Seite (auf der sich Justin als "thoroughly uninteresting and usually hungry" beschreibt), Infos und das coole Artwork auf der Band-Website.

In einem Interview fragt ein Journalist nach den Texten, die er in einem "boy-obsesses-over-girl"-Kontext sieht. Justin zeigt sich gnädig: "That's one interpretation - albeit the wrong one - but that's ok." Das Albumartwork enthält übrigens eine Liste aller Frauen, auf die Justin oder Adam12 jemals einen Stand hatten.

Mehr Bonmots im Interview auf der Bandwebseite.

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Zeit, den Jahresrückblick endlich fortzusetzen und zu einem Ende zu bringen. Damit wir unser Pulver nicht gleich völlig verschießen, serviere ich zunächst mal den ersten Teil des dritten Teils des mehrteiligen Jahresrückblickes. Nach den Büchern und den Filmen (RAY habe ich vergessen! Großes Kino!) muß ja nun zwangsläufig die Musik folgen. Was habe ich 2005 am intensivsten gehört? Wie gehabt ist nicht alles notwendigerweise letztes Jahr erschienen - es muß nur 2005 von mir gehört worden sein bzw. muß ein wichtiges Ereignis meines Lebens damit verbunden sein.

Ursprünglich wollte ich ja einen Albenliste machen und mich dann zusätzlich an Herrn und Frau Schwarz orientieren (übrigens das Paar des Jahres, wo wir schon bei den Awards sind) und wichtige Songs zusammensammeln, aber erstens kann ich das nicht überall trennen und zweitens ist mir das viel zu viel Arbeit. Auf geht's!

God Lives Underwater: UPOFFTHEFLOOR (2004)
Über dieses Album habe ich ja schon anläßlich des unerwarteten Todes von GLU-Frontmann David Reilly berichtet (und zwar hier). Aber wir können ja einfach nochmal schwärmen von diesem wunderbaren Mix aus geschmeidiger Elektronik, wehmütigen Pop-Melodien, einer Prise Rock'n'Roll und dem immer ganz präzise balanciert eingesetzten Verzerrer. Reilly, der so offensichtlich über seinen Drogenabsturz singt, sucht die Schuld immer nur bei sich selber: "I'm to blame for all of the things that went wrong", gibt er zu, und zeigt bitteren Humor: "What did I do to deserve this? Oh yeah, I did some stupid things." Die Musik ist hypnotisch, Reilly ganz ehrlich und demütig. Welch Schwanengesang. --- Gehört: Das ganze Jahr über, aber ganz besonders zur FAUSTRECHT-Zeit.

Chimaira: CHIMAIRA (2005)
Auch über dieses Album wurde in diesem meinem Blog hinreichend berichtet, und die totale Verwüstung, die diese Mannen anrichten, hat nicht nur Schwarz Alpträume beschert, sondern hat mir (und meiner Frau Mama und meiner Schwester) das grandioseste Konzert des Jahres beschert. Chimaira sind Katharsis pur und liefen im Herbst zwei Wochen lang ohne Unterbrechung in meinem Autoradio: "Nothing remains / I've silenced the pain". Es sei noch darauf hingewiesen, daß keine dieser ganzen Knüppelhart-Metall-Bands so tight ist wie Chimaira und kein Shouter so unmenschlich und besessen klingt wie Mark Hunter.

William Shatner: HAS BEEN (2004)
Gut, die CD habe ich - ebenso wie das God-Lives-Underwater-Album - eigentlich schon zu Weihnachten 2004 gekriegt und gehört - aber Bill Shatner hat mich trotzdem mit viel Selbstironie und einem kleinen bißchen Lebensweisheit durch das Jahr begleitet. Großer Kult seine donnernde Fassung von "Common People", sehr wehmütig der von Nick Hornby geschriebene Brief "That's Me Trying", völlig albern der polternde Ärger von "I Can't Get Behind That", hübsch augenzwinkernd die Entschuldigung in "Real" (welche da lautet: "Sorry, but I'm ..."). Wir wollen mehr von Shatner.

The Grapes of Wrath: NOW AND THEN (1989)
Diese Platte des von Golden-Palominos-Chef Anton Fier produzierten kanadischen Quartetts habe ich eigentlich schon länger - seit 2003, wenn ich mich richtig erinnere - aber erst letztes Jahr ist sie mit Regelmäßigkeit auf dem Plattenspieler gelandet. Und ich habe mir fest vorgenommen, einmal "All the Things I Wasn't" und "... But I Guess We'll Never Know" in einem Film zu verwenden, weil diese beiden Songs mehr Wes-Anderson-Flair versprühen als die Wes-Anderson-Filme selbst. Schöne, klare Harmonien. Großer Folk-Pop.

Sunna: ONE MINUTE SCIENCE (2000)
Auch schon 2000 zugelegt und immer wieder rangetastet, aber erst 2005 ist mir dieses verquere, sperrige Album wirklich aufgegangen. Vielleicht kommt's schon deshalb in die Liste, weil ich letztes Jahr auf so ziemlich jede Compilation entweder "I Miss" oder "O.D." gepackt habe ("Empathy is the drug in demand", heißt es in zweiterem Song). Oder in stillen Stunden diese beiden Songs so innig mitsinge wie sonst keine. Aber vielleicht liegt's auch daran, daß ich auf dem Weg zum zweiten SCHLAFLOS-Drehtag (ein weiterer Nachtdreh) den pulsierenden Song "Too Much" gehört habe, wo immer wieder folgende Zeile wiederholt wird: "Keep all we've got or give up something". Und weil wir an jenem zweiten Tag schwer kämpfen mußten, um die verlorene Zeit des ersten Tages wieder einzuholen und einen alternativen Ort für eine Parkplatzszene finden mußten, hatte diese Zeile auf einmal so viel Resonanz. Etwas aufgeben? Nie!

Professional Murder Music: DE PROFUNDIS (2005)
Schon mehrfach geschwärmt davon auf diesem Dachboden, aber mal ehrlich - wer bei der Akustikfassung von "Clear" keine Gänsehaut kriegt, dessen Lebensfunktionen haben schon ausgesetzt. Roman Marisak kann eigentlich gar nicht richtig singen, aber er weiß, wie er seine Stimme einsetzt, und ob es nun die akustischen Versionen von alten Songs sind oder die elektrischen Cover-Songs - hier hört man soviel Sehnsucht, daß man Roman zum Himmel greifen sieht. Nach dieser CD braucht man keine zweite mehr hören. Wahrscheinlich das Album des Jahres.

Und der Rest, liebe Freunde der gepflegten Ohrenmassage, folgt auf dem Fuße ...

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