Gutes Karma

NuGothic und trotzdem gut: Die Italiener Lacuna Coil überzeugen mit KARMACODE sogar ganz mißtrauische Rezensenten.

Akutes Problem: Man nimmt sich vor, anläßlich der neuen CD von Lacuna Coil sehr herablassende Absätze über die durch die unappetitlichen Evanescence hervorgerufene NuGothic-Präsenz zu schreiben, die seit den obszön großen Verkaufszahlen letzterer Gruppe die Läden mit alteingesessenem und neu zusammengekochtem Düstermetall füllt. Schließlich muß ja nicht jede Combo, die ihr Waldschratdasein durch das Vorschieben einer mehr oder minder feschen Schwarzhaarigen zu verbergen sucht, in all ihrem üblicherweise prätentiösen Unglanz auf Silberscheiben gepreßt werden.

Das Problem, das sich gerade offenbart, ist aber die Tatsache, daß KARMACODE, eben jenes neueste Erzeugnis aus der Musikschmiede der Italiener Lacuna Coil, sich so geschickt den gängigen Klischees der übrigen Sirenengesang-im-steifen-Todeskorsett-Metalgruppen entgegenstellt, daß die CD nicht mal dann schlecht klingt, wenn man sie fürchterlich finden möchte. Das ist schade für misanthrope Rezensenten, die eigentlich lieber granteln möchten, aber durchaus angenehm für jeden anderen Hörer.

Natürlich werden gewisse Regeln des Goth-Genres eingehalten: Damit die Frauenstimme den düster intendierten Sound nicht zu lieblich klingen läßt, krächzt ja stets ein entbehrlicher Kerl als Kontrast mit. Auch Lacuna Coil haben eine Männerstimme, die sich aber freundlicherweise nicht im grunzenden Krümelmonster-Rachentod ergeht, sondern tatsächlich auch mitunter singend zu hören ist und eher die klangliche Palette erweitert, als einfach nur an einen HNO-Arztbesuch denken zu lassen.

Menschen, die sich weitaus zeitaufwendiger mit den Feinheiten der gesamten Goth-Szene auskennen, wurden schon im Internet dabei gesichtet, wie ihnen ob der Korn-Elemente auf KARMACODE die Halsschlagader anschwillt, weil ein solcher Einfluss keineswegs "true" sein könnte und überhaupt an den Ausverkauf denken läßt. Möglicherweise handelt es sich aber auch um noch schlechter gelaunte Möchtegernkritiker, denen der Gedanke nicht behagt, daß die vorliegende CD anderen Hörern aufgrund ihrer feinen Melodien und der treibenden, basslastigen Rhythmik eventuell sogar gefallen könnte. "Zugänglich" bedeutet eben nicht "Ausverkauf", und "anhörbar" auch nicht "Korn-Einfluß". Sprache kann manchmal sehr verwirrend sein.

Produziert wurde das flott ins Ohr gehende und erfreulich unprätentiöse Werk übrigens von Grip, Inc.-Gitarrero Waldemar Sorychta (der findige Chefredakteur wird sicherlich HIER den passenden Link zum Interview parat haben). Und während die Band prägnante Songs schreibt und mit – ein schönes Wort kommt jetzt – Verve spielt, sorgt Sorychta dafür, daß die Ideen auch gebündelt und mit Wohlklang zu Band gebracht wurden.

Bleibt uns nur noch, eine Empfehlung auszusprechen – selbst, wenn man mit Nightwish, Within Temptation, The Sins of Thy Beloved und den ganzen anderen Goth-Gruppen eigentlich gar nichts anfangen kann. Aber – wer lästert jetzt über Evanescence?




Dieser Text wurde am 9. Mai 2006 für Fritz/Salzburger Nachrichten geschrieben, blieb aber wegen einer Umstrukturierung der Website unveröffentlicht.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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