Eddie, everybody’s a fucking director.

Uncategorized / 7. Juni 2005

Schwarz + Wochenende ohne Dusche = kilometerlange Blogeinträge. Jetzt stellen wir uns mal vor, er wäre bei so einer Tournee noch krank, dann könnte er locker den nächsten großen amerikanischen Roman in Blogform schreiben. Jedenfalls habe ich mich gerade durch die Festivalberichte durchgeackert, bin ein klein bißchen neidig, und finde die Mötley-Crue-Erkenntnis jetzt nicht so gravierend, denn wie die Burschen drauf sind, wußten wir ja vorher auch schon.

Gestern abend konnte ich endlich die ersteigerte Hadley-Caliman-LP auf den Plattenteller legen und war sehr glücklich. Aus seiner Gruppe kenne ich keinen einzigen Musiker, aber die Jungs sind fantastisch. Das Wichtigste aber ist Calimans Tenorsaxophon, sein dreckiges Spiel, seine Hingabe, die diese Platten zu gutem Stoff werden lassen: Man will mehr, man fühlt sich gut, und man weiß, daß es irgendwann vorbei sein wird. Jetzt fehlt mir nur noch ein Album von Caliman, aber zum Glück gibt’s noch ein paar Alben, auf denen er als Gast mit von der Partie ist. Hallo eBay!

Oh, und dann habe ich mir ja gestern – als Interlude zwischen zwei Folgen von 24 – wieder einmal HARLEM NIGHTS angesehen, den ich jetzt mittlerweile auf DVD besitze. Gemeinhin hält man ja Jörg Zimmermann für den Erfinder des Selbstfilms, aber andere können das auch: Eddie Murphy hat bei HARLEM NIGHTS Drehbuch, Regie, Hauptrolle und ausführende Produktion übernommen, und sich selbst auch. An einer solchen Omnipräsenz sind schon andere gescheitert (denken wir mal an das bizarre Regiedebüt von Dan Aykroyd), und Murphy scheint auch völlig überfordert zu sein. Dabei wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, das Harlem von 1938 so steril und antiseptisch wie möglich im Studio nachzustellen und mit einer leblosen Story und traurigen Gestalten anzureichern. Murphy spielt ohne Charakterkonsistenz, mal grimmig, mal wütend, mal witzelnd, mal cool, aber nie überzeugend. Richard Pryor steht meist in der Gegend herum und wirft Murphy ein bewunderndes Lächeln zu. Jasmine Guy schafft es immerhin, ihre Bodenmarkierungen zu beachten. Und Arsenio Hall brüllt sich durch eine komplett hysterische Rolle, die so unglaublich bescheuert ist, daß er seinen Manager dafür hätte feuern sollen. Dazwischen versteckt sich Danny Aiello, der einzig wirklich gute in dem Ensemble, aber sein schleimig-korrupter Cop kann die Chose auch nicht mehr retten.

Sollten übrigens Zweifel aufgekommen sein: Der Film ist nicht komisch. Die Figuren ergehen sich in einem endlosen Redefluß, der nur aus Obszönitäten und F-Wörtern besteht (es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, daß kein Mensch 1938 so geredet hat wie ein Komiker in den 80ern). Der schlechte Geschmack zeigt sich aber auch anderswo: Zum Beispiel in der völlig abstrusen Szene, wo sich Murphy mit einer alternden Hure prügelt (!) und ihr dann den kleinen Zeh wegschießt. Oder in einer anderen Szene, wo Murphy Jasmine Guy nach dem Liebesspiel das Gehirn wegpustet. Es ist ja stets überraschend, wieviele Comebacks Eddie Murphy in seiner Karriere schafft, aber das Sabotieren selbiger beherrscht er auch wie kein anderer.

Warum also, höre ich jetzt Schwarz fragen, kaufe ich mir den Film auf DVD (und sei’s nur für schlappe €4,99) und sehe ihn mir zum mittlerweile dritten Mal an? Easy: 1. Die Musik ist von Herbie Hancock. 2. Als Filmliebhaber muß man die besten und die schlechtesten Streifen mit gleicher Aufmerksamkeit betrachten, um daraus zu lernen. Und 3. Ich habe eine beinahe morbide Ader, mit der ich die Tiefpunkte meiner Lieblinge wie Verkehrsunfälle ansehen muß, weil es eine tragische Komponente hat und sie dadurch menschlich werden. Und deshalb werde ich mir auch ANOTHER YOU zulegen, diesen Schwanengesang der einstmals großen Komiker Gene Wilder und Richard Pryor, der nicht nur erbärmlich schlecht ist, sondern auch Pryors Krankheit so gar nicht verbergen kann, daß einem die Tränen kommen. Nennt mich ruhig masochistisch, ich nenne es mitfühlend.

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Christian Genzel
Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





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2 Comments

on 7. June 2005

Nur so eine Frage: Worin siehst du die genaue Korrelation zwischen Duschen und Bloggen bei Kollege Schwarz? direktes Verhältnis: desto weniger dusch, desto weniger blog? oder indirektes Verhältnis: desto weniger dusch, desto mehr blog?

Du könntest ja dein Mitgefühl statt an abstrakte Filmstars an konkrete Menschen verschwenden. Da kommt dann ähnlich wenig zurück, aber man kann das der zweiten Gruppe wenigstens in hochdramatischen und emotional aufgelandenen Szenen vorwerfen und sich dann besser fühlen, weil man viel sensibler als diese herzlosen Bastarde und Innen ist, die nur an das eigene Wohl denken.
Wenn Misserfolg sympathisch und menschlich macht, dann musst du ja ein riesiger Michael Jackson Fan sein.

on 8. June 2005

Tja, wenn Michael noch ein Werk vorlegen würde, daß ob seiner geringen Qualität traurig stimmen würde, dann hätte dieses Werk auch Chancen, von mir mit humanistischem Wohlwollen betrachtet (bzw. gehört) zu werden. Ach übrigens: Das Verhältnis ist indirekt proportional, berücksichtigt man die Länge der momentanen Einträge und die Tatsache, daß er das ganze Wochenende gar nicht geduscht hat.



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