Hollywood if Holly could

Buch / Uncategorized / 22. April 2005

Mann, ich komme ja mit dem Bloggen gar nicht mehr hinterher. Jedenfalls habe ich vor zwei Tagen endlich die Autobiographie von Joe Eszterhas ausgelesen, die HOLLYWOOD ANIMAL heißt und satte 892 Seiten (und das in einer großen gebundenen Ausgabe) stark ist. Viel Stoff, viel Leben.

Aber spannend und unterhaltsam war’s auf jeden Fall. Wenn man eines merkt beim Lesen, dann das: Eszterhas weiß, wie man Geschichten erzählt. Das kann er ohne Zweifel. Er zieht einen beständig in sein Leben hinein, und während manches banal ist, anderes ein wenig aufgeblasen, so ist man doch immer dabei, immer neugierig darauf, der Geschichte weiter zu folgen. Spannend und teilweise bestürzend seine Kindheit, wo er als Kind zusammen mit seinen Eltern aus Ungarn nach Amerika geflüchtet ist, weil im Heimatland die Irrungen und Nachwehen des Krieges zu deutlich spürbar waren. Dort hat sein Vater, ein ungarischer Schriftsteller und Gelehrter, für einen Hungerlohn erst gekellnert und dann für eine Zeitung geschrieben, die von einer Gruppe Franziskaner herausgegeben wurde, während seine Mutter irgendwann geisteskrank wurde und ihrer Familie immer wieder religiöse Verfehlungen vorgeworfen hat. Eszterhas erzählt teils in ganz kurzen Anekdoten und Episoden, teils auch in lang ausholenden Blöcken, und der Erzählrhythmus hat eine gewaltige Sogwirkung.

Primär liest man eine solche Hollywood-Autobiographie natürlich wegen dem Insider-Tratsch, wegen den mal komischen, mal abstrusen Blicken hinter die Kulissen, und hier enttäuscht Eszterhas freilich nicht. Paul Verhoeven scheint beim Drehen von SHOWGIRLS tatsächlich das Hirn in die Hose gerutscht zu sein, und die Tatsache, daß er und sein Sternchen Elizabeth Berkley ein Verhältnis hatten, mag erklären, warum er sich nicht mehr auf die Qualität des Werkes konzentrieren konnte. Richard Harmon hat im Streit mit Eszterhas einen Herzanfall gekriegt, während Michael Ovitz gegen ihn in den Krieg gezogen ist und damit drohte, seine „Fußsoldaten“ auf Eszterhas anzusetzen. Bei all dem mag sich Eszterhas selber natürlich sehr gerne und stellt sich mit Vorliebe als stets ehrlichen, stets seine Meinung sagenden Querdenker hin, der in der Scheinwelt Hollywood natürlich immer wieder aneckt. Aufgefangen wird dies durch die Tatsache, daß er wohl auch um seine arrogante Unausstehlichkeit weiß und beinahe mit ihr kokettiert. Neben den Selbstverständlichkeiten, die er im Umgang mit den Hollywood-Größen an den Tag legt, und der mehrfachen Betonung, daß er der bestbezahlte Drehbuchautor Hollywoods sei, überrascht er aber auch immer wieder mit introspektiven Gedanken und Selbstkritik.

Lesenswert ist das Buch aber alleine wegen einem Kapitel: Dem Kriegsverbrecherprozeß gegen seinen Vater, der auf unheimliche Weise Eszterhas‘ Skript MUSIC BOX, das kurz vorher verfilmt wurde, widerspiegelt. Es ist spannend, wie der Prozeß verläuft, bewegend, wie Eszterhas über die Lügen seines Vaters nachdenkt, und traurig, was ans Tageslicht kommt.

Und jetzt, 892 Seiten Hollywood später, kann ich endlich das nächste Buch lesen, das schon seit ein paar Wochen auf mich wartet: THE CATCHER IN THE RYE. Ich werde berichten!

—————
4 8 15 16 23 42






Christian Genzel
Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





You might also like



7 Comments

on 22. April 2005

Paul Verhoeven sei der Film „Showgirls“ vergeben. Er war jung und brauchte das Geld. Oder war sie jung und brauchte das Geld und er war alt und brauchte die Tussi? Jedenfalls haben sich die richtigen gefunden und einen Film produziert, den ich mir nicht einmal ansehe, um darüber lästern zu können. Selbst dafür gibt er zu wenig her. Und Osterhasi selbst findet sich total unschuldig? Hat ihm der böse Pauli in seinem Wahn den ganzen Film versaut?

on 22. April 2005

The catcher in the rye! eines der wunderbarsten bücher meiner meinung nach. und jedem, dem ich es bisher empfohlen hab, hat es auch verschlungen. holden caulfield hats ja schon vor jahren in einen meiner songs geschafft. Viel Spass damit! mann, dass sollt ich auch wieder mal lesen.

on 23. April 2005

Bin mir nicht so sicher, inwieweit sich Joe E. die „Schuld“ am SHOWGIRLS-Flop zuschreibt – er schreibt irgendwie öfters mal von Intentionen, und irgendwas ist dann schief gegangen. Vielleicht war’s auch die turbulente Trennung von seiner ersten Frau, die er damals durchgemacht hat – das klang so danach, als hätte er das Skript als Flucht aus dem Alltag geschrieben. Naja, und er druckt dafür hinterher seitenlang Auszüge aus Rezensionen ab, die ihm die Schuld zuweisen – er dürfte die Sache also mit Humor betrachten.

on 23. April 2005

Megabeichte: Ich habe „Thatcher Has to Die“ in all den Jahren immer noch nicht gelesen. Hat das in meinem fortgeschrittenen Alter noch einen Sinn, oder müßte ich da jung, romantisch und noch nicht desillusioniert für sein?

on 24. April 2005

Steht der CATCHER nicht auf unserer Leseliste …? He he usw. Naja, ich werde berichten, nachdem ich’s ausgelesen habe. Vielleicht entdeckst du ja dann den jungen, rebellischen, illusionierten Geist wieder.

on 24. April 2005

Voll erwischt! Deshalb ist es ja auch eine „Megabeichte“. Um dem nächsten Kommentar gleich vorzubeugen: Ich habe alle Kurzgeschichten und Gedichte zumindest einmal gelesen, aber Romane und sonstige Prosa einfach weggelassen. Beim Multiple Choice Test hieß es dann: Rate mal mit Rosenthal! Meine Intuition sprach aber für mich. Der ganze Test ist aber sowieso sinnlos und sollte durch ein neues System ersetzt werden.

on 24. April 2005

Ich habe noch viel weniger gelesen, sieht man mal von schmucken Zusammenfassungen des lieben Herrn Kindler ab. Und statistisch gesehen kommt ja Antwort „c“ am häufigsten vor. Satte 54 Punkte hatte ich damals, als die Passmark noch bei 51 (anstatt wie heute bei 61) lag. Der Sieg des Guten ist eben nicht aufzuhalten.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.