Mai 2004

Musik auf Knopfdruck 

Manchmal merkt man gar nicht, daß alles neu ist: Das neue Album von Killswitch Engage macht genau da weiter, wo der Vorgänger aufhörte.

Hin und wieder treffe ich auf Studentenfesten einen hochsensiblen Metal-Freak, der öfter auf Metallica-Konzerte geht als Lars Ulrich himself. Mit schönster Regelmäßigkeit kann man diesen guten Mann auf die Palme bringen, indem man ihm vorschwärmt, daß Paul Di'Anno der beste Maiden-Sänger sei und es überhaupt sehr schade ist, daß Blaze Bailey aus der Band ausgestiegen ist. "Sakrileg!"

Was genau hat das nun mit der Band zu tun, um die es uns heute geht? Nun, auch bei Killswitch Engage, einer der Speerspitzen der überschwenglich genannten "New Wave of American Heavy Metal", gab es einen Sängerwechsel. Jesse David Leach wollte wohl mehr Zeit mit seinen Liebsten verbringen, und so schreit sich jetzt Howard Jones, Ex-Frontmann von Blood Has Been Shed, durch das Getümmel. Emotionale Reaktionen wie die obig beschriebene wird man aber vergeblich suchen: Hätte es uns niemand gesagt, hätten wir gar nicht gehört, daß es ein neuer Frontmann ist.

Und so bleibt bei der New Wave alles beim Alten. Alles, was über den (vielseits gelobten) Vorgänger ALIVE OR JUST BREATHING gesagt wurde, trifft wohl auch auf das neue Album THE END OF HEARTACHE zu. Statt "My Last Serenade" gibt es diesmal "When Darkness Falls", und auch der Rest geht mit dem Schon-Gehörten streng konform. Ein bisschen Melodic Death Metal hier, ein wenig Hardcore-Geschrubbe dort (Schubladen sind praktisch), viel Gröhlen kurz vorm Rachentod, viel epischer Gesang in den Refrains. Alles kompetent produziert vom hauseigenen Saitenhauer Adam Dutkiewicz.

Wir wollen mal nicht undankbar sein: THE END OF HEARTACHE ist handwerklich sauber, kracht mit Druck aus den Boxen und hat genauso feine Tracks wie sein Vorgänger. Wer den mochte, ist hier immer noch gut beraten. Alles schön und gut, nur ist an der "neuen Welle" mittlerweile nicht mehr viel Lack. Chimaira, ebenfalls eine der zu dieser Strömung gerechneten Bands, sind immerhin suchend unterwegs. Killswitch Engage dagegen meißeln sich ihren eigenen, statischen Monolithen. Vielleicht sollte da nochmal jemand aussteigen, damit endlich jemand "Sakrileg!" rufen kann.




Dieser Text erschien zuerst bei Fritz!/Salzburger Nachrichten am 11. Mai 2004.

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Archetypische Angst

Kurz aufgelöst, gleich wieder zusammen: Fear Factory legen nach kurzer Trennungspause mit ARCHETYPE ein Album vor, das eine Rückkehr zu alten Glanztaten einläuten soll.

Ein neues Album von Fear Factory in den Händen zu halten, mag dem einen oder anderen Rezensenten ein irritiertes Augenbrauenheben entlocken. Haben sich die Burschen nicht eigentlich letztes Jahr wild zerstritten und dann getrennt? Hat nicht das wohl arroganteste deutschsprachige Musikmagazin damals in einem Nachruf beteuert, wie gut es doch wäre, daß die Gruppe sich nach ihrem für viele enttäuschenden letzten Album DIGIMORTAL trennt, weil sie ja angeblich eh schon ausgebrannt waren?

Nun, wir sind damals keiner Fehlmeldung aufgesessen. Aber kurz nachdem sie sich aufgelöst haben, hat die Kerntruppe festgestellt, daß sie ohne Gitarrist Dino Cazares eigentlich wundervoll miteinander auskommen. Prompt stiegt Bassist Christian Olde Wolbers in der Gilde der Furchtfabrik ein paar Level auf und wechselte zur Gitarre, und zusammen mit einem neuen Bassisten haben sich die Mannen flugs wieder zusammengetan, um ein neues Album unter der Flagge von Fear Factory aufzunehmen: ARCHETYPE

Der Titel ist passend gewählt, schließlich sind Fear Factory sozusagen der Archetypus des modernen Heavy Metals: Gesang und Geschrei, Death-Metal-Blasts und Melodien, kreischende Gitarren und Elektronikparts. Und um zu zeigen, daß sie diese Art Musik schon viel länger als ihre Konsorten machen, gestalten die Jungs das neue Album als rückwärtsgerichtetes Retrounterfangen, welches die Band zu ihren Wurzeln zurückbringen soll.

Operation gelungen, Rezensent schläft? Nein, das kann man nicht wirklich behaupten. Fear Factory knüppeln mit so viel Verve wie schon lange nicht mehr, die Musik ist zackig und energiegeladen. Highlights sind das kantige "Cyberwaste" (über Leute, die Unsinn im Internet verbreiten - hoffentlich meinen die nicht mich), das eiskalte "Drones" und die Gitarren-Breitleinwand "Undercurrent". Leider Gottes bedeutet die Rückkehr zur alten Form auch, daß Archetype nichts bietet, was fürchterlich originell wäre: Wie beim letzten Korn-Album ist die Musik definitiv auf Nummer Sicher gestaltet.

Aber halb so tragisch - Fear Factory machen Industrial-Death-Metal auf hohem Niveau, schreiben gute Songs und wissen immer noch, wie man das Haus rockt. Vielleicht blicken sie ja beim nächsten Mal wieder ein wenig über ihren Tellerrand. Einstweilen gibt es bei uns ein Interview mit Christian Olde Wolbers zu lesen, in dem der Jetzt-Gitarrist wissenswertes über die Band und das neue Album erzählt.





Dieser Text erschien zuerst am 5. Mai 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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