Das folgende Interview mit Destruction-Gitarrist Mike (Michael Sifringer) wurde vom Kollegen Erhard Furtner für Fritz/Salzburger Nachrichten geführt.



Zerstörungs-Wut

Die Zerstörung macht auch nach 20 Jahren nicht Halt. Ein Exklusiv-Interview mit Mike, dem Gitarrist der deutschen Thrash-Ikone Destruction.

Die Fanbasis von Destruction ist recht aktiv, und so konnte man vor kurzem Destructions "Desecrators of the New Age"-Video vom aktuellen Album METAL DISCHARGE auf Vivaplus bewundern, wo sie bei einem Publikumsvoting mit dem ersten Platz auftrumpfen konnten. Was beim brutalen Sound von Destruction und dem guten Old-School-Video doch überrascht.

Man kann sagen, daß Destruction eine der wenigen Bands ist, die es geschafft hat, den dröhnenden 80er-Jahre-Thrash-Metal authentisch ins 21 Jhdt. zu transportieren. Seit SENTENCE OF DEATH, dem ersten Album 1984 haben die Jungs aus Deutschland die internationale Schwermetallszene mit exzellenten Songs wie "Mad Butcher", "Bestial Invasion" und "Release from Agony" bereichert. Seit Bestehen gab's natürlich die obligatorischen Umbesetzungen, eine Auflösung und die dazugehörige Reunion ...

Es lohnt sich auf jeden Fall, wenn man mal auf der sehr gelungenen Homepage von Destruction vorbeischaut, wo unter anderem die Discographie, Konzerttermine und ein aktuelles Newsforum zu finden sind. Außerdem gibt's auch neben Songtexten und Gitarrentabulaturen zum Runterladen auch noch ein paar mp3s und Videostreams zum Reinschauen! Aber nun zum Interview, wo Mike über die heutige Metal-Szene, Festivals und Hairstyling plaudert:

Erhard Furtner: Weil nicht gleich jeder als Destruction-Fan geboren wird - wie würdest du euren heutigen Sound beschreiben?

Mike: Vordergründig ist die Sache einfach mal ziemlich aggressiv. Aber wir wollen auch eine Message rüberbringen, es ist ja nicht alles eitel Sonnenschein auf dieser Welt. Und da braucht's auch mal ein paar Leute, die auf den Tisch hauen und sagen, was so ein bißchen im Argen liegt. Und da unterstützt harte Musik die Message schon mehr, als wenn wir Balladen bringen würden. Ist halt Geschmackssache ...

Wie du auf der Homepage anmerkst, bist du nicht unbedingt der Fan neuerer Metalbands, vor allem im Power- und NuMetal-Bereich. Beschäftigst du dich aber vielleicht mit Thrash-Metal-Bands aus dem Underground?

Auf jeden Fall - man kommt ja auch rum und dann haben wir meistens Support-Bands, die auch aus der Thrash-Ecke kommen. Da wird man schon zugeklatscht mit Demos - darüber bin ich meistens recht angetan. Viele Bands haben schon sehr gute Musiker, und andere sind auf dem besten Weg dorthin. Da stehen 16-jährige Jungs auf der Bühne, die sind in zwei Jahren top. Das ist insgesamt schon sehr erfreulich! Wenn man an andere Sachen denkt - bei manchen Gruppen wird mir bei deren Live-Performance richtig schlecht, z.B. ganz schlechte Gothic-Bands. Ist vielleicht ein dummes Beispiel, natürlich gibt's auf dem Sektor auch gute, aber ich stelle fest, daß oft Gothic-Newcomer einen schlechten musikalischen Standard haben.

Aber die müssen ja auch eher eine depressive Message rüberbringen - wenn die Gothic-Bands zu gut spielen, sind die Zuhörer dann zu glücklich ...

Das ist fadenscheinig für mich - dann müssen sie vielleicht zum Teil erst mal das Keyboard leiser machen, damit man überhaupt hört, was sie genau spielen. Das wär' ein geiles Argument für eine Punkband. Aber ich bin auch mehr für Punkbands, die gut spielen können.

Man merkt, daß du doch viel Wert legst auf technisches Können.

Eigentlich nicht so unbedingt. Ich hör' mir auch die Sex Pistols gerne an, und da ist wirklich kein überragendes technisches Können dabei. Es gibt ein paar Bands, die mag ich wirklich gerne, obwohl sie technisch nicht gerade der "Wahnsinnshammer" sind. Motörhead sind z. B. wirklich gut, weil sie einfach schon so lange auf der Bühne stehen. Aber es gibt wohl bessere Bassisten als Lemmy - ist halt alles Geschmackssache. Es geht halt oft um Harmonielehre, und wenn was klingt wie ein Kinderlied oder ein Volkslied, kann ich echt nichts damit anfangen.

Destruction haben in einer Zeit angefangen, als dieser sehr harte Sound noch wenig vertreten war, Bands in dem Sektor konnte man an einer Hand abzählen. Heute tun sich die Newcomer auf dem Gebiet schon schwerer bei der Anzahl an Bands. Was würdest du jungen Bands empfehlen, kannst du da Tipps abgeben?

Klar, es gibt Massen von Bands - und die haben sicher alle brav geübt. Ich finde, aus Schweden kommen viele gute Bands, es gibt viele gute Musiker. Es ist wohl mittlerweile ein Haifischbecken. Was man raten kann: Viele Leute, die jetzt 15-16 sind, die kriegen erst mal eingetrichtert, was hip ist - kriegen zuerst mal die ganze NuMetal-Scheiße reingedrückt. Was man als Einstieg auch gelten lassen kann, aber man sollte sich dann allmählich auch intensiver mit der Musik beschäftigen und zu den Sachen zurückkehren, die immer gut waren. Also, wer Metal hört und Black Sabbath nicht kennt, ist sicher auf dem falschen Dampfer.

Man soll auf den Konzerten auch mal bewußt kucken, was da gemacht wird. Ich stehe auf Sachen, die ehrlich präsentiert werden - so eine Plastik-Retortenmusik brauch' ich nicht. Es ist eigentlich unglaublich, was sich die breite Masse so alles reintut. Schön in Häppchen serviert und schön einfach für alle ... Man muß natürlich auch erstmal dahinterkommen, um zu beurteilen, was jetzt da wirklich abgeht. Dazu braucht man auch einen gewissen Erfahrungsschatz - also schön fleißig Konzerte besuchen! Und bei den Konzerten auch den Leuten mal genauer auf die Finger schauen.

Auf größeren Veranstaltungen seid ihr unter anderem auch mit Bands aufgetreten, die mit dem Sound von Destruction wenig gemein haben. Wie reagieren die Fans anderer Bands auf Destruction?

Die breite Masse ist relativ offen, sag' ich mal. Gerade vor zwei Monaten bei einem Festival in Granada (in Südspanien, Anm.), wo das Spektrum recht breit war ... bei einem Auftritt mit Uriah Heep und Michael Schenker. Die Leute haben beides angekuckt und das zeigt, daß die meisten doch einen Horizont haben. Und es ist mir eine große Ehre, wenn die beides anhören, denn ich steh auch auf die alten Sachen. Ich selbst hab' da eh kein Problem damit - ich kann mir eine "Knüppelgrupppe" anhören und danach Deep Purple. Weißt du, mit den Jungs - den dunkel geschminkten und alles schwarz und die nix anderes gelten lassen - mit denen habe ich nicht wirklich ein Problem, aber ich find' sie auch nicht besonders interessant, diese Leute. Die kommen dann zu mir und sagen: "Hey, euer erstes Album war ganz klar das Beste." Da sag ich zu denen: "Jaja, alles Geschmackssache, aber vom musikalischen Standpunkt her war es garantiert nicht das Beste." Ansonsten hätt' ich ja 20 Jahre lang nichts gemacht ... Eigentlich könnte man das fast als Beleidigung interpretieren. Wenn er das, was ich jetzt mache, nicht gut findet, hat er irgendwie - ehrlich gesagt - einen komischen Geschmack. Weil ich hab' schließlich 20 Jahre lang geübt (lacht).

Ja, das ist ein bekannte Erscheinung - besonders in der Black-Metal-Szene, wo die Fans - scheint's - immer der Meinung sind, daß das erste Album das Beste ist. Egal, was nachher kommt.

Das ist halt eine sehr romantische Sicht mit wenig Bezug zur Realität. Ich hoffe, die Leute machen mal ihren Kanal auf und tun sich dann doch mal was anderes rein. Ich glaube auch, daß viel Image dahintersteckt, und daß sie zuhause trotzdem ABBA hören (lacht).

Wahrscheinlich ... warum aber auch nicht, die kommen schließlich auch aus Schweden?

Eben, ist auch 'ne geile Band! (lacht)

Hört sich so an, als ob auf der nächsten Destruction-Scheibe ein paar ABBA-Coversongs mit draufkommen?

Nee, das lassen wir mal lieber. Das haben die Schweden schon alles bis zum Exzess durchgenudelt - da gibt's schon genug davon.

Wie ist es euch auf eurer Spanien- und der längeren Brasilien-Tour gegangen?

Die Leute dort haben einen sehr bodenständigen Musikgeschmack und sind weniger auf die Ami-Schiene aufgesprungen. Es läuft viel Latino-Sound im Fernsehen, und es ist alles nicht so "American" wie bei uns. Metal ist schon eine Macht da drüben. Die kleinste Show, die wir drüben hatten, waren 700 Leute - die größte um die 6000. Ja, die Leute freuen sich dort, wenn Rock'n'Roll abgeht! Bei uns ist es halt schon ein bißchen verwöhnteres Publikum - soll nicht heißen, daß es hier keinen Spaß macht. In Südamerika ist es einfach ein bißchen herzlicher. Die Leute weinen teilweise nach der Show - das geht einem schon ans Herz.

Gehst du selber auf Konzerte - abgesehen von denen, wo ihr auftretet?

Ja, vor allem, wenn's bei mir in der Nähe ist. Da ist so einiges am Start, und es spielen auch viele Leute, die ich kenne. Das ist immer nett mitanzuschauen, besonders auch die netten Parties hinterher. Klar, ich geh' gern auf Konzerte - logisch, man lernt nie aus.

Wenn man sich die Entwicklung von Destruction anschaut, fällt vor allem auch auf, daß sich die Frisuren geändert haben ...

Ja, zwangsläufig.

Heißt das, daß Destruction doch eine Band ist, die mit Modetrends mitgeht, weil ihr ja die schönen Dauerwellen abgelegt habt?

Ich hatte ja nie eine Dauerwelle ... Auf der ersten Platte waren die Haare halt einfach noch nicht lang genug. Es ist ein echtes Grab, wenn du zuviel Locken hast, da dauert es doppelt so lang, bis die Haare mal 'ne annehmbare Länge erreicht haben. Schmier hat sich eine zeitlang blondiert. Dann hat seine Friseurin gemeint, er sollte mal langsam damit aufhören, sonst kacken seine Haare ab ... Seine Naturhaarfarbe ist eigentlich dunkler, kastanienbraun.

Wo siehst du den Thrash-Metal in den nächsten zehn Jahren? Destruction gibt's ja sicherlich dann noch - hoffe ich ...

Wenn die ganzen Bands so weitermachen wie bisher, wird sich die Sache ganz gut entwickeln, denke ich! Die alten Hasen machen ganz gute Sachen - die neue Exodus gefällt mir ziemlich gut, die neue Testament kommt demnächst, die neue Grip Inc. ist geil ... Ich glaube, da ist insgesamt noch genug musikalisches Potential dahinter. Wenn's so weitergeht ... die jungen Bands legen auch noch was nach - das ist ein guter Arschtritt für die alten. Erfahrungsgemäß sind bei unseren Konzerten auch viele junge Leute dabei - das müssen ja wohl die sein, die früher mal Limp Bizkit gehört haben (lacht).

Auf den regulären Alben sind ja immer diese netten Intros drin, die recht melodisch anfangen und dann meist in einer Thrashgranate enden. Daran sieht man schon, daß ihr auch was anderes machen könnt oder macht...

Ja, es gibt tatsächlich auch Gitarren ohne Elektrizität. Weißt du, die haben auch sechs Saiten und mit denen sollte man auch halbwegs umgehen können, wenn man Gitarrist ist - find ich. Das ist zwar nicht meine Spezialität, und damit hab' ich auch viel zu spät angefangen - aber Leute, die das gut können, haben mich angestiftet, ein bisschen Akustik zu üben. Gerade die Flamenco-Leute sind ja unglaublich - Flamenco ist auch Metal! (lacht) Es ist auch sehr aggressive Musik, da kann man sich durchaus inspirieren lassen ... gerade von der Harmonielehre dort, die ist ziemlich evil. Bei der neuen Scheibe von Grip Inc. kriegt man schon eine Vorstellung, wie sich das anhören könnte - Akustikgitarren recht gut kombiniert mit Metal, und dazu Lombardo-Getrommel - ziemlich geil, das geht schon.

Wie läuft's mit den Kollegen von Sodom und Kreator - gibt's mal wieder eine gemeinsame Tour?

Die Nachfrage ist sicherlich da. Wir haben diese Tour auch nur in Europa gemacht - jetzt maulen sie in Amerika und Südamerika herum, "Sodom hat gefehlt - nochmal machen" (lacht). Ich sag mal, wenn wir wieder alle drei flott kriegen könnten, kann man das schon nochmal in Betracht ziehen! Aber es hat sich als nicht ganz einfach erwiesen, die drei Bands auf eine gemeinsame Tour zu kriegen. Die haben alle ihre Ansprüche und einen vollen Terminkalender.

Zum Schluß noch eine Frage zum aktuellen Schaffen von Destruction. Habt ihr schon was Neues in der Mache?

Wir überlegen, ob wir jetzt gleich wieder eine Studioscheibe machen sollen oder ob wir noch was zwischenschieben. Ein paar alte Songs aufnehmen, ein paar Coverversionen vielleicht ... Wir haben auch vor, mal was auf Spanisch oder Portugiesisch zu machen. Weil da die Leute echt geil drauf sind, und das haben die auch mal verdient. Möglicherweise auch ein Projekt mit anderen Musikern, vielleicht hat wer von Sepultura oder Brujeria Bock? Da könnte man mal ein kleines Punkprojekt starten ... Schau'n wir mal, was kommt, da tut sich sicher noch was!

... und schon war die Zeit abgelaufen, und Mike durfte im Anschluß daran gleich für's nächste Telefoninterview in England anklingeln.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele, und dreht eine Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX, den All-Music Guide, das 35-Millimeter-Filmmagazin und Film & TV Kameramann. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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