2004

Altes Herz

Auch das Herz der Band Heart schlägt noch: eine Dekade nach ihrem letzten Studioalbum legen die Wilson-Schwestern mit JUPITERS DARLING nach.

"Wie, Heart?", fragt mein guter Freund C2 bei der Erwähnung meiner neuen Rezension. "DIE Heart?" schiebt er mit hochgezogener Augenbraue hinterher, und als ich mit einem knappen "Nancy Wilson" nicke, sehe ich hinter seinem jetzt hellwachen Auge Cameron-Crowe-Filme ablaufen. Schließlich hat Wilson, die Ehefrau von Crowe, die Soundtracks zu dessen Filmen beigesteuert (darunter die wunderbarste Liebeserklärung an die Musik, ALMOST FAMOUS). Hauptberuflich aber spielt Nancy schon seit den 70ern zusammen mit ihrer Schwester Ann in der Band Heart, die besonders in den (musikalisch gern belächelten) 80ern mehr Alben verkauft haben als ich Fanpost kriege.

In den letzten Jahren hat man wenig von Heart gehört, das letzte Studioalbum liegt schon elf Jahre zurück. So richtig weg waren die Wilson-Schwestern natürlich nie, aber jetzt, wo sie uns wieder einmal Musik präsentieren, macht sich sofort der schale Geschmack des Achtziger-Jahre-Rückblicks im Mund bemerkbar, der uns ja auch ein Wiedersehen mit Blondie (gut) und den Bangles (gut gemeint) beschert hat. Völlig zu Unrecht, wie der wohlwollende Rezensent schnell feststellt: Die Wilson-Schwestern verstehen es nach wie vor, feine Soft-Rock-Songs zu schreiben, die sich schnell im Ohr festhaken.

Dabei wird durchaus experimentiert: Mandolinen dominieren "I Need the Rain", ein Dulcimer ("Hackbrett" sagt der Oberförster dazu) erklingt auf "Enough", während "Things" schwer mit Country flirtet. Das alles ist aber eingebettet in einen gefälligen Pop-Sound, den auch die Grunge-Gäste Mike McCready und Jerry Cantrell nicht zum sägenden Schrammelspektakel hinbiegen. Meist singt Ann, hin und wieder aber ist auch Nancy zu hören, und diese Songs sind die heimlichen Höhepunkte des Albums. Aber auch die radiokompatiblen Rocker sind erfreulich: "The Oldest Story in the World" etwa, oder der Ohrwurm "The Perfect Goodbye".

Was missfällt also? Das Album ist schlichtweg zu lang. 16 Songs, dazu zwei Bonustracks, und schon sitzt man 70 Minuten bei einer Songkollektion, die die Aufmerksamkeit nur für eine Dreiviertelstunde fesselt. Auch hinten finden sich feine Stücke – etwa die Akusikversion von "Fallen Ones" – aber als geballte Ladung beißt man sich doch eher durch. Und – wir sind heute mal wieder besonders mäkelig – daß das Booklet superdick ist, freut das Liebhaberherz natürlich, aber warum darin viel Platz für computergenerierte Mandelbrotmengen vergeudet wird, wissen wohl nur die Götter. So gesehen befinden wir uns dann doch wieder in den 80ern, als Apfelmännchen am C64 "in" waren.

"Und, was ist das Résumé des Ganzen?", fragt C2 nach kurzem Durchskippen des Albums. "Fein," sage ich. "Gute Songs." Er nickt, wartet ein paar Sekunden, ob noch etwas hinterherkommt. Dann zuckt er mit den Schultern, dreht den CD-Player etwas leiser, und wir reden wieder über ALMOST FAMOUS. Da ist auch Nancy Wilson gut aufgehoben.





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Das folgende Interview mit Destruction-Gitarrist Mike (Michael Sifringer) wurde vom Kollegen Erhard Furtner für Fritz/Salzburger Nachrichten geführt.



Zerstörungs-Wut

Die Zerstörung macht auch nach 20 Jahren nicht Halt. Ein Exklusiv-Interview mit Mike, dem Gitarrist der deutschen Thrash-Ikone Destruction.

Die Fanbasis von Destruction ist recht aktiv, und so konnte man vor kurzem Destructions "Desecrators of the New Age"-Video vom aktuellen Album METAL DISCHARGE auf Vivaplus bewundern, wo sie bei einem Publikumsvoting mit dem ersten Platz auftrumpfen konnten. Was beim brutalen Sound von Destruction und dem guten Old-School-Video doch überrascht.

Man kann sagen, daß Destruction eine der wenigen Bands ist, die es geschafft hat, den dröhnenden 80er-Jahre-Thrash-Metal authentisch ins 21 Jhdt. zu transportieren. Seit SENTENCE OF DEATH, dem ersten Album 1984 haben die Jungs aus Deutschland die internationale Schwermetallszene mit exzellenten Songs wie "Mad Butcher", "Bestial Invasion" und "Release from Agony" bereichert. Seit Bestehen gab's natürlich die obligatorischen Umbesetzungen, eine Auflösung und die dazugehörige Reunion ...

I wrote the following review of Jean-Luc Julien's short film THE KISS (2000) as an IMDB user comment back in 2004. The film has been made available online since then and can be watched below. Also, check out the interview with Jean-Luc at alexfotografiert.de (here) and Jean-Luc's video commentary for the film (here).

A small, but powerful film.

This little-seen short film is a small gem. Shot in black & white, completely without dialogue, it tells the story of a man (Henry Lide) sitting on a beach, desperately drinking gallons of whiskey to prepare himself for his suicide. A few moments before he pulls the trigger of his gun, however, an angel emerges from the ocean and rescues him.

Julien's images are powerful, and he skillfully shows how the man's world spins out of control: the first few frames are calm and peaceful, but then, as we begin to sense the man's desperation, the film becomes quite unsettling - perfectly accompanied by Mark Williams' score, which introduces dissonant guitars to underline the man's emotions. When the man is saved by the angel, everything becomes calm again, and the film ends with a beautiful shot of Lide watching the ocean, seemingly disappearing in its vastness.

The beauty lies in the details: The story suggests enough to intrigue the viewer, but it never spells out why the man wants to commit suicide. We see him burying a photograph of a woman in the sand - is it the same woman who emerges from the sea? Also notice how Lide's face is never seen in its entirety until the very end, when the angel takes off his cap and kisses him.

Julien has created a powerful, intriguing film - 8½ memorable minutes of storytelling. If you get a chance to see it, do so by all means.




The Kiss

Kurzfilm "Rundweltmaedchen Gesucht!" | Myspace Video


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4FANS 

4LYN bieten mit ihrem dritten Album TAKE IT AS A COMPLIMENT ihren Kritikern trotzig die Stirn: Kurs halten, Mr. Sulu!

Seufz. Da rege ich mich noch im letzten Philosophieseminar darüber auf, daß man nicht immer nur darauf schauen sollte, ob etwas "neu" ist, weil ja ohnehin alles schon einmal dagewesen ist, und dann landet die neue CD von 4LYN in meinem Briefkasten. Was bisher geschah: Eine Gespann lautstarker Hanseaten macht sich auf, NuMetal nach amerikanischem Vorbild unters Volk zu bringen, und veröffentlicht zwei Alben, die zwar Käufer, aber keinen wohlwollenden Rezensenten finden. Visions, das Magazin, dem die Haltung schon aus den Ohren trieft, sieht in den Jungs all das, was schlecht ist an der heutigen Musik und ruft eine Art Indie-Fatwah gegen alles aus, was die Band hervorbringt. Natürlich machen 4LYN unbeirrt weiter, spielen diverse erfolgreiche Tourneen und bringen jetzt ihr drittes Album heraus: TAKE IT AS A COMPLIMENT.

Und das ist mitsamt seinem Waschzettel eine schöne Studie darüber, wie sehr sich eine Plattenfirma anstrengen kann, eine Gruppe ins schönste Licht zu rücken. Die beigelegte Biographie informiert akribisch über jeden noch so kleinen Erfolg der Band, spart aber mit Zitaten zur kritischen Rezeption. Im einleitenden Vorwort von Lotto King Karl (lieber nicht fragen!) ermahnt dieser die schreibende Zunft, daß Phrasen wie "klingt wie" und "möchte sein wie" einen schlechten Journalisten erkennen lassen. Jaja, Lotto King Karl, der Reich-Ranicki der Albumkritiken. Demnächst erklärt uns vielleicht Britney Spears, warum Haydns Streichquartette formvollendeter sind als die von Mozart.

Kommen wir also unserer Journalistenpflicht nach: 4LYN möchten gern sein wie alle anderen NuMetal-Bands - Limpkorn, Sliptown, Crazybiskit, Papastaind und wie sie alle heißen - und deshalb klingt ihr Sänger/Shouter/Rapper/Fronteumel auch gleich sicherheitshalber wie Fred Durst und Coby Dick zusammen. Hier ein wenig psychotisches Geschrei, da ein paar von diesen Chunka-Chunka-Gitarrenriffs, dazu ein paar Synthi-Sprengsel, putzige Pseudonyme für alle Bandmitglieder, nur die Masken haben sie vergessen.

Aber denken wir zurück an das Philo-Seminar: "Neu" ist ja nicht das Maß aller Dinge, "gut gemacht" erfüllt den Zweck ja auch. In meinem Hinterkopf formt sich gerade das Wort "solide", das einzubauen mir selten schwerfällt: Eine solide erste Single, "Kisses Of A Strobelight", wartet mit solidem Power-Pop-Rock auf (Tränen fließen, Menschen fallen sich in die Arme), es gibt einen soliden Gastauftritt vom deutschen Rapper Curse auf "S.T.C." (ansonsten wird wie gehabt nur englisch getextet), und die Produktion der eigentlich durchwegs soliden CD ist gut gemacht. Kritik nach Baukastensystem, irgendwie passend zum Album.

Doch, doch, TAKE IT AS A COMPLIMENT darf man gut finden. Man darf dazu Luftgitarre spielen, beim Autofahren mitgröhlen, beim Daheim-Horchen umherspringen. Man darf auch einzelne Songs herauspicken, die irgendwie richtig gut sind - das schräge "Drama Queen" zum Beispiel - und dann darüber reflektieren, warum eine Band, die so viele schlechte Kritiken erntet, doch so viele Freunde findet. Vorschlag an 4LYN, wenn das nächste Mal jemand darauf hinweist, daß das Album wie all die anderen Bands klingt: Take it as a compliment.




Dieser Text erschien zuerst am 2. Juni 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Musik auf Knopfdruck 

Manchmal merkt man gar nicht, daß alles neu ist: Das neue Album von Killswitch Engage macht genau da weiter, wo der Vorgänger aufhörte.

Hin und wieder treffe ich auf Studentenfesten einen hochsensiblen Metal-Freak, der öfter auf Metallica-Konzerte geht als Lars Ulrich himself. Mit schönster Regelmäßigkeit kann man diesen guten Mann auf die Palme bringen, indem man ihm vorschwärmt, daß Paul Di'Anno der beste Maiden-Sänger sei und es überhaupt sehr schade ist, daß Blaze Bailey aus der Band ausgestiegen ist. "Sakrileg!"

Was genau hat das nun mit der Band zu tun, um die es uns heute geht? Nun, auch bei Killswitch Engage, einer der Speerspitzen der überschwenglich genannten "New Wave of American Heavy Metal", gab es einen Sängerwechsel. Jesse David Leach wollte wohl mehr Zeit mit seinen Liebsten verbringen, und so schreit sich jetzt Howard Jones, Ex-Frontmann von Blood Has Been Shed, durch das Getümmel. Emotionale Reaktionen wie die obig beschriebene wird man aber vergeblich suchen: Hätte es uns niemand gesagt, hätten wir gar nicht gehört, daß es ein neuer Frontmann ist.

Und so bleibt bei der New Wave alles beim Alten. Alles, was über den (vielseits gelobten) Vorgänger ALIVE OR JUST BREATHING gesagt wurde, trifft wohl auch auf das neue Album THE END OF HEARTACHE zu. Statt "My Last Serenade" gibt es diesmal "When Darkness Falls", und auch der Rest geht mit dem Schon-Gehörten streng konform. Ein bisschen Melodic Death Metal hier, ein wenig Hardcore-Geschrubbe dort (Schubladen sind praktisch), viel Gröhlen kurz vorm Rachentod, viel epischer Gesang in den Refrains. Alles kompetent produziert vom hauseigenen Saitenhauer Adam Dutkiewicz.

Wir wollen mal nicht undankbar sein: THE END OF HEARTACHE ist handwerklich sauber, kracht mit Druck aus den Boxen und hat genauso feine Tracks wie sein Vorgänger. Wer den mochte, ist hier immer noch gut beraten. Alles schön und gut, nur ist an der "neuen Welle" mittlerweile nicht mehr viel Lack. Chimaira, ebenfalls eine der zu dieser Strömung gerechneten Bands, sind immerhin suchend unterwegs. Killswitch Engage dagegen meißeln sich ihren eigenen, statischen Monolithen. Vielleicht sollte da nochmal jemand aussteigen, damit endlich jemand "Sakrileg!" rufen kann.




Dieser Text erschien zuerst bei Fritz!/Salzburger Nachrichten am 11. Mai 2004.

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Archetypische Angst

Kurz aufgelöst, gleich wieder zusammen: Fear Factory legen nach kurzer Trennungspause mit ARCHETYPE ein Album vor, das eine Rückkehr zu alten Glanztaten einläuten soll.

Ein neues Album von Fear Factory in den Händen zu halten, mag dem einen oder anderen Rezensenten ein irritiertes Augenbrauenheben entlocken. Haben sich die Burschen nicht eigentlich letztes Jahr wild zerstritten und dann getrennt? Hat nicht das wohl arroganteste deutschsprachige Musikmagazin damals in einem Nachruf beteuert, wie gut es doch wäre, daß die Gruppe sich nach ihrem für viele enttäuschenden letzten Album DIGIMORTAL trennt, weil sie ja angeblich eh schon ausgebrannt waren?

Nun, wir sind damals keiner Fehlmeldung aufgesessen. Aber kurz nachdem sie sich aufgelöst haben, hat die Kerntruppe festgestellt, daß sie ohne Gitarrist Dino Cazares eigentlich wundervoll miteinander auskommen. Prompt stiegt Bassist Christian Olde Wolbers in der Gilde der Furchtfabrik ein paar Level auf und wechselte zur Gitarre, und zusammen mit einem neuen Bassisten haben sich die Mannen flugs wieder zusammengetan, um ein neues Album unter der Flagge von Fear Factory aufzunehmen: ARCHETYPE

Der Titel ist passend gewählt, schließlich sind Fear Factory sozusagen der Archetypus des modernen Heavy Metals: Gesang und Geschrei, Death-Metal-Blasts und Melodien, kreischende Gitarren und Elektronikparts. Und um zu zeigen, daß sie diese Art Musik schon viel länger als ihre Konsorten machen, gestalten die Jungs das neue Album als rückwärtsgerichtetes Retrounterfangen, welches die Band zu ihren Wurzeln zurückbringen soll.

Operation gelungen, Rezensent schläft? Nein, das kann man nicht wirklich behaupten. Fear Factory knüppeln mit so viel Verve wie schon lange nicht mehr, die Musik ist zackig und energiegeladen. Highlights sind das kantige "Cyberwaste" (über Leute, die Unsinn im Internet verbreiten - hoffentlich meinen die nicht mich), das eiskalte "Drones" und die Gitarren-Breitleinwand "Undercurrent". Leider Gottes bedeutet die Rückkehr zur alten Form auch, daß Archetype nichts bietet, was fürchterlich originell wäre: Wie beim letzten Korn-Album ist die Musik definitiv auf Nummer Sicher gestaltet.

Aber halb so tragisch - Fear Factory machen Industrial-Death-Metal auf hohem Niveau, schreiben gute Songs und wissen immer noch, wie man das Haus rockt. Vielleicht blicken sie ja beim nächsten Mal wieder ein wenig über ihren Tellerrand. Einstweilen gibt es bei uns ein Interview mit Christian Olde Wolbers zu lesen, in dem der Jetzt-Gitarrist wissenswertes über die Band und das neue Album erzählt.





Dieser Text erschien zuerst am 5. Mai 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Furchtfragen

Glücklich dank Reunion: Fear-Factory-Gitarrist Christian Olde Wolbers anläßlich des neuen Albums ARCHETYPE im FRITZ-Exklusiv-Interview.

Alles wichtige über das neue Fear-Factory-Album ist in der Fritz-Kritik gesagt: Kurze Trennung, flotte Reunion ohne Gitarrist Dino Cazares, und nach dem problematischen DIGIMORTAL mit ARCHETYPE ein Album vorgelegt, das die Band zurück zu ihren unkomplizierten Wurzeln bringt. Grund genug, der Gruppe ein bißchen auf den Zahn zu fühlen.

Ich spreche mit Christian Olde Wolbers, dem ehemaligen Bassisten der Band, der jetzt beim Reunion-Album ARCHETYPE zum Gitarristen aufgestiegen ist. Christian sitzt in Amsterdam, wo er heute schon über 20 Telefoninterviews gegeben hat. "Ich habe noch nie in meinem Leben so viel gesprochen", sagt er mir. Trotz glühendem Ohr und fusselig geredetem Mund ist der humorvolle Stanley-Clarke-Fan jedoch mehr als gewillt, mir ausführlich meine Fragen zu beantworten.

Gut zu sehen, daß es Fear Factory noch gibt. Ich erinnere mich, daß ihr euch vor einem Jahr getrennt habt, und jetzt gibt es plötzlich ein neues Album. Was ist passiert?

Die Beziehung zwischen gewissen Leuten in der Gruppe fand ein Ende. Manchmal leben sich Menschen auseinander, aus verschiedenen Gründen. Burt [Burton Bell, der Sänger] entschloß sich, auszusteigen. Er wollte alles hinwerfen, weil er es nicht mehr aushielt. Und das war's: Fear Factory waren fertig. Aber dann wollten uns Roadrunner nicht gehen lassen, weil wir immer noch unter Vertrag standen. Also konnten wir nichts anderes machen - wir wollten alle verschiedene Projekte machen. Also mußte ich einen Weg finden, damit wir vom Label loskamen, und ich wußte, wenn ich ihnen ein 4-Song-Demo für das nächste Album geben würde, als Trick - "her mit dem nächsten Scheck, unserer Vorauszahlung" - daß sie uns wahrscheinlich rauswerfen würden. Also erzählte ich das Burt und Raymond, und sie mochten die Idee. Roadrunner brütete 8 Monate über dem Demo und versuchten, herauszufinden, was sie damit machen wollten. Und letztendlich warfen sie uns raus. Wir waren frei, runter vom Label. Und dann bekamen wir ein Angebot von einem Label, eine Fear-Factory-Platte aufzunehmen. Wir dachten: Hmmm ... Wir hatten eine Menge Spaß, diese 4 Songs zu schreiben, die waren wirklich gut. Wir kamen darauf, daß es uns eigentlich gefallen hatte, zusammenzuarbeiten, also sagten wir: Machen wir ein Album. Warum nicht? Und der Vertrag ist wirklich gut. Kein Vertrag wie bei Roadrunner - wir hatten damals einen wirklich schlechten Vertrag unterzeichnet. Wir hatten eine Menge Spaß bei der Zusammenarbeit, ohne Streß, jeder war glücklich. Das hört man dem Album auch an.

Das Album klingt sehr wütend ...

Ja, es ist sehr brutal!

Bei einem Song, "Cyberwaste", schreit Burton: "Nothing you say matters to us!" --

(lacht) Da geht es im Prinzip um Kids, die in Internet-Chatrooms Schwachsinn reden. Als wir zuerst wieder zusammenkamen, gab es zum Beispiel auf dieser Website namens Blabbermouth all diese Kids, die nur Blödsinn geredet haben, ohne zu wissen, was sie überhaupt sagen oder was überhaupt Sache ist. Keiner von denen hat überhaupt eine Ahnung. Die sitzen nur da und denken sich diesen ganzen Schwachsinn aus. Schlimmer als die Boulevardpresse.

Du bist ja jetzt "aufgestiegen", sozusagen, und spielst jetzt Gitarre. Ihr habt also jetzt einen neuen Bassisten?

Ja, Byron Stroud von Strapping Young Lad. Wir haben ihn gefragt, ob er der Band beitreten will, und er sagte: Klar, los geht's. Wir kannten ihn schon seit 1998, er ist ein langjähriger Freund von uns. Es war sehr einfach, ihn in die Band zu kriegen.

Wie würdest du sagen ist Fear Factory jetzt anders, wo Dino weg ist und du Gitarre spielst?

Der größte Unterschied, den ich in den letzten zwei Jahren bemerkt habe, ist der, daß wir engere Freunde geworden sind als jemals in den zwölf Jahren zuvor. Das fühlt sich wirklich gut an.

Hat das etwas geändert beim Songwriting, beim Arbeiten im Studio?

Ja, natürlich. Wir halten uns nicht im Studio auf, wir nehmen die Songs auf und basteln nicht eineinhalb Jahre an ihnen herum. Was sonst nämlich passiert, ist, daß man die ganze Energie und den Vibe verliert. Deshalb sind Slayer-Alben so großartig: Die Songs sind fertig, und dann: Zack! Ins Studio und ab geht's. Oftmals, when man probiert, Songs über die Zeitspanne von einem ganzen Jahr zu schreiben, und Singles zu schreiben, dann müssen die Songs ein bestimmtes Format haben, und die Band wird nie wieder so klingen wie früher. Das mochte ich früher immer bei Hardcore: Das war nicht für irgendein Format geschrieben, das hatte jede Menge Energie. Ich glaube, wir haben eine Menge Fans mit DIGIMORTAL verloren. Ich wußte einfach, daß wir diesmal ein gutes, energiegeladenes Album aufnehmen mußten. Der Songwriting-Prozess war einfach, der einfachste, den ich je erlebt habe. Die Hälfte der Songs haben Raymond und ich an einem Tag geschrieben.

Ehrlich?

Ich meinte einen Song pro Tag.

Du hast von DIGIMORTAL gesprochen, und ich erinnere mich an eine Menge Kritiken, wo es hieß, daß ihr auf der Stelle tretet. Hat euch das für das neue Album beeinflußt?

DIGIMORTAL ... ich bin überhaupt nicht mit diesem Album glücklich. Ich weigere mich, Songs davon live zu spielen. Naja, tut mir ja leid für jeden, der DIGIMORTAL mag, aber ihr müßt euch mit den neuen Songs oder mit älterem Material zufriedengeben.

Was ging bei DIGIMORTAL schief?

Kein Vibe. Unsere Freundschaft fiel auch auseinander. Der ganze Prozeß des Songschreibens war sehr stressig und schmerzhaft. Wenn es nicht mal mehr Spaß macht, zur Probe zu gehen oder auf der Bühne zu spielen, dann macht man sich selbst und den Fans etwas vor. Jetzt fühle ich mich wieder wie 20, als ich zuerst spielen wollte.

Das neue Album heißt ARCHETYPE - Fear Factory ist ja so etwas wie der Archetypus moderner harter Musik.

Fear Factory ist der Archetypus, weil Burt damit anfing, zu gröhlen und zu singen. Das gab es vorher nicht wirklich. Burt war der erste, der dieses wirklich harte Gröhlen hatte und den Gesang, und ich glaube, er hat den Grundstock für viele der neuen Bands gelegt. Keiner hat die Gitarren so mit dem Schlagzeug verzahnt wie wir. Manche Bands ein bißchen, aber Fear Factory hat es zu einem neuen Extrem gesteigert. Die tiefgestimmten Gitarren - die Band war so verdammt heavy, daß sie mir, als ich sie zum ersten Mal gehört habe, in den Magen getreten hat.

Viele der Bands, die ihr beeinflußt habt, sind ja mittlerweile erfolgreicher als ihr. Vor allem einige der Nu-Metal-Bands, die sogar in die Charts kamen. Glaubt ihr, daß ihr die Anerkennung kriegt, die ihr verdient?

Ich will keine Anerkennung verdienen, ich will nur, daß die Leute unser neues Album mögen (lacht). Ich versuche, bescheiden zu bleiben und mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Ich versuche nicht, nach Dankbarkeit und Anerkennung zu suchen. I just want to come to town and bring the roof down!




Dieses Interview erschien zuerst am 28. April 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Mehr Rock!

Straighter Garagenrock auf 110% ROCK, dem zweiten Album der Alternative Allstars unter Leitung von Thumb-Chef Claus Grabke.

Vorsicht ist ja mithin geboten, wenn die Promo-Info eines Albums mehrere Absätze darauf verwendet, mit wem die zu beurteilenden Musiker nicht schon alles gespielt haben. Da steht dann: "Otto Klotz hat mal bei Crazy Slipkornbizkit Townfarm getrommelt", was ja an und für sich lobenswert ist, aber eigentlich irrelevant, und dann werden zig Bands genannt, mit denen sie schon mal auf der Bühne standen. Färbt Talent ab?

Bei den Alternative Allstars ist die betreffende Info des Labels lang, aber alle Befürchtungen zerstreuen sich schon beim ersten Anhören der CD. Ab da ist es dann nämlich egal, daß Bandmastermind Claus Grabke obszön viele Projekte leitet und noch dazu Skateboardchampion ist - die Musik ist von der ersten Note an frisch und tönt druckvoll aus den Lautsprechern. Die Allstars machen auf ihrem zweiten Album 110% ROCK, und das kann man als grammatikalisch korrekten deutschen Satz so stehenlassen.

Nach der Etikette "Garagenrock" ist natürlich schon alles Wissenswerte über das Album gesagt. Schließlich zeichnet es diesen Stil aus, daß er nicht den Kopf, sondern den Bauch anspricht. Das Allstars-Album trifft hierbei ins Schwarze: Die Gitarren schrammeln energiegeladen durch riffstarke Songs mit feinen Melodien. Zu den einzelnen Songs kann man wahlweise herumspringen oder auf- und abhüpfen, sieht man mal von der obligatorischen Ballade "Emotions" ab. Gastauftritte von den Sängern von den Donots und 4LYN lockern das Album auf, hier und da denken die Älteren unter uns an den Stadionrock der 80er, und während die erste Single, "Rubberball", für Stimmung sorgt, ist der eigentliche Favorit das intensive "Take Me Higher" (inklusive Mitschreifaktor ohne Aufpreis).

Die Presseinfo nennt das "ehrlichen Rock" und weist stolz darauf hin, daß die Bandmitglieder sogar ihre eigenen Bänder gewechselt haben. Den Ehrlichkeits- und Authentizitätsanspruch von Rockmusik werden wir wohl selbst nach zehn Jahren Grunge-Niedergang nicht wieder los. Aber ob Grabke das ehrlich meint oder nicht, ist doch eigentlich völlig egal: Wichtig ist, daß das Album Spaß macht, unverbraucht klingt und feine Song-Perlen bietet. Den uneingeschränkten Genuß garantiert natürlich auch die Tatsache, daß die Pressinfo den CDs gar nicht beiliegen wird.




 Dieser Text wurde erstmals am 14. April 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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Musik als Fluchtplan

FRITZ-Interview mit In-Flames-Bassisten Peter Iwers über das vor Kurzem veröffentlichte neue Album SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE.

Die schwedische Band In Flames gibt es ja schon seit zig Alben und noch mehr Umbesetzungen, aber so richtig Notiz genommen von ihnen hat die Öffentlichkeit eigentlich erst 2002, als ihr Album REROUTE TO REMAIN veröffentlicht wurde - ihre ganz eigene Mischung aus konventionellen Extremmetal-Sounds, warmen Klängen und eingängigen Melodien hat zu diesem Zeitpunkt irgendwie auf sich aufmerksam gemacht. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Amerikanerin, die sehr auf Tool abfuhr und mir mit leuchtenden Augen von dieser neuen Band aus Europa erzählte: "Die sollen super-heavy sein".

Nun, so extrem sind In Flames vielleicht nicht, aber trotzdem konnte REROUTE TO REMAIN punkten. Zwei Jahre später legt die Gruppe nach - SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE heißt das Werk, auf das eigentlich alles zutrifft, was man schon über den Vorgänger sagen konnte. Das Album mag hier eine Spur kantiger sein, dort eine Melodie mehr haben, aber im Großen und Ganzen ist es eine Fortsetzung von Altbewährtem. Neue Anhänger werden die Jungs hiermit sicher nicht finden, aber das Album wird die alten auch nicht vor den Kopf stoßen.

Nach mehrmaligem Durchhören der Promo-CD fällt auf, daß die Tracks eine Zeit lang brauchen, bis sie wirklich zünden. Aber beim dritten oder vierten Anhören bleiben die Songs im Kopf und erlauben es, Feinheiten herauszuhören. Der Sänger ist diesmal nicht ganz so weit in den Hintergrund gemischt wie beim Vorgänger, aber seine typische Mischung aus Krächzen und Kreischen irritiert auch hier mitunter, wenn man mit seiner Vortragsweise nicht hundertprozentig warm wird.

Eine Woche nach Erhalt der CD telefonierte FRITZ mit Peter Iwers, dem Bassisten der Band, der Iron Maiden und Slayer als seine zwei Lieblingsbands nennt, aber auch viel Toto hört und gerne Jazz mag. Peter, der im Moment in Stuttgart sitzt, redet entspannt und in charmant akzentuiertem Englisch über das neue Album.

Was bedeutet der Titel, SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE?

Nun, Anders (Friden, der Sänger der Band, Anm.) hatte diese Idee. Ich denke, er meint damit einen Weg, von sich selbst zu flüchten, von Problemen, die man vielleicht hat, oder von der Realität im Allgemeinen. Einfach in die Welt der Musik flüchten - die Kopfhörer aufsetzen und alles andere vergessen. Ich habe das früher gemacht. Ich war in der Schule, mußte Aufsätze und so schreiben, und ich habe immer einen Walkman hereingeschmuggelt. Ich habe dann versteckt Musik gehört, unter meinen Haaren, und dank der Musik entkam ich der Realität und konnte mein Bestes in der Schule geben. Ich glaube, viele Leute tun das so. Es muß nicht unbedingt Musik sein, aber sie brauchen etwas, um wegzukommen. Manche Menschen machen Übungen, machen Yoga, manche hören Musik, um von ihrem inneren Selbst wegzukommen.

Was, würdest du sagen, sind die Unterschiede zwischen dem letzten Album, REROUTE TO REMAIN, und dem neuen?

Ich glaube, wenn du dir die zwei Platten hintereinander anhörst, würde ich sagen, die neue ist härter, ein bißchen aggressiver. Zugleich haben wir all die Melodien und Harmonien behalten. Ich glaube, es ist ein weiterer Schritt nach vorne, an manchen Stellen thrashiger, an anderen poppiger. Wir haben nichts anders gemacht als früher, als wir die Musik geschrieben haben, wir haben nur probiert, nicht das gleiche Album zweimal zu machen.

Wie würdest du generell den Sound deiner Band beschreiben?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiß nicht ... manche Leute nennen es - oder nannten es - melodischen Death Metal, und das ist es wohl auch immer noch zu einem gewissen Grad. Manchmal ist es Popmetal, Thrash ... vielleicht moderner Metal? Ich weiß nicht, ich tue mich sehr, sehr schwer, nicht nur unsere Band einzuordnen, sondern alle Arten von Musik. Ich meine, es ist Metal, aber es ist anders als andere Metalarten. Es ist Power Metal ... keine Ahnung, wirklich. Es ist eine Mischung aus aggressivem Pop und weichem Thrash.

Ein Freund von mir hat gesagt, In Flames seien "Göteburg-Sound".

Ja, aber das kann man so nicht mehr sagen. Es gibt so viele Gruppen, die aus Göteburg kommen, und die klingen alle total unterschiedlich. Früher einmal, als wir uns alle viel ähnlicher klangen, war das vielleicht zutreffend, aber ... ich weiß nicht, ich nenne es einfach Musik, und wir versuchen, die beste zu machen, die wir machen können.

Ihr habt ja Shows zusammen mit Shadows Fall und anderen modernen amerikanischen Metalbands gespielt. Was, glaubst du, sind die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der europäischen Metalszene?

Ich glaube, daß die Amerikaner viel mehr verschiedene Bands haben als die Europäer - zum Beispiel gibt es all diese Bands wie Korn und Limp Bizkit, es gibt Shadows Fall, Chimaira, Killswitch Engage, und in Europa gibt es Power-Metal und Death Metal und so. Wir sind in zwei verschiedenen Welten aufgewachsen, aber ich glaube, daß viele amerikanische Bands - nicht auf dem Korn-Level, natürlich, sondern auf dem Shadows-Fall-Level - von vielen europäischen Bands beeinflußt wurden, und sie haben das dann auf ihre Seite der Welt genommen und ihren eigenen Sound geschaffen, haben ihn mit all den anderen Arten Musik verbunden, die sie hören.

Ein Review von REROUTE TO REMAIN besagte: "Es ist offensichtlich, daß die Band verstärkt die jetzigen populären amerikanischen Metal-Acts hört ... Manche der Refrains klingen wie etwas, was Linkin Park oder Papa Roach spielen könnten." Was denkst du darüber?

Das ist okay. Ich meine, wir hören uns diese Bands an, absolut. Wir hören uns auch Iron Maiden an, Dio, Helloween, Anthrax, Metallica. Egal, wir hören uns alles an. Und das haben wir schon immer gemacht: Wir hören uns etwas an, das uns gefällt, und wir sind von allem beeinflußt, das uns gefällt. Und wir schämen uns nie, das zuzugeben. Wir denken nie, "Jetzt werden wir so klingen wie Linkin Park oder wie Iron Maiden" - wir versuchen nur, uns von guter Musik beeinflussen zu lassen und dann gute Musik zu schreiben, die neu ist.

Es gibt ja eine Menge Diskussion über "True Metal" und so - seid ihr da irgendwie involviert?

Nein ... ich verfolge diese Diskussion natürlich. Manchmal ist das ganz interessant, manchmal ist es lästig, wenn die Leute sich so emotional damit beschäftigen, welche Art Musik andere Bands machen. Zunächst mal - und das trifft nicht nur auf In Flames zu, sondern für alle Musiker in allen Bands, die die Musik schreiben - schreiben alle freilich für sich selbst. Und dann fangen die Leute an - zum Beispiel haben eine Menge Leute Soilwork genervt, daß sie sich ausverkauft hätten. Und das ist Bullshit, ich kenne die Jungs persönlich und ich weiß, daß sie dieses Album gemacht haben, weil sie es so machen wollten. Es ist genau die Musik, die sie zu dem Zeitpunkt machen wollten. Und die Leute haben dann gesagt, sie seien nicht "true" und so weiter, aber sie sind viel mehr "true" als irgendeine andere Band, die ich kenne, weil sie das gemacht haben, woran sie glauben.

Ist kommerzieller Erfolg ein Thema für euch?

Es ist immer ein Thema in dem Sinn, daß wir immer mehr Leute dazu bringen wollen, die Band zu kennen, und wenn sie dann sagen, daß sie uns nicht mögen, hatten sie zumindest die Chance, sich uns anzuhören. Aber das ist nichts, auf das wir uns wirklich konzentrieren, in dem Sinne, daß wir eine bestimmte Art Musik machen, um erfolgreich zu sein. Es halt sich halt bislang so ergeben, daß die Musik, die wir machen wollten, von vielen Leuten gut gefunden wurden, und ich hoffe wirklich, daß es auch in Zukunft so ist.

Könntest du dir vorstellen, aus der Band auszusteigen und mit einer anderen Gruppe zu spielen?

Nein. Die Jungs sind meine Brüder.





Dieses Interview wurde am 18. Februar 2004 geführt und erschien zuerst am 1. April 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Griff inklusive

Grip Inc. kehren nach einer halben Dekade Pause mit ihrem besten Album zurück: INCORPORATED.

Geschlagene fünf Jahre ist es her, daß wir das letzte Mal von ihnen hörten: Grip Inc., die Gruppe um Ex-und-jetzt-wieder-Slayer-Drummer Dave Lombardo, Gitarrist und Produzent Waldemar Sorychta sowie Sänger Gus Chambers. Nach drei feinen Schwermetall-Platten, mit denen sie uns in der zweiten Hälfte der 90er Jahre beglückten, war erstmal Funkstille angesagt. Die Zeit war nicht reif für ein neues Album, sagten sie.

Jetzt ist sie reif. Und das hört man INCORPORATED (SPV/Steamhammer, VÖ: 15. März), dem Nachfolger des 1999 erschienenen Albums SOLIDIFY, auch an: Dave und Co. gehen mit mehr Kraft und Ambition denn je zu Werke. Die Platte hat Druck und befriedigt jeden Liebhaber harter Klänge, bietet aber auch genug Melodie und ungewöhnliche Abstecher, um sie weit aus der Masse der immer gleich klingenden Metalveröffentlichungen meist minderjähriger musikalischer Missetäter herausstechen zu lassen.

Gleich der Opener, "Curse (Of The Cloth)", gibt die Fahrtrichtung vor: hyperschnelle Blastbeats, ein exotisches Zwischenspiel auf der Flamenco-Gitarre, danach tonnenschwere Riffs. Mit "The Answer" befindet sich ein nicht minder heftiger Sturm im Anschluß, dessen Refrain starken Ohrwurmcharakter besitzt - obwohl er interessanterweise weniger melodisch ist als die Strophen dazwischen!

War die Gruppe beim letzten Mal noch hermetisch abgeriegelt, so hat man sich diesmal mit Gastmusikern zusammengesetzt. Erwähnenswert insbesondere ist hier der Auftritt eines Apocalyptica-Viertels, der nicht nur "(Built To) Resist" mit dramatischen Streichern anreichert. Auch Soundspielereien lassen sich finden, wie die Keyboard-Klänge, die unaufdringlich in "Prophecy" oder "The Gift" eingewoben wurden.

Die Pause hat den Metallmannen hörbar gut getan, denn die Spielfreude der Band steht bei INCORPORATED bei elfundneunzig Prozent. Diese Leidenschaft war übrigens ebenso spürbar im Interview mit Waldemar Sorychta, das ihr im Anschluß nachlesen könnt. Eine uneingeschränkt empfehlenswerte CD!





Dieser Text erschien zuerst am 13. März 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Griffbereit

Die Metal-Formation Grip Inc. kehrt am 15. März mit ihrem besten Album zurück: INCORPORATED. Grund genug für ein Gespräch mit Gitarrist und Produzent Waldemar Sorychta.

Mitte der 90er Jahre verließ das Schlagzeugübertalent Dave Lombardo seine Band Slayer, um Grip Inc. zu gründen. Nach drei kompromisslosen, beeindruckenden Alben wurde es aber zunächst still um die Formation um Lombardo, Sänger Gus Chambers und Gitarrist und Mastermind Waldemar Sorychta. Vier Jahre später erscheint INCORPORATED - und damit wohl die gelungenste Platte der Metalkombo, die sich ambitionierter und kraftvoller zeigt denn je. Nach begeistertem Anhören der Promo-CD (siehe unsere CD-Kritik) wird es höchste Zeit für ein Telefoninterview mit Waldemar, der auch alle vier Scheiben der Gruppe im Alleingang produziert hat.

Waldemar ist "der einzige Part, der aus der deutschen Ecke kommt" - genaugenommen aus Dortmund - und entpuppt sich als entspannter, freundlicher Gesprächspartner, der mit größter Leidenschaft über die Musik seiner Band redet. In der kommenden halben Stunde sollte er mir nicht nur Hintergründiges über das neue Album und dessen Songs erzählen, sondern auch Erstaunliches über seinen vermeintlichen Verbrecherstatus in den USA.

Du sagst in den Liner Notes der Promo-CD, dass der Moment für ein neues Album einfach lange Zeit irgendwie nicht da war, der sei erst jetzt gekommen nach vier Jahren. Kannst du da etwas Näheres drüber sagen?

Es ist so: Wenn man eine bestimmte Sache jahrelang macht, mit den selben Leuten, und das ist nicht nur eine Angelegenheit, die ist zwei Stunden am Tag und dann ist es gut ... Musik ist etwas, das sehr viel - vor allem Musik, die wir machen - mit Emotion zu tun hat. Nach einer Zeit verflacht das so ein bisschen, man bekommt so eine bestimmte Art von Routine. Und dann hat man zwei Wege zu gehen - entweder sagt man: Okay, das ist unser Beruf, wir machen das halt weiter, egal, ob wir jetzt da unsere Emotionen reinpacken oder nicht - wir können weiterhin darüber so reden, als ob wir so tun würden - aber wir machen erst mal konkret unsere Arbeit und damit hat sich's ... oder in unserem Fall war's so, dass man schon spürte, dass irgendwo die Bereitschaft, alles - also wirklich alles - dafür zu geben, nicht vorhanden war, zumindest mal nicht so, wie man sich das gerade vorstellt.

Wir hätten vor zwei, vor drei Jahren eine wirklich gute Platte aufnehmen können, die meisten Lieder wären zu diesem Zeitpunkt vermutlich auch schon dagewesen, nur - das Herz hätte da gefehlt. Und das ist eben das Wichtigste bei dieser Art von Musik. Wenn die Emotion nicht da ist, und die Bereitschaft, alles zu geben, wenn dieser Hunger, dieses Feuer nicht mehr da ist, dann hat die Platte irgendetwas verloren, und zwar das Wichtigste. Und deswegen haben wir dann diese Entscheidung getroffen, beziehungsweise erst mal gesagt, lasst uns erst mal abwarten - wir haben nie gesagt, dass wir uns jetzt auflösen wollten oder nie mehr etwas miteinander zu tun haben wollen, sondern die Antwort war immer so: Wenn wir eine Platte machen, dann aber richtig. Also für halbe Platten, oder für Platten, die irgendwie möchtegern-emotional sind, aber es letzten Endes nicht sind, haben wir keine Lust. Und ich hab' schon überhaupt keine Lust, so'n Scheiß zu machen.

Deshalb hat man jetzt die Sache ein bisschen zur Seite gelegt, jeder hat so seine Sachen gemacht, bis man schließlich merkte, so nach drei, vier Jahren, dass es wieder kribbelt und dass man immer öfter wieder den Gedanken hatte: "Komm, wir müssen jetzt was machen". Dann haben wir uns immer wieder zusammengeschlossen und darüber ernsthaft gesprochen und haben dann angefangen, diese ganze Sache vorzubereiten. Und das Resultat ist dann letztendlich so gewesen, dass in dem Moment, wo wir wieder alle aufeinandergekommen sind, um die Platte aufzunehmen und vorzubereiten, da sprühten wir alle vor Energie und vor Lust, die Platte aufzunehmen. Wenn man uns im Studio gesehen hätte, mit welcher Lust und mit welcher Energie wir zu Werke gehen, dann hätte man das nicht für möglich gehalten, dass eine Band, die seit zehn Jahren zusammen Musik macht - oder mittlerweile nach über zehn Jahren - wieder mit so einem Engagement zu Werke gehen kann. Also war die Pause verdammt, verdammt wichtig.

Ich finde das eine tolle Einstellung, und man hört es der Platte an - das Teil hat wirklich Feuer. Man hört, ihr habt wahnsinnig viel Spielfreude da drauf und ich finde sie auch sehr viel ambitionierter als die Platten davor. Ihr habt wahnsinnig viele Ideen gesammelt und einbauen wollen - also, du sagst, schade, dass man euch nicht gesehen hat, aber ich finde, man hört es der Platte an.

Das ist ja auch das Wichtigste und letzten Endes auch das, was ich gesagt habe: Vor zwei, drei Jahren fehlte dann wahrscheinlich das Wichtigste, das Herz. Denn bei dieser Musik, die wir machen, ist das letztendlich - wirklich, du musst nicht alles perfekt einspielen, wenn aber du das Feuer da drin hast, und dieser Wille ungebrochen ist: "Das ist das, was wir wirklich machen wollen", dann hört man das auch auf jeden Fall heraus.

Eine kleine Sache, die ich noch dazugeben muss - eine zweite Sache, die jetzt nicht unbedingt dafür verantwortlich war, dass es so lange Zeit gedauert hat, aber die uns zum Schluß unsere Planung sehr kaputt gemacht hat, war die Tatsache, dass ich aus den USA ausgewiesen worden bin.

Tatsächlich?

Unser Hauptsitz zum Proben war immer Los Angeles, bei Dave, und bei dieser ganzen Vorbereitung, wo wir anfangen wollten Anfang letzten Jahres, hat man mir die Anreise verweigert und hat mich auch mit Handschellen gefesselt und hat mich behandelt, als sei ich minderwertiger als ein Hund. Der Grund für dieses ganze Theater war, dass seit der neuen Regierung die Gesetzte sehr geschärft worden sind - man nimmt immer als Vorwand Terrorismus, dabei frage ich mich, in welchem Fall geht das dann in meine Richtung? Man hat angeblich in meinen Papieren irgendwas herausgefunden, dass ich vor sieben Jahren - vor sieben Jahren! - mich angeblich einen Tag zu lange in den USA aufgehalten habe. A) stimmte die Rechnung nicht, B) war die Sache, dass das sowieso geplant worden ist von meinem Management, das aus den USA ist - und auf die Frage, ob ich mal mein Management sprechen könnte, hätte ich beinahe eine aufs Maul bekommen und man hat mir mit Gefängnis für mehrere Tage gedroht, und erst dann habe ich verstanden, wie wenig - wie "nichts" - man quasi bedeutet, wenn eine Macht sich auf einmal sagt: "Nein, solche Leute wollen wir hier nicht".

Das ist ja absolut unglaublich.

Das ist ja unglaublich. Der Punkt war halt, dass die dadurch unsere Pläne alle zunichte gemacht haben - wir mußten von vorne neu planen, einen neuen Plan erstellen, wie wir jetzt proben. Wir haben einen zweiten Proberaum in Deutschland, in Dortmund eben - das Gute ist, dass Gus seit mehreren Jahren eben auch schon in Dortmund wohnt. Die ganze Vorbereitung zwischen mir und Gus lief dann auch wunderbar, nur mit diesem ganzen Organisatorischen, wie man das jetzt mit Dave macht, das hat uns sehr viel Schwierigkeiten gemacht. Wir mussten komplett unsere Pläne austauschen und neu umarrangieren, was natürlich nicht so einfach war. Und dann auch der ganze Frust: Man muß sich ja auch noch vorstellen, dass ich in den ganzen 14 Jahren Aufenthalt in den USA - es gab Jahre, wo ich von 12 Monaten 10 dort drüben war - nicht einmal einen Strafzettel fürs Falschparken bekommen habe, und dann auf einmal so was. Man hat das Gefühl: "Ich werde gleich hier ausgepeitscht, weil sie mir jetzt irgendwo ein Attentat anhängen wollen."

Wahnsinn. Ist das jetzt geklärt oder darfst du im Moment wirklich nicht nach Amerika?

Nein, ich darf nicht. Ich bin sogar, soviel ich weiß, jetzt notiert als Verbrecher da drüben.

Das gibt's ja nicht. Wahnsinn.

Die Geschichte ist zu lang, um jetzt auf jedes Detail einzugehen, aber ich glaube, man kann sich ein bisschen vorstellen, dass das auch gerade in so einer Situation nicht unbedingt hilfreich für uns war.

Ich glaube, es zeichnet auch ein ganz klares Bild vom politischen Klima. Ist davon irgendwas in das Album eingeflossen, habt ihr das in irgendwelche Songs reingepackt?

Na gut, die letzte, also die finale Entstehungsphase des Albums - also was ich damit meine, ist die komplette finale Vorproduktion, wo es wirklich um die Details ging und so weiter - die ist in den Zeiten entstanden, wo wir schon kurz vorm Krieg und dann im Krieg waren. Ich sage bewusst "wir", denn nur weil eine Nation es führt, betrifft es uns am Ende alle. Nur weil irgendein Unheil eine Straße weiter ist, heißt das nicht, dass das übermorgen nicht hier sein kann. Und der Punkt ist, dass da sehr viele Sachen gelogen und falsch gelaufen sind. Und es sind sehr viele Sachen, die natürlich uns beeinflusst haben während der Vorproduktion und die Sache greift dann letztendlich auch noch mit ein.

Es ist ja so, dass in diesen Liner Notes darauf hingewiesen wird, dass ihr in den Texten - z.B. von dem Song "The Answer" - sozialkritische Themen aufgreift. Das spielt da sicher auch ein bisschen mit rein, nehme ich an?

Sogar sehr viel. Also, wenn man sich das jetzt genauestens durchliest - viele Sachen haben auch sehr viel Aussage zwischen den Zeilen. Alleine der Titel, "Built to Resist", oder die Zeile von "The Answer" - "Battle of the Fathers" - ich glaube, man kann das so sehen, wie man will, aber letztendlich ist für uns die Sache sehr klar, was damit ja auch gemeint ist. Die Sache ist dann nur, dass wir die Sachen dann nicht gerne beim Namen nennen und dann sagen: "Der und der hat was falsch gemacht". Wir wollen uns jetzt auch nicht darstellen als diejenigen, die über alles Bescheid wüßten und das Recht hätten, Leuten zu sagen, was denn letztendlich schlecht oder besser wäre. Das muß man schon selbst entscheiden. Wir schreiben und beschreiben halt unsere Gefühle da drin, und so, dass man die Aussage zwischen den Zeilen sehr deutlich hat, aber auf den ersten Blick nicht immer alles so auffällt, wie es letztendlich gemeint ist.

Das macht die Sache auch interessanter, wenn man sich ein bisschen damit auseinandersetzen kann.

Ja, wenn man die Tatsachen jetzt noch nimmt - was mir passiert ist, was uns letztendlich am eigenen Leibe getroffen hat - dann fallen vielleicht manche Zeilen auch leichter zu verstehen, als wenn man es nicht wüßte.

Was ist mit dem Albumtitel an sich, INCORPORATED? Steckt da etwas Spezielles dahinter oder ist das nur die Variation vom Bandnamen?

Siehst du, eben nicht - das war auch das, was die meisten am Anfang dachten. Also, alles, was wir machen, hat schon irgendwo einen Sinn, und nichts ist da dem Zufall überlassen. Viele Sachen entstehen sehr, sehr spontan. Nur: Spontan ist immer noch etwas anderes als zufällig. "Incorporated", damit wollten wir sagen - daher auch das Cover des Albums, mit diesen Zahnrädern - damit wollte ich besonders aufmerksam machen, dass eine große Maschinerie, die aus 20 Millionen Zahnrädern besteht, letztendlich keine Funktion hat und Schrott ist, wenn nur ein Zahnrad kaputt ist oder selbst nur ein Zahn von einem Zahnrad kaputt ist. Was wieder zum Ausdruck bringen soll, dass jedes Teil genauso wichtig für diese Gesamtheit ist, und nicht nur das Komplette - man soll das Komplette sehen, das Komplette hat letztendlich die Funktion. Doch letztendlich verantwortlich für die Funktion ist jedes kleinste Zahnrad. Und das soll dieses "Incorporated" noch verstärken, um zu zeigen - nach so vielen Jahren: Wir sind wieder vereint, wir sind wieder als eins da. Und ohne diese Kleinigkeiten, die auf dem Weg da waren, wäre diese Platte nicht so geworden, wie sie jetzt ist.

Interessant. Der Song, der mir total aufgefallen ist auf dem Album, beim ersten Durchhören schon, ist "Built to Resist" - er ist sehr orchestral, klingt teilweise kammermusikalisch. Ihr habt das auf ein paar anderen Songs auch teilweise, z.B. "Privilege" hat ja auch die Orchestersounds mit drin. Wollt ihr mehr in der Richtung machen in Zukunft?

Wir haben auf dieser Platte besonders Wert drauf gelegt, dass alles echt ist, dass alles live gespielt ist - und die Chöre, die Stimmen, die hohen und tiefen Stimmen, das ist alles echt gesungen, auch Sitar und alles andere. Wir haben mehrere Gastmusiker auf der Platte, die zum Teil fünf, zum Teil zwei Tage gespielt haben, je nach Part und so weiter. Und gerade bei den Stücken, die du gerade genannt hast, haben wir als Gast Eicca von Apocalyptica, der Cellos gespielt hat. Die ganze Geschichte ist ja so, dass Dave vor kurzem - also zumindest zu dem Zeitpunkt, wo wir in der Vorbereitung waren - auf einer Platte von Apocalyptica auch als Schlagzeuger gespielt hat. Da hat's sofort geklungen, da habe ich in meiner Kiste gegraben und gesagt: "Guck' mal, ich hab' hier damals ein Stück nur für Cellos geschrieben", und da uns das sofort allen gefiel, war das dann letztendlich keine Frage - das war in nullkommanichts entschieden. Und das haben wir dann letztendlich auch so gemacht.

Die Infos stehen leider bei unserer Promo-CD gar nicht dabei.

Das ist allerdings sehr, sehr schade. Der Punkt ist, dass ich ein Stück wie "Built to Resist" nie auf die Platte genommen hätte, wenn das jetzt nur mit Keyboards gemacht worden wäre, denn das Stück ist extra für Cellos geschrieben und es wäre einfach gnadenlos schlecht, wenn man nur Samples genommen hätte. Eine Musik lebt eben davon, dass sie Menschen spielen. Und vor allem, wenn die Musik sehr viele Gefühle beinhaltet und keine flache Scheiße ist - ich sag's mal so.

Wie würdest du generell sagen, wie das Album im Vergleich zu den Vorgängern aussieht?

Also ich hab's meist ... Während der Produktion und nachdem die Platte fertig war, konnte ich sie Leuten schon vorspielen, aber vorher, wo ich das noch nicht konnte, hab' ich meistens den Leuten so einen Satz gesagt: "Nimm die drei Platten zusammen und such' dir dann die besten Stücke zusammen, dann denke ich mal, wird die Platte sie noch schlagen."

Reden wir mal generell über die Band. Wie würdest du den Sound von Grip Inc. beschreiben?

Super-Hyper-Hypnotized-Mega-Metal-Geil.

Okay ... also es gibt noch keine Sektion im Plattenladen, die so heißt.

Also, unsere Musik ist auch immer sehr persönlich. Ich muss auch sowas erwähnen, dass ich z.B. sehr wenig Musik höre, aber dafür sehr viel Musik mache. Ich bin null, aber absolut null beeinflusst von Sachen, die gerade in sind. Du kannst mir jetzt Bands vorspielen oder nachfragen, "das ist gerade in und das ist dies" - interessiert mich einfach nicht. Meine Inspiration ist einfach das Leben. Wie ich nach Hause komme, mit welchen Emotionen, mit welchen Gefühlen ich mich da dran setze. Und ich will mich da in der Musik nicht selbst belügen und irgendwelche Sachen machen, die ich selbst den nächsten Tag nicht mehr hören kann, sondern die einfach vom Inneren, vom tiefsten Inneren her kommen. Deswegen beinhaltet diese Musik sehr viele emotionelle Momente, aber auch sehr viele Sachen, die aus anderen Bereichen sind - da ich grundsätzlich Musik liebe und mir keine Grenzen stelle. Wenn wir jetzt ein Metal-Publikum erreichen wollen, muss ich nur diese Art von Liedern machen. Diese Barriere haben wir uns als Band nie gesetzt, und das war auch immer das Gute dabei: Deswegen lieben wir das, was wir machen, da wir vom Charakter her auch drei irgendwo auf der einen Seite verschiedene Leute sind, doch letztendlich, in dem Moment, wo wir aufeinander zusammenprallen und die Musik machen - das bringt uns immer zu dieser starken Einheit. Incorporated halt.

Was mir am Sound sehr gefällt, ist die Verbindung von traditionellen Sounds mit neuen Sounds, und eben auch Klänge, die man im Metalbereich nicht hört.

Das ist jetzt auch keine Art von Sich-beweisen-wollen oder irgendetwas auszuprobieren, denn in jedem Bereich von diesen Klängen existieren bei mir mehrere Arten von Liedern, wo ich vielleicht sogar ganze Alben davon herausbringen könnte - nur, der Punkt ist ja nicht ... die Musik wird ja nicht besser, wenn ich mit jedem Lied, was ich irgendwo geschrieben habe in meinem Leben, sofort in die Öffentlichkeit rennen will. Das ist nicht die Hauptsache, warum Musik Musik ist. In dem Moment, wo wir als Einheit mit Grip da sind und diese Stücke halt vortragen, ist das wirklich die beste Form. Du kennst bestimmt auch viele Sachen, die vom Orchester gespielt werden, viele Rockklassiker. Je nach Orchester, je nach Arrangement klingen die unterschiedlich. Einmal gefallen sie dir, einmal nicht. Manchmal verfehlen sie den Sinn des Liedes, manchmal treffen sie den auf den Punkt - obwohl das letztendlich die gleichen Melodien sind. Deshalb: In der Musik ist es wichtig, sie mit Leuten zu teilen, die dann das gleiche mit dieser Musik auch ausdrücken wollen.

Stört es dich manchmal, dass Grip Inc. oft als "die Band von Dave Lombardo" gilt?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: "Nein, das stört mich überhaupt nicht". Aber es ist jetzt auch nicht so, dass mir das total Kopfzerbrechen bereitet. Denn für mich selbst weiß ich, was die Band ist und was sie tut - für die Öffentlichkeit ist es manchmal besser, wenn die Band durch einen Namen mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als wenn sie das gar nicht tun sollte. Es wäre viel zu schade für diese Art Musik, einfach nicht beachtet zu werden. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Leute das nicht immer so flach sehen und sich ein bisschen damit auseinandersetzen.

Du hast alle vier Alben der Band produziert. Habt ihr euch mal überlegt, dass ihr einen Produzenten von außerhalb reinholt, um andere Ergebnisse zu erzielen?

Ein einziges Mal haben wir darüber gesprochen, das ist verdammt viele Jahre her. Der Grund war damals tatsächlich - nicht von meiner Seite - dass irgendwo zumindest mal die Idee da war, was anderes auszuprobieren. Was nicht besonders außergewöhnlich ist, sondern bei jeder Band gang und gebe ist. Der Punkt ist nur, dass man schwer den Richtigen finden konnte, vor allem, da ich schon von vornherein das komplette Bild im Kopf habe. Es geht ja nicht darum, dass ich ins Studio gehe und dann noch zig Sachen ausprobieren will oder mir bei dieser oder jener Sache unsicher bin, sondern, dass man schon von vornherein mit der konkreten Idee ins Studio geht. Und daher kann dann so eine Sache zweideutig ausgehen: Man kann Glück haben und es funktioniert, zumindest mal als Co-Produzent, aber wenn man Pech hat, entsteht dann so eine Barriere, dass dann ein Co-Produzent eine ganz andere Idee hat als die, die ich habe - und ich glaube, da ist keinem dann gedient. Da hat man mehr Stress und mehr Streit, als dass man wirklich die Musik vorwärtsbringt. Und da hat man dann auch bei den anderen schnell gemerkt, dass es eigentlich keine Sache ist, über die wir uns den Kopf zerbrechen.

Beeinflussen die anderen Bands, die du produzierst - die Liste ist ja sehr lang - das, was du in Grip machst?

Nein. Definitiv nein. Man hat ständig mit neuen Leuten, mit denen man arbeitet, neue Erfahrungen, da sind viele verschiedene Kulturen - ich habe, glaube ich, mit so ziemlich allen europäischen Ländern gearbeitet, und da ist natürlich die Art und Weise, wie man miteinander spricht und umgeht, deutlich unterschiedlich. Der Punkt ist aber, dass Musik etwas total Internationales ist, und da gibt es nur wirklich das, was man innen drin fühlt. Und da ist dann egal, ob das finnisch oder schottisch oder auch mexikanisch ist - Musik ist der Ausdruck einer Persönlichkeit, und daher versuche ich viel von dem, was ich in der Musik sehe, auch den anderen Bands weiterzugeben und die auch immer dazu zu bewegen, dass es viel wichtiger ist, eine glaubhafte und ehrliche Platte aufzunehmen, als eine Scheiß-Platte aufzunehmen, die vielleicht am Ende ein paar Stück mehr verkauft, aber die du vielleicht in zehn Jahren nicht mehr hören kannst. Und am Ende wirst du davon mehr kaputtgehen, als wenn du einfach dir selbst ehrlich bleibst.

Gibt es irgendwelche Bands oder Musiker, die du gerne produzieren würdest oder mit denen du zusammenarbeiten möchtest?

Die Musiker, vor denen ich sehr, sehr großen Respekt habe, sind meist Leute, denen ich auf keinster Art und Weise zutrauen würde, dass die überhaupt einen Produzent brauchen. Die Leute, die ich irgendwo sehr respektiere, sind auch meist Leute, die sehr eigensinnig quasi in dieser Sache sind und die auch von vorne bis hinten ganz genau wissen, was sie wollen. Da wäre es sicher mal ganz interessant, etwas auf die Beine zu stellen - aber hey, die Band ist nichts anderes als das (lacht).
Schön langsam nähert sich das Interview dem Ende. Waldemar erzählt mir noch, dass zukünftige Tourneepläne noch nicht konkret sind, hofft aber, bald durch die Musikhütten der Welt ziehen zu können. Auf eine fehlende Grip-Homepage angesprochen, zeigt er sich überrascht ("Du bist der erste, der das fragt"), verspricht aber Besserung, damit die Gruppe auch wieder Internet-Präsenz zeigt. Ich bedanke mich bei Waldemar für ein über 30-minütiges, interessantes Gespräch, verabschiede mich und wärme meine Finger auf, um das Interview von der Minidisc zu Papier zu bringen.





Dieses Interview erschien zuerst am 13. März 2004 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Deathmatch der 3D-Shooter

Doppeltest: Die neuen 3D-Shooter CHROME und MACE GRIFFIN: BOUNTY HUNTER im Vergleich. Wer mag da wohl besser abschneiden?

Schwere Zeiten für First-Person-Shooter-Freunde: Zunächst diktiert uns das Fest der Liebe freundlichere Kommunikationsprinzipien als Mündungsfeuer und Menschenjagd, dann werden auch noch die heißersehnten Favoriten allesamt auf ungewiß verschoben: HALF-LIFE 2, DOOM 3 und WOLFENSTEIN 4D (Moment – ach nein, wir warten ja eigentlich auf DUKE NUKEM 4EVER) werden allesamt erst im Laufe dieses Jahres das Licht der Softwarewelt erblicken.

Buddha sei Dank gibt es ja noch schätzungsweise dreizehnhundertsieben andere Softwarehäuser, die uns mit 3D-Shootern beglücken – und weil die Freizeitrambos eh alle gleich aussehen, bemüht sich zumindest Fritz! um Innovation und läßt zwei Neuerscheinungen zum Deathmatch antreten. In der linken Ecke: CHROME, in der Nobelbox, direkt aus den Werkstätten der polnischen Firma Techland. In der rechten Ecke: der Underdog, MACE GRIFFIN: BOUNTY HUNTER, mit unscheinbarerer Verpackung, aber definitiv ambitioniert, dem Chromkollegen die Käuferschaft streitig zu machen.

CHROME weist freilich gleich mit einem gezielten Upper Cut den Gegner in die Schranken: Ein schöner Plot, in dem ein Söldner, der von seinem Freund & Kollegen verraten wird, sich bald als Spielball zweier Multikonzerne wiederfindet, punktet mindestens so stark wie die gefällige Grafik, die mit diversen Augenschmankerln aufwarten kann. Die Geschichte zieht sich via Cutscenes durch 14 Missionen, in denen recht schlichte Aufträge gegeben werden: Finden, Fahren, Flüchten.

Freilich gibt es diverse Waffen, die unterschiedlich eingesetzt werden können, und da das Inventory des Helden begrenzt ist, darf geplant werden, mit welchen Geräten man sich am besten durchschlagen kann. Die üblichen Health-Packs sowie tonnenweise Munition werden am Wegesrand aufgesammelt oder erlegten Gegnern abgenommen. Es gibt auch Gelegenheiten zum Aufrüsten: Mit einem Speed-Boost läuft man schneller, mit einem anderen Bonus erhöht sich die Zielgenauigkeit, und der C-Knopf verwandelt den schneidigen Trans-Am in ein geschmeidiges Cabriolet. Letzteres war glatt gelogen, aber hin und wieder darf unser Söldner sich tatsächlich hinter das Lenkrad eines Fahrzeugs schwingen.


Aber schon strauchelt der vermeintliche Favorit: Der vermeintliche Taktik-Shooter bietet in etwa so viel Taktik wie ein Faustkampf mit Bud Spencer. Die Gegner sind – drücken wir es mal freundlich aus – dumm und können den erfahrenen Schützen nicht wirklich einschüchtern. Insgesamt fällt selbst der höchste Schwierigkeitsgrad viel zu einfach aus, so daß CHROME ein gutaussehendes, aber sehr kurzes Vergnügen bietet.

Und schon kann MACE GRIFFIN: BOUNTY HUNTER seinen Widersacher mit einem gezielten Magenpunch zum Straucheln bringen. Das Spiel sieht nicht ganz so toll aus wie CHROME (was bedeutet, daß es sehr gut aussieht), ist aber spielerisch herausfordernder und interessanter. Zwischen den Einzelmissionen darf man das Raumschiff des Helden steuern (und sich bei kurzen, irgendwie niedlichen Weltraumkämpfen vergnügen), was bedeutet, daß die Geschichte weniger linear ist – auch wenn man trotzdem fixe Missionen zu erfüllen hat.

Interessiert jemanden die Story? Na schön, der gute Mace Griffin (in der Originalfassung von Henry Rollins gesprochen, schahaha) ist ein zu Unrecht eingeknasteter Kopfgeldjäger, der sich seinen Weg zur Freiheit bahnt. Da gibt es natürlich noch finstere Organisationen, freundliche Helfer und so weiter – aber es geht ja eigentlich um das Gameplay. Das ist schwieriger als bei CHROME, aber ähnlich aufgebaut – sieht man von den Weltraumsequenzen ab, die sich übrigens sehr schön in das Geschehen einbetten.

Okay, bevor sich die beiden Spiele jetzt bis zur Besinnungslosigkeit prügeln, gebieten wir ihnen Einhalt. Es sind ja beide ganz fein: CHROME sieht fantastisch aus, ist aber recht leicht. MACE GRIFFIN ist nicht ganz so schmuck, aber spielerisch herausfordernder. Der Gewinner des Kampfes? Der Käufer natürlich, denn der liegt in beiden Fällen nicht wirklich falsch.







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