Juli 2003

Ex-Manowar-Gitarrist David Shankle beweist mit seiner eigenen Band DSG und dem Debütalbum ASHES TO ASHES Traditionsbewusstsein.

Der Name David Shankle sagt den meisten unserer musikliebhabenden Mitbürgern gar nichts; erwähnt man aber, daß David lange Zeit Gitarrist bei Manowar war und auf deren Album THE TRIUMPH OF STEEL gegniedelt hat, ist das Interesse geweckt. Wenn man dann noch darauf hinweist, daß das erste Solo-Album dieses Mannes, der seine Band originellerweise nach sich selbst benennt, von Manowar-Chef Joey DeMaio produziert wurde und mit Trace Edward Zaber einen Sänger an Bord hat, der höchste Punkte auf der Bruce-Dickinson-Fliegersirenenalarm-Skala verzeichnen kann, ist die Fahrtrichtung wohl klar.

ASHES TO ASHES bietet eigentlich alles, was das True-Metal-Herz begehrt: episch angelegte Songs mit dramatischen Keyboards, vollem Sound und Shankles Gitarrensoli, die wahrscheinlich wieder den Rekord von Noten pro Sekunde um ein paar hundert Anschläge nach oben setzen werden. Zaber singt, als wolle er bei einem Iron-Maiden-Casting reüssieren, Shankle spielt druckvolle Power-Riffs, während Keyboarder Eddie Bethishou die Orchester dieser Welt zu ersetzen sucht. Die düsteren Songs "Curse of the Pharaoh" und "A Raven at Midnight" haben Klassikerqualität - insbesondere letzteres kann mit Ohrwurm-Refrain und ordentlichem Tempo überzeugen. Nicht wirklich gelungen dagegen ist "Calling All Heroes", ein Stück, das gerne eine große Feuerzeugschwenk-Ballade wäre, aber doch nur Pathos bietet.

Textlich gesehen bietet das Album bestenfalls Klischee und schlimmstenfalls Kitsch. "Her grief cuts deep like a knife, a knife made of guilt" wird da der bildliche Holzhammer geschwungen, und später ist sogar vom "tolling of the bell" die Rede. Auch die Jazz- und Klassik-Elemente, die Presseinfo und Website ausmachen wollen, sind eher Gerücht: ASHES TO ASHES ist natürlich ungefähr so jazzig wie weiland Peter Alexander.

Bei aller nebensächlichen Nörgelei kann die David Shankle Group durchaus überzeugen. Wer altmodischen Power-Metal mag, findet auf diesem Album exzellent gespielte Songs mit attraktivem Sound und eingängigen Melodien.




Der Text wurde am 15. Juni 2003 geschrieben und erstmalig am 31. Juli 2003 bei Fritz/Salzburger Nachrichten veröffentlicht.
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Enter the Matrix: Nicht genug damit, daß wir in der Matrix leben – sie ist jetzt auch spielbar.

Mit ENTER THE MATRIX ist das Spiel zu MATRIX: RELOADED herausgekommen, das sowohl beeindruckt als auch enttäuscht.

Endlich ist es da, das Spiel zum Buch zur CD zur Kaffeetasse – einen Film gab's da vermutlich auch noch. ENTER THE MATRIX ist ein weiterer Baustein der Marketing-Sensation des Jahres: Ein Computerspiel, welches in Verbindung mit dem Film hergestellt wurde, dessen Story nahtlos ergänzt und somit eigentlich unentbehrlich für jeden Fan ist.

Die kalten Fakten jedenfalls sind beeindruckend: ENTER THE MATRIX wartet mit einem Budget von sagenhaften 30 Millionen Dollar auf und enthält ungefähr 45 Minuten Filmmaterial, welches nicht im vieldiskutierten THE MATRIX: RELOADED auftaucht, aber teils mit den gleichen Schauspielern und in den aus dem Film bekannten Sets gedreht wurde. Die Filmhandlung kann und muß an dieser Stelle wohl nicht erläutert werden; die Handlung des Spiels dreht sich um Niobe und Ghost, die im filmischen Vorbild nur Nebenrollen innehaben, hier aber die Hauptfiguren sind. Idealerweise kennt man beide Handlungen: Das Spiel wirkt ohne den Film-Background etwas kryptisch und führt dafür manche Stränge der Vorlage näher aus, wie beispielsweise den Angriff aus das Kernkraftwerk.


Der Spieler steuert nun entweder Niobe oder Ghost durch die Levels, sowohl in Ego-Perspektive als auch in der Tomb-Raider-Ansicht. Abhängig davon, welche Figur man wählt, spielen sich manche Abschnitte unterschiedlich: Ghost gibt Niobe Feuerschutz, während diese das Kernkraftwerk stürmt. Natürlich beherrschen beide die beeindruckenden, der Schwerkraft trotzenden Kampftechniken, die uns im Film so faszinierten: In einem "Fokus-Modus" können die Figuren in einem Zeitlupen-Rahmen Kugeln ausweichen oder an den Wänden entlanglaufen. Das sieht gut aus und macht Laune, kann aber nicht beliebig verwendet werden: Der Effekt kann nur sekundenweise angewandt werden, bevor die Helden ihr "Zeitkonto" wieder auffüllen müssen.

In den meisten Levels kämpft man sich mit Handkante und Waffengewalt dem Ausgang entgegen oder klappert verschiedene Punkte ab, die von den jeweiligen Missionen vorgegeben werden: Gebäude einnehmen, Kollegen retten, Telefon finden. Hin und wieder darf man in einer Zwischensequenz andere Szenarien durchleben, so beispielsweise die Verfolgungsjagd auf dem Highway, bei der man als Niobe hinter dem Steuer sitzt und als Ghost auf die gegnerischen Fahrzeuge schießt.


Nun sieht einiges sehr beeindruckend aus, insbesondere das Vampirschloß, das mit seiner schmucken Graphik eine Augenweide darstellt. Hin und wieder allerdings wirkt die Optik unausgegoren, Ecken und Kanten machen sich bemerkbar und die Texturen sind eher lieblos, so z.B. in der deprimierend trüben Kanalisation. Die schlampige Programmierung (wohl durch den Zeitdruck der rechtzeitigen Veröffentlichung verursacht) sorgt außerdem dafür, daß selbst auf den flottesten PCs und mit niedrigster Detailstufe Ruckler auftreten. Die Kämpfe sind fantastisch anzusehen, während die Fahrerei eher langweilt.

Insgesamt also ein halbgares Vergnügen, das uns ENTER THE MATRIX beschert. Die Enttäuschung dürfte hauptsächlich durch die hohe Erwartungshaltung begründet sein, denn die festgestellten Mängel sind wesentlich niedriger anzusiedeln als die Pluspunkte. Nüchtern betrachtet bietet das Spiel wohl ein kurzweiliges, fesselndes Vergnügen, ist aber nicht der Überknaller geworden, den man sich erhofft hat.








Hinweis: Dieser Text erschien zuerst am 12. Juli 2003 bei Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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