Mai 2003

Auch in Italien mag man Helloween 

Mit ihrem dritten Album SCENT OF HUMAN DESIRE schaffen es Secret Sphere nur bedingt, sich eigenständig zu präsentieren.

Lieber Freund,

erinnerst du dich, wie oft ich mich beklagt habe, daß die Zeiten, wo Michael Kiske noch bei Helloween war, endgültig vorbei sind? Nun, ich habe jetzt herausgefunden, daß sich die originale Band in Italien reformiert hat, und zwar unter dem Namen Secret Sphere. Kiske heisst jetzt Ramon, aber ansonsten klingt das genauso wie in den guten alten Zeiten.

Naja, vielleicht sind es doch nicht wirklich Helloween, aber ohne Plattencover wüßte ich das nicht wirklich. Vermutlich sind diese Italiener hier einfach nur die größten Helloween-Fans aller Zeiten – nicht umsonst haben die vor zwei Jahren für ein Tribute-Album "How Many Tears" gecovert.

Hier und da versuchen sie ja auch, ihr Spektrum etwas zu erweitern. Da taucht eine weibliche Stimme auf (auf "More Than Simple Emotions"), und irgendwie sind manche Songs etwas Retro-Prog-lastiger, mit längeren Instrumentalteilen und technisch perfekten Soli. Alles ist recht dramatisch angelegt – das liegt unter anderem an den Keyboards, die die Stücke sehr episch erscheinen lassen.

Also, wenn du Helloween damals genauso mochtest wie ich, gefallen dir Secret Sphere ganz sicher. SCENT OF HUMAN DESIRE ist zwar nicht ungemein originell, aber dafür handwerklich sauber und ohne Ausfälle – und das originell-verspielte "Life Part 2" allein macht das Album hörenswert.
Liebe Grüße,

dein
Elvin Atombender




Dieser Text wurde geschrieben für Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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Alte Helden blicken zurück

Gitarrenheld George Lynch läßt die Vergangenheit nicht los. Nach dem Split von Dokken war er sowohl solo als auch mit seiner neuen Band Lynch Mob unterwegs, dann aber doch wieder bei der Dokken-Reunion dabei, nur um danach den Mob wieder aufzuwärmen. Jetzt tut er sich mit Dokken-Bassist Jeff Pilson zusammen und bringt das Album WICKED UNDERGROUND heraus.

Zusammen mit dem Schlagzeuger Michael Frowein haben sich Lynch/Pilson (so nennt sich die Neuformation eher einfallslos) daran gemacht, guten, altmodischen Hardrock aufzunehmen, der weder an vergangene Tage mit der ehemaligen Band anknüpfen will, noch modernistisch irgendwelchen Trends hinterherhechelt. Das ist zum großen Teil auch gelungen: kraftvolle Riffs, stadiontaugliche Songs und melodischer Gesang zeichnen die Songs aus. Hier und da blitzt ein wenig Elektronik durch, wenn man genau genug hinhört (z.B. im druckvollen Opener "Breath & A Scream"), und auch Akustikgitarren werden gekonnt eingesetzt ("Ever Higher"). Besonders "Vaccine" weiß mit starken Riffs und treibendem Tempo zu gefallen.

Merkwürdig eigentlich, daß das Album bei so viel Pluspunkten doch ein wenig farblos bleibt. Vielleicht fehlt ein wenig Schmutz in der glatten Produktion oder im gradlinigen Songwriting, vielleicht ist es aber auch nur die Aura des Vergangenen, die der CD anheftet. Trotzdem werden Lynch-Fans vom Gitarrenwerk ihres Meisters nicht enttäuscht sein, und so mancher Hardrock-Freund wird sich bei diesem Retro-Unternehmen gut aufgehoben fühlen.




Dieser Text wurde geschrieben für Fritz!/Salzburger Nachrichten.

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